Historie

Mi.
22. Sept. 2010, 19 Uhr
Haus der Bürgerschaft,
Festsaal
Prof. Dr. Herfried Münkler, Berlin
Mythos und nationale
Identität -
Ein problematisches Junktim
Zusammen mit: Deutsches
Schiffahrtsmuseum, Freundeskreis der Antike,
Historische Gesellschaft
Di.
05. Okt. 2010, 20Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Dr.
Erika Eikermann, Köln
Frauen als Gitmörderinnen - toxikologische
Expertinnen
Zusammen mit: Deutsche Pharmazeutische Gesellschaft
Di.
26. Okt. 2010, 20 Uhr
Haus
der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Prof. Dr. Frank Kolb, Tübingen
Troja
und kein Ende
Zusammen mit: Freundeskreis der Antike, Bremer Gesellschaft
für Vorgeschichte
Di.16.
Nov. 2010, 20 Uhr
Haus
der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Rainer Iwersen, Bremen
Der Tod
und das Mädchen
Lyrik und Musik zu einem europäischen Thema
Zusammen
mit: Bremer Goethe-Gesellschaft
Di.
30. Nov. 2010, 20 Uhr
Haus
der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Prof. Dr. Angelika Brandt, Hamburg
Biodiversität
und Biogeographie in den Tiefen des Südozeans
Zusammen mit: Alfred-Wegener-Institut,
Naturwissenschaftlicher Verein, Übersee-Museum, Verband Biologie
Di.
14. Dez. 2010, 20 Uhr
Haus
der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Prof. Dr. Gerhard Wenzel, München
Pflanzenzüchtung
Einstieg
in eine konstruktive Biologie
Zusammen mit: Naturwissenschaftlicher Verein,
Universität Bremen, Verband Biologie
Di.
18. Jan. 2011, 20 Uhr
Haus
der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Prof. Dr. Hubertus Fischer, Bern/Schweiz
Eine
kurze Geschichte der Atmosphäre (aus Eisbohrkernen)
Zusammen mit:
Alfred-Wegener-Institut, Naturwissenschaftlicher Verein, Übersee-Museum,
Verband Biologie
Di.
25. Jan. 2011, 20 Uhr
Haus
der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Dr. Reinhard Müller, Hamburg
Menschenfalle
Moskau
Deutsche Emigranten in der Sowjetunion der 1930er Jahre
Zusammen
mit: Freundeskreis "Haus im Schluh"
Di.
08. Febr. 2011, 20 Uhr
Haus
der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Dr. Robi Banerjee, Heidelberg
OLBERS-SITZUNG
Von
galaktischen Gaswolken zu stellaren Scheiben:
Sternenentstehung in Computersimulationen
Zusammen
mit: Olbers-Gesellschaft, Universität Bremen, VDI Bremen
Di.
22. Febr. 2011, 20 Uhr
Haus
der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Prof. Dr. Marita Krauss, Augsburg
Mäzenatentum
und Bürgertum im 19. Jahrhundert
(zum 100. Todestag von Franz Schütte)
Zusammen
mit:Franz-Schütte-Stiftung, Historische Gesellschaft, Die MAUS, Naturwissenschaftlicher
Verein, Stiftung Bremer Dom, Vereinigung für Bremische Kirchengeschichte
Di.
08. März. 2011, 20 Uhr
Haus
der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Prof. Dr. Thomas Vogtherr, Osnabrück
Das
Europäische Mittelalter der drei Religionent
Fakt oder Fiktion?
Zusammen
mit:Historische Gesellschaft, Stiftung Bremer Dom, Universität Bremen, Vereinigung
für Bremische Kirchengeschichte
Di.
22. März. 2011, 20 Uhr
Haus
der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Prof. Dr. Stefan Gosepath, Frankfurt/M.
Was
schulden wir zukünftigen Generationn?
Zusammen mit: Philosophische
Gesellschaft in Bremen, Universität Bremen
Di.
29. März. 2011, 20 Uhr
Haus
der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Prof. Dr. Jürgen Leonhardt, Tübingen
Weltsprache
Latein
Fakt oder Fiktion?
Zusammen mit:Bremer Goethe-Gesellschaft, Freundeskreis
der Antike, Vereinigung für Bremer Kirchengeschichte, VDI Bremen
Di.
3. Nov. 2009, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Prof.
Dr. Gerhard Wörner, Göttingen
Vulkane, Gefahrenherd und Lebensspender
Zusammen
mit: Geographische Gesellschaft, Naturwissenschaftlicher Verein
KURZFASSUNG
Es
gibt auf der Welt etwa 1300 bekannte Vulkane, die seit der letzten Eiszeit aktiv
gewesen sind, davon allerdings nur 21 in Europa. Dazu kommen Tausende weiterer
Vulkane, die heute inaktiv sind, aber nach langem Schlaf wieder erwachen können.
Was jedoch für die Menschen und die Medien sensationelle und singuläre
Ereignisse sind, ist für unsere Erde der ganz normale Gang der Dinge, und
dies schon seit einigen Milliarden Jahren. Die globalen Umwälzungsprozesse
im Innern und an der Oberfläche der Erde beschrieben erzeugen einen beständigen
Kreislauf der Gesteine und Erdplatten, formen die Ozeane und Kontinente immer
wieder neu und führen so zu einem langsamen, aber ständigen Wandel der
Lebensräume des Planeten. Diese plattentektonischen Prozesse sind auch die
Ursache des Vulkanismus.
Vulkane
als Lebensspender
Auf Venus und Mars, unseren Nachbarplaneten, gibt es keine
Plattentektonik, keine Kontinente, kein flüssiges Wasser, keine aktiven Vulkane
und auch kein Leben. Daraus ergibt sich die These : Der Vulkanismus und die Plattentektonik
bedingen die geochemische Differentiation der Erde und die Bildung der Kontinente;
diese Prozesse sind ein Element im System Erde, das für die Entstehung und
Evolution des Lebens und die Stabilisierung der Lebensräume essentiell ist.
Diese These soll hier gestützt werden zum einen durch eine Darstellung von
grundlegenden Prozessen im System Erde mit besonderem Merkmal auf die Rolle des
Vulkanismus bei der chemischen Differentiation unseres Planeten.
Vulkane
als Gefahrenherd
Vulkaneruptionen, Erdbeben und Tsunamis sind eine normale
Folge der inneren Dynamik der Erde, die allerdings erstaunlichen Einfluß
auf die geologische, biologische und klimatische Entwicklung unseres Planeten
genommen hat. Diese wurde im Lauf der Erdgeschichte immer wieder von großen
"katastrophalen" Ereignissen geprägt. Hierzu zählen neben
den Impakten großer Himmelkörper zum Beispiel an der Kreide-Tertiär-Grenze
vor allem die Eruption von "Supervulkanen" und Flutbasalt-Ereignissen.
Es kann vermutet werden, daß große Vulkaneruptionen die Entwicklung
und den Lauf der menschlichen Geschichte in den letzten tausenden von Jahren beeinflußt
haben.
Flutbasalte bilden große Plateaus aus erstarrter Basalt-Lava,
die bei einem Volumen von mehreren Millionen Kubik-Kilometern über Zeiträume
von weniger als 1 Millionen Jahren gebildet werden. Diese Eruptionen setzen über
lange Zeit hohe Mengen an Schwefelgas frei, das langfristig zu tiefen Eingriffen
in die Atmosphäre, die Biosphäre und damit - so belegen die paläontologischen
Befunde - zu Einschnitten in der Evolution führen können. Supervulkane
dagegen sind gekennzeichnet durch die Eruption sehr großer Volumen von Magma
(> 1000km3) in kurzer Zeit (Tage-Wochen) und der Freisetzung großer Mengen
an vulkanischen Gasen. Vulkanische Aerosole aus Schwefelsäure können
selbst bei kleineren historischen Eruptionen (z.B. Pinatubo, 1991) zu deutlichen
klimatischen Effekten führen, die mehrere Jahre andauern können ("volcanic
winter"). Supervulkan-Eruptionen werden aus Caldera-Vulkanen gefördert,
die einen Kraterdurchmesser von über 50 km haben können. Beispiele aus
der geologischen Geschichte (< 20 Ma) finden sich zum Beispiel in den Zentralen
Anden Südamerikas, in Nordamerika (Yellowstone), Indonesien und Neuseeland.
Supervulkane haben Wiederkehr-Rate von ca. 50.000 Jahren, damit sind sie 10 bis
15 mal häufiger als große Meteoriten-Einschläge. Der geologische
und historische Befund legen nahe, daß zukünftige große Vulkaneruptionen
für unsere Zivilisation grundlegende Konsequenten haben werden.
Di.
10. Nov. 2009, 19 Uhr
Handelskammer Bremen, Schütting, Großer
Saal
Prof. Dr. Dr. h.c. Otfried Höffe, Tübingen
Ist die Demokratie
zukunftsfähig?
Zusammen mit: Freundeskreis der Antike zu Bremen, Philosophische
Gesellschaft in Bremen, Universität Bremen
KURZFASSUNG
Eine
Politik, die drohende Übel erst erkennt, wenn sie sich deutlich zeigen, verletzt
ihre Grundaufgabe. Ebenfalls verletzt sie ihre Aufgabe, wenn sie, statt Chancen
rechtzeitig zu ergreifen, ihr Gemeinwesen für Innovation und Kreativität
nicht offenhält. An den Pflock des Augenblicks nicht gebunden, lebt der Mensch
nämlich aus der Vergangenheit und im Blick auf die Zukunft. Notgedrungen
erwartet er von der Politik, daß sie sich darauf einstellt, also für
die Zukunft eine facettenreiche Verantwortung übernimmt und dafür aus
der Vergangenheit lernt.
1.
Rahmenbedingungen
Findet eine Politisierung oder im Gegenteil eine Ökonomisierung
statt?
2. Strategien
der Zukunft
Der Vortrag greift exemplarisch zwei Strategien heraus:
- die
Noch-Strategie: Vorsorge für den Notfall;
- die Propheten-Strategie: Rettung
durch Umkehr.
3.
Sind Demokratien zukunftsfähig
Die Bilanz fällt vorsichtig positiv
aus: Über eine stupende Zukunftsfähigkeit verfügen Demokratien
nicht. Sie besitzen aber Ressourcen, mit denen Nicht-Demokratien teils gar nicht,
teils schwerlich mithalten können.
Ausführlicher: O.H., Ist die Demokratie zukunftsfähig? Über moderne Politik, Beck Verlag: München 2009
Di. 17. Nov. 2009, 20 Uhr
KURZFASSUNG
Eine
der bis heute kontroversesten Thesen Darwins lautet, dass die Evolutionstheorie
nicht nur die biologische Vielfalt, sondern auch gewisse menschliche Dispositionen
erklären kann, darunter auch etwas, was er als "moralisches Gefühl"
(moral sense) bezeichnete. Seine bevorzugte Erklärung dafür bestand
in dem Postulat natürlicher Selektion auf Gruppenebene (Gruppenselektion).
Demnach haben Gruppen von Menschen, die über altruistisch, psychologische
Dispositionen verfügen, bessere Chancen im Kampf ums Dasein als Gruppen,
denen diese Dispositionen fehlen. In diesem Vortrag wird untersucht, wieviel von
dieser Idee im Lichte der heutigen philosophischen Debatten gerettet werden kann.
Di.
1. Dez. 2009, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Prof.
Dr. Jost Hermand, Wisconsin-Madison / USA
Glanz und Elend der deutschen
Oper
Zusammen mit: Bremer Goethe-Gesellschaft, Hochschule für Künste,
Philosophische Gesellschaft in Bremen
KURZFASSUNG
Da
die Oper lange Zeit eine vielbeachtete Repräsentationsinstitution der Aristokratie
und dann des gehobenen Bürgertums war, hat sie im Zeitalter der Massenmedien
viel von ihrer früheren Bedeutsamkeit verloren. Wegen der hohen finanziellen
Subventionen, die zu ihrer Aufrechterhaltung nötig sind, müssen sich
ihre Intendanten ständig gegen populistische Argumente wehren, die in ihr
eine längst obsolete Kunstgattung sehen. Dabei war auch sie in eher "aufgeklärten"
Zeiten keineswegs nur ein Ohrenschmaus und eine Augenweide, sondern hat sich -
trotz reaktionärer Bevormundung - durchaus um die Durchsetzung progressionsbetonter
Tendenzen bemüht. Daran gilt es heute wieder anzuknüpfen, statt diese
Kunstform zu einem Spektakel der heutigen Eventkultur verkommen zu lassen, in
der entweder das Klamaukhafte, Glamourbetonte und Obszöne oder das Karge,
Stilisierte oder Modernistisch-Geräuschhafte vorherrscht. Nur so könnte
sie wieder zu einer Gattung jener, seit langem erträumten Vorscheinästhetik
werden, der ein gesamtgesellschaftliches Wunschdenken zugrunde liegt.
Di.
12. Jan. 2010, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Dr.
Ivo Joswig, Oldenburg
Archäologie und Recht
Raubgrabungen und Handel
mit geraubten Fundstücken
Zusammen mit: Bremer Gesellschaft für
Vorgeschichte, Freundeskreis der Antike zu Bremen, Historische Gesellschaft, Juristische
Gesellschaft Bremen, Übersee-Museum Bremen
KURZFASSUNG
Der
Schwerpunkt des Denkmalschutzrechts in Deutschland liegt in der Prävention,
d.h. der Bewahrung von Denkmalen vor drohender Beeinträchtigung oder Zerstörung.
Instrumente der präventiven Denkmalpflege sind insbesondere die in den Denkmalschutzgesetzen
geregelten Verbote, Genehmigungs-, Erlaubnis-, Anzeigeund Duldungspflichten. All
diese rechtlichen Instrumente sollen den Schutz eines Denkmals schon im Vorfeld
drohender Beeinträchtigungen bewirken. Eine
hinreichende Handhabe gegen
das Problem der Raubgräberei sowie die oft rücksichtslose vorsätzliche
Vernichtung von Bodendenkmalen bei Baumaßnahmen bieten diese Instrumente
jedoch nicht. Der repressive Denkmalschutz bedient sich daher des Strafrechts,
um durch diese Ahndung zukünftige Straftaten desselben Täters zu verhindern
(Spezialprävention) oder eine abschreckende Wirkung auf die Allgemeinheit
zu bewirken (Generalprävention).
Im Vortrag soll der repressive Denkmalschutz anhand praktischer Probleme im Verlaufdes Ermittlungs- und Hauptverfahrens dargestellt werden. Ein besonderes Augenmerk gilt dabei der rechtlichen Einordnung des Problems der Raubgräberei und der verfahrensrechtlichen Stellung des zuständigen Denkmalfachamtes. Ausgangspunkt eines jeden Strafverfahrens ist die Tat. Denkmalschützende Straftatbestände sind dabei nicht nur im Nebenstrafrecht, d.h. hier den Denkmalschutzgesetzen der Länder, zu finden. Eine besondere Rolle in der Praxis kommt gerade den allgemeinen Straftatbeständen des Strafgesetzbuches (StGB) zu, wie § 304 StGB (Gemeinschädliche Sachbeschädigung), § 246 StGB (Unterschlagung) oder § 259 StGB (Hehlerei).
Di.
19. Jan. 2010, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße
4/5
Prof. em. Dr. Ludwig Uhlig, Athens / USA
Georg Forster - Der Entdecker
in der gelehrten Tradition
Zusammen mit: Alfred-Wegener-Institut, Bremer
Goethe-Gesellschaft, Deutsches Schiffahrtsmuseum, Geographische Gesellschaft,
Übersee-Museum Bremen
KURZFASSUNG
Georg
Forster nahm von 1772 bis 1775 teil an Captain Cooks zweiter Weltumseglung und
verfaßte eine Beschreibung dieser Reise, die allgemein bekannt ist. Weniger
bekannt ist, dass er trotz seiner Jugend keineswegs ein unbeschriebenes Blatt
war, als er an Bord von Cooks Schiff ging. Vielmehr war er, von seinem Vater geschult
und als Mitarbeiter zu dessen Projekten herangezogen, bereits ein voll ausgebildeter
Gelehrter, was schon sein geläufiger Gebrauch des Lateinischen beweist. Er
stand fest in der Tradition mehrerer Disziplinen, und dies schärfte seinen
Blick auf die Neuentdeckungen der Reise und befähigte ihn, sie mit Hilfe
der Wissenschaften seiner Zeit zu verarbeiten.
Die Skepsis der Londoner Royal Society prägte die umsichtige Methode seines Vorgehens: er trug seine Einsichten als vorläufige, ergänzungs- und korrekturbedürftige Beiträge vor und scheute davor zurück, sich auf unbewiesene Theorien festzulegen. Im Bewußtsein, an einem ständig weiterschreitenden Forschungsunternehmen teilzunehmen, nahm er die Idee revolutionärer Paradigmenwechsel in der Wissenschaftsgeschichte vorweg. Dennoch blieb ihm verborgen, daß sein eigenes Verständnis ausweglos gefangen gehalten wurde von der epistemischen Situation seiner Zeit. Deren geläufige Denk- und Vorstellungsweisen lenkten seinen Blick in vorbestimmte Richtungen und zwangen ihm von vornherein gewisse Erwartungen und Vorurteile auf. So konnte die gelehrte Tradition Forsters Erkenntnis einerseits fördern, andererseits aber auch hemmen oder in die Irre leiten.
Hinter seinen naturwissenschaftlichen Erörterungen steht noch die physikotheologische Denkweise, wie seine erbauliche Betrachtung der Korallen-Inseln zeigt. Damit kontrastiert deren Untersuchung durch Charles Darwin, der sechzig Jahre später mit einem radikal entgegengesetzten Erkenntnisinteresse dieselben Gewässer befuhr. Da Forster, in seinen eigenen christlichen Religionsvorstellungen befangen, nur nach ähnlichen Glaubenssätzen bei den Südseevölkern suchte, fand er keinen Zugang zu ihrem eigentümlichen sakralen Ordnungsgefüge, dem Tabu, und so blieben ihm viele ihrer Sitten unerklärlich. Erst auf seiner letzten Reise lernte Captain Cook als erster Europäer mit Bewußtsein das Wort und den Begriff Tabu kennen.
Forsters ethnologische Forschungen wurden angeleitet von der schottischen "Conjectural History" und suchten die Bevölkerungsgeschichte der Pazifikinseln zu rekonstruieren. Methodische Sprachvergleiche, die Forster mit seinem Vater anstellte, bewiesen eine Besiedlung der Südsee von zwei Seiten her, von Nordwesten durch die Polynesier und von Westen durch die Melanesier. Dies bestätigte Georg Forsters botanische Studie über den Brotbaum mit ihren Aufschlüssen über dessen Veredlung und Verbreitung in seinem pazifischen Lebensraum. Die Frage nach den Unterschieden unter den Menschenrassen und ihrer Herkunft beschäftigte Forster in den folgenden Jahren intensiv und führte ihn, nach der ablenkenden Kontroverse mit Kant, unter Rückgriff auf Linnés Natursystematik zu einem originellen Rassenbegriff, den er in seiner lateinischen Zoologie-Vorlesung von 1786/87 entwickelte.
Di. 2. Feb.
2010, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Prof.
Dr. Rolf Emmermann, Potsdam
Planet Erde im Wandel - Geoforschung mit Satelliten
Zusammen
mit: Naturwissenschaftlicher Verein, Universität Bremen, VDI Bremer Bezirksverein
KURZFASSUNG
Wir leben auf
einem dynamischen Planeten, der sich, angetrieben durch thermische Konvektionsvorgänge
in seinem Inneren und die Sonnenenergie von außen, in einem ständigen
Wandel befindet und der durch großräumige Stoff- und Energieflüsse
zwischen seinen Kompartimenten, der Geosphäre, der Hydrosphäre, der
Atmosphäre und der Biosphäre gekennzeichnet ist. Dieses sogenannte System
Erde besteht aus zahlreichen wechselwirkenden Teilsystemen mit einer Vielzahl
von ineinander greifenden und z.T. mehrfach rückgekoppelten Kreisläufen.
Prozesse vollziehen sich auf einem sehr breiten Spektrum an räumlichen und
zeitlichen Skalen, zeichnen sich durch weit verzweigte Ursache-Wirkung-Ketten
aus und sind häufig nicht-linear, so dass sie sich einer einfachen Vorhersagbarkeit
entziehen.
In einer atemberaubenden Entwicklung sind in den Geowissenschaften in jüngster Zeit eine Vielzahl innovativer satellitengetragener Messverfahren und Fernerkundungsmethoden verfügbar geworden, die es erlauben, unseren Planeten und seine Dynamik in hoher Auflösung abzubilden, das Ausmaß des Globalen Wandels und seine regionalen Auswirkungen zu erfassen sowie den Einfluss der Tätigkeit des Menschen auf das System Erde zu bewerten.
Der Vortrag stellt anhand einer PowerPoint-Präsentation die für die Geoforschung wichtigsten, neuen Satellitenmissionen und -technologien vor, berichtet über Ergebnisse zum Schwerefeld, zum Magnetfeld und zur Dynamik der Erde und zeigt Anwendungsbeispiele aus den Bereichen Erdbebenforschung, Katastrophenvorsorge und Frühwarnung, Ozeanographie, Hydrologie, Atmosphärenphysik, Wettervorhersage und Klimaforschung sowie Geo- und Umweltmonitoring.
Di.
9. Feb. 2010, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Prof.
Dr. Max Camenzind, Heidelberg
Der Large Hadron Collider und die Schwarzen
Löcher
Zusammen mit: Olbers-Gesellschaft, VDI Bremer Bezirksverein
KURZFASSUNG
Derzeit ist
beim Forschungszentrum CERN in Genf der leistungsfähigste Teilchenbeschleuniger
der Welt in Betrieb gegangen: der knapp 27 Kilometer lange Large Hadron Collider
LHC. Hier werden Proton-Proton-Kollisionen höchster Energien untersucht werden.
Mit Hilfe dieser Anlage können die Physiker quasi die Zeit zurückdrehen
und erkunden, was kurz nach dem Ursprung unseres Universums im Urknall geschah.
Der LHC stellt sowohl von der eingesetzten Technologie als auch von den Ausmaßen
des Projekts und der Experimente eine wahre Revolution dar: Er ist ein Projekt
auf Weltebene, bei dem sich Tausende von Wissenschaftlern aus aller Welt für
ein und dasselbe Ziel einsetzen. Am LHC sollen Energien erreicht werden, die in
herkömmlichen Teilchenbeschleunigern bisher nicht möglich waren (bis
zu 14 TeV).
Was erhofft man sich vom LHC? Allen voran die Entdeckung des "Gottesteilchen" namens Higgs. Higgs, darunter versteht man ein hypothetisches, den ganzen Raum durchziehendes Energiefeld, das Higgsfeld. Die meisten Physiker meinen, es müsse dieses Higgsfeld geben, denn nur so könne man sich gegenwärtig erklären, warum die Bausteine der Natur, wie etwa das Elektron, ihre bestimmte Masse erhalten. Damit aber berühren die Experimente am Cern auch Einsteins Frage: Wäre zum Beispiel die Elektronmasse zehnmal so groß, wären wir Menschen kleine Zwerge, das Tageslicht läge im Röntgenbereich, womöglich hätte die Evolution auch gar nicht stattfinden können. Die Supersymmetrie sagt die Existenz neuer Elementarteilchen voraus, die ebenfalls mithilfe der Experimente am LHC gesucht werden. Eines dieser Elementarteilchen könnte auch der Ursprung der so genannten Dunklen Materie sein, die einen überraschend großen Teil der Energiedichte unseres Universums ausmacht.
Es
könnte sogar ein Schwarzes Loch entstehen, wenn Gluonen oder Quarks einander
so nahe kommen, dass sich durch die Gravitationskraft eine Bindung herstellt.
Zwischen den Teilchen könnte dann ein Schwarzes Loch entstehen, das aber
aufgrund von Quanteneffekten so schnell wieder zerfällt, dass kaum Materie
von außen aufgenommen werden kann. Gleichwohl sind manche Menschen schon
seit Jahren besorgt, dass die winzigen Schwarzen Löcher, sollten sie überhaupt
in Teilchenbeschleunigern erzeugt werden können, irgendetwas Unheilvolles
anrichten könnten. In diesem Vortrag werden insbesondere die Bedingungen
diskutiert, unter denen solche Prozesse am LHC ablaufen könnten. Die Wahrscheinlichkeit
für die Richtigkeit dieser Spekulationen ist äußerst gering, da
die Vorstellungen
der Physiker allzu "menschlich" ausgelegt sind.
Di.
23. Feb. 2010, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Prof.
Dr. Sabine Doering-Manteuffel, Augsburg
Von Mondsüchtigen und Nachtwandlern
Okkultismus
und moderne Wissensgesellschaft
Zusammen mit: Freundeskreis der Antike
zu Bremen, Freundeskreis Haus im Schluh, Philosophische Gesellschaft in Bremen,
Universität Bremen, Verein für Niedersächsisches Volkstum, Vereinigung
für Bremische Kirchengeschichte
KURZFASSUNG
Der
Streifzug durch das enzyklopädische Wissen der Neuzeit beginnt mit einem
Eintrag über die Mondsucht
aus Johann Heinrich Zedlers Universallexikon, verfasst Mitte des 18. Jahrhunderts.
Er dokumentiert, was die Zeitgenossen über das Nactwandeln in mondhellen
Nächten zu wissen glaubten. Dieses Wissen erweckt den Anschein einer aufklärerischen
Expertise, denn schließlich ging es um nicht mehr und nicht weniger als
um den "Ausgang des Menschen aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit",
wie das berühmte Diktum des Aufklärungsphilosophen Immanuel Kant lautet.
Das Nachtwandeln war jedoch eine tückische Sache, denn es mangelte an empirischen
Befunden. Wer waren diese sonderbaren Verwandlungsgestalten, waren sie real oder
handelte es sich um eine der üblichen Gaukeleien des Teufels? Hatte man jemals
Personen auf den Hausdächern und Kirchturmspitzen spazieren gehen sehen?
Die Mondsucht gab jedenfalls Rätsel auf. Die Forschungen schritten voran.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts richteten sie sich zunächst auf Störungen
des Nervensystems und dann auf den Somnambulismus, eine Art Trance-Zustand. In
diesen verfielen unter anderem jene Medien, die den Spiritismus, den Kontakt der
Lebenden mit den Toten, gerade in bürgerlichen Kreisen populär gemacht
hatten. Das Nachtwandeln blieb eine geheimnisvolle Laune des Seelenlebens schlafender
Personen zwischen Trance und Traum, zwischen Unbewusstsein und Neurose.
Heute
sind es vor allem die Schlaflabore, die Einfluss auf unser Verständnis von
ungewöhnlichen Vorkommnissen während des Nachtschlafs nehmen. In den
Internet-Enzyklopädien wie der Plattform "Wikipedia" werden diese
Forschungen mit persönlichen Ansichten und Berichten unterschiedlicher Provenienz
aus Presse, Funk und Fernsehen vermischt. Und wer sind die Nachtwandler wirklich?
Weiß man mehr über sie als vor zweihundert Jahren? Der Vortrag wird
dies zu erhellen versuchen.
Di.
2. März 2010, 19 Uhr
Deutsches Schiffahrtsmuseum, Vortragssaal
Prof.
Dr. Karen Wiltshire, Bremerhaven
Klimaveränderungen und die Nordsee
Zusammen
mit: Alfred-Wegener-Institut, Deutsches Schiffahrtsmuseum, Nautischer Verein zu
Bremerhaven, Übersee-Museum, Universität Bremen
KURZFASSUNG
Seit
1873 wird vor der Hochseeinsel Helgoland der Meereszustand gemessen. Somit hat
Deutschland einzigartige Daten: die längste und artenreichste Meeres-Langzeitdatenserie
der Welt. Kürzliche Auswertungen der Wissen-schaftler am Alfred Wegener Institut
haben gezeigt dass die Wassertemperatur um 1.67 Grad in den letzten 45 Jahren
gestiegen ist. Für alle Meeres-Tiere und Pflanzen bedeutet dieses eine sehr
schnelle Anpassung an einem sich erwärmenden Lebensraum.
Es
ist ja nett, im Sommer bei Temperaturen von über 20oC zu baden, aber unsere
heimischen Tier und Pflanzen Arten sind für ein gemäßigtes Klima
geschaffen. Sie können nur schwer mit schnellen Temperaturanstiegen umgehen.
Wir verbuchen große Verschiebungen der Pflanzen und Tiere am Fundament der
Nahrungskette. Es gibt Phasenverschiebungen der Zeitpunkte von für Räuber
nahrungswichtige Arten. Auf allen Stufen der Nahrungskette gibt es immer mehr
neue "Einwanderer" und "Auswanderer" im System. Tatsächlich
ist der Dorsch in unseren heimischen Gewässern selten geworden. Schuld ist
der Zusammenspiel der Erwärmung und die Überfischung. Der Dorsch braucht
kaltes Wasser um abzulaichen. Die Südliche Nordsee war schon immer die Kältegrenze
dieser Fische. Als Kaltwasserfische fühlen sie sich im Norden wohler. Fische
die durch Überfischung immer seltener werden, sind in ihrem Bestand zusätzlich
geschwächt, wenn ihr Lebensraum kleiner wird. Es gibt nicht nur "Abwanderer",
wie der Dorsch, aus den Küstenmeeren, sondern auch Einwanderer. Manche sind
sogar gute Speisefische, wie der Warmwasserfisch Streifenbarbe. Es wird vermutet,
dass dieser Fisch sich nun in nördlicheren Gefilden ausbreitet. Auf Helgoland
weiß man, dass die Erwärmung des Wassers auch zum Aussterben von Kultur
beiträgt. Zum Beispiel der Helgoländer Hummer wird immer seltener und
somit stirbt die historische Hummerfischerei aus. Aus 20 Fischern bleiben nur
zwei Hummerfischer übrig.
Di. 9. März 2010, 20 Uhr
Haus
der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Prof. Dr. Michael Succow, Wackerow
Moore
- ein wichtiger Klimafaktor
Zusammen mit: Geologischer Dienst, Naturwissenschaftlicher
Verein, Universität Bremen
KURZFASSUNG
Wachsende
Moore sind auf dem Festland die wichtigste Kohlenstoffsenke. Der fortgesetzte
Verlust dieser Rolle im globalen Naturhaushalt verstärkt die Klimaerwärmung
dramatisch. Um dem entgegen zu steuern, muss endlich jede weitere Trockenlegung
von Mooren unterbunden werden. Entwässerte Moore müssen soweit wie möglich
wieder vernässt (renaturiert) werden. Moore bedecken drei Prozent der Landfläche
unserer Erde, darin gespeichert sind aber 30 % des gesamten terrestrischen Kohlenstoffs.
Boreale und temperate Moore legen durchschnittlich 1.120 Tonnen Kohlenstoff pro
Hektar fest, in tropischen Mooren sind es sogar 3.100 Tonnen.
Mit dem gewonnenen Verständnis über Funktion und Funktionstüchtigkeit von Moorökosystemen im Landschaftshaushalt und vor allem als Klimafaktor muss es uns heute einerseits darum gehen, weltweit alle noch nicht anthropogen stärker beeinträchtigten Moore unbedingt in ihrem Naturzustand, d.h. wachsend, zu erhalten. Andererseits sind auf den bisher durch Entwässerung genutzten Mooren Wiedervernässungen einzuleiten bzw. bei Bedarf Nutzungsformen zu finden, die die Funktionstüchtigkeit von Mooren als akkumulierende Ökosysteme sichern. Das kann nur in semiaquatischen Ökosystemen erfolgen. Dabei kann zyklisch die oberirdisch aufwachsende Biomasse abgeschöpft, d.h. geerntet werden ohne die "unterirdische" Torfbildung zu beeinträchtigen. Die Nutzung der oberirdischen Biomasse als nachwachsender Rohstoff aus derartigen hochproduktiven "Paludikulturen" dürfte eine wichtige Zukunftsoption sein. Paludikulturen sind nicht nur für wiedervernässte degradierte Niedermoorstandorte sinnvoll, sie stellen auch für abgetorfte Regenmoorstandorte eine dauerhaft umweltgerechte Nutzungsform dar (Sphagnum farming). Bei all den genannten alternativen Nutzungsformen besteht ein hoher Forschungs- und Entwicklungsbedarf, handelt es sich doch um landnutzungstechnisch neue Standorte (nasse Bewirtschaftung).
Eine zukünftige Ökonomie hat dabei die In-Wert-Setzung ökologischer Leistungen mit einzubeziehen. In Anspielung auf Friederich-Schiller könnte das Fazit lauten: Das Moor hat noch längst nicht "seine Schuldigkeit getan". - Neue Moore braucht das Land!
Di.
23. März 2010, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße
4/5
Prof. Dr. Christoph Schmidt, Köln
Ikonen - Fenster der Ewigkeit
Zusammen
mit: Freundeskreis der Antike zu Bremen, Stiftung Bremer Dom, Verein für
Niedersächsisches Volkstum, Vereinigung für Bremische Kirchengeschichte
KURZFASSUNG
Ikonen sind
das älteste Bildmedium der christlichen Natur. Viele ihrer Regeln sind heute
noch gültig, ohne dass es dem modernen Betrachter jedoch bewusst ist. Woher
stammt denn das Interesse von Paula Modersohn-Becker an den Mumienbildern, wenn
nicht daher, sich dieser Bildtradition zu versichern? Der Vortrag führt in
wesentliche Kennzeichen von Ikonen ein und greift dann zum Beispiel von Novgorod
als einem besonders produktiven Zentrum der Ikonenmalerei, da hier durch Vermittlung
der Hanse auch westliche Strömungen Einfluss hatten.
Di.
30. März 2010, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße
4/5
Prof. Dr. Michael North, Greifswald
Banken- und Finanzkrisen in Europa
seit dem Mittelalter
Zusammen mit: Historische Gesellschaft
KURZFASSUNG
Die
gegenwärtige internationale Finanzkrise mag den Anschein erwecken, dass die
internationale Vernetzung der Finanzmärkte im Zeitalter der Globalisierung
in einem solchen Maße vorangeschritten ist, dass sie weltweit Ansteckungsgefahren
und Kettenreaktionen hervorruft. Diese Darstellung bieten auch einschlägige
Zeitungen, wie z. B. Financial Times und Wall Street Journal.
Die Geschichte des Geldes aber widerlegt eine solche Ansicht. Geld- und Kapitalmärkte waren bereits im Mittelalter eng miteinander verbunden, zumal Geld und Kredit die längste Zeit auf den weltweit vorhandenen Edelmetallvorräten basierten. Dabei verliefen Edelmetallproduktion und -distribution unabhängig voneinander. Denn die Mehrheit der europäischen Münzherren musste Gold und Prägesilber auf dem Wege des Handels akquirieren, während gleichzeitig im Handel Geld und Kredit benötigt wurden. Bedingt durch die großen Entfernungen zwischen Edelmetallförderung und Nachfrageort kam es immer wieder zu Engpässen in der Versorgung, die sich auch auf dem Kreditsektor niederschlugen. Entsprechend kann man zwischen Geld- und Währungskrisen einerseits und Banken- und Finanzkrisen andererseits unterscheiden.
Der Vortrag wird dies am Beispiel verschiedener Geld- und Finanzkrisen des Mittelalters und Frühen Neuzeit illustrieren.
Sa. 11. Okt. 2008, 19 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Dipl.-Phys.
Dr. Axel D. Wittmann, Göttingen
Olbers-Sitzung / 250. Geburtstag
Wilhelm Olbers
Die astronomischen Arbeiten von Carl-Friedrich Gauss
im Spiegel seiner Korrespondenz mit Olbers, Bessel und Schumacher
Zusammen
mit: DGfLR
, Olbers-Gesellschaft, VDI Bremen
KURZFASSUNG
Carl Friedrich Gauß (1777-1855) war nicht nur einer der bedeutendsten
Mathematiker aller Zeiten, sondern auch einer der bedeutendsten Astronomen, Geodäten
und Physiker aller Zeiten. Als Professor für Astronomie und Direktor der
Universitäts-Sternwarte Göttingen machte er diese in den Jahren 1807-1855
weltberühmt und zu der damals bedeutendsten Sternwarte Deutschlands. Mit
mehreren seiner engeren Kollegen und Schüler, darunter Wilhelm Olbers (Bremen),
Friedrich-Wilhelm Bessel (Königsberg) und Heinrich Christian Schumacher (Altona),
pflegte Gauß eine lebenslange Freundschaft und Korrespondenz. Während
der Briefwechsel mit Olbers und Schumacher auch viele persönlich- private
Einzelheiten enthält, beschränkt sich der Briefwechsel mit Bessel eher
auf das fachliche und auf den Austausch beruflicher Informationen. Aus allen drei
Briefwechseln zusammen - selbstverständlich unter Hinzunahme der Werke, Schriften
und sonstigen Korrespondenz von Gauß - ergibt sich ein relativ vollständiges
Bild des Lebens und Werkes von Gauß. Der Vortrag berichtet schwerpunktmäßig
über die astronomischen Arbeiten von Gauß, zu denen insbesondere die
Bahnbestimmung und Bahnberechnung von Planeten, Kometen, des Mondes usw. gehört,
aber auch Beobachtungen der Sonne, des Polarsterns, anderer Fixsterne, der neuentdeckten
Kleinplaneten, Kometen usw., seine Ausrüstung der Sternwarte mit modernen
astronomischen Instrumenten und Teleskopen, und auch die mit der Astronomie eng
verbundenen geodätischen Arbeiten zur Landesvermessung. Letztere führte
Gauß in den Jahren 1820-1827 in engem Gedankenaustausch mit Olbers, ein
wenig in Konkurrenz zu Bessel im Baltikum, und in enger Zusammenarbeit mit Schumacher
persönlich aus, wobei ihm hannoversche Offiziere (darunter sein Sohn Joseph)
assistierten. Auf diese Messungen wird ebenfalls kurz eingegangen, da sie sich
unter anderem auch nach Bremen erstreckten, und da diese nicht nur zur Herstellung
von Landkarten, sondern auch zur Vermessung der Größe der Erde - einer
wichtigen Maßeinheit in der Astronomie - dienten. Die Bedeutung von Wilhelm
Olbers für den rund 20 Jahre jüngeren Carl Friedrich Gauß war
enorm: Olbers, der durch sein Medizinstudium mit Göttingen verbunden war,
war ab 1802 und bis zu seinem Tode Gauß' väterlicher Freund und Ratgeber
in vielen Lebenslagen, und es war Olbers' guten Verbindungen und Aktivitäten
- sozusagen als "Wissenschaftsmanager" im Hintergrund - zu verdanken,
dass Gauß 1807 den Ruf als Professor nach Göttingen erhielt, statt
einem Ruf nach Russland zu folgen. Anhand einiger ausgewählter Briefstellen
wird insbesondere auch die Beziehung zwischen Gauß und Olbers näher
beleuchtet; der Schwerpunkt des Vortrages liegt jedoch auf den Gaußschen
Arbeiten zur Astronomie.
Fr.
31. Okt. 2008, 20 Uhr
Eröffnungsveranstaltung
Übersee-Museum Bremen
Dipl.-Ing.
Thomas Reiter, Köln
Leben und Arbeiten auf einer Raumstation
Zusammen mit: DGfLR, VDI Bremen
KURZFASSUNG
Am 22. Dezember
2006 fand die Astrolab-Mission von Thomas Reiter mit der Landung des Space Shuttle
in Florida nach fast sechs Montan im All ihr erfolgreiches Ende. Nicht nur während
seines Weltraumausstieges hat sich der heutige Vorstand für Raumfahrtforschung
und -entwicklung des DLR am Ausbau der ISS beteiligt, auch mit der Installation
und Wartung von Anlagen und Einrichtungen an Bord der ISS. Im Verlaufe des Fluges
standen mehr als 30 Experimente auf dem Missionsplan, aus den Bereichen Medizin,
Biologie und Materialwissenschaften. Der Vortrag von Thomas Reiter gibt einen
spannenden Einblick in die ALLtägliche Arbeit an Bord der Internationalen
Raumstation ISS, deren Auf- und Ausbau, sowie die wissenschaftlichen Aspekte einer
Raumflugmission. Ebenso wird die Frage beantwortet: Welchen Nutzen hat der Aufenthalt
von Menschen im Weltall?
Di. 4. Nov.
2008, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Prof.
Dr. Helmut Schanze, Aachen
Beethoven und Goethe
KURZFASSUNG
Das
Verhältnis Beethovens zu Goethe ist von scheinbar unüberbrückbaren
Gegensätzen gekennzeichnet. Hier die "ungebändigte Persönlichkeit"
des Musikers, dort der Dichter, dem die "Hofluft" zu sehr behage. Die
Differenz der Persönlichkeiten lässt sich jedoch, entgegen der geläufigen
Meinung, nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch auflösen und neu interpretieren.
Beethoven ist ein genauer Leser und Kenner der Schriften Goethes. Seine rhetorisch-musikalische
Praxis löst ein, was auch Goethes Rhetorizität und Musikalität
ausmacht. Kanon dieser gemeinsamen Praxis ist das "Lied". Der Mikrokosmos
des Lieds führt zum Makrokosmos des Gesamtkunstwerks, der Oper. Goethe stellt
in seiner Theorie des Liedes hohe Anforderungen an seine "Komponisten".
Sie müssen die drei rhetorischen Stillagen als Kompositionsstile beherrschen,
den einfachen, den mittleren und den hohen Stil. Mehr noch: Sie sollen das Einfache
groß machen, das Unterhaltende "köstlich" und das wahrhaft
Große zur Vollendung steigern. Beethoven ist hierfür, trotz aller Gegensätze
im Persönlichen, der eminente Fall. In seinen Liedkompositionen nach Goethe-Texten,
in seiner Bühnenmusik zu "Egmont" und in seiner einzigen Oper "Fidelio"
hat er Einfachheit zur Größe, Köstliches, was nicht nur unterhaltend
ist, und Großes bis zur Erhabenheit gestaltet. Zwischen Liedern und der
Egmont-Musik einerseits und der Neufassung des "Fidelio" 1814 andererseits
liegt die Begegnung Beethovens mit Goethe im böhmischen Weltbad Teplitz 1812,
aber, in den gleichen Tagen, auch beider Geheimgeschichten, der Brief an die "Unsterbliche
Geliebte" und Goethes "Geheimstes", die Begegnung mit der Kaiserin
Maria Ludovica. Was in den Liedern zum "Faust" und in der "Egmont"-Musik
angelegt ist, wird in "Fidelio", vor allem aber in der zentralen Szene
im Gefängnis, mit der Arie des Florestan, der Geistererscheinung der "Leonore",
dem Melodram der Grabszene, der Wiedererkennung der Liebenden und dem Rettungssignal
- dem scheinbar banalen Signal der Post nach Karlsbad, wie die Forschung herausgefunden
hat - zu einer Einheit von Wort, Bild und Ton fusioniert. Es sind nicht zuletzt
die musikalischen Worte und Bilder Goethes, Lektüren des "Faust",
des "Egmont", des "Tasso" und seinen "Leonoren",
die Beethoven zu diesem Gesamtkunstwerk inspiriert haben.
Di.
25. Nov. 2008, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Prof.
Dr. rer. nat. Norbert Jürgens, Hamburg
Biodiversität und Mensch
Zusammen
mit: Naturwissenschaftlicher Verein, Übersee-Museum Bremen, Universität
Bremen, Verband Biologie
KURZFASSUNG
Der Mensch ist Teil der biologischen
Vielfalt und in Bezug auf das Funktionieren des "Raumschiffs Erde" von
ihr abhängig, aber er geht erstaunlich ignorant mit ihr um und schädigt
sie in großem Maßstab. Sowohl in den Industrieländern wie auch
in den Schwellen- und Entwicklungsländern scheint die Expansion der menschlichen
Gesellschaften nur auf Basis einer dramatischen Umgestaltung der Biosphäre
erfolgen zu können, die zugleich in vielen Regionen die Wirtschafsbasis für
zukünftige Generationen unumkehrbar zerstört. Beispiele aus Norddeutschland
und aus afrikanischen Ländern zeigen eindrücklich, welche Verluste mit
der Expansion menschlicher Landnutzung einhergehen. Aber es gibt auch die Hoffnung
und die große Idee, dass die Staaten der Erde an Stelle der Dominanz ökonomischer
Interessen gemeinsam auch eine bessere und langfristig stabile Nutzung der biologischen
Vielfalt organisieren könnten, wenn sie nur die immensen Werte der belebten
Natur und ihren notwendigen Fortbestand mit in die Kalkulationen von Wirtschaftsmaßnahmen
einbeziehen würden. Angesichts der neu entflammten Konkurrenz der alten und
der neuen Industriestaaten um die Rohstoffe der Erde und ganz besonders um neue
Energiequellen stehen vernünftigen Ansätzen aber neue und sehr große
Risiken gegenüber. Insbesondere in den Tropen werden drastische Veränderungen
erwartet, in deren Zentrum die Frage steht, ob und in welchem Umfang wir die Oberfläche
dieses Planeten (unsere begrenzteste Ressource) für Nahrungserzeugung, Energieerzeugung,
Siedlungen, Transportwege, Abbau mineralischer Ressourcen, Wassergewinnung, ...
oder eben für die Aufrechterhaltung der biologischen Vielfalt und ihrer Funktionen
und Dienstleistungen einsetzen. Gerade am Beispiel Afrika ist die Überhitzung
der Ressourcenjagd deutlich zu beobachten. Ähnlich wie bei den Bemühungen
zum Klimaschutz wird auch bei den Bemühungen zum Schutz der Biodiversität
solides Wissen über die Werte und Prozesse der belebten Natur erforderlich.
Angesichts der enormen Komplexität der Wechselwirkungen von Genen und Arten
in Ökosystemen ist aber leider festzustellen, dass allein die Datenbeschaffung
vor viel größeren Problemen steht als zum Beispiel in der Meteorologie.
Der Vortrag wird auch darstellen, mit welchen Vorhaben die globalen Forschungsprogramme
den Beitrag der Wissenschaften zu einem größeren Gewicht auch bei wirtschaftlichen
und politischen Entscheidungen verhelfen wollen.
Di. 02. Dez.. 2008, 20 Uhr
Haus
der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Prof. Dr. Joachim Reichstein, Schleswig
Das
Danewerk, eine antike und frühmittelalterliche Befestigung
Zusammen
mit: Bremer Gesellschaft für Vorgeschichte, Freundeskreis der Antike, Historische
Gesellschaft, Vereinigung für Bremische Kirchengeschichte
KURZFASSUNG
Im
Süden der Jütischen Halbinsel zwischen Schleswig und Hollingstedt befindet
sich eine Landenge, deren naturräumliche Beschaffenheit eine gute Voraussetzung
für die Anlage einer Grenzbefestigung bot. Dies nutzten dänische Herrscher
im frühen Mittelalter zum Bau von mächtigen Schutzwällen. Die umfangreiche
Grenzanlage ist uns unter der Bezeichnung "Danewerk" bekannt. Die Wälle
realisieren das strategische Konzept einer "linearen Verteidigung",
das seit der Antike bis in die Gegenwart militärisch für nützlich
und wirksam gehalten wird. Der Dänenkönig Waldemar I. ließ 1165
n.Chr. einen Abschnitt des Danewerks als starkes Ziegelsteinbauwerk errichten,
das damals die mächtigste Befestigung des Mittelalters nördlich der
Alpen darstellte. Adressat des Imponierbaus war kein anderer als Friedrich I.
Barbarossa, Herrscher von der dänischen Grenzmauer bis nach Sizilien. Ihr
tatsächlicher Ursprung liegt aber noch immer im Dunkel. Archäologische
Untersuchungen der letzten Jahre haben erkennen lassen, daß erste Befestigungen
des Danewerks offenbar viel früher angelegt wurden als bisher angenommen.
Hatte man zunächst das Jahr 808 n.Chr. als Ausgangsdatum angesehen, ergaben
dendrochronologische Untersuchungen an 1972 gefundenen Hölzern Fälldaten
von 737 und 740 n.Chr.; Grabungsergebnisse von 1976 bestätigten diese Zeitstellung.
Im Jahr 1983 am Hauptwall bei Rotenkrug durchgeführte Untersuchungen führten
zu der Erkenntnis, daß die bis dahin in das 12.Jhdt. datierte Feldsteinmauer
schon rund 400 Jahre früher entstanden sein muß und somit ebenfalls
dem 8.Jhdt. zuzuordnen ist. Diese Mauer ist jedoch Teil der 4.Bauphase des Walls
und hat ältere Vorgängerbauten. Die 3.Bauphase des Hauptwalls ist der
Zeit um 680 n.Chr. zuzuschreiben. Für die Phasen 1 und 2 ist eine Datierung
bislang nicht gelungen. Ihr Wallaufbau zeigt jedoch Parallelen zu den beiden in
Südjütland gelegenen linearen Befestigungen "Olgerdiget" und
"AE Vold", die aus dem 1.- 3.Jhdt. n.Chr. stammen. Es kann vermutet
werden, dass die Bauphasen 1 und 2 des Danewerks ebenfalls in diese Epoche fallen.
Di.
9. Dez. 2008, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Prof.
Dr. Hans Kippenberg, Bremen
Religion und Gewalt
Zusammen mit: Freundeskreis
der Antike, Übersee-Museum, Universität Bremen, Vereinigung für
Bremische Kirchengeschichte
KURZFASSUNG
Eine Welle religiöser
Gewalt verunsichert die Welt - und seit dem 11. September zunehmend den Westen.
Nicht eine Manipulation von Religion, sondern eine Radikalisierung religiöser
Gemeinschaften im Verlauf eines Konfliktes mit Gegnern ist die Quelle dieser Erscheinung;
staatliche Zwangsmaßnahmen gegen die angeblichen Drahtzieher haben oft eine
weitere Eskalation zur Folge.
Der Vortrag stellt zuerst dar, warum Religionsgemeinschaften im Zeitalter der Globalisierung so mächtig werden und ihre heilsgeschichtlichen Handlungsmuster neue Geltung erlangen. Als religiöse Gemeinschaften in den USA wie Peoples Temple oder die Adventisten von Waco sich durch endzeitliche Mächte des Bösen bedroht sahen, setzten sie sich gegen sie zur Wehr. Am Nahostkonflikt lassen sich die Folgen des Erstarkens religiöser Gemeinschaften und ihrer Geschichtsdeutung besonders gut ablesen. Aus einem Konflikt zwischen dem Staat Israel und seinen arabischen Nachbarn wurde seit dem Sechstagekrieg 1967 sukzessive ein Konflikt zwischen religiösen Gemeinschaften. Die Besiedlung der besetzten Gebieten durch zionistischer Siedler, der Eifer palästinensischer Muslime für ganz Palästina als islamischem Stiftungsland sowie die Unterstützung amerikanischer Protestanten für die Wiederherstellung Israels im biblischen Land haben die Konfliktdynamik intensiviert. Die Behauptung, es handele sich bei den Gewalttätern um Terroristen, die grundlos morden und mit denen kein Vertrag geschlossen werden könne, wurde dabei eine weiterer Quelle von Eskalation. Konfliktverläufe und nicht die Religion an sich sind die Quellen von Gewalt.
Fr. 9. Jan. 2009, 20 Uhr
Haus
der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Prof. Dr. phil. Joachim Latacz, CH-Basel
Dichtung
und Wahrheit
Was wissen wir heute über den "Troianischen Krieg"?
Zusammen
mit: Bremer Ortsvereinigung der Goethe-Gesellschaft, Focke-Museum, Freundeskreis
der Antike, Universität Bremen
KURZFASSUNG
Ob hinter der Troia-Geschichte
der Griechen und speziell hinter ihrem Bestandteil 'Troianischer Krieg' etwas
Historisches steckt oder nicht, darüber wird seit dem 19. Jahrhundert in
der Homer-Forschung gestritten. Eine Lösung der Frage war auch nach der Wiederentdeckung
Troias durch Frank Calvert und Heinrich Schliemann (1870/71) bis in die sechziger
Jahre des 20. Jahrhunderts hinein nicht möglich. Seitdem sind jedoch aus
mehreren altertumswissenschaftlichen Forschungsdisziplinen (neben der Vor- und
Frühgeschichtlichen Archäologie vor allem Gräzistik, Hethitologie,
Ägyptologie) zahlreiche neue Indizien zusammengekommen, die den vieldiskutierten
'historischen Kern' der Geschichte heute als sehr wahscheinlich erscheinen lassen.
In welchem Verhältnis dieser 'historische Kern' einerseits und seine Um-
und Überformung in Homers Dichtung 'Ilias' andererseits stehen, darüber
wird z.Z. intensiv geforscht. - Der Vortrag versucht, einen klaren Überblick
über diesen ganzen Problemkreis zu ermöglichen und den gegenwärtigen
Forschungsstand sowie die daraus ableitbaren unmittelbar vor uns stehenden
Forschungsaufgaben zu umreißen.
KURZFASSUNG
An diesem Abend werden wissenschaftliche
Hintergründe des Romans erläutert. Insbesondere sind dies die Themen
Gashydrate, Stabilität der Kontinentalränder und Eiswürmer. Deren
Zusammenspiel führt im Roman "Der Schwarm" zum sogenannten Storegga-Effekt
-dem Abbrechen des Kontinentalthanges - der einen Tsunami unvorstellbaren Ausmaßes
im Nordatlantik zur Folge hat.
Was ist dran an dieser Darstellung? Lässt
sie sich wissenschaftlich halten und belegen? Und existieren die beschriebenen
Lebewesen in der Tiefsee, insbesondere das Konsortium von Mikroorganismen, welches
als Motiv für eine in der Tiefsee lebende Intelligenz in Frank Schätzings
Roman fungierte? Es werden einige Passagen aus dem Buch vorgestellt die dem Wissenschaftsthriller
auch emotional gerecht werden.
Di.
20. Jan. 2009, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Prof.
Dr. Peter Maaß, Bremen
Mathematische Zaubereien
Zusammen mit:Universität
Bremen, VDI Bremen
KURZFASSUNG
Mathematik gilt als verstaubte Wissenschaft
einer kleinen, ebenso verschworenen wie sonderlichen Gruppe von Menschen, die
sich nur selten aus ihrem Elfenbeinturm wagt. Dass Mathematik wesentliche Beiträge
zu den meisten technischen Revolutionen der letzten Jahrzehnten geleistet hat,
ist nur selten sichtbar. In diesem Vortrag soll ausgehend von einigen kleinen
und klassischen mathematischen Zaubertricks der Bogen zu zumindest einem 'großen'
Zaubertrick der aktuellen mathematischen Forschung geschlagen werden. Mehr soll
hier noch nicht verraten werden. Auf unterhaltsame Weise soll dabei ein Einblick
in die Denk- und Arbeitsweise der angewandten Mathematik und ihren Bezügen
zu unserem Alltagsleben gewährt werden.
Di.
3. Feb. 2009, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Prof.
Dr. Christian Feest, A-Wien
Sitting Bull.
Der Mann mit den vielen Gesichtern
Zusammen
mit: Geographische Gesellschaft, Übersee-Museum Bremen, Universität
Bremen
KURZFASSUNG
Sitting Bull - Freiheitskämpfer, "Heiliger
Mann", Volksverhetzer und Störenfried, Poet und Maler, Medienstar. Seit
jenem 4. Juli 1876, an dem eine bestürzte amerikanische Öffentlichkeit
erstmals vom "Sieger der Schlacht am Little Bighorn" Kenntnis nahm,
der soeben der amerikanischen Armee eine bittere Niederlage beschert hatte, hat
die veröffentlichte Meinung ein zutiefst widersprüchliches Bild von
Tatanka Iyotanka, dem "Sitzenden Bisonstier", gezeichnet. Zu seinen
Lebzeiten und danach zählte Sitting Bull zu den am häufigsten porträtierten
"Indianern". Die Keule, die er auf einer der letzten Fotografien in
der Hand hält, kennzeichnet ihn als unreformierten Krieger; das Kruzifix
um den Hals als Kandidaten für eine baldige Bekehrung; eine dunkle Brille
ist das Eingeständnis einer teilweisen Gesichtslähmung, die Vielfalt
seiner Kopfbedeckungen spiegelt die Vielfalt seiner Rollen. Das öffentliche
Gesicht zeigt erhabenen Ernst oder kaum verborgenen Groll, während sich auf
Familienfotos das Lächeln des privaten Sitting Bull zeigt, der den Frauen
zugetan war und seine Kinder und Enkel liebte. Die Widersprüchlichkeit der
vielen Gesichter spiegelt aber nicht nur die unbestrittene Vielschichtigkeit der
Persönlichkeit eines wirklichen Menschen. Wie kaum ein anderer verkörpert
Sitting Bull bis heute als unsterbliches Sinnbild einer zum Untergang bestimmten
Welt alle inneren Gegensätze der westlichen Anschauungen vom "Indianer".
Der Vortrag skizziert das Leben des berühmt-berüchtigten Mannes und
die Geschichte seiner öffentlichen Wahrnehmung.
Di.
10. Feb. 2009, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Dr.
Ernst Künzl, Mainz
Die Krise des 3. Jahrhunderts - der Barbarenschatz
von Neupotz
Zusammen mit: Bremer Gesellschaft für Vorgeschichte, Deutsches
Schiffahrtsmuseum,
Freundeskreis der Antike, Historische Gesellschaft
KURZFASSUNG
Für
die Mitte des 2. Jahrhunderts n. Chr., für die Regierungszeit des Kaisers
Antoninus Pius (138-161), verzeichnen die Geschichtsbücher eine Art Goldenes
Zeitalter: Wohlstand und Frieden kennzeichneten den Zustand des großen römischen
Reiches um das Mittelmeer. Hundert Jahre später war der vermeintliche Monolith
zerbrochen. In jenen Jahrzehnten häuften sich die Katastrophen, bis in den
Jahren zwischen 250 und 275 das Reich manchmal nur noch auf dem Papier bestand.Intern
schwächten das Römerreich eine massive Inflation und immer wieder aufflammende
Krankheitsepidemien. Die geistigen Krisensymptome zeigten sich in einer verstärkten
Zuwendung zu Mysterienreligionen, was im Falle des Christentums zu massiven Verfolgungen
führte, sowie in einer noch stärker als früher dominierenden Astrologie.Das
Kaisertum war kein fester Halt mehr. Nach dem Ende der severischen Dynastie 235
begann das Zeitalter der Usurpatoren. Der Tiefpunkt dürfte das Jahr 260 gewesen
sein, als sich so viele Gegenkaiser gegen Gallienus erhoben, daß man es
das Jahr der 30 Tyrannen nannte, in Erinnerung an die Oligarchen in Athen im Jahre
404 v. Chr.An Rhein und Donau mußten die Militärgrenzen in Obergermanien
und in Dakien zurückgenommen werden. Die Provinzverluste in Siebenbürgen
an die Goten und in Südwestdeutschland an die Alamannen blieben es auf Dauer.In
den Jahren um 260 und 275/277 plünderten die Franken und die Alamannen weite
Gebiete der römischen Nordwestprovinzen. Einige dieser Plünderungstransporte
gingen im Rhein verloren und kamen durch Baggerarbeiten in Neupotz, Hagenbach
und anderen Orten in der Pfalz wieder ans Licht. Diese Funde geben einen hervorragenden
Einblick in den römischen Alltag wie in die wirtschaftliche Situation der
Germanen.Germanen wie Römer hatten in den Jahrzehnten nach 186 außerdem
mit einer merklichen Klimaverschlechterung zu kämpfen, welche auf den Ausbruch
des Vulkans Taupo in Neuseeland zurückging.
Di.
10. März 2009, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße
4/5
Prof. Dr. Lothar Willmitzer, Potsdam-Golm
Kleine Moleküle,
Diagnostik und Systembiologie
Zusammen mit: Hochschule Bremerhaven, Naturwissenschaftlicher
Verein, Universität Bremen, Verband Biologie
leider ausgefallen!
Di. 17. März 2009, 20 Uhr
Haus
der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Prof. Dr. Hartmut Weber, Berlin
Was
zusammen gehört.
Das Bundesarchiv 20 Jahre nach Wiederherstellung der
Deutschen Einheit
Zusammen mit: Deutsches Schiffahrtsmuseum, Die MAUS,
Staatsarchiv Bremen, Universität Bremen
KURZFASSUNG
Die Präsentation
mit Schrift- und Bilddokumenten macht deutlich, dass die Herstellung der Deutschen
Einheit das Bundesarchiv tiefgreifend verändert und seine Quellenbasis und
Quellenvielfalt geradezu revolutionär erweitert hat. Im ideellen Anschluss
an das 1919 in Potsdam gegründete Reichsarchiv konnte das "alte"
Bundesarchiv, das 1952 seine Arbeit in Koblenz aufnahm, nur einen kleinen Ausschnitt
des Archivguts zur jüngeren deutschen Geschichte zugänglich machen:
die langsam zum Archivgut reifenden Unterlagen der jungen Bundesrepublik, die
relativ wenigen zentralstaatlichen Bestände vor 1945, die sich bei Kriegsende
im Westen befanden, sowie das von den Westalliierten zurückgegebene vormals
beschlagnahmte militärische und zivile Archivgut des Deutschen Reiches. Die
weitaus größeren Mengen der historischen und zeitgeschichtlichen Überlieferung
lagen in der DDR oder wurden dieser von der Sowjetunion zurückgegeben. Dies
betrifft auch die Bestände des Reichsfilmarchivs und bedeutende Fotoarchive.
Erst nach 1990 wurde das gesamte zentralstaatliche Archivgut beider deutscher
Staaten unter dem Dach des Bundesarchivs zusammengeführt. Für die Unterlagen
der Parteien und Massenorganisationen der DDR wurde im Bundesarchiv eine Stiftung
begründet, wie die Militärarchive wurden die Filmarchive aus Ost und
West und das große Fotoarchiv der DDR-Nachrichtenagentur ADN mit den Abgaben
von Bundespresseamt und Bundesbildstelle vereinigt. Schließlich kamen 1994
die vormals im Berlin Document Center im amerikanischen Gewahrsam verwahrten personenbezogenen
Unterlagen der NSDAP und ihrer Gliederungen ins Bundesarchiv und im Jahre 2000
wurde das Bundesarchiv für die Unterlagen der Zentralen Stelle für die
Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg zuständig.
Als moderne Dienstleistungseinrichtung für die Forschung sowie für interessierte
Bürgerinnen und Bürger macht das Bundesarchiv sein Archivgut in zehn
Dienststellen an acht Orten in Deutschland zugänglich und fördert die
Forschung auch durch Editionen und Publikationen. Dabei nutzt es in starkem Maße
das Internet, um weltweit über seine Bestände zu informieren. Schwerpunkte
der Forschung aus dem In- und Ausland, aber auch der Nutzung durch Journalisten
und Publizisten sind nach wie vor die beiden deutschen Diktaturen des 20. Jahrhunderts,
deren Überreste im Archiv, wie gezeigt wird, mitunter auch kritisch bewertet
werden müssen.
Di. 21. Apr. 2009, 20
Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Prof. Dr. Franz
Alto Bauer, München
Geschenke als Zeichen kultureller Überlegenheit
in der Spätantike
Zusammen mit: Freundeskreis der Antike
KURZFASSUNG
Thema
des Vortrags ist der Geschenkaustausch in der Spätantike, v. a. die Frage,
inwiefern zu dieser Zeit Vergabe und Besitz von Ehrengaben Ansehen erzeugen konnten.
Dabei zeigt sich, daß die Kategorien Person' und Sache' nicht
in der Rigorosität von einander zu scheiden sind, wie es unserer eigenen
Lebenserfahrung entsprechen würde, daß es Bereiche gibt, in denen Gegenstände
eine geradezu personale Aura besitzen können. Bezugspunkt dieses Kosmos von
Dingen war der spätantike Kaiser in seiner Überhöhung. Er stand
im Zentrum eines Vergabesystems, in dem Lohn zum Gunsterweis wurde, in dem sich
Objektkategorien herausbildeten, die als Ehrengaben verteilt wurden und ihre Besitzer
sichtbar als kaisernah' einstuften. Als potentielle Verbreiter, ja Vervielfältiger'
einer Person artikulierten sie Abhängigkeiten, Loyalitäten, Querbeziehungen
und Überlegenheiten. Empfänger solcher Gaben ordneten sich in ein übergreifendes
System von Ämtern, Status und Würde ein, das auf kaiserlicher Gunst
beruhte und durch mobile Objekte und Auszeichnungen mitgeteilt wurde. Die Kommunikation
mittels Gaben und Objekten funktionierte aber auch ohne den Kaiser, als Ausdruck
einer Verfügungsgewalt über Dinge, die in der Spätantike zu einem
wesentlichen Standesmerkmal wurde und auch zu Konkurrenzen innerhalb der Oberschicht
führte. Zugleich wurden die Gaben der aristokratischen Oberschicht und der
Magistrate vorbildhaft für Imitate' in einfacheren Materialien: so
wurde einer breiten Schicht der preiswerte Zugang zu Objekten gewährt, die
formal an teure Ehrengeschenke erinnern und entsprechend Anteil an Besitz und
Zurschaustellung von Luxusgütern suggerieren sollten. Begünstigt wurde
diese Entwicklung durch die Vorstellung, Objekte könnten sich mit personengebundener
Wirkmächtigkeit im weitesten Sinne aufladen. Und so finden wir das Phänomen
der Sakralisierung eines Gegenstands nicht nur in der kaiserlichen Sphäre,
sondern auch innerhalb des spätantiken Heiligenkults: die Kontaktreliquie,
der die Übertragung von Wirkmacht einer besonderen Person auf ein Objekt
zugrunde liegt, ist kein christliches Phänomen. Sie ist Teil einer Kultur
personaler Beziehungen, die über mobile Gegenstände etabliert wurden
und weite Bereiche des spätantiken Lebens umfaßte.
Di. 30.
Okt. 2007, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft,
Sandstraße 4/5
Prof. Dr. phil. Dr. h.c. mult.
Horst Fuhrmann, München
Die Konstantinische Schenkung
Geschichte eines falschen Dokuments
Zusammen mit:
Freundeskreis der Antike, Historische Gesellschaft, Vereinigung für Bremische
Kirchengeschichte, Stiftung Bremer Dom
KURZFASSUNG
Die
Konstantinische Schenkung
Geschichte eines falschen Dokuments
Unter
den zahlreichen mittelalterlichen Fälschungen nimmt die Konstantinische Schenkung
wegen ihrer historischen Wichtigkeit eine Sonderstellung ein: hergestellt vor
850, doch wirksam geworden erst vom 11. Jahrhundert an. Sie gibt vor, dass der
durch die Taufe von der Lepra geheilte Kaiser Konstantin (gestorben 337) aus Dankbarkeit
dem Papst Silvester das Kaisertum und die Herrschaft über das Abendland geschenkt
hat. Auf das Ende des Mittelalters zu mehren sich die Stimmen, die das Dokument
für apokryph halten (Nikolaus von Kues, Lorenzo Valla), und die Reformatoren
sehen sich bestätigt; der Primat des Papstes sei ein Ergebnis von Fälschungen.
Der erkannte Fälschungscharakter änderte nichts an der Wirksamkeit.
Im 19. Jahrhundert verliert der Papst den Kirchenstaat, Papst Paul VI. legt 1964
die Tiara, das Zeichen weltlicher Würde ab, aber erst Benedikt XVI. hat im
Papstwagen die Tiara gegen die Mitra getauscht. Der Papst ist oberster Hirte,
nicht Herrscher, wie die Konstantinische Schenkung es will.
Di.
6. Nov. 2007, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft,
Sandstraße 4/5
Prof. Dr. Burghard W. Flemming,
Wilhelmshaven
Wohin wandern die Ostfriesischen Inseln?
Zusammen
mit: Geographische Gesellschaft, Naturwissenschaftlicher Verein
KURZFASSUNG
In
der populärwissenschaftlichen Literatur wird selbst heute noch vielfach behauptet,
dass die Ostfriesischen Inseln entlang der Küste nach Osten wandern. Nach
dieser Vorstellung wird an den Westköpfen der Inseln Sand abgetragen, an
den Stränden ostwärts transportiert und schließlich an den Ostköpfen
abgelagert. Dieser Mechanismus stützt sich auf morphologische Veränderungen,
die auf historischen Karten seit 1650 AD angeblich sichtbar und deshalb als eindeutiger
Beweis zu betrachtet seien. Erst im Verlauf der letzten Jahrzehnte wurde diese
Hypothese von Geologen aufgrund der zunehmenden Anzahl von Bohraufschlüssen
im Watt und auf den Inseln sowie einer andersartigen Interpretation der historischen
Karten infrage gestellt. Den neuen Erkenntnissen zufolge, wandern die Inseln nicht
ostwärts entlang der Küste, sondern in süd-südöstlicher
Richtung über ihr eigenes Rückseitenwatt hinweg auf die Festlandsküste
zu. Es stellen sich somit zwei Fragen: 1) Warum soll die scheinbar sattelfeste
ursprüngliche Hypothese heute nicht mehr stimmen? Daraus folgt 2) Wie beweiskräftig
ist die alternative Interpretation tatsächlich?
Neben ganz konkreten Hinweisen, sprechen auch theoretische Überlegungen gegen eine küstenparallele Ostwanderung der Inseln. So könnte es sich um eine Nehrung handeln, die bei Den Helder in den Niederlanden ihren Ursprung nahm und sich im Laufe der Zeit durch küstenparallelen Sandtransport nach Osten vorgebaut hat. Nach Erreichen einer bestimmten Länge wird ein Nehrungsabschnitt jeweils durch einen schweren Sturm durchbrochen, was zur Bildung eines Seegats und einer Insel führt. Dieser Prozess müsste sich fortlaufend wiederholt haben bis schließlich die heute bestehende Inselkette entstanden ist. Solche Nehrungsinseln sind durchaus von anderen Küsten her bekannt. Trifft dieser Mechanismus aber auf die Friesischen Inseln zu? Diese Frage kann aus zwei Gründen verneint werden. Zum einen wandern solche Inseln nicht, sondern es würde sich von Zeit zu Zeit immer nur eine neue Insel am äußersten Ende der Inselkette bilden. Zum anderen wäre jede neue Insel jünger als die vorherige, was durch Altersbestimmungen der einzelnen Inseln nicht bestätigt wird, da sie alle etwa gleich alt sind.
Auch ein anderer Nehrungsprozess, in welchem sich immer wieder neue Inseln am Anfang der Nehrung bilden, kann ausgeschlossen werden. Dies würde zwar eine Ostwanderung der jeweils übrigen Inseln voraussetzen, aber für einen solchen Mechanismus gibt es weder ein natürliches Beispiel noch ein physikalisch plausibles Modell. So müsste aufgrund der gleichzeitigen Ostverlagerung der Seegaten, die Basis jeder Insel auf die Tiefe der benachbarten Rinne eingeebnet worden sein. Die Bohrkerne zeigen hingegen eine bewegte pleistozäne Topographie unter den Inseln, die eindeutig gegen eine fortlaufende Ostverlagerung der Rinnen spricht.
Betrachtet man die morphologischen Veränderungen der letzten Jahrhunderte im Detail, dann stellt man fest, dass sich beispielsweise die Insel Juist in der Tat um mehr als einen Kilometer landwärts verlagert hat, bei gleichzeitigem Längenwachstum in beide Richtungen. Dies wurde von den Vertretern der Ostwanderungshypothese offensichtlich übersehen. Nicht so eindeutig ist dies bei den übrigen Inseln. Allerdings muss hier berücksichtigt werden, dass im Zuge der Landgewinnung die Volumina der Gezeitenbecken unterschiedlich stark verkleinert worden sind. Weniger Durchfluss aber bedingt kleinere Seegaten und längere Inseln. Die morphologischen Veränderungen in historischer Zeit spiegeln somit lediglich eine, den neuen hydraulischen Verhältnissen angepasste Umlagerung von Sediment wider und ist somit schlicht eine Reaktion auf die menschlichen Eingriffe in das System. Die Bohrkerne wiederum zeigen eine vertikale Abfolge von Sedimentfazies, wie sie - im Zuge eines steigenden Meeresspiegels - von einem sich landwärts verlagernden Insel-Watt-System zwingend zu erwarten ist. Diese Tendenz der Inselverlagerung wird sich im Zuge eines beschleunigten Meeresspiegelanstiegs ebenfalls beschleunigen.
Di.
13. Nov. 2007, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft,
Sandstraße 4/5
Prof. Dr. Gert Sautermeister,
Bremen
Das Erotische in Sprache und Literatur
Zusammen
mit: Bremer Ortsgesellschaft der Goethe-Gesellschaft in Weimar
KURZFASSUNG
Das
Erotische kann sich im Reich der Sprache und Literatur in vielen Gestalten bekunden:
in Reimen, Rhythmen, im Wechselgesang, als sinnliche, metaphysische und mystische
Liebe. Eros tritt auch als Gegenspieler zur Gesellschaft auf, stellt soziale und
moralische Normen in Frage oder entwirft neue Formen des Zusammenlebens. Und er
ist eine poetische Produktionskraft ersten Ranges: er fördert und beschwingt
das Erzählen, regt den Spieltrieb von Lesern und Hörern an, stiftet
geselliges Vergnügen.
Der Vortrag bringt einige charakteristische
Erscheinungsweisen des Erotischen zur Sprache. Sie werden veranschaulicht durch
literarische Beispiele, die vom Mittelalter bis zur Gegenwart reichen. Neben deutscher
Literatur werden auch klassische europäische Werke einbezogen.
Di.
4. Dez. 2007, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft,
Sandstraße 4/5
Dipl.-Ing. Boris Penné,
Bremen
Erderkundung per Satellit -
Europa ganz weit vorne im
globalen Umweltschutz, Krisenmanagement und der Landwirtschaft
Zusammen
mit: VDE Zweigstelle Bremen, VDI Bremer Bezirksverein
KURZFASSUNG
Im
letzten Jahrzehnt stiegen die Anstrengungen der EU und der Europea Space Agency
(ESA) globale und nationale Fragen zu Umweltschutz, Krisenmanagement und der Landwirtschaft
durch die Erdfernerkundung zu unterstützen - nicht zuletzt durch das Satellitenprojekt
Envisat - dem bisher größten Europäischen Satellit überhaupt.
Jetzt bekommen diese Anstrengungen ein neues Moment durch die Planungen zu
GMES - Global Monitoring for Environment and Security. Hierzu laufen eine Reihe
von Satellitenausschreibungen, deren Gesamtmissionszeit auf über 20 Jahre
ausgelegt wird. Im Vordergrund stehen dabei nutzerspezifische Erdbeobachtungsdaten,
die ein breites Anwendungsspektrum abdecken.
In diesem Feld spielt Deutschland
eine treibende Rolle. So finanziert Deutschland über die Deutsche Luft- und
Raumfahrtgesellschaft (DLR) sowohl eigene nationale Erderkundungsmissionen als
auch die Europäischen Missionen der ESA durch direkte Beteiligungen der ESA
Programme als auch indirekte Beteiligungen an der EU Finanzierung zu GMES. Das
DLR finanziert momentan die beiden Missionen TerraSAR und TandemX, die kommerziell
orientiert Produkte zu Kartierungszwecken und digitalen Geländehöhenmodellen
vermarkten wollen. Parallel dazu wird die Satellitenmission EnMAP finanziert,
die im wissenschaftlichen Bereich angesiedelt ist und durch seine hohe Anzahl
von einzelnen Spektralkanälen wesentlich detailliertere Erkenntnisse von
Vegetationszuständen oder Wasserqualitäten erlauben wird. Dies ist z.B.
wichtig um genaue Umweltzustände aufzunehmen um dann auf der Erde geeignete
Verbesserungsmaßnahmen treffen zu können. Auch die Deutsche Bundeswehr
ist stark an Erderkundungsmissionen zur hochauflösenden Aufklärung interessiert.
So startete die Firma OHB-System AG Bremen im Auftrag der Bundeswehr grade die
ersten drei von fünf SAR-Lupe Satelliten mit der Fähigkeit Tag und Nachts
Aufnahmen der Erde in einer Auflösung von unter 1 Meter bereitzustellen.
Der
Vortrag führt über einige Grundlagen der Erderkundung per Satellit zu
den laufenden Programmen in Deutschland und Europa. Dabei werden einzelne Satellitenmissionen
von der technische Seite und von dem Nutzen im Detail vorgestellt. Während
der gesamten Präsentation bleiben dabei die Anwendungen der Erdfernerkundung
im Focus: Umweltschutz, Krisenmanagement, Landwirtschaft und Meteorologie.
Di.
15. Jan. 2008, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft,
Sandstraße 4/5
Prof. Dr. Manfred Prenzel, Kiel
Neues von PISA: Befunde des internationalen Leistungsvergleichs
2006 und
Folgerungen
Zusammen mit: Landeszentrale für
politische Bildung, Universität Bremen
KURZFASSUNG
PISA,
das "Programme for International Student Assessment" untersucht, wie
gut die Schülerinnen und Schüler im Alter von fünfzehn Jahren auf
Herausforderungen der Wissens-gesellschaft vorbereitet sind. Die Erhebungen werden
mit einem abgestimmten Testprogramm in einem Abstand von drei Jahren durchgeführt.
PISA untersucht Kompetenzen in den Bereichen Naturwissenschaften, Mathematik und
Lesen. In jeder Erhebungsrunde wird jeweils eine Domäne als Schwerpunkt vertiefend
analysiert. In PISA 2000 stand die Lese-kompetenz im Zentrum, in PISA 2003 die
Mathematik. Bei PISA 2006 erhielten die Naturwissenschaften als Hauptgebiet den
größten Teil der Testzeit. Außerdem befragt PISA die Schülerinnen
und Schüler über ihre Wahrnehmung von Schule und Unterricht sowie über
Merkmale der familiären Umgebung. Die Befragung der Schulleitungen hilft,
die Ausstattung der Schulen und Rahmenbedingungen des naturwissenschaftlichen
Unterrichts international vergleichen zu können. An PISA 2006 beteiligten
sich 57 Staaten (30 OECD-Staaten und 27 Partnerstaaten). International wurden
ca. 400 000 Schülerinnen und Schüler getestet. In Deutschland nahmen
225 Schulen und 4891 fünfzehnjährige Schülerinnen und Schüler
an den Erhebungen zum internationalen Vergleich teil.
In
dem Vortrag werden die wichtigsten Ergebnisse des aktuellen internationalen Vergleichs
vorgestellt. Dabei interessiert nicht nur die Frage, wie Deutschland bei PISA
2006 in den drei gebieten Naturwissenschaften, Lesen und Mathematik abschneidet,
sondern auch, ob sich die Ergebnisse seit PISA 2000 signifikant verbessert haben.
Auskunft über Spitzen-leistungen sowie über Schülerinnen und Schüler
mit bedenklichen Schwächen geben Verteilungen auf Kompetenzstufen. Für
die Sicherung des Nachwuchses, zum Beispiel im natur-wissenschaftlich-technischen
Bereich, hat neben Wissen vor allem das Interesse Bedeutung. PISA kann hier zeigen,
inwieweit es gelingt, die besonders fähigen jungen Menschen für die
Naturwissenschaften zu begeistern. Im Blickpunkt stehen aber auch die Bedingungen
für die Kompetenzentwicklung im Unterricht und in den Schulen. Für den
Bereich der Natur-wissenschaften kann gezeigt werden, dass Rahmenbedingungen wie
die Unterrichtszeit eine Rolle spielen und dass die Gestaltung des Unterrichts
mit beträchtlichen Kompetenz- und Motivationsunterschieden zusammenhängt.
Ein weiterer wichtiger Fragenkomplex betrifft Zusammenhänge zwischen der
sozialen Herkunft, der Bildungsbeteiligung und der Kompetenzentwicklung. Im Vortrag
wird dargestellt, wie eng in Deutschland einerseits und in den OECD-Staaten andererseits
soziale Herkunft sowie Migrationshintergrund mit Kompetenz verkoppelt sind. Für
Deutschland kann immerhin festgestellt werden, dass sich der sehr enge Zusammenhang
seit PISA 2000 etwas abgeschwächt hat.
Di.
22. Jan. 2008, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft,
Sandstraße 4/5
Prof. Dr. Stefan M. Maul, Heidelberg
"Die Lösung vom Bann". Überlegungen zu altorientalischen
Konzeptionen von Krankheit und Heilkunst
Zusammen
mit: Ärztlicher Verein, Bremer Gesellschaft für Vorgeschichte, Freundeskreis
der Antike
KURZFASSUNG
Anhand von noch unveröffentlichten
keilschriftlichen Beschreibungen von Heilver-fahren, die mesopotamische Ärzte
im 2. und 1. vorchristlichen Jahrtausend auf Ton-tafeln niederschrieben, sollen
die weltbildbezogenen altorientalischen Konzeptionen von Krankheit und Heilkunst
vorgestellt werden.
Im Mittelpunkt der Untersuchung stehen Verfahren zur Behandlung einer schweren Abdominalerkrankung, die "Bann" genannt wurde. Schon der Name der Krankheit zeigt, daß die mesopotamischen Heiler keineswegs das akute und durchaus charakteristische Krankheitsbild als kennzeichnende Eigenart dieses Leidens betrachteten. Das eigentliche Wesen der als "Bann" bezeichneten Krankheit sahen sie vielmehr in einer massiven Störung im Verhältnis zwischen dem erkrankten Menschen und den Göttern. Das Krankheitsbild entwickelte sich aus der Sicht der mesopotamischen Heiler von ökonomischen Schwierigkeiten über Beeinträch-tigungen psychischer Art bis hin zu lebensbedrohlichen somatischen Störungen.
Die langwierigen therapeutischen Verfahren, die die mesopotamischen Heiler empfehlen, sehen nur in ihrem abschließenden Teil die Verabreichung von genau beschriebenen Medikamenten vor. Zuvor wurden mit Mitteln, die modernen therapeutischen Formen wie Familienaufstellung oder Gestalttherapie nicht unähn-lich sind, die tieferen, auf Schuld und Vergehen zurückgeführten Ursachen der Krankheit beseitigt.
Di.
29. Jan. 2008, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft,
Sandstraße 4/5
Prof. Dr. Birgit Meyer, Amsterdam
Bilder des Bösen
Christentum und populäre Kultur in Ghana
Zusammen mit: Übersee-Museum Bremen, Vereinigung
für Bremische Kirchengeschichte
KURZFASSUNG
Die
Anküpfungspunkte dieses Vortrags sind Bilder des Bösen aus Ghana. Hauptanliegen
ist es, die Unterschiede zwischen der Art und Weise, wie diese Bilder einerseits
in Ghana selbst, andererseits im musealen Kontext (wie z.B. die Ausstellung im
Überseemuseum All About Evil) betrachtet wurden. Während Bilder des
Bösen im Kontext einer Ausstellung mehr oder weniger harmlose Abbildungen
darstellen, gelten dieselben Bilder in Ghana potentiell als gefährlich: Bilder
des Bösen drohen sich in böse Bilder zu verwandeln. In diesem Vortrag
werden die Genese der christlichen Perspektive auf Bilder des Bösen sowie
die kontinuierliche Relevanz des Teufels im populären Christentum in Ghana
behandelt. Aufgezeigt wird, dass das Christentum eine eigene religiöse Ästhetik
mit einer eigenen Art des Sehens hervorgebracht hat, wodurch Bilder des Bösen
als real und beängstigend erscheinen.
Di.
5. Feb. 2008, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft,
Sandstraße 4/5
Prof. Dr. Marc-Thorsten Hütt,
Bremen
Die Regeln der Zelle:
Modelle biologischer Komplexität
Zusammen mit: Jacobs University Bremen, Naturwissenschaftlicher Verein, VDI
Bremer Bezirksverein, Verband Deutscher Biologen
KURZFASSUNG
Biologische
Zellen müssen sich besonderen logistischen Herausforderungen stellen: Substanzen
werden aus der Umwelt aufgenommen und durch Stoffwechselprozesse in andere Substanzen
umgesetzt, die für das Überleben, das Wachstum und das Erfüllen
verschiedenster Funktionen notwendig sind. Signale werden detektiert, weitergeleitet
und auf genetischer Ebene in Regulationsprozesse übersetzt. Im Zentrum dieser
Abläufe stehen große zelluläre Netzwerke: Gene beeinflussen andere
Gene, Stoffwechselprozesse bilden ein viele hundert Reaktionen umfassendes eng
verwobenes Geflecht.
In vielen Bereichen der Biologie ist es das Ziel, durch die genaue Analyse immer kleinerer molekularer Untereinheiten eines Systems die Funktion der jeweiligen Einheit zu verstehen. Die Systembiologie beginnt am anderen Ende des Spektrums - mit dem Blick auf das Gesamtsystem. So können Funktionen analysiert und verstanden werden, die nur durch das Zusammenwirken vieler Komponenten möglich sind: Wie bilden sich Muster durch die Wechselwirkung von Zellen? Wie widersetzen sich Gene dem Rauschen der Umwelt? Was sind die Organisationsprinzipien der Netzwerke in einer Zelle?
In diesem Vortrag werde ich Beispiele für die systembiologische Perspektive skizzieren und darstellen, wie einfache mathematische Modelle helfen können, die Prinzipien hinter diesen komplexen Strukturen aufzudecken. Zudem möchte ich zeigen, wie diese Modelle Parallelen zwischen zellulären Prozessen und gesellschaftlichen Abläufen nahelegen.
Olbers-Sitzung
Di.
12. Feb. 2008, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft,
Sandstraße 4/5
Prof. Dr. Dieter B. Herrmann,
Berlin
Die Sterne der Traumzeit -
Unter dem Firmament des australischen
Kontinents
Zusammen mit: Geographische
Gesellschaft, Olbers-Gesellschaft, VDI Bremer Bezirksverein
KURZFASSUNG
Der
Vortragende berichtet im Ergebnis von zwei Australien-Reisen über die frühzeitliche
Astronomie der australischen Ureinwohner, der Aboriginals. In faszinierenden Rindenmalereien
haben sie den Anblick des Sternhimmels festgehalten. Prof. Herrmann hat die Originale
dieser Malereien aufgespürt und erzählt, wie sie interpretiert werden.
Der
Vortrag führt uns in die Anfänge astronomischen Denkens zurück,
lange bevor die späteren Hochkulturen die Entwicklung unserer abendländischen
Astronomie einleiteten.
Langjähriger Direktor der Archenhold-Sternwarte
Berlin und des Zeiss-Großplanetariums. Er ist heute Präsident der Leibniz-Sozietät
der Wissenschaften zu Berlin.
Di.
19. Feb. 2008, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft,
Sandstraße 4/5
Prof. Dr. Peter Lemke, Bremerhaven
Eiszeit oder Treibhausklima?
Ergebnisse des Vierten UN-Klimaberichtes (IPCC
2007)
Zusammen mit: Alfred-Wegener-Institut,
Naturwissenschaftlicher Verein, Universität Bremen, VDI Bremer Bezirksverein,
Verband Deutscher Biologen
KURZFASSUNG
Eine charakteristische
Eigenschaft des Klimas ist seine ausgeprägte Variabilität, die sich
auf Zeitskalen von Tagen bis zu Jahrmillionen erstreckt. Die Ursachen von Klimaschwankungen
kommen durch die Wechselwirkung der Atmosphäre mit den trägen Komponenten
des Klimasystems (Ozean, Eis, Biosphäre) zustande. Das Klima der Erde hat
sich in der Vergangenheit stark geändert und wird sich auch in Zukunft ändern.
Anders als in der Vergangenheit wird es aber für Klimaänderungen in
der Zukunft neben den natürlichen Ursachen auch bedeutende Einflüsse
durch menschliche Aktivitäten geben.
Seit Beginn der Industrialisierung
hat sich die Zusammensetzung der Atmosphäre, insbesondere der Gehalt an Treibhausgasen,
wie Kohlendioxid und Methan durch menschliche Aktivitäten signifikant erhöht.
Zudem hat der Mensch durch die Landwirtschaft und den Bau von Städten und
Kommunikationswegen den Charakter der Landoberfläche entscheidend verändert,
mit signifikanten Einwirkungen auf die Strahlungs- und Energiebilanz an der Erdoberfläche
und auf den Wasserkreislauf. Der größte Anteil an der globalen Erwärmung
der letzten 50 Jahre wird diesen menschlichen Aktivitäten zugeschrieben,
so lautet das Fazit des Vierten Sachstandsberichtes des Intergovernmental Panel
of Climate Change (IPCC), dessen erster Teil über die wissenschaftlichen
Grundlagen der Klimaänderungen am 2. Februar 2007 veröffentlicht wurde.
Im Vortrag werden die Resultate dieses Berichts vorgestellt.
Abschlussveranstaltung
Di.
1. Apr. 2008, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft,
Sandstraße 4/5
Prof. Dr. Paul Raabe, Wolfenbüttel
Freiherr von Knigge und die Aufklärung in Deutschland
Zusammen
mit: Bremer Ortsvereinigung der Goethe-Gesellschaft in Bremen, Historische Gesellschaft,
Die MAUS, Staats- und Universitätsbibliothek, Stiftung Bremer Dom
KURZFASSUNG
Ausgehend
von Bremen, der letzten Lebensstation von Adolph Freiherrn Knigge (1752-1796),
werden der oft geschmähte, seit einem halben Jahrhundert aber anerkannte
Aufklärungsschriftsteller gewürdigt, sein Lebenslauf skizziert und seine
literarischen, moralphilosophischen, vor allem seine in Bremen herausgebrachten
politischen Schriften im Zusammenhang mit der Aufklärung in Deutschland vorgestellt.
Im Schlussteil wird auf die Rezeptionsgeschichte und die heutige Knigge-Forschung
eingegangen.
Zur Erläuterung: 1790 legte Knigge sein Adelsprädikat ab und nannte sich Freiherr Knigge.
Eröffnungsveranstaltung
Di.
30. Okt. 2007, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft,
Sandstraße 4/5
Prof. Dr. phil. Dr. h.c. mult.
Horst Fuhrmann, München
Die Konstantinische Schenkung
Geschichte
eines falschen Dokuments
Zusammen mit: Freundeskreis
der Antike, Historische Gesellschaft, Vereinigung für Bremische Kirchengeschichte,
Stiftung Bremer Dom
KURZFASSUNG
Unter
den zahlreichen mittelalterlichen Fälschungen nimmt die Konstantinische Schenkung
wegen ihrer historischen Wichtigkeit eine Sonderstellung ein: hergestellt vor
850, doch wirksam geworden erst vom 11. Jahrhundert an. Sie gibt vor, dass der
durch die Taufe von der Lepra geheilte Kaiser Konstantin (gestorben 337) aus Dankbarkeit
dem Papst Silvester das Kaisertum und die Herrschaft über das Abendland geschenkt
hat. Auf das Ende des Mittelalters zu mehren sich die Stimmen, die das Dokument
für apokryph halten (Nikolaus von Kues, Lorenzo Valla), und die Reformatoren
sehen sich bestätigt; der Primat des Papstes sei ein Ergebnis von Fälschungen.
Der erkannte Fälschungscharakter änderte nichts an der Wirksamkeit.
Im 19. Jahrhundert verliert der Papst den Kirchenstaat, Papst Paul VI. legt 1964
die Tiara, das Zeichen weltlicher Würde ab, aber erst Benedikt XVI. hat im
Papstwagen die Tiara gegen die Mitra getauscht. Der Papst ist oberster Hirte,
nicht Herrscher, wie die Konstantinische Schenkung es will.
Di.
6. Nov. 2007, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft,
Sandstraße 4/5
Prof. Dr. Burghard W. Flemming,
Wilhelmshaven
Wohin wandern die Ostfriesischen Inseln?
Zusammen
mit: Geographische Gesellschaft, Naturwissenschaftlicher Verein
KURZFASSUNG
In
der populärwissenschaftlichen Literatur wird selbst heute noch vielfach behauptet,
dass die Ostfriesischen Inseln entlang der Küste nach Osten wandern. Nach
dieser Vorstellung wird an den Westköpfen der Inseln Sand abgetragen, an
den Stränden ostwärts transportiert und schließlich an den Ostköpfen
abgelagert. Dieser Mechanismus stützt sich auf morphologische Veränderungen,
die auf historischen Karten seit 1650 AD angeblich sichtbar und deshalb als eindeutiger
Beweis zu betrachtet seien. Erst im Verlauf der letzten Jahrzehnte wurde diese
Hypothese von Geologen aufgrund der zunehmenden Anzahl von Bohraufschlüssen
im Watt und auf den Inseln sowie einer andersartigen Interpretation der historischen
Karten infrage gestellt. Den neuen Erkenntnissen zufolge, wandern die Inseln nicht
ostwärts entlang der Küste, sondern in süd-südöstlicher
Richtung über ihr eigenes Rückseitenwatt hinweg auf die Festlandsküste
zu. Es stellen sich somit zwei Fragen: 1) Warum soll die scheinbar sattelfeste
ursprüngliche Hypothese heute nicht mehr stimmen? Daraus folgt 2) Wie beweiskräftig
ist die alternative Interpretation tatsächlich? Neben ganz konkreten Hinweisen,
sprechen auch theoretische Überlegungen gegen eine küstenparallele Ostwanderung
der Inseln. So könnte es sich um eine Nehrung handeln, die bei Den Helder
in den Niederlanden ihren Ursprung nahm und sich im Laufe der Zeit durch küstenparallelen
Sandtransport nach Osten vorgebaut hat. Nach Erreichen einer bestimmten Länge
wird ein Nehrungsabschnitt jeweils durch einen schweren Sturm durchbrochen, was
zur Bildung eines Seegats und einer Insel führt. Dieser Prozess müsste
sich fortlaufend wiederholt haben bis schließlich die heute bestehende Inselkette
entstanden ist. Solche Nehrungsinseln sind durchaus von anderen Küsten her
bekannt. Trifft dieser Mechanismus aber auf die Friesischen Inseln zu? Diese Frage
kann aus zwei Gründen verneint werden. Zum einen wandern solche Inseln nicht,
sondern es würde sich von Zeit zu Zeit immer nur eine neue Insel am äußersten
Ende der Inselkette bilden. Zum anderen wäre jede neue Insel jünger
als die vorherige, was durch Altersbestimmungen der einzelnen Inseln nicht bestätigt
wird, da sie alle etwa gleich alt sind. Auch ein anderer Nehrungsprozess, in welchem
sich immer wieder neue Inseln am Anfang der Nehrung bilden, kann ausgeschlossen
werden. Dies würde zwar eine Ostwanderung der jeweils übrigen Inseln
voraussetzen, aber für einen solchen Mechanismus gibt es weder ein natürliches
Beispiel noch ein physikalisch plausibles Modell. So müsste aufgrund der
gleichzeitigen Ostverlagerung der Seegaten, die Basis jeder Insel auf die Tiefe
der benachbarten Rinne eingeebnet worden sein. Die Bohrkerne zeigen hingegen eine
bewegte pleistozäne Topographie unter den Inseln, die eindeutig gegen eine
fortlaufende Ostverlagerung der Rinnen spricht. Betrachtet man die morphologischen
Veränderungen der letzten Jahrhunderte im Detail, dann stellt man fest, dass
sich beispielsweise die Insel Juist in der Tat um mehr als einen Kilometer landwärts
verlagert hat, bei gleichzeitigem Längenwachstum in beide Richtungen. Dies
wurde von den Vertretern der Ostwanderungshypothese offensichtlich übersehen.
Nicht so eindeutig ist dies bei den übrigen Inseln. Allerdings muss hier
berücksichtigt werden, dass im Zuge der Landgewinnung die Volumina der Gezeitenbecken
unterschiedlich stark verkleinert worden sind. Weniger Durchfluss aber bedingt
kleinere Seegaten und längere Inseln. Die morphologischen Veränderungen
in historischer Zeit spiegeln somit lediglich eine, den neuen hydraulischen Verhältnissen
angepasste Umlagerung von Sediment wider und ist somit schlicht eine Reaktion
auf die menschlichen Eingriffe in das System. Die Bohrkerne wiederum zeigen eine
vertikale Abfolge von Sedimentfazies, wie sie - im Zuge eines steigenden Meeresspiegels
- von einem sich landwärts verlagernden Insel-Watt-System zwingend zu erwarten
ist. Diese Tendenz der Inselverlagerung wird sich im Zuge eines beschleunigten
Meeresspiegelanstiegs ebenfalls beschleunigen.
Di.
13. Nov. 2007, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft,
Sandstraße 4/5
Prof. Dr. Gert Sautermeister,
Bremen
Das Erotische in Sprache und Literatur
Zusammen
mit: Bremer Ortsgesellschaft der Goethe-Gesellschaft
in Weimar
KURZFASSUNG
Das Erotische kann sich im Reich der
Sprache und Literatur in vielen Gestalten bekunden: in Reimen, Rhythmen, im Wechselgesang,
als sinnliche, metaphysische und mystische Liebe. Eros tritt auch als Gegenspieler
zur Gesellschaft auf, stellt soziale und moralische Normen in Frage oder entwirft
neue Formen des Zusammenlebens. Und er ist eine poetische Produktionskraft ersten
Ranges: er fördert und beschwingt das Erzählen, regt den Spieltrieb
von Lesern und Hörern an, stiftet geselliges Vergnügen. Der Vortrag
bringt einige charakteristische Erscheinungsweisen des Erotischen zur Sprache.
Sie werden veranschaulicht durch literarische Beispiele, die vom Mittelalter bis
zur Gegenwart reichen. Neben deutscher Literatur werden auch klassische europäische
Werke einbezogen.
Di. 4.
Dez. 2007, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft,
Sandstraße 4/5
Dipl.-Ing. Boris Penné,
Bremen
Erderkundung per Satellit -
Europa ganz weit vorne im
globalen Umweltschutz, Krisenmanagement und der Landwirtschaft
Zusammen
mit: VDE Zweigstelle Bremen, VDI Bremer Bezirksverein
KURZFASSUNG
Im
letzten Jahrzehnt stiegen die Anstrengungen der EU und der Europea Space Agency
(ESA) globale und nationale Fragen zu Umweltschutz, Krisenmanagement und der Landwirtschaft
durch die Erdfernerkundung zu unterstützen - nicht zuletzt durch das Satellitenprojekt
Envisat - dem bisher größten Europäischen Satellit überhaupt.
Jetzt bekommen diese Anstrengungen ein neues Moment durch die Planungen zu
GMES - Global Monitoring for Environment and Security. Hierzu laufen eine Reihe
von Satellitenausschreibungen, deren Gesamtmissionszeit auf über 20 Jahre
ausgelegt wird. Im Vordergrund stehen dabei nutzerspezifische Erdbeobachtungsdaten,
die ein breites Anwendungsspektrum abdecken.
In diesem Feld spielt Deutschland
eine treibende Rolle. So finanziert Deutschland über die Deutsche Luft- und
Raumfahrtgesellschaft (DLR) sowohl eigene nationale Erderkundungsmissionen als
auch die Europäischen Missionen der ESA durch direkte Beteiligungen der ESA
Programme als auch indirekte Beteiligungen an der EU Finanzierung zu GMES. Das
DLR finanziert momentan die beiden Missionen TerraSAR und TandemX, die kommerziell
orientiert Produkte zu Kartierungszwecken und digitalen Geländehöhenmodellen
vermarkten wollen. Parallel dazu wird die Satellitenmission EnMAP finanziert,
die im wissenschaftlichen Bereich angesiedelt ist und durch seine hohe Anzahl
von einzelnen Spektralkanälen wesentlich detailliertere Erkenntnisse von
Vegetationszuständen oder Wasserqualitäten erlauben wird. Dies ist z.B.
wichtig um genaue Umweltzustände aufzunehmen um dann auf der Erde geeignete
Verbesserungsmaßnahmen treffen zu können.
Auch die Deutsche Bundeswehr
ist stark an Erderkundungsmissionen zur hochauflösenden Aufklärung interessiert.
So startete die Firma OHB-System AG Bremen im Auftrag der Bundeswehr grade die
ersten drei von fünf SAR-Lupe Satelliten mit der Fähigkeit Tag und Nachts
Aufnahmen der Erde in einer Auflösung von unter 1 Meter bereitzustellen.
Der
Vortrag führt über einige Grundlagen der Erderkundung per Satellit zu
den laufenden Programmen in Deutschland und Europa. Dabei werden einzelne Satellitenmissionen
von der technische Seite und von dem Nutzen im Detail vorgestellt. Während
der gesamten Präsentation bleiben dabei die Anwendungen der Erdfernerkundung
im Focus: Umweltschutz, Krisenmanagement, Landwirtschaft und Meteorologie.
Di.
15. Jan. 2008, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft,
Sandstraße 4/5
Prof. Dr. Manfred Prenzel, Kiel
Neues von PISA: Befunde des internationalen Leistungsvergleichs
2006 und
Folgerungen
Zusammen mit: Landeszentrale für
politische Bildung, Universität Bremen
KURZFASSUNG
PISA,
das "Programme for International Student Assessment" untersucht, wie
gut die Schülerinnen und Schüler im Alter von fünfzehn Jahren auf
Herausforderungen der Wissens-gesellschaft vorbereitet sind. Die Erhebungen werden
mit einem abgestimmten Testprogramm in einem Abstand von drei Jahren durchgeführt.
PISA untersucht Kompetenzen in den Bereichen Naturwissenschaften, Mathematik und
Lesen. In jeder Erhebungsrunde wird jeweils eine Domäne als Schwerpunkt vertiefend
analysiert. In PISA 2000 stand die Lese-kompetenz im Zentrum, in PISA 2003 die
Mathematik. Bei PISA 2006 erhielten die Naturwissenschaften als Hauptgebiet den
größten Teil der Testzeit. Außerdem befragt PISA die Schülerinnen
und Schüler über ihre Wahrnehmung von Schule und Unterricht sowie über
Merkmale der familiären Umgebung. Die Befragung der Schulleitungen hilft,
die Ausstattung der Schulen und Rahmenbedingungen des naturwissenschaftlichen
Unterrichts international vergleichen zu können. An PISA 2006 beteiligten
sich 57 Staaten (30 OECD-Staaten und 27 Partnerstaaten). International wurden
ca. 400 000 Schülerinnen und Schüler getestet. In Deutschland nahmen
225 Schulen und 4891 fünfzehnjährige Schülerinnen und Schüler
an den Erhebungen zum internationalen Vergleich teil.
In dem Vortrag werden
die wichtigsten Ergebnisse des aktuellen internationalen Vergleichs vorgestellt.
Dabei interessiert nicht nur die Frage, wie Deutschland bei PISA 2006 in den drei
gebieten Naturwissenschaften, Lesen und Mathematik abschneidet, sondern auch,
ob sich die Ergebnisse seit PISA 2000 signifikant verbessert haben. Auskunft über
Spitzen-leistungen sowie über Schülerinnen und Schüler mit bedenklichen
Schwächen geben Verteilungen auf Kompetenzstufen. Für die Sicherung
des Nachwuchses, zum Beispiel im natur-wissenschaftlich-technischen Bereich, hat
neben Wissen vor allem das Interesse Bedeutung. PISA kann hier zeigen, inwieweit
es gelingt, die besonders fähigen jungen Menschen für die Naturwissenschaften
zu begeistern. Im Blickpunkt stehen aber auch die Bedingungen für die Kompetenzentwicklung
im Unterricht und in den Schulen. Für den Bereich der Natur-wissenschaften
kann gezeigt werden, dass Rahmenbedingungen wie die Unterrichtszeit eine Rolle
spielen und dass die Gestaltung des Unterrichts mit beträchtlichen Kompetenz-
und Motivationsunterschieden zusammenhängt. Ein weiterer wichtiger Fragenkomplex
betrifft Zusammenhänge zwischen der sozialen Herkunft, der Bildungsbeteiligung
und der Kompetenzentwicklung. Im Vortrag wird dargestellt, wie eng in Deutschland
einerseits und in den OECD-Staaten andererseits soziale Herkunft sowie Migrationshintergrund
mit Kompetenz verkoppelt sind. Für Deutschland kann immerhin festgestellt
werden, dass sich der sehr enge Zusammenhang seit PISA 2000 etwas abgeschwächt
hat.
Di. 22. Jan. 2008,
20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Prof. Dr. Stefan M. Maul, Heidelberg
"Die
Lösung vom Bann". Überlegungen zu altorientalischen
Konzeptionen
von Krankheit und Heilkunst
Zusammen mit: Ärztlicher
Verein, Bremer Gesellschaft für Vorgeschichte, Freundeskreis der Antike
KURZFASSUNG
Anhand
von noch unveröffentlichten keilschriftlichen Beschreibungen von Heilver-fahren,
die mesopotamische Ärzte im 2. und 1. vorchristlichen Jahrtausend auf Ton-tafeln
niederschrieben, sollen die weltbildbezogenen altorientalischen Konzeptionen von
Krankheit und Heilkunst vorgestellt werden.
Im Mittelpunkt der Untersuchung
stehen Verfahren zur Behandlung einer schweren Abdominalerkrankung, die "Bann"
genannt wurde. Schon der Name der Krankheit zeigt, daß die mesopotamischen
Heiler keineswegs das akute und durchaus charakteristische Krankheitsbild als
kennzeichnende Eigenart dieses Leidens betrachteten. Das eigentliche Wesen der
als "Bann" bezeichneten Krankheit sahen sie vielmehr in einer massiven
Störung im Verhältnis zwischen dem erkrankten Menschen und den Göttern.
Das Krankheitsbild entwickelte sich aus der Sicht der mesopotamischen Heiler von
ökonomischen Schwierigkeiten über Beeinträch-tigungen psychischer
Art bis hin zu lebensbedrohlichen somatischen Störungen. Die langwierigen
therapeutischen Verfahren, die die mesopotamischen Heiler empfehlen, sehen nur
in ihrem abschließenden Teil die Verabreichung von genau beschriebenen Medikamenten
vor. Zuvor wurden mit Mitteln, die modernen therapeutischen Formen wie Familienaufstellung
oder Gestalttherapie nicht unähn-lich sind, die tieferen, auf Schuld und
Vergehen zurückgeführten Ursachen der Krankheit beseitigt.
Di.
29. Jan. 2008, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft,
Sandstraße 4/5
Prof. Dr. Birgit Meyer, Amsterdam
Bilder des Bösen
Christentum und populäre Kultur in Ghana
Zusammen mit: Übersee-Museum Bremen, Vereinigung
für Bremische Kirchengeschichte
KURZFASSUNG
Die
Anküpfungspunkte dieses Vortrags sind Bilder des Bösen aus Ghana. Hauptanliegen
ist es, die Unterschiede zwischen der Art und Weise, wie diese Bilder einerseits
in Ghana selbst, andererseits im musealen Kontext (wie z.B. die Ausstellung im
Überseemuseum All About Evil) betrachtet wurden. Während Bilder des
Bösen im Kontext einer Ausstellung mehr oder weniger harmlose Abbildungen
darstellen, gelten dieselben Bilder in Ghana potentiell als gefährlich: Bilder
des Bösen drohen sich in böse Bilder zu verwandeln. In diesem Vortrag
werden die Genese der christlichen Perspektive auf Bilder des Bösen sowie
die kontinuierliche Relevanz des Teufels im populären Christentum in Ghana
behandelt. Aufgezeigt wird, dass das Christentum eine eigene religiöse Ästhetik
mit einer eigenen Art des Sehens hervorgebracht hat, wodurch Bilder des Bösen
als real und beängstigend erscheinen.
Di.
5. Feb. 2008, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft,
Sandstraße 4/5
Prof. Dr. Marc-Thorsten Hütt,
Bremen
Die Regeln der Zelle:
Modelle biologischer Komplexität
Zusammen mit: Jacobs University Bremen, Naturwissenschaftlicher Verein, VDI
Bremer Bezirksverein, Verband Deutscher Biologen
KURZFASSUNG
Biologische
Zellen müssen sich besonderen logistischen Herausforderungen stellen: Substanzen
werden aus der Umwelt aufgenommen und durch Stoffwechselprozesse in andere Substanzen
umgesetzt, die für das Überleben, das Wachstum und das Erfüllen
verschiedenster Funktionen notwendig sind. Signale werden detektiert, weitergeleitet
und auf genetischer Ebene in Regulationsprozesse übersetzt. Im Zentrum dieser
Abläufe stehen große zelluläre Netzwerke: Gene beeinflussen andere
Gene, Stoffwechselprozesse bilden ein viele hundert Reaktionen umfassendes eng
verwobenes Geflecht. In vielen Bereichen der Biologie ist es das Ziel, durch die
genaue Analyse immer kleinerer molekularer Untereinheiten eines Systems die Funktion
der jeweiligen Einheit zu verstehen. Die Systembiologie beginnt am anderen Ende
des Spektrums - mit dem Blick auf das Gesamtsystem. So können Funktionen
analysiert und verstanden werden, die nur durch das Zusammenwirken vieler Komponenten
möglich sind: Wie bilden sich Muster durch die Wechselwirkung von Zellen?
Wie widersetzen sich Gene dem Rauschen der Umwelt? Was sind die Organisationsprinzipien
der Netzwerke in einer Zelle? In diesem Vortrag werde ich Beispiele für die
systembiologische Perspektive skizzieren und darstellen, wie einfache mathematische
Modelle helfen können, die Prinzipien hinter diesen komplexen Strukturen
aufzudecken. Zudem möchte ich zeigen, wie diese Modelle Parallelen zwischen
zellulären Prozessen und gesellschaftlichen Abläufen nahelegen.
Olbers-Sitzung
Di.
12. Feb. 2008, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft,
Sandstraße 4/5
Prof. Dr. Dieter B. Herrmann,
Berlin
Die Sterne der Traumzeit -
Unter dem Firmament des australischen
Kontinents
Zusammen mit: Geographische
Gesellschaft, Olbers-Gesellschaft, VDI Bremer Bezirksverein
KURZFASSUNG
Der
Vortragende berichtet im Ergebnis von zwei Australien-Reisen über die frühzeitliche
Astronomie der australischen Ureinwohner, der Aboriginals. In faszinierenden Rindenmalereien
haben sie den Anblick des Sternhimmels festgehalten. Prof. Herrmann hat die Originale
dieser Malereien aufgespürt und erzählt, wie sie interpretiert werden.
Der
Vortrag führt uns in die Anfänge astronomischen Denkens zurück,
lange bevor die späteren Hochkulturen die Entwicklung unserer abendländischen
Astronomie einleiteten. Langjähriger Direktor der Archenhold-Sternwarte Berlin
und des Zeiss-Großplanetariums. Er ist heute Präsident der Leibniz-Sozietät
der Wissenschaften zu Berlin. Im Anschluss an den Vortrag besteht die Möglichkeit,
das Buch "Sterne der Traumzeit" zu erwerben und vom Autor signieren
zu lassen.
Di. 19. Feb. 2008,
20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Prof. Dr. Peter Lemke, Bremerhaven
Eiszeit oder
Treibhausklima?
Ergebnisse des Vierten UN-Klimaberichtes (IPCC 2007)
Zusammen
mit: Alfred-Wegener-Institut, Naturwissenschaftlicher Verein, Universität
Bremen, VDI Bremer Bezirksverein, Verband Deutscher Biologen
KURZFASSUNG
Eine
charakteristische Eigenschaft des Klimas ist seine ausgeprägte Variabilität,
die sich auf Zeitskalen von Tagen bis zu Jahrmillionen erstreckt. Die Ursachen
von Klimaschwankungen kommen durch die Wechselwirkung der Atmosphäre mit
den trägen Komponenten des Klimasystems (Ozean, Eis, Biosphäre) zustande.
Das Klima der Erde hat sich in der Vergangenheit stark geändert und wird
sich auch in Zukunft ändern. Anders als in der Vergangenheit wird es aber
für Klimaänderungen in der Zukunft neben den natürlichen Ursachen
auch bedeutende Einflüsse durch menschliche Aktivitäten geben.Seit Beginn
der Industrialisierung hat sich die Zusammensetzung der Atmosphäre, insbesondere
der Gehalt an Treibhausgasen, wie Kohlendioxid und Methan durch menschliche Aktivitäten
signifikant erhöht. Zudem hat der Mensch durch die Landwirtschaft und den
Bau von Städten und Kommunikationswegen den Charakter der Landoberfläche
entscheidend verändert, mit signifikanten Einwirkungen auf die Strahlungs-
und Energiebilanz an der Erdoberfläche und auf den Wasserkreislauf. Der größte
Anteil an der globalen Erwärmung der letzten 50 Jahre wird diesen menschlichen
Aktivitäten zugeschrieben, so lautet das Fazit des Vierten Sachstandsberichtes
des Intergovernmental Panel of Climate Change (IPCC), dessen erster Teil über
die wissenschaftlichen Grundlagen der Klimaänderungen am 2. Februar 2007
veröffentlicht wurde. Im Vortrag werden die Resultate dieses Berichts vorgestellt.
Abschlussveranstaltung
Di.
1. Apr. 2008, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft,
Sandstraße 4/5
Prof. Dr. Paul Raabe, Wolfenbüttel
Freiherr von Knigge und die Aufklärung in Deutschland
Zusammen
mit: Bremer Ortsvereinigung der Goethe-Gesellschaft in Bremen, Historische Gesellschaft,
Die MAUS, Staats- und Universitätsbibliothek, Stiftung Bremer Dom
KURZFASSUNG
Ausgehend
von Bremen, der letzten Lebensstation von Adolph Freiherrn Knigge (1752-1796),
werden der oft geschmähte, seit einem halben Jahrhundert aber anerkannte
Aufklärungsschriftsteller gewürdigt, sein Lebenslauf skizziert und seine
literarischen, moralphilosophischen, vor allem seine in Bremen herausgebrachten
politischen Schriften im Zusammenhang mit der Aufklärung in Deutschland vorgestellt.
Im Schlussteil wird auf die Rezeptionsgeschichte und die heutige Knigge-Forschung
eingegangen.
Zur Erläuterung: 1790 legte Knigge sein Adelsprädikat ab und nannte sich Freiherr Knigge.
Di. 24. Okt. 2006, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Prof. Dr. Josef
H. Reichholf, München
Unsere Natur im globalen
Wandel
Wie problematisch sind die ›neuen
Arten‹?
Zusammen mit: Alfred-Wegener-Institut,
Naturwissenschaftlicher Verein, Universität Bremen
Kurzfassung
Fremde
Arten machen seit geraumer Zeit Schlagzeilen. Global gelten sie als eine der Hauptbedrohung
der Biodiversität. Wie steht es bei uns mit den "Neuen"? Es gibt
so viele davon, aber nur wenige sind "invasiv" geworden. Lassen sich
Vorhersagen machen, welche Art(en) invasiv werden könnten? Sind die "Neuen"
der Ausdruck des globalen Wandels in Klima und Verkehr? Was geht aus ihrem Vordringen
hervor? Solche Fragen, die sich in unserer Gegenwart stellen, müssen mit
den historischen Vorgängen verbunden werden. Die Natur war auch in früheren
Jahrhunderten starken Veränderungen unterworfen. Globalisierung setzte mit
Kolumbus ein, begann also schon vor einem halben Jahrtausend. Was "heimisch"
und "fremd" ist, kann nicht einfach an einem Datum festgemacht werden.
Wollten wir alles Neue seit Kolumbus aus unserer Natur entfernen, sähe diese
sehr arm aus. Um mit dem Wandel in der Natur umgehen zu können, brauchen
wir vernünftige Bewertungen, die sich nicht an Zeit und Vergangenheit, sondern
an den Auswirkungen der Arten orientieren. Vor allem aber müssen wir die
Gründe des für uns problematischen "Erfolgs" einiger weniger
Arten kennen, um richtig darauf reagieren zu können.
Di. 7. Nov. 2006, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Prof. Dr. Dr. Hans-Martin
Schönherr-Mann, München
Hannah Arendt heute
Weltverständnis und Plädoyer für demokratische Tugenden
Zusammen
mit: Landeszentrale für politische Bildung, Philosophische Gesellschaft Bremerhaven,
Philosophische Gesellschaft in Bremen, Universität Bremen
Di. 14. Nov. 2006, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Dr. Ernst
Huenges, Potsdam
Kraftwerke unter der Erde
Geothermie
Zusammen
mit: Naturwissenschaftlicher Verein, Universität Bremen, VDI Bremer Bezirksverein
Kurzfassung
Die gegenwärtig hochaktuelle Debatte um Energielieferungen,
Gas- oder Ölpreise und Klimawandel zeigt, dass die Entwicklung nachhaltiger
und umweltverträglicher Energieversorgungsstrukturen eine der dringendsten
Zukunftsaufgaben ist, denen wir uns stellen müssen. Daher erarbeitet das
GeoForschungsZentrum Potsdam wissenschaftliche und technologische Grundlagen,
um mit einer wirtschaftlichen Nutzung der Erdwärme zu dieser Zukunftsaufgabe
beitragen zu können. In der Regel eher niedrige Temperaturen in der Erde
implizieren, aus Erdwärme Wärme und Strom, also eine Form der Kraftwärmekopplung
KWK, bereitzustellen. So soll in der geothermischen Technologieentwicklung im
Sinne einer schrittweisen Vorgehensweise mit dem bohrtechnischen Aufschluss des
In-situ-Geothermielabors in Groß Schönebeck bei Berlin die Machbarkeit
geothermischer Stromerzeugung aus tiefen sedimentären, heißwasserführenden
Speichergesteinen demonstriert werden. In einem nächsten Schritt ist der
Aufbau eines geothermischen Kraftwerkes mit Unterstützung des Energieversorgungsunternehmens
Vattenfall Europe AG vorgesehen. Ziel ist die Entwicklung und der Test innovativer
Anlagenkonzepte. Eine weitere Aufgabe liegt in der Übertragung der Erkenntnisse
der Lagerstättenerkundung, -erschließung und -behandlung auf andere
Standorte mit ähnlichen geologischen Randbedingungen. Die geothermischen
Forschungsarbeiten sind in vielfältige internationale Kooperationen zur Erschließung
und Nutzung der Erdwärme eingebunden. Die sich daraus ergebenden wechselseitigen
Entwicklungsimpulse und Synergien werden die geothermische Technologieentwicklung
auch international voranbringen.
Der Beitrag wird Ergebnisse, die im ersten
deutschen Heizkraftwerk Neustadt Glewe erzielt wurden, zeigen, diese mit den Erfahrungen
in der Entwicklung des In-situ-Geothermielabors Groß Schönebeck und
mit Erfahrungen aus der Energieversorgung der deutschen Parlamentsbauten zusammenbringen.
Abschließend sollen die Vor- und Nachteile von geothermisch getriebenen
Anlagen der KWK und die Rolle von saisonalen Speichern diskutiert werden.
Di. 21. Nov. 2006, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Prof. Dr. Peter
Weiß, Kiel
Die Vision Konstantins
Zusammen
mit: Evangelischer Arbeitskreis für kulturelle Fragen, Freundeskreis der Antike
zu Bremen, Historische Gesellschaft, Stiftung Bremer Dom, Vereinigung für Bremische
Kirchengeschichte
Kurzfassung
Wer kennt die Geschichte nicht:
Dem Kaiser Konstantin (306-337 n.Chr.) soll im Kampf gegen seinen Rivalen Maxentius
ein Kreuz am Himmel erschienen sein mit der Verheißung: "In diesem
Zeichen siege". Für die christliche Tradition war diese Szene über
Jahrhunderte hin ein strahlendes Beispiel für das Wirken Gottes in der Geschichte,
bis sie mit der Aufklärung in die Mottenkiste frommer Legenden verbannt wurde.
Für die moderne Forschung ist sie nach wie vor ein Ärgernis. Denn bis
heute sucht man nach einem plausiblen Grund für die epochale Entscheidung
Konstantins, das Christentum nach blutigen Verfolgungen massiv zu fördern
und die Sache der Christen zu seiner eigenen zu machen. Diesen Bruch mit der Tradition
bezeichnet man als "Konstantinische Wende". Die Folgen waren epochal
- das Römische Reich wurde christlich, und daraus entstand das christliche
Abendland. Wenn man die historischen Berichte über Konstantins ‚Vision' genau
analysiert, bietet sich überraschenderweise eine reale Lösung an. Denn
es gibt tatsächlich spektakuläre Lichterscheinungen um die Sonne, die
die Form von einem ‚Kreuz' in einem ‚Kranz' haben können, sogenannte Halos,
die jedem Meteorologen wohlvertraut sind. Diese Lösung wurde vom Vortragenden
bereits schriftlich publiziert; der Beitrag ist 2003 auch ins Englische übersetzt
worden. Im Vortrag wird diese These vom Schlüsselerlebnis Konstantins vorgeführt.
Ferner soll gezeigt werden, daß sich die Formen des großen Halos auf
neue christliche Symbole und Bilder auswirkten, die jedem vertraut sein dürften.
Di.
28. Nov. 2006, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft,
Sandstraße 4/5
Dr. Harald Meller, Halle/Saale
Die Himmelsscheibe von Nebra
Neueste Erkenntnisse
Zusammen mit: Bremer Gesellschaft für Vorgeschichte,
Freundeskreis der Antike zu Bremen, Historische Gesellschaft, Olbers-Gesellschaft
Kurzfassung
Über die seit dem Frühjahr 2002 weltweit bekannt
gewordene Himmelsscheibe von Nebra wird Dr. Harald Meller in diesem Vortrag berichten.
Als einer der Hauptakteure wird der Leiter des Landesmuseums für Vorgeschichte
in Halle aus erster Hand von der spektakulären Sicherstellung des Schatzfundes
erzählen. Die Himmelsscheibe war zunächst von Raubgräbern entdeckt
und illegal auf dem Schwarzmarkt angeboten worden. Bei einem krimireifen Polizeieinsatz
in der Schweiz gelang es, den Fund für die Allgemeinheit zu retten. Seit
Monaten wird die Himmelsscheibe nun wissenschaftlich untersucht. Über die
neuesten Forschungsergebnisse berichtet Harald Meller in seinem Vortrag. Die einzigartige
Bronzescheibe aus der Zeit um 1600 v. Chr. gilt als Schlüsselfund für
die europäische Vorgeschichte, die Astronomiegeschichte und frühe Religionsgeschichte.
Sie ist der älteste Beleg für die erstaunlichen astronomischen Kenntnisse
der Menschen in der frühen Bronzezeit. In hauchdünnem Gold sind insgesamt
32 Sterne, darunter die Plejaden dargestellt, die von großer Bedeutung für
Ackerbau und Schifffahrt waren. Sonne, Sichelmond und Horizontbögen sowie
eine Sonnenbarke als religiöses Symbol vervollständigen das Bild.
Die zusammen mit der Himmelsscheibe gefundenen Gegenstände - darunter zwei
kostbare Bronzeschwerter - lassen weitreichende Beziehungen bis ins östliche
Mittelmeergebiet erkennen.
Di.
5. Dez. 2006, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft,
Sandstraße 4/5
Prof. Dr. Volker Mosbrugger,
Tübingen
Klima, Erde, Leben – Wie verletzlich
ist unser Planet?
Zusammen mit: Alfred-Wegener-Institut,
Förderkreis Humangenetik, Max-Planck-Institut für Marine Mikrobiologie, Naturwissenschaftlicher
Verein, Universität Bremen
Di. 9. Jan. 2007, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Dr. Birgit
Nachtwey, Bremen
Malerinnen um 1900
Am Beispiel Hermine Overbeck-Rohte und Paula Becker-Modersohn
Lichtbildervortrag
Zusammen mit: Gerhard-Marcks-Stiftung,
Kunstverein in Bremen, Stiftung Fritz und Hermine Overbeck
Di. 23. Jan. 2007, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Dr. Thomas
Eich, Bochum
Orient und Okzident
Sprach- und
Verständigungsmöglichkeiten zwischen islamischem und westlichem Denken
Zusammen mit: Freundeskreis der Antike zu Bremen, Historische
Gesellschaft, Stiftung Bremer Dom, Vereinigung für Bremische Kirchengeschichte
Kurzfassung
Die Geschichte von Christentum
und Islam ist gleichermaßen von Phasen intensiver Konflikte, friedlichem
Miteinander und auch Gleichgültigkeit gegeneinander geprägt. Ereignisse
wie der 11. September und politische Prozesse wie die Verhandlungen über
einen EU-Beitritt der Türkei rücken immer wieder die Frage in den Mittelpunkt,
wo Gemeinsamkeiten unterschiedlicher Weltregionen wie auch –religionen liegen
können, wie weit diese tragen, wo die Unterschiede beginnen und ab wann diese
eine diskursive Auseinandersetzung behindern oder unmöglich machen. Der Vortrag
wird historische Schlaglichter auf die Geschichte des Islams werfen, die großen
Entwicklungslinien nachzeichnen und vor diesem Hintergrund die jüngere Entwicklung
der christlich-islamischen Dialogbemühungen kritisch bewerten.
Di.
30. Jan. 2007, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft,
Sandstraße 4/5
Dr. Stefan Bringezu, Wuppertal
Inwieweit leben wir ökologisch gesehen auf Kosten anderer?
Zusammen mit: Übersee-Museum Bremen, Universität Bremen
Kurzfassung
Dass
wir in Deutschland mehr Rohstoffe und Energie verbrauchen, pro Kopf gemessen,
ist vielfach bekannt. Weniger bekannt ist das gesamte Ausmaß, mit dem unsere
Wirtschaft Ressourcen im In- und Ausland beansprucht. Weithin verbreitet ist die
Ansicht, dass wir in Deutschland und Europa Spitzenreiter im Umweltschutz sind.
Doch kaum bekannt ist, dass die Entlastung der Umwelt hier zu Lande mit zunehmenden
Belastungen in anderen Regionen einher geht. Der Vortrag wird einen Überblick
vermitteln über den sogenannten Stoffwechsel der Wirtschaft, von der Rohstoffgewinnung
bis zur Abfallentsorgung. Anhand aktueller Zahlen für die EU und Deutschland
lässt sich zeigen, dass Produktion und Konsum in steigendem Maße von
ausländischen Ressourcen abhängen. Der "ökologische Rucksack"
des Außenhandels wächst. Wir wirtschaften zunehmend zu Lasten anderer
Regionen. Nicht nur Kohle und Erdöl sind ein Problem. Bei der Gewinnung metallischer
und anderer mineralischer Rohstoffe wachsen die Abfallmengen. Die steigende Nachfrage
nach Biokraftstoffen droht sich zur größten Bedrohung der tropischen
Ökosysteme auszuwachsen. Es gibt Ansätze zur Hoffnung. Unsere Wirtschaftsleistung
koppelt sich zunehmend vom Ressourceneinsatz ab. Die Ressourcenproduktivität
steigt. Doch sind zusätzliche Maßnahmen zur Effizienzsteigerung erforderlich,
um den Verbrauch nicht erneuerbarer Ressourcen zu vermindern. Hierzu werden die
wesentlichen Elemente einer zukunftsfähigen Ressourcenpolitik umrissen. Das
Buch zum Vortrag: "Erdlandung - Navigation zu den Ressourcen der Zukunft",
Hirzel Verlag, Stuttgart
Di.
6. Feb. 2007, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft,
Sandstraße 4/5
Prof. Dr. Rainer Slotta,
Bochum
Das Schiff von Uluburun
Archäologischer
Befund und Welthandel vor 3000 Jahren
Zusammen
mit: Bremer Gesellschaft für Vorgeschichte, Deutsches Schiffahrtsmuseum, Freundeskreis
der Antike zu Bremen, VDI Bremer Bezirksverein
Kurzfassung
Zu
seinem 75-jährigen Jubiläum zeigte das Deutsche Berghau-Museum Bochum
(DBM) eine spektakuläre Sonderausstellung zum Thema Versorgung und Handel
mit Rohstoffen in der Späten Bronzezeit. Dabei standen der Ostmittelmeerraum
und seine Kulturen im Mittelpunkt. Den Ausgangspunkt des Forschungs- und Ausstellungsprojektes
bildete die Ladung eines vor rd. 3.300 Jahren vor der türkischen Küste
bei Uluburun gesunkenen Handelsschiffes, das vollkommen neue, einzigartige Erkenntnisse
zum spätbronzezeitlichen Handel liefert. Es war beladen mit 10 t Kupfer und
1 t Zinn; zudem waren alle wichtigen Rohstoffe der Bronzezeit wie Glas, Fayence,
Pistazienharz (Terebinthenharz), Luxusgüter aus Gold, Silber, Elfenbein,
Perlen aus Ostsee-Bernstein und verschiedenen Steinen, Straußeneier, afrikanisches
Ebenholz sowie Keramik, Waffen und vieles mehr an Bord. Wahrscheinlich war das
Schiff, aus dem Osten (vielleicht aus Ugarit?) kommend, unterwegs in ein westliches
Zielgebiet, möglicherweise zu einem mykenischen Palast in der Ägäis.
Es sollte allerdings sein Ziel nicht erreichen und kenterte samt seiner Ladung
vor der felsigen Landzunge von Uluburun. Dieses Unglück wurde zum Glücksfall
für die Archäologen, das Schiffswrack von Uluburun gehört zu den
wichtigsten archäologischen Entdeckungen des 20. Jahrhunderts. Reste des
Schiffes und seine gesamte Ladung wurden in den Jahren 1984 bis 1994 vom Institut
für Unterwasserarchäologie (INA) der Texas A&M Universität
und Museum für Unterwasserarchäologie Bodrum geborgen. Zur Zeit des
Untergangs des Handelsschiffes von Uluburun im ausgehenden 14. vorchristlichen
Jahrhundert wurde Handel sowohl auf dem Land-, als auch auf dem Seewege betrieben.
Der östliche Mittelmeerraum stand dabei im Mittelpunkt des Weltgeschehens,
denn alle großen Mächte der Region waren an der damaligen "Globalisierung"
beteiligt: die Hethiter in Anatolien und die Ägypter im Süden als die
beiden Großmächte, die mykenischen Königsreiche und auch die gerade
durch den Handel reich gewordenen kanaanäischen Stadtstaaten an der Levanteküste
sowie Assyrien, das Reich Mitanni und die Kupferinsel Zypern.
Dank des Schiffwracks
von Uluburun ist die Wissenschaft heute in der Lage, den Handel dieser Zeitepoche
am Ende der Bronzezeit bzw. am Beginn der Eisenzeit besser erfassen zu können
und ein sehr viel vollständigeres Bild von damaligem Rohstoffhandel zu entwerfen.
Die Bleiistopenanalysen zeigen z. B., dass ein wichtiger Teil der Schiffsladung,
nämlich das Kupfer von der Insel Zypern stammt, während die Herkunft
des strategisch wichtigen Zinns noch umstritten ist.
Weil das DBM die Herkunftsanalysen
des Kupfers durchgeführt hat und damit wesentlichen Anteil an der Erforschung
dieses Teils der Ladung besitzt, wurde dem DBM die Ausrichtung dieser Ausstellung
gestattet: Erstmals konnten weite Teile der Ladung im außerhalb der Türkei
gezeigt werden. Das Konzept der Ausstellung besteht darin, die spätbronzezeitliche
Wirtschaft und den zeitgleichen Welthandel zu rekonstruieren und vorzustellen.
Dieses Ziel wurde in der Ausstellung in drei Teilen umgesetzt. Im ersten Teil
werden eine nahezu vollständige Rekonstruktion des Schiffes und seiner gesamten
Ladung vorgestellt, im zweiten Teil das Wrack, d. h. die Fundsituation am Meeresgrund,
dokumentiert und im dritten und letzten Teil die wichtigsten Kulturräume
des zweiten vorchristlichen Jahrtausends wie die der Hethiter, Ägypter, Mykener
und Assyrer vorgestellt sowie Themen wie die Rohstoffgewinnung und der -handel
an Hand von Originalexponaten aus dem Wrack und an Hand von Vergleichsbeispielen
erläutert. Bestimmte, ausgewählte Ergebnisse der Forschung werden in
szenischen Modellen dargestellt, um einige, in sich abgeschlossene Kapitel der
Ausstellung (z. B. den "Handel", das "Schmelzen und Gießen
von Metallen" oder auch das "Biertrinken an Bord") den Besuchern
besser vermitteln zu können.
Di.
20. Feb. 2007, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft,
Sandstraße 4/5
Prof. Dr. rer. nat. Winfried
Henke, Mainz
Neanderthaler – Wie sie wurden,
was sie sind
Zusammen mit: Bremer Gesellschaft
für Vorgeschichte, Freundeskreis der Antike zu Bremen, Verband Deutscher Biologen
Kurzfassung
Neanderthaler sind eine durch zahlreiche
Fossilfunde dokumentierte Menschenform, die vom Mittelpaläolithikum bis vor
ca. 30000 Jahren das westliche Eurasien bewohnte und wenige Jahrtausende nach
dem Erscheinen des jungpaläolithischen, anatomisch-modernen Menschen in Europa
aus dem Fossilreport verschwand. Seit ihrer Entdeckung vor nunmehr 150 Jahren
ist die Diskussion um ihre stammesgeschichtliche Rolle nicht abgerissen, obwohl
die moderne Paläoanthropologie ein umfangreiches, hoch elaboriertes Methodeninventar
zur Lösung funktions- und evolutionsmorphologischer sowie taxonomischer Fragen
bereithält. Ziel des Vortrags ist es, die phylogenetische Entwicklung unserer
Gattung Homo und speziell den Eigenweg der Neanderthaler zu kennzeichnen. Dabei
geht es vorwiegend um die Fragen, wer die direkten Vorfahren und die Zeitgenossen
der Neanderthaler waren, wie die speziellen körperlichen Anpassungen der
klassischen Neanderthaler zu erklären sind, d.h. welchen adaptiven evolutionsökologischen
Rahmenbedingungen diese Menschenform ausgesetzt war, und ob ihre körperlichen
‚Eigenarten' und aktuelle molekulargenetische Befunde (aDNA, Genomik) ihren heute
überwiegend angenommenen Artstatus (Homo neanderthalensis) hinreichend begründen.
Gleichzeitig wird versucht werden, vor dem Hintergrund des Neanderthaler-Problems
die methodischen Möglichkeiten, aber auch die Grenzen der Paläoanthropologie
exemplarisch aufzuzeigen.
Di.
6. März 2007, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft,
Sandstraße 4/5
Olbers-Sitzung
Prof. Dr. Andreas M. Burkert, München
Extrasolare Planeten – aus Sternenstaub gemacht
Zusammen mit: Deutsche Gesellschaft für Luft- und Raumfahrt,
Naturwissenschaftlicher Verein, Olbers-Gesellschaft, Universität Bremen, VDI Bremer
Bezirksverein
Kurzfassung
Im Jahre 1995
wurde der erste extrasolare Planet entdeckt, der einen Stern, ähnlich unserer
Sonne umkreist. Seitdem hat sich die Zahl der bekannten extrasolaren Planeten
auf ueber 200 erhöht. Diese Beobachtungen zeigen, dass unser Sonnensystem
nur eines von Milliarden von Sonnensystemen im Universum ist und dass sich Leben
mit großer Wahrscheinlichkeit auch auf anderen Planeten um andere Sonnen
und in anderen Galaxien entwickelt hat. Und trotzdem sind Planeten und damit auch
Leben auf Planeten etwas Besonderes. Viele Generationen von massereichen Sternen
mussten entstehen und sich wieder in einer gewaltigen Supernovaexplosion zerstören,
bevor Planeten aus dem Sternenstaub entstehen konnten. Wie Planeten und Planetensysteme
im Detail entstehen, ist bisher noch nicht verstanden. Neue faszinierende Bilder
des Hubble Weltraum Teleskops geben jedoch erste Hinweise. Sie zeigen gewaltige
dunkle Gaswolken in unserer Milchstrasse, in denen gerade jetzt Sterne mit sie
umkreisenden Gasscheiben entstehen, in denen sich Planeten bilden koennten. Diese
Beobachtungen geben einen Einblick in die faszinierende und komplexe Physik der
Planetenentstehung.
Di.
13. März 2007, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft,
Sandstraße 4/5
Prof. Dr. Armin Grunwald,
Karlsruhe
Verbesserung des Menschen?
Zum Spannungsfeld
von Ethik und Nanobiotechnologie
Zusammen
mit: Ärztlicher Verein, Bildungswerk der Katholiken, Deutsche Pharmazeutische
Gesellschaft, Förderkreis Humangenetik, Universität Bremen
Kurzfassung
Die
Nanotechnologie gehört zu den Schlüsseltechnologien des noch jungen
Jahrhunderts. In ihr geht es um die gezielte Beeinflussung von Materie auf der
atomaren oder molekularen Ebene. Das revolutionäre Potential der Nanotechnologie
für viele Bereiche des Lebens bringt es mit sich, dass sie auch breites mediales
und öffentliches Interesse gefunden hat. Ethische, soziale und rechtliche
Implikationen werden bereits bearbeitet. Ein besonders relevantes Feld in diesem
Zusammenhang ist die Nanobiotechnologie. Grundlegende Lebensprozesse spielen sich
im Nanomaßstab ab, da wesentliche Bausteine (wie z.B. Proteine) gerade diese
Größenordnung haben. Durch Nanobiotechnologie sollen biologische Prozesse
technisch kontrollierbar gemacht werden. Ein "Engineering" von Zellen
auf der Basis ihrer elementaren Bausteine erscheint möglich. Dadurch rückt
die Vernetzung natürlicher biologischer Prozesse mit technischen Prozessen
in den Bereich des Machbaren. Die klassische Grenze zwischen dem Technischen und
dem Lebendigen wird zunehmend verwischt bzw. überschritten. Mit dem Zusammenwachsen
von Biotechnologie, Nanotechnologie, Hirnforschung und den Informationstechnologien
eröffnen sich auch neue Dimensionen für den Menschen: der menschliche
Körper und seine geistigen Fähigkeiten erscheinen mit nanotechnischen
Möglichkeiten als technisch verbesserungsfähig. So könnten z.B.
die Sinnesorgane des Menschen wie Auge oder Ohr "verbessert" werden,
und es könnten durch direkte Verbindungen zwischen dem Gehirn oder dem Nervensystem
und informationsverarbeitenden technischen Systemen gänzlich neue Mensch-Maschine-Schnittstellen
geschaffen werden. Solche technischen "Verbesserungen" des Menschen
gehen weit über die etablierten Ansätze der "heilenden" medizinischen
Disziplinen hinaus und werfen neuartige ethische Fragen auf. Ist die Natürlichkeit
des menschlichen Körpers ein ethisch belastbares Argument, das technischen
Verbesserungen Grenzen weist? Oder sollte es, wie in der Schönheitschirurgie
üblich, jedem selbst überlassen werden, über seine oder ihre "technische
Verbesserung" zu entscheiden? Dürfen wir den menschlichen Körper
mit technischen Mitteln umgestalten wie die uns umgebende natürliche Umwelt?
Welche Risiken wären damit verbunden, und welche Folgen für unser Menschenbild
wären zu erwarten? Würde die Gesellschaft zerfallen in "technisch
verbesserte" und "normale" Menschen? Ich werde verschiedene Argumentationslinien
zur Beantwortung dieser ethischen Fragen untersuchen, angesichts der erst beginnenden
Debatte nicht zu einem abschließenden Urteil kommen.
Di.
20. März 2007, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft,
Sandstraße 4/5
Prof. Dr. Dietrich
Schubert, Heidelberg
Zur Skulptur des Expressionismus:
Der Bildhauer Christoph Voll – Expressionist oder Realist?
Zusammen
mit: Gerhard-Marcks-Stiftung, Kunstverein in Bremen
Kurzfassung
In
den 20er und 30er Jahren des letzten Jahrhunderts gehörte der Holzbildhauer
Christoph Voll zu den führenden Künstlern und bekannten Namen; heute
ist er nurmehr Spezialisten ein Begriff. Dieser unhistorische Bruch in der Geltung
Volls kommt einerseits von der Dominanz der Abstrakten nach 1948, andererseits
durch die Popularität Barlachs, in dessen Schatten Voll geriet. Wenn ein
Künstler keine Lobby, keine Galerie und keine Familie hat, die für seine
Bekanntheit arbeiten, so ist die Gefahr einfach doppelt groß, vergessen
zu werden. Überdies wird der expressive Realismus der Bildnerei, die alles
mit den eigenen Händen schafft, heutzutage durch Fotografie, Film- und Videoarbeiten
verdrängt und teils diskreditiert. Christopf Voll, Jg. 1897, aus München
stammend, überstand als Soldat den 1. Weltkrieg und gehörte folgend
mit seinen kraftvollen Holzfiguren zur progressiven Gruppe 1919 in Dresden, einer
expressionistischen Vereinigung, aus der die Avantgarde des neuen Realismus in
der Weimarer Republik - Künstler wie Dix und eben Voll - hervorgingen. Auch
Voll verwandelte sich schrittweise vom Expressionismus der 2. Stunde zur einem
expressiven Realisten. In seinen Figuren, direkt aus dem Holz geschnitzt, realisierte
er im Gegensatz zu Barlach einen Realismus voll Sinnlichkeit in übersteigerter
Wirklichkeits-Anschauung, Figuren, die ein provozierend kraftvolles Leben ausströmen.
In der Weise wurde Voll jedenfalls in den 20er Jahren von Kritikern wie W. Grohmann,
Paul F. Schmidt und O. Schürer gewürdigt. Eine Wanderausstellung seiner
"Holzbildwerke" 1927/28 war in Berlin, Mannheim und Dresden gezeigt.
1928 wurde er von der Kunstschule Saarbrücken an die Akademie in Karlsruhe
als Professor und Lehrer berufen. Doch die Nazi-Funktionäre setzten ihn vor
1935 bereits als "Kulturbolschewist" unter Druck, 1937 waren Volls Arbeiten
in der "Entarteten Kunst" in München. Diese Repressionen machten
ihn krank, so dass er 1939 bereits starb. Seit ca. 4 Jahrzehnten gab es keine
Ausstellung seiner Bildwerke mehr. Jetzt entschloss sich das Gerhard-Marcks-Haus
Bremen, diesem wichtigen Künstler der Weimarer Republik mit einer Einzelausstellung
neue Aufmerksamkeit zu verschaffen.

Di. 11. Okt. 2005,
20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Prof. Dr. Dr.
h.c. mult. Siegmar von Schnurbein, Frankfurt/M.
Augustus in Germanien.
Neue archäologische Forschungen
Zusammen mit: Bremer Gesellschaft für
Vorgeschichte, Freundeskreis der Antike zu Bremen, Historische Gesellschaft
Kurzfassung
Im
Jahr 11 v. Chr. begann Kaiser Augustus die römischen Eroberungskriege zwischen
Rhein und Elbe, deren endgültiger Erfolg damit besiegelt werden sollte, daß Varus
den Auftrag bekam, eine neue Provinz in Germanien zu schaffen. Dessen Niederlage
in der „Schlacht im Teutoburger Wald“ 9 n. Chr. leitete die Wende in der Germanien-Politik
Roms ein, die schließlich dazu führte, daß diese römische Provinz nicht entstanden
ist. Ob das Gebiet überhaupt schon so „befriedet" war, daß die Provinzgründung
Aussicht auf Erfolg haben konnte, ist in der historischen Forschung seit langem
eine viel diskutierte Frage, weil die wenigen schriftlichen Quellen dazu nicht
genügend klare Angaben liefern. Neue Gesichtspunkte steuert dazu die Archäologie
bei. Die in Westfalen, in Hessen und jüngst in Niedersachsen entdeckten römischen
Militärplätze lassen die weiträumige Präsenz Roms immer klarer erkennen. Völlig
verändert hat sich die Interpretation der römischen Herrschaft rechts des Rhein
durch die Forschungen im Raum Wetzlar-Gießen: Grabungen in Lahnau-Waldgirmes haben
ergeben, daß Rom in den Jahren ab Chr. Geb. begonnen hat, dort eine regelrechte
Stadt zu bauen, in der Römer und Germanen offensichtlich völlig friedlich miteinander
lebten. Ein stein-fundamentiertes großes Forumsgebäude zeigt, welche Infrastruktur
bereits geschaffen wurde. Um in dem Hof des Forums eine lebensgroße bronze-vergoldete
Reiterstatue – wohl des Augustus – aufstellen zu können, hat man bis aus der Gegend
von Metz Kalksandstein herbeigeschafft. Roms Zuversicht auf dauerhafte Herrschaft
in Germanien wird dadurch auf´s Beste verdeut.
Di.
18. Okt. 2005, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Prof.
Dr. med. Dr. phil. Alfons Labisch, Düsseldorf
Historizität.
Erfahrung
und Handeln in der Medizin und ihrer Historiographie
Zusammen mit: Ärztlicher
Verein, Historische Gesellschaft, Universität Bremen
Kurzfassung
Naturwissenschaftliches
Wissen trifft stets allgemeine Aussagen. In der Medizin geht es aber immer darum,
dem Hilfsbegehren eines kranken Menschen gerecht zu werden. In der naturwissenschaftlichen
Medizin stehen Ärztinnen und Ärzte vor einer einzigartigen Aufgabe: sie müssen
ihr allgemein gerichtetes naturwissenschaftliches Wissen in ein Handeln umsetzen,
das den je individuellen Gegebenheiten und Bedürfnissen des Patienten gerecht
wird. In der Begegnung von Patient und Arzt wird der wissenschaftliche Objektbezug
der Medizin in das subjektbezogene ärztliche Handeln gewendet. Die Medizin ist
also keine Naturwissenschaft, sie ist vielmehr eine auf Menschen als eigenständige
Subjekte gerichtete Handlungswissenschaft. William OSLER sagte ebenso kurz wie
treffend: "Wären die Menschen alle gleich, könnte die Medizin eine Naturwissenschaft
werden". Diejenigen Wissenschaften, die sich mit dem Subjekt- und Handlungsbezug
der Medizin befassen, haben damit in und für die Medizin denselben Stellenwert
wie die Naturwissenschaften. Das Handlungsgefüge der modernen Medizin wird daher
wesentlich durch die Geistes- und Sozialwissenschaften - oder international: durch
die Humanwissenschaften - erklärt. Der Aspekt des Handelns in der Medizin ist
durch Zeitlichkeit geprägt: sowohl von Seiten des Patienten wie von Seiten des
Arztes wie insbesondere auch durch die kulturelle Gebundenheit dieser Begegnung
ist der Medizin die Dimension der Zeitlichkeit in ihren Handlungszusammenhängen
vorgegeben. Damit stellt der Aspekt der Zeitlichkeit des Handlungsgefüges der
Medizin in seinem kulturellen Zusammenhang einen eigenen Gegenstandsbereich dar.
Dies schließt die diesen Zusammenhang gestaltenden Formen von Wissen und Handeln
als zeitbedingte Produkte kultureller Praktiken mit ein. Das Handeln in der Zeit
ist der spezifische Gegenstand der Historiographie. In der europäischen
Kultur- und Bildungstradition stellt die Geschichte der Medizin diejenige Disziplin
dar, in der der Handlungsbezug der Medizin in besonderer Weise reflektiert wird.
Die Geschichtsschreibung der Medizin ist damit genuin auf das ärztliche Handeln
und seine Bedingungen in der Zeit ausgerichtet. Die Medizingeschichte ist daher
ein genuiner Denkansatz in der Medizin.
Di. 8.
Nov. 2005, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Dr.
Franz Kockel, Burgwedel
Der tiefe Untergrund von Bremen – Aufbau und Nutzung
Zusammen mit: Geographische Gesellschaft, Naturwissenschaftlicher Verein,
Niedersächsisches Landesamt für Bodenforschung/Geologischer Dienst für Bremen,
Universität Bremen
Kurzfassung
Verschiedenartige Karten und geologische
Schnitte zeigen den Aufbau und die Formenvielfalt im Untergrund Bremens, Bremerhavens
und des Niedersächsischen Umlandes, bis hinab in Tiefen von 5 km und mehr (Gräben
und Horste, Salzkissen, Salzstöcke, Inversionsstrukturen). Anhand von Beispielen
wird erläutert, wie man die Entstehungsgeschichte der Strukturen entschlüsseln
kann und welche technischen Methoden von Geowissenschaftlern eingesetzt werden,
um in die Tiefe zu blicken" und die Lagerung der Schichten und im besten
Fall auch wirtschaftliche Lagerstätten zu erkennen.
Welche Wirtschaftsgüter lassen sich gewinnen? Wie entstehen Öl-, Gas-, Salz-, und Eisenerz-Anreicherungen, was sind hierfür die geologischen Voraussetzungen? Warum haben die Saudis so viel Öl und die Bremer nicht? Wie macht man den Untergrund als Rohstoffquelle, als Speicher- und Deponieraum nutzbar und wie versöhnt man ökonomisches und ökologisches Handeln? Macht die Gewinnung von Erdwärme wirtschaftlich einen Sinn? Welche natürlichen Risiken bestehen für die Menschen, die über dem so vielgestaltigen und in gewisser Weise auch mobilen Untergrund leben (Erdbeben, Vulkanausbrüche, Küstensenkungen, Tsunamis)? Sind Ängste vor solchen Katastrophen real oder eingebildet? Und was tun die Geowissenschaften, um Gefährdungen zu prognostizieren und Schäden zu minimieren?
Di.
29. Nov. 2005, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Dr. Harald Meller, Halle/Saale
Die Himmelsscheibe von Nebra
Mit
Lichtbildern
Zusammen mit: Bremer Gesellschaft für Vorgeschichte, Freundeskreis
der Antike zu Bremen, Historische Gesellschaft, Olbers-Gesellschaft
Kurzfassung
Über
die seit dem Frühjahr 2002 weltweit bekannt gewordene Himmelsscheibe von
Nebra wird Dr. Harald Meller in diesem Vortrag berichten. Als einer der Hauptakteure
wird der Leiter des Landesmuseums für Vorgeschichte in Halle aus erster Hand
von der spektakulären Sicherstellung des Schatzfundes erzählen. Die
Himmelsscheibe war zunächst von Raubgräbern entdeckt und illegal auf
dem Schwarzmarkt angeboten worden. Bei einem krimireifen Polizeieinsatz in der
Schweiz gelang es, den Fund für die Allgemeinheit zu retten. Seit Monaten
wird die Himmelsscheibe nun wissenschaftlich untersucht. Über die neuesten
Forschungsergebnisse berichtet Harald Meller in seinem Vortrag. Die einzigartige
Bronzescheibe aus der Zeit um 1600 v. Chr. gilt als Schlüsselfund für
die europäische Vorgeschichte, die Astronomiegeschichte und frühe Religionsgeschichte.
Sie ist der älteste Beleg für die erstaunlichen astronomischen Kenntnisse
der Menschen in der frühen Bronzezeit. In hauchdünnem Gold sind insgesamt
32 Sterne, darunter die Plejaden dargestellt, die von großer Bedeutung für
Ackerbau und Schifffahrt waren. Sonne, Sichelmond und Horizontbögen sowie
eine Sonnenbarke als religiöses Symbol vervollständigen das Bild. Die
zusammen mit der Himmelsscheibe gefundenen Gegenstände - darunter zwei kostbare
Bronzeschwerter - lassen weitreichende Beziehungen bis ins östliche Mittelmeergebiet
erkennen.
Di. 6. Dez. 2005, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Prof. Dr. Norbert Oellers, Bonn
Gegen den Ernst des Lebens gibt es kein Rettungsmittel als die Kunst.
Zu
Schillers ästhetischen Ansichten
Zusammen mit: Bremer Ortsvereinigung
der Goethe-Gesellschaft, Universität Bremen
Kurzfassung
Der Vortrag
beschäftigt sich, nach einleitenden Bemerkungen über das Thema "Kunst
und Wirklichkeit" in Schillers früheren Dramen, zunächst mit dessen
Hinwendung zur Dichtungstheorie Anfang der 90er Jahre des 18. Jahrhunderts. Das
Studium Kants sowie die Ereignisse der Französischen Revolution bewirken
Schillers (endgültige) Trennung von der "gemeinen Wirklichkeit des Lebens"
und die Hinwendung zu einer diese Wirklichkeit transzendierenden Kunstauffassung,
nach der die Verbesserung der Weltverhältnisse einen "ästhetischen
Zustand" voraussetze, der allein durch die Künstler, die Repräsentanten
der ‚wahren Kultur', herbeigeführt werden könne. Wie dieser Zustand
zu erreichen sei, ist das Thema der großen Abhandlung "Über die
ästhetische Erziehung des Menschen", der im Vortrag besondere Aufmerksamkeit
geschenkt wird. Von dort wird ein Blick auf das Kunstverständnis Hölderlins,
Hegels und Schellings geworfen, wie es in deren Skizze "Das älteste
Systemprogramm des deutschen Idealismus" seinen Niederschlag gefunden hat
- offenbar in direktem Anschluss an Schiller. Am Ende wird von einem Idyllenplan
Schillers ("Herkules im Himmel") und ein wenig vom ‚Rettungsmittel der
Kunst' in Schillers späteren, den sogenannten ‚klassischen' Dramen, gesprochen.
Auch wird noch mitgeteilt, wie es zur Formulierung des Vortragstitels gekommen
ist.
Di. 13. Dez.2005, 20 Uhr
Haus
der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Dr. Hannes Grobe, Bremerhaven
Bohren
im Gedächtnis der Erde – Klimaforschung in der Antarktis
Zusammen mit:
Alfred-Wegener-Institut, Naturwissenschaftlicher Verein, Universität Bremen,
VDI Bremer Bezirksverein
Kurzfassung
Die Vergangenheit ist ein Schlüssel
für die Zukunft - so lässt sich kurz die Bedeutung der geowissenschaftlichen
Erforschung unseres Erdklimas für das Verständnis zukünftiger Klimaentwicklungen
zusammenfassen. Die Erdwissenschaften leisten mit anspruchsvollen Projekten den
'geschichtlichen' Beitrag zur aktuellen Klimadiskussion. Gleichzeitig auch eine
logistische Herausforderung ist das zur Zeit laufende Projekt EPICA (European
Project for Ice Coring in Antarctica), in dem 10 europäische Länder
zusammenarbeiten um zwei Bohrungen durch den antarktischen Eisschild abzuteufen.
Mit modernster Analysetechnik werden dem Gedächtnis der Erde seine Erinnerungen
entlockt. Die ersten Ergebnisse - kürzlich in der Zeitschrift 'Science' veröffentlicht
- zeigen z.B., dass der Gehalt an Treibhausgasen in der Atmosphäre im Verlauf
der letzten 650.000 Jahre nie so hoch war, wie heute. Der bebilderte Vortrag schildert
die logistischen Herausforderungen und aussergewöhnlichen Bedingungen, unter
denen das Projekt EPICA in der Antarktis durchgeführt wird. Er berichtet
aktuell von der zur Zeit laufenden letzten Bohrkampagne und erläutert die
ersten wissenschaftlichen Ergebnisse.
Di.
10. Jan. 2006, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Ulrich W. Sahm, Jerusalem
Die Türkei und Europa – Brücke zwischen Orient
und Okzident?
Zusammen mit: Evangelischer Arbeitskreis für kulturelle
Fragen, Historische Gesellschaft, Landeszentrale für politische BIldung,
Die MAUS/Gesellschaft für Familienforschung, Stiftung Bremer Dom, Übersee-Museum
Bremen, Universität Bremen, Verein für Niedersächsisches Volkstum, Vereinigung
für Bremische Kirchengeschichte
KURZFASSUNG
Die
Türkei hat sich als Nachfolgestaat des Osmanischen Reiches als moderne weltliche
Republik konstituiert. Sie ist ein nichtarabisches Land mit klarer muslimischer
Prägung, gleichwohl duldet sich in ihren Grenzen andere Religionen, darunter
Christen und Juden. Trotz offizieller Trennung von Staat und Kirche, kann von
echter Religionsfreiheit im europäischen Sinne nicht die Rede sein. Vor Allem
Christen leiden unter Diskriminierung und deshalb auch unter mangelnder Fähigkeit,
sich frei zu entfalten. Wie viele andere Staaten in der Welt hat die Türkei
so manche Leiche im Keller liegen, über die sie möglichst nicht reden
will. Dazu gehört auch der bislang von der Türkei wenig überzeugend
erklärte und aufgearbeitete Tod von 1,5 Millionen Armeniern in der Gründungszeit
der modernen Türkei. Ob die Armenier angegriffen haben, ob es ein Bürgerkrieg
oder aber ein Völkermord war, der Hitler gar als Vorbild diente, wollen wir
dahin gestellt lassen. Es sei aber darauf hingewiesen, dass die Staaten der Welt,
darunter auch Deutschland, sehr widerwillig und sehr spät diesen Genozid
anerkennen wollten, um den NATO-Partner in geostrategisch extrem wichtiger Lage
nicht vor den Kopf zu stoßen.
Bezeichnend ist in diesem Kontext die Beziehung zwischen der Türkei und Israel.
1) Die Türkei war bis 1982 das einzige muslimische Land mit versteckten aber dennoch funktionierenden diplomatischen Beziehungen.
2) Die Türkei, selber mit arabischen Staaten Ländern wie dem syrischen Nachbarn oder mit Irak zutiefst verfeindet, handelte pragmatisch, indem es in Israel einen Verbündeten entdeckte. Umgekehrt gilt das Gleiche.
3) Die Probleme der Türken mit kurdischem Terror und Israels mit palästinensischem Terror haben viele Gemeinsamkeiten.
4) Während die Türkei heute das wichtigste Reiseziel israelischer Touristen ist, bietet sie der israelischen Luftwaffe über Anatolien Raum für Luftmanöver, die es im winzigen Israel nicht gibt. Ausgerechnet der jüdische Staat mit seinen hohen moralischen Ansprüchen und der Erwartung an alle Völker der Welt, den Holocaust als universale Katastrophe zu betrachten, achtet strikter als viele andere Länder darauf, nur ja nicht offiziell einen "Völkermord an den Armeniern" zu erwähnen. Zweifellos ist die Türkei gerade auch wegen seiner engen Beziehungen mit Israel die wichtigste Brücke überhaupt zwischen Orient und Okzident. Doch wenn es um Brücken und staatliche Interessen geht, dann muss wohl Moral hinten anstehen, so wie es Frankreich, Deutschland und andere Länder tun, wenn ihnen etwa wirtschaftliche Interessen wichtiger sind, als Moral. Syrien, Irak, Iran, die palästinensischen Autonomiegebiete und sogar Russland könnten da stellvertretend für viele andere Fälle genannt werden. Es stellt sich die Frage, ob im Falle der Türkei moralische Fragen oder auch Menschenrechtsverletzungen vorgeschoben werden, weil die Europäer aus ganz anderen Gründen die Türkei nicht aufnehmen wollen, ihre wahren Gründe aber nicht nennen wollen.
Di.
17. Jan. 2006, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße
4/5
PD Dr. Ingo Heidbrink, Bremerhaven
Deutschlands einzige Kolonie
ist das Meer
Die deutsche Hochseefischerei und die Fischereikonflikte
des 20. Jahrhunderts
Zusammen mit: Deutsches Schiffahrtsmuseum, Universität
Bremen
KURZFASSUNG
Die Meere vor Island, Grönland und Neufundland
waren im 20. Jahrhundert über viele Jahrzehnte die Haupteinsatzgebiete der
deutschen Hochseefischereiflotte. Die Fischdampfer und Fang-Fabrikschiffe arbeiteten
oft nur wenige Seemeilen von den Küsten dieser nordatlantischen Inseln entfernt
- das sorgte zunehmend für Konflikte.
Einerseits schufen die guten Fänge
im Nordatlantik die Basis für den wirtschaftlichen Aufschwung der Fischereistandorte
an der deutschen Küste, andererseits lösten sich die Inseln von ihren
bisherigen europäischen kolonialen Mutterstaaten und entwickelten eigene
Interesse - nicht nur politische, sondern auch ökonomische, und insofern
waren die Inseln zwingend auf die Souveränität über die Ressource
Fisch angewiesen. Das Prinzip der "Freiheit der Meere" war an seine
Grenzen gelangt, und es entstanden Fischereikonflikte zwischen den europäischen
Nationen und den Uferstaaten der Fanggebiete. Sie kulminierten in den 1970er Jahren
in den sogenannten "Kabeljaukriegen" mit Island.
Die vorliegende
Untersuchung analysiert erstmals auf wissenschaftlicher Basis die deutsche Rolle
in diesen Konflikten und zeigt die Konsequenzen der Auseinandersetzungen für
die deutschen Küstenregionen auf. Sie erklärt damit zugleich, daß
der drastische Abbau der deutschen Hochseefischereiflotte seit den 1980er Jahren
keine unvorhersehbare Entwicklung war, sondern daß vielmehr ihr schnelles
Anwachsen knapp ein Jahrhundert zuvor ausschließlich auf dem kolonialen
Status der Ufergebiete basierte.
Di.
24. Jan. 2006, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Prof. Dr. phil. nat. Dietrich Mebs, Frankfurt/M.
Chemischer Krieg im Tierreich
– Gifttiere und ihre Waffen
Zusammen mit: Ärztlicher Verein, Naturwissenschaftlicher
Verein, Universität Bremen
KURZFASSUNG
Zum Beuteerwerb, zur Verteidigung
gegenüber Fressfeinden, aber auch des eigenen Lebensraumes benutzen Tiere
Gifte. Sie setzen entweder aktiv ein, indem das Gift mittels Stachel oder Zahl
injiziert wird, oder passiv, indem sie Giftsekrete absondern, ohne sie selbst
zu applizieren. Die Gifte von Tieren zählen zu den wirksamsten Naturstoffen,
die wir kennen. Sie werden entweder selbst synthetisiert, als Protein oder Peptid
mittels Proteinsynthese oder als sogenannte Sekundärmetaboliten über
sehr komplizierte Stoffwechselwege. Darüber hinaus werden Gifte oftmals als
giftige Inhaltsstoffe aus Planzen mit der Nahrung aufgenommen und für eigene
Zwecke eingesetzt, etwa zur Verteidigung. Zur raschen Lähmung der Beute werden
Gifte zum Nahrungserwerb benutzt. Nervensystem und Muskulatur werden zielsicher
blockiert. Andererseits dienen Gifte, so bei den Giftschlangen, die ja die Beute
unzerkleinert aufnehmen, der Vorverdauung, indem gleichzeitig ein äußerst
aktives Gemisch an Verdauungsenzymen injiziert wird. Im Laufe der Evolution haben
viele Tiere eine Resitenz gegenüber den aktivsten Giften entwickelt. Dies
hat im Gegenzug zur Entwicklung immer stärkerer Gifte geführt. Es findet
sozusagen ein ständiger "Rüstungswettlauf" statt. Der Mensch,
der ja sehr spät erst die Bühne der Evolution betrat, steht diesen Wirkstoffen
demgemäß schutz- und hilflos gegenüber. Wir müssen erst Strategien
entwickeln, Vergiftungen vermeiden oder sie durch Entwicklung von Gegengiften
behandeln.
Di. 14. Feb. 2006,
20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Dipl.-Ing. Karl-Heinz
Mühlnickel, Hamburg
Wie entstand Europas Super Jumbo A380?
Entwicklung
und Erprobung des größten Passagierflugzeuges
Zusammen mit: Deutsche Gesellschaft
für Luft- und Raumfahrt, VDI Bremer Bezirksverein
KURZFASSUNG
Einleitend
wird die Struktur und Organisation des multinationalen Unternehmens Airbus, sowie
ein kurzer Überblick über seine komplette Produktfamilie dargestellt.
Überleitend auf das weltweit größte Passagierflugzeug A380 werden
Schlüsseldaten und Pionierleistungen, sowohl zur Passagier- wie auch zur
Frachterversion, vorgestellt und die A380 im Größenvergleich zu anderen
Flugzeugtypen veranschaulicht. Die Fertigung des Großraumflugzeuges im europäischen
Verbund bedarf spezieller Kommunikations- und Transportwege. Die Kompetenzen der
verschiedenen Standorte in Deutschland, Frankreich, Spanien und England, sowie
die Logistik- und Transportwege (Luft-, Wasser- und Landwege) der einzelnen Sektionen
zwischen den Standorten werden hier näher beleuchtet. Als heutige wie zukünftige
Herausforderung für Airbus werden neue Technologien im Hinblick auf verschiedenste
Sicherheitskriterien und entsprechende Tests, Umweltaspekte und Geräuschpegel
dargestellt. Als besonderes Augenmerk für die zukünftigen Fluggäste
wird das Thema Kabinenkomfort und neuartige Ausstattungsvarianten anhand von Fotos
und einem virtuellen Kabinenflug veranschaulicht. Abschließend werden die
beiden Haupt-Standorte Hamburg und Toulouse mit besonderem Augenmerk auf die beiden
Endmontagelinien nochmals vertiefend betrachtet. Aufgrund der starken Nachfrage
wurde der Hamburger Standort bereits mehrfach erweiternd ausgebaut. Als besondere
Highlights wird speziell auf den Erstflug der A380 von Toulouse aus und die erste
Landung in Hamburg eingegangen. Mit 555 Sitzplätzen, zwei Etagen und 90m
Spannweite bietet die A380 bisher nie da gewesene Dimensionen.
Di.
28. Feb. 2006, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Prof. Dr. Jochen Taupitz, Mannheim
Kontroverse: Gendiagnostik und –therapie
in Deutschland
Zusammen mit: Ärztlicher Verein,
Bildungswerk der Katholiken, Deutsche Pharmazeutische Gesellschaft,
Förderkreis Humangenetik, Universität
Bremen
KURZFASSUNG
1. Die Gentechnik
ist, wie der Tübinger Rechtswissenschaftler Ronellenfitsch zu Recht bemerkt,
ein "Hauptkriegsschauplatz der Technikkontroverse". Den Gegnern von
"Machbarkeitswahn" und "Risikogesellschaft" bietet sie eine
ideale Angriffsfläche, während ihre Befürworter Heilungserwartungen
für bislang unheilbar kranke Patienten wecken und bestehende rechtliche Hemmnisse
als Grund für eine Verödung der deutschen Wissenschaftslandschaft geißeln.
Der naturwissenschaftliche Kenntnisstand der Bevölkerung ist weithin so gering,
dass Ängste vor vermeintlich oder tatsächlich unkontrollierbaren Entwicklungen
einen fruchtbaren Nährboden finden, aber auch Heilungsversprechen nicht selten
vorschnell für bare Münze genommen werden.
2. Die Gefahren der Gentherapie sind konkret "körperlicher" Art, betreffen nämlich unmittelbar (das Recht auf) Leben und körperliche Unversehrtheit des Betroffenen. Demgegenüber resultieren die Gefahren der Gendiagnostik erst mittelbar aus der Erzeugung von Informationen, die ihrerseits dann aufgrund eines geistigen Verarbeitungsprozesses in nachteiliger Weise verwendet werden können.
2. Die Keimbahntherapie, also der Eingriff in den vererbbaren genetischen Code eines Menschen, ist in Deutschland aus guten Gründen verboten, weil die Gefahren für die Nachkommen als unbeherrschbar angesehen werden.
3. Demgegenüber wirft die somatische Gentherapie im Vergleich zu anderen innovativen Therapien keine grundlegend anderen oder neuen Probleme auf. Dies gilt ungeachtet der Tatsache, dass mit ihr - wie sich gezeigt hat - unter Umständen tödliche Risiken verbunden sind.
4. Die Embryonenforschung und die Stammzellforschung werden von manchen als unverzichtbare Grundlage von Fortschritten in der Gentherapie und Gendiagnostik betrachtet. Sie führen in Grundfragen der Menschenwürde und des Lebensschutzes hinein, die hoch kontrovers beurteilt werden.
5. Die Probleme der Gendiagnostik liegen vor allem dort, wo genetische Daten ohne Zustimmung des konkret Betroffenen erhoben und verwertet werden. Besonders deutlich wird dies bei der Präimplantationsdiagnostik und der Pränataldiagnostik, wo die genetischen Erkenntnisse unter Umständen die Grundlage einer Entscheidung gegen das Leben des Embryo in vitro bzw. des Fötus im Mutterleib bilden.
6. Selbst wenn die Gendiagnostik mit Einwilligung des Betroffenen durchgeführt wird, stellt sich die Frage, welche Schlussfolgerungen legitimer Weise aus den gewonnenen Erkenntnissen gezogen werden dürfen. Kontrovers diskutiert wird diese Frage vor allem im Versicherungsrecht und im Arbeitsrecht. Hier wird die Gefahr einer genetischen Diskriminierung von Versicherungsinteressenten und Arbeitsplatzsuchenden gesehen.
7. Der Vortrag wird auf die hier
angerissenen Fragen in einer differenzierenden Weise eingehen. Dabei wendet sich
der Autor sowohl gegen jeden "genetischen Exzeptionalismus" als auch
gegen eine "Methodendiskriminierung". Er plädiert für Lösungen,
die auf die jeweiligen spezifischen Probleme zugeschnitten sind. Dabei ist ihm
auch die Konsistenz mit der übrigen Rechtsordnung ein Anliegen.
Di.
7. März 2006, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Olbers-Sitzung
Dr. Horst-Uwe Keller, Katlenburg-Lindau
Reisen zu Planten, Monden und Kometen unseres Sonnensystems
Zusammen
mit: Deutsche Gesellschaft für Luft- und Raumfahrt,
Olbers-Gesellschaft, Universität
Bremen, VDI Bremer Bezirksverein
KURZFASSUNG
Der
Vortrag führt durch 20 Jahre der Planetenforschung mit Hilfe von Raumfahrtmissionen
aus deutscher bzw. europäischer Sicht. Die erste europäische Mission
in das Planetensystem war die Giotto Mission zum Kometen Halley, deren Vorbeiflug
sich nächste Woche zum zwanzigsten Male jährt. Der überragende
Erfolg dieser Mission war die Eintrittskarte zu einer Beteiligung an der amerikanisch-europäischen
Mission Cassini/Huygens, die zum Saturn führte und mit einer risikoreichen,
aber erfolgreichen, Landung der europäischen Sonde Huygens auf der Titanoberfläche
im letzten Jahr gekrönt wurde. Die herausragenden Ergebnisse der Landung
(z. B. Bilder von Titans Oberfläche) und der andauernden Mission des Orbiters
werden vorgestellt. Vor etwas mehr als 10 Jahren richtete sich das (wissenschaftliche)
Interesse wieder auf den Mars. Die Mars Pathfinder Mission setzte einen kleinen
Roher als Technikdemonstration aus. Inzwischen gibt es eine Reihe von Orbitern
und die erfolgreichenden Rover Zwillinge ME. Auch Europa ist mit der Mars Express
Mission beteiligt, die große Teile der Oberfläche mit dreidimensionalen
Bildern abdeckt. In naher Zukunft sollen komplexe Laboratorien abgesetzt werden,
die vor Ort nach Zeichen von Leben suchen sollen. Europa hat heute die Führung
in der Venusforschung übernommen mit der Venus Express Mission, die im April
bei unserem Schwesterplaneten ankommen wird. Merkur, der innerste Planet - weitgehend
noch nicht kartiert - ist das Ziel der amerikanischen Mission Messenger (unterwegs)
und der europäischen Cornerstone Mission Beppi Colombo, die z. Z. entwickelt
und gebaut wird (Start 2013). Wir können jetzt die Modellvorstellung zur
der Entstehung und Entwicklung der inneren Planeten vergleichen und Rückschlüsse
auf die Entwicklung der Erde ziehen. Warum konnte sich Leben auf der Erde entwickeln?
Gibt es Vorstufen dazu auf anderen Planeten oder deren Monden? Ein wesentlicher
Beitrag zu den Anfängen oder Ursprüngen des Lebens könnte von der
Untersuchung der Kometen kommen. Europa setzt die erfolgreiche Giotto Mission
fort mit der Cornerstone Mission Rosetta, die zu einem Rendezvous mit einem Kometen
unterwegs ist. Die monatelange Beobachtung des Kometenkerns und seiner Aktivität
wird den Schlüssel zu unserem Verständnis der Physik und Chemie der
Kometen liefern. Inzwischen hat Rosetta auch schon einen wesenlichen Beitrag zu
Beobachtungen im Rahmen der Deep Impact Mission geliefert. Diese amerikanische
Mission hat einen Krater in einen Kometenkern geschlagen, um dessen Inneres über
das herausgeworfene Material zu untersuchen. Neben Kometen richtet sich das Interesse
der Planetenforscher hin zu den anderen Bausteinen unserer Planeten, den Asteroiden.
Nächstes Jahr soll eine amerikanische Mission zu den größten Asteroiden
Vesta Neben der Erforschung unseres Planetensystems wird die Exploration immer
wichtiger. Als erster Schritt ist eine Station auf dem Mond geplant. Auch ESA
ist mit der Technikmission SMART 1 beteiligt.
Di.
21. März 2006, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Dr. Werner Transier, Speyer
Europas Juden: Von den Anfängen bis ins ausgehende
Mittelalter
Zusammen mit: Evangelischer Arbeitskreis für kulturelle Fragen,
Freundeskreis der Antike zu Bremen, Gesellschaft
für christlich-jüdische Zusammenarbeit, Historische Gesellschaft,
Vereinigung für Bremische Kirchengechichte
KURZFASSUNG
Der
Vortrag skizziert die Ausbreitung des Judentums in Europa im Zeitalter des Hellenismus
und der römischen Kaiserzeit. Die durch die römische Kultur geprägten
europäischen Küstenregionen des Mittelmeers waren im frühen und
hohen Mittelalter Ausgangspunkt für die Gründung jüdischer Niederlassungen
in Nordspanien, Nordfrankreich, England und Mitteleuropa. Am Beispiel der beiden
jüdischen Zentren des Mittelalters auf der Iberischen Halbinsel und am Rhein
behandelt der Vortrag die Organisation der jüdischen Gemeinden, die unterschiedliche
soziale, wirtschaftliche und rechtliche Stellung der Juden in den mittelalterlichen
Reichen, aber auch den Betrag der Juden zur gesellschaftlichen, wirtschaftlichen
und wissenschaftlichen Entwicklung Europas. Wesentlichen Anteil am Niedergang
des städtischen Judentums des Mittelalters bis hin zu blutigen Verfolgungen
und Vertreibungen hatte der zunehmende, religiös begründete und aus
wirtschaftlichen Gründen motivierte Antijudaismus in den christlich geprägten
Mehrheitsgesellschaften.
Do. 23. Sept. 2004, 19 Uhr
Bremer Bank, Kundenhalle, Domshof
Prof. Dr. Klaus
Töpfer
Umwelt- und Entwicklungspolitik –
global, regional, lokal
Eröffnungsveranstaltung
Di. 12. Okt. 2004, 20 Uhr
Stadtwaage Bremen, Vortragssaal, Langenstraße 13
Dr. Christian Kaufmann, Basel
Wie
die Südsee zu ihrer Kunst kam: alte Bilder, neue Sichtweisen
Mit
Lichtbildern
Zusammen mit: Geographische
Gesellschaft, Naturwissenschaftlicher Verein, Übersee-Museum
Bremen
KURZFASSUNG
Die Südsee – in Europa wird
sie seit den Entdeckungsreisen entweder als Ort des Paradieses auf Erden oder
als Heimat der Kopfjäger und Kannibalen missverstanden. Die Inseln Ozeaniens und
der australische Kontinent bilden aber zusammen die Heimat vielfältiger Kunsttraditionen,
von denen einige auch in der Gegenwart noch weiterleben. Ihr geschätztes Alter
reicht von wenigen Dezennien oder Generationen zurück bis in Epochen, die rund
800, 3.000 bzw. 15.000 Jahre zurückreichen. Seit 100 Jahren werden Werke
aus diesen fernen Kunsttraditionen auch in Europa und Nordamerika geschätzt; einige
haben mittlerweile ihren festen Platz in der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts.
Erstaunlich ist, dass vieles, was wir über diese Werke zu wissen meinen, europäischen,
oft im Ursprung positiv geprägten, Vorurteilen entstammt. Wir loben wie die Künstler
des Expressionismus Kraft und Ausdrucksstärke der Formen, wir freuen uns über
naive Perspektiven, wir träumen mit den Surrealisten anhand einzelner Werkgruppen
von der Verzahnung von Realität und Jenseits, wir geniessen die Farbenvielfalt
und bewundern wie Josef Beuys den scheinbar grenzenlosen Mix der Medien in grossen
Tanz- und Repräsentationsauftritten. Demgegenüber setzt sich nur langsam die Erkenntnis
durch, dass Bilder auch dort künstlerische Aussagen umsetzen und weitergeben können,
wo der europäische Kunstbegriff unbekannt oder irrelevant geblieben ist. Als grosses
Hindernis erweist sich dabei unsere westliche Annahme, diese Werke seien einzig
Ausdruck eines unveränderlichen Bildkanons, d.h. durch fixe inhaltliche Vorgaben
auf immer vorbestimmt. Selbst in rituell eingebettetem künstlerischem Ausdruck
ist aber Platz für Veränderungen, sei es im sozialen Umfeld, sei es auf der Ebene
des individuellen Erfindens von neuen Formen durch einzelne einheimische Künstler.
Der Vortrag versucht, für ausgewählte Bilder als Einzelwerke die historischen,
sozialen und inhaltlichen Dimensionen aufzuzeigen und so ihre künstlerische Bedeutung
zu vermitteln.
Di. 9. Nov.
2004, 20 Uhr
Kunsthalle Bremen, Vortragssaal
Dr. Angelika Dierichs, Münster
Hippokrates
– Ein griechischer Arzt und seine Nachfolger in römischer Zeit
Mit Lichtbildern
Zusammen
mit: Ärztlicher Verein, Bremer
Gesellschaft für Vorgeschichte, Förderkreis antiker
Kunst und Numismatik, Vereinigung der Freunde der Antike
KURZFASSUNG
Hippokrates von Kos und Galenos von Pergamon,
der erfolgreich in Rom wirkte, sind die Hauptpersönlichkeiten, denen sich der
Vortrag widmet. Informationen zu den beiden berühmten Ärzten und dem Heilgott
Asklepios/Aesculapius werden verbunden mit Facetten des Medizingeschehens der
griechisch-römischen Antike. Ausgewählte Text- und Bildbelege vermitteln Tatsachen
und Vermutungen, Ernsthaftes und Erheiterndes aus der Geschichte der Medizin.
(Themenkreise)
1 Zur Person des Hippokrates
2 Das Heiligtum des Asklepios
auf Kos
3 Zur Person des Galenos
4 Die hippokratischen Schriften
5
Ein Bilderbogen aus dem Ärztealltag
Di.
30. Nov. 2004, 20 Uhr
Kunsthalle Bremen,
Vortragssaal
Prof. Dr. Dr. h.c. Rolf
Emmermann, Potsdam
Kosmos – Erde –
Leben
Zusammen mit: Alfred-Wegener-Institut,
Geographische Gesellschaft, Naturwissenschaftlicher Verein, Universität Bremen,
VDI Bremer Bezirksverein
KURZFASSUNG
Wir leben auf
einem dynamischen Planeten, der sich unter dem Einfluss interner und externer
Prozesse und Kräfte in einem ständigen Wandel befindet. Es hat sich deshalb die
Erkenntnis durchgesetzt, daß wir unseren Lebensraum Erde nur verstehen, wenn wir
die Erde als System, d.h. im Zusammenwirken aller ihrer Kompartimente – der Geosphäre,
der Hydrosphäre, der Atmosphäre und der Biosphäre – betrachten. Dieses „System
Erde“ zeichnet sich durch eine hohe Komplexität aus. Prozesse, die in und auf
der Erde ablaufen, sind miteinander gekoppelt und bilden verzweigte Ursache-Wirkung-Ketten,
die durch den Eingriff des Menschen in natürliche Gleichgewichte und Kreisläufe
zusätzlich beeinflußt werden können. Durch die rasante Entwicklung der Messtechnik
und die inzwischen verfügbaren Computertechnologien ist es heute möglich, diese
Prozesse in allen zeitlichen und räumlichen Skalenbereichen hochaufgelöst zu erfassen
und zu quantifizieren. Dazu ist der Einsatz eines breiten Spektrums an Methoden
und Techniken erforderlich. Dieses reicht von speziellen Satelliten und Raum-gestützten
Meßsystemen über die verschiedenen Verfahren der geophysikalischen Tiefensondierung
und Forschungsbohrungen bis hin zu Laborexperimenten unter simulierten Insitu-Bedingungen
und mathematischen Ansätzen zur Systemtheorie und Modellierung von Geoprozessen.
Di.
18. Jan. 2005, 20 Uhr
Stadtwaage Bremen,
Vortragssaal, Langenstraße 13
Prof. Dr. Theo
Buck, Aachen
Goethe als Partner – heute
Zusammen mit: Bremer Ortsvereinigung der Goethe-Gesellschaft,
Universität Bremen
KURZFASSUNG
Zwar
ist Goethe vor zweieinhalb Jahrhunderten geboren und vor mehr als anderthalb Jahrhunderten
gestorben, doch ist und bleibt er wegen der von ihm ausgehenden anregenden Energien
ein wichtiger Begleiter für unsere Zeit. Sein historisch bedingtes Werk verfügt
über ein in die Zukunft fortwirkendes Bedeutungspotential. Goethe liegt nicht
hinter, sondern weit vor uns. Die folgenden sieben Punkte seines Denkens fassen
zusammen, was ihm vornehmlich zu einem Partner für uns macht, den wir dringend
brauchen.
1. Betonung der Wechselbeziehung von Makrokosmos und Mikrokosmos
Die Erfahrung der Natur als kosmischer Zusammenhang, dessen organischer Bestandteil wir sind, bildet die Grundlage des Goetheschen Weltbildes.
2. Ablehnung dogmatischen Denkens
Goethe erkannte die Gefahr dogmatischer Lehr- und Glaubenssätze. Sie führen nämlich, wie wir allenthalben sehen, zu Vorurteil, Intoleranz und Rassismus. Seine Gegenthese zum Dogmatismus lautet kurz und bündig: “Die wahre Liberalität ist Anerkennung“.
3. Ablehnung der Eile und der Hektik
Goethe war ein Vorkämpfer der Geduld und der Langsamkeit. Überlegtes Handeln allein ist nach seinem Verständnis in der Lage, die vielfältigen Spannungen des Lebens auszugleichen.
4. Erkenntnis der produktiven Wirkung von Entsagung
Ein wesentlicher Teil von Goethes Lebensphilosophie resultiert aus seiner Überzeugung notwendiger Entsagung. Gemeint ist damit die Konzeption des produktiven Verzichts als einer entscheidenden Grundlage menschlicher Bildung. Aus diesem Grund war er davon überzeugt, dass menschliche Erfüllung nur im Wissen um die Grenze möglich ist.
5. Vorbildcharakter der Kunst
In der Kunst als authentischem Bereich des Schöpferischen sah Goethe die gleichnishafte Offenbarung der Lebensstrukturen. Sein kreativ-dynamisches Kunstverständnis steht in vollem Einklang mit seinem organisch-dynamischen Lebensprinzip. Insofern bildet die Kunst notwendig einen integralen Bestandteil gesellschaftlicher Produktivität.
6. Organisation produktiver gesellschaftlicher Interaktion
Im Denken Goethes stellt gesellschaftliche Harmonie einen Grundwert dar. Mit Recht bemerkte er, dass die Menschen aufeinander zugehen müssen, wenn ein vernünftiges Zusammenleben entstehen soll. Entscheidend war demzufolge in seiner Sicht ein vernünftiger und dadurch haltbarer Ausgleich der Interessen.
7. Goethe als Weltbürger
Seine globale Perspektive macht Goethe zum Weltbürger transnationaler und interkultureller Orientierung. Eine funktionierende Weltgemeinschaft ist ohne eine solche Orientierung nicht möglich. Das vor allem sollten wir von Goethe lernen.
Di.
1. Feb. 2005, 20 Uhr
Stadtwaage Bremen,
Vortragssaal, Langenstraße 13
Prof. Dr. rer. nat.
Dr. rer. nat. h. c. Hartmut Leser, Basel
Namibia
– Land ohne Konflikte?
Zusammen mit:
Geographische Gesellschaft, Naturwissenschaftlicher Verein, Übersee-Museum Bremen,
Universität Bremen
KURZFASSUNG
Namibia - Traumland
oder Konfliktraum? Das ist die Frage, die sich dem Reisenden immer wieder stellt.
Pauschal ist sie nicht zu beantworten. Abschätzen kann man die Antwort, wenn man
sich der Frage geographisch, politisch und historisch nähert. Das Land gehört
zum Großraum Südafrika - geographisch, landschaftsökologisch, wirtschaftlich und
politisch. Durch Entwicklungen, die mit den Jahreszahlen 1884 (deutsche Kolonie),
1920 (Mandatsland), 1966 (Odendaal-Plan) und 1990 (Unabhängigkeit) gekennzeichnet
sind, wurde das Land mit einer Geschichte versehen, deren Spuren man heute noch
finden kann. “Namibia heute” ist und bleibt, aus europäischer und weltpolitischer
Sicht, ein peripheres Land. Im Land sind dringende ökologische, soziale und wirtschaftliche
Probleme zu lösen - bei 40 % Arbeitslosen in einem Wüsten- und Savannenland von
rund 850'000 km2 Größe und einer Einwohnerzahl von rund 1.8 Mio. Davon
leben reichlich 10 % in der Metropole Windhoek. Sie beherrscht das Land nicht
nur politisch, wo die SWAPO mit einer komfortablen Dreiviertel-Mehrheit (Wahl
2004) regiert. Von Touristen als “Traumland Südwest” verklärt, zehrt Namibia z.Z.
vor allem von seinen landschaftlichen Schönheiten. Das belegt ein boomender Tourismus
gehobener Art (Safaris, Jagd, Wildparks). Trotz der massiv zunehmenden wirtschaftlichen
Bedeutung und der wachsenden Touristenzahlen ist Namibia kein Land des Massentourismus.
Dafür ist es vom Klima, den Distanzen und der Infrastruktur her nicht geeignet.
Massentourismus sowie weitere Belastungen der Landschaftsökosysteme würden das,
was hier gerade gesucht wird, zerstören. Die traditionellen wirtschaftlichen Säulen
Namibias waren Bergbau, Landwirtschaft und Fischerei. Bergbau spielt sich nur
noch in wenigen großen Minen ab, die den Personalbestand jedoch drastisch verringerten.
Die Fischerei leidet unter der jahrzehntelangen Überfischung des Beguelastroms.
Die Landwirtschaft, vor allem Viehzucht, sieht sich immer wieder mit mehrjährigen
Dürren konfrontiert.
Di.
8. Feb. 2005, 20 Uhr
Kunsthalle Bremen,
Vortragssaal
Olbers-Sitzung
Prof. Dr. Sami Solanki, Lindau
Die
Sonne – Ein Motor für das Erdklima?
Zusammen
mit: Deutsche Gesellschaft für Luft- und Raumfahrt, Hochschule Bremen, Naturwissenschaftlicher
Verein, Olbers-Gesellschaft, VDI Bremer Bezirksverein
KURZFASSUNG
Die
Sonne liefert fast die gesamte Energie, ohne die es kaum Leben auf der Erde geben
würde. Somit ist die Sonne wahrlich unser Leben spendender Stern. Trotz ihrer
großen Beständigkeit (im Vergleich zu vielen anderen Sternen) ist die Helligkeit
der Sonne nicht ganz konstant. Könnten Schwankungen der Helligkeit (oder der magnetischen
Aktivität) der Sonne das globale Klima ändern? Dieser Frage wird im Vortrag nachgegangen.
Auf der Suche nach der Antwort kommen wir sowohl an der Millionen Grad heißen
Korona der Sonne wie auch an den kalten Eiswüsten von Grönland vorbei.
Di.
15. Feb. 2005, 20 Uhr
Stadtwaage
Bremen, Vortragssaal, Langenstraße 13
Dr.-Ing. Ulrich
Witzel, Bochum
Hilfe, unsere Köpfe schrumpfen –
Beiß- und Kaukräfte prägen die Evolution von Schädel und Gesicht
Zusammen
mit: Naturwissenschaftlicher Verein, Übersee-Museum Bremen, Universität Bremen,
VDI Bremer Bezirksverein
KURZFASSUNG
Wo kommen wir her? Wie
sieht das Evolutionsgeschehen bei Primatenschädeln und insbesondere beim menschlichen
Schädel in den letzten 3 Millionen Jahren aus und vor allen Dingen, was sind die
prägenden Einflüsse? Wohin wird die Entwicklung gehen? Diese Fragen beschäftigen
nicht nur die Paläanthropologen und die Anthropologie allgemein, sondern auch
viele naturwissenschaftlich interessierte Menschen und andere wissenschaftliche
Disziplinen. Wie kommt das?
Anthropologen und Morphologen arbeiten in der Regel deskriptiv und systematisierend und interessieren sich nicht, wie Gutmann (Frankfurt 1995) schrieb, wie eine Form erzeugt wird, sondern sie finden geformte Lebewesen vor, die sie analysieren und beschreiben. Sie praktizieren diese induktive Vorgehensweise mit dem Ziel, eine Entwicklungstheorie zu finden. Viele anthropologische Fragestellungen und besondere biomechanische Detailfragen blieben jedoch unbeantwortet.
Seit kurzer Zeit wird in Kooperation mit den Ingenieurwissenschaften zur Unterstützung dieser induktiven Strategie die numerische Berechnungsmethode der finiten Elemente (FEM) weltweit herangezogen, die bei uns Ingenieuren seit 25 Jahren dank der fortschreitenden Computertechnik im Maschinenbau und im Bauingenieurwesen immer häufiger bei komplizierten Bauteilberechnungen eingesetzt wird. So führt z.B. Emily Rayfield (Cambridge 2005) ihre „form-function analysis“ an Dinosaurier-Schädeln mit Erfolg durch. Ausgangspunkt der Berechnungen ist jedoch immer eine bereits vorgegebene Form.
In meiner Forschungsgruppe für Biomechanik an der Ruhr-Universität Bochum wird die FE-Methode seit 1980 für Implantatentwicklungen und seit 1985 zur virtuellen Synthese biologischer Strukturen eingesetzt. Bei dieser deduktiven Methode gehen wir von einer Theorie aus, stellen Funktionen z. B. des menschlichen Schädels und daraus abgeleitete funktionelle Belastungen fest und erzeugen mit der Methode der finiten Elemente aus einem unstrukturierten homogenen Hüllvolumen virtuelle knöcherne Formen und Strukturen. Durch diese Syntheseergebnisse lernen wir jedes knöcherne Detail des Schädels zu verstehen. Änderungen der funktionellen Belastungen, z. B. Veränderungen der Beiß- und Kaukräfte und damit angepasste wirksame Muskelkräfte, führen natürlich zu veränderten Schädel- und Gesichtsknochen und damit zu Erklärungen des Evolutionsgeschehens. Die derzeitige Arbeitstheorie besagt, dass mechanische Spannungen knöcherne Formen und ihren inneren Strukturaufbau in ontogenetischer (die Individualentwicklung betreffend) aber auch in phylogenetischer (die Stammesentwicklung betr.) Sicht gemäß eines genetischen Bauplans erzeugen.
Die Berechnungsergebnisse sind ermutigend und wir befinden uns in guter Übereinstimmung mit der Forderung Gutmanns (1995), nach der „biomechanische Konsequenzen gezogen werden müssen und Form im kohärenten Gefüge mechanisch erzeugt angesehen werden muss“. Eine neue Forschungsfrage betrifft den mechanischen Einfluss des während der Evolution zunehmenden Gehirnvolumens und der Volumenabnahme relativ zum Neanderthaler auf die Schädel- und Gesichtsknochen. Häufig wird durch die Medien auch die Frage nach einer zukünftigen Schädelentwicklung gestellt. Sie ist sicherlich sehr reizvoll und wird im Vortrag mit gebotener Vorsicht ausgiebig behandelt.
Für weiterreichende Einblicke in die Methode und die Ergebnisse stehen auf Anfrage eine Reihe von aktuellen Sonderdrucken beim Referenten zur Verfügung.
Di. 1. März 2005,
20 Uhr
Kunsthalle Bremen, Vortragssaal
Prof. Dr. theol. Dr. phil. Otto Böcher,
Mainz
Religiöses Brauchtum der deutschen Juden
im Mittelalter
Zusammen mit: Deutsch-Israelische
Gesellschaft, Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, Historische
Gesellschaft, Stiftung Bremer Dom, Universität Bremen, Verein für Niedersächsisches
Volkstum, Vereinigung für Bremische Kirchengeschichte
KURZFASSUNG
Die
Diaspora- und Ghetto-Existenz der europäischen Juden hatte jahrhundertelang dazu
geführt, dass man die Bräuche der Vorfahren möglichst unverändert zu tradieren
suchte, selbst wenn sie nicht mehr verstanden wurden. Oberste Instanz waren die
Vorschriften der Bibel und der talmudischen Halacha. Was von den Patriarchen und
von Mose berichtet wird, erhielt normative Bedeutung für das Leben jedes Juden:
Beschneidung, Schwagerehe, Bestattungspflicht, Trauerriten und
-fristen, Beobachtung des Sabbats und des Festkalenders, Einhaltung der Speise-
und Reinheitsgebote. Unausgesprochen steht hinter vielen Bräuchen die uralte Furcht
vor dämonischen Mächten, so im Falle der Beschneidung, des Verzichts auf Feuermachen,
Friedhofsbesuch und Verreisen am Sabbat, des Zerbrechen eines Glases bei der Hochzeit,
aber auch der Trennung von Fleisch und Milch oder der Schlachtungsart des Schächtens.
Insbesondere die komplizierten Regeln der Bestattung, des Setzens des Grabsteins
und der gestuften Trauerzeiten verraten einen ursprünglich apotropischen Charakter,
doch mischt sich mit ihnen schon früh die Vorstellung einer Ehrung der Toten.
Die Angst vor kultischer Verunreinigung und ein System von Reinigungsriten hat das Judentum mit der Religiosität der klassischen Antike gemeinsam. Während jedoch im Christentum der Gebrauch des apotropäischen Wassers zu Taufe und Weihwasser-besprengung verkümmert ist und die Wöchnerin nicht mehr „gewaschen“, sondern nur noch ausgesegnet wird, ist das Tauchbad der frommen Jüdin nach Menstruation und Geburt in der – unterirdischen – Mikwe bis heute üblich.
In einer sich verändernden Umwelt blieb das Judentum eine „antike“ Religion, bis die Assimilation, die am Ende des 18. Jahrhunderts einsetzte und um 1850 ihren Höhepunkt erreichte, wesentliche Elemente des jüdischen Brauchtums beseitigte. Die Modernisierungen bestrafen vor allem die Bestattungswesen sowie den Bereich der Kleider- und Speiseordnungen; ihr Preis war ein weitgehender Verlust an jüdischer Identität.
Di.
8. März 2005, 20 Uhr
Kunsthalle Bremen,
Vortragssaal
Prof. Dr. Hermann Parzinger,
Berlin
Auf den Spuren der Skythen in Sibirien –
Das Gold von Tuva
Mit Lichtbildern
Festvortrag
zum 50-jährigen Bestehen der Bremer Gesellschaft für Vorgeschichte
Zusammen mit: Bremer Gesellschaft für Vorgeschichte,
Förderkreis antiker Kunst und Numismatik, Historische Gesellschaft, Übersee-Museum
Bremen, Vereinigung der Freunde der Antike
KURZFASSUNG
In
den Jahren 2000 bis 2002 erforschte die Eurasien-Abteilung des Deutschen Archäologischen
Instituts gemeinsam mit der Staatlichen Ermitage St. Petersburg einen skythischen
Großkurgan in der südsibirischen Teilrepublik Tuva nahe der mongolischen Grenze.
Dabei gelang die Entdeckung eines ungestörten Fürstengrabes mit über 6.000 Goldobjekten
aus dem späten 7. Jh.
v. Chr. Bei den Goldfunden handelt es
sich um herausragende künstlerische Zeugnisse, die ein völlig neues Licht auf
den Tierstil in einem seiner Ursprungsgebiete werfen. Darüber hinaus wurden noch
zahllose weitere Gräber des zu dem Fürsten gehörigen Gefolges freigelegt. Sie
lassen den Kurgan nicht nur als Bestattungsplatz, sondern als Ort kultischer Handlungen
erscheinen, wobei die Bestattung des Fürsten regelrecht inszeniert wurde.
Di.
15. März 2005, 20 Uhr
Kunsthalle Bremen,
Vortragssaal
Prof. Dr. Elisabeth Steinhagen-Thiessen,
Berlin
Die Alterung – ein mehrdimensionaler
Prozess
Zusammen mit: Ärztlicher Verein,
Deutsche Pharmazeutische Gesellschaft, Förderkreis Humangenetik

Di. 4. Nov. 2003, 20 Uhr
Kunsthalle Bremen, Vortragssaal
Eröffnungsveranstaltung
Prof. Dr. Manfred Lahnstein, Hamburg
Die Grenzen der Duldsamkeit – Kulturelle Identitäten
und Verfassungspatriotismus
Zusammen mit:
Nordwest-Radio, Übersee-Museum Bremen, Universität Bremen
KURZFASSUNG
Identitäten
sind ihrer Natur nach unbestimmt, komplex und ständigen Änderungen unterworfen.
Sie können deshalb nicht unmittelbar zum Ankerpunkt ethischer oder politischer
Überlegungen gemacht werden. Gefährlich werden derartige Versuche dann, wenn kulturelle
Identitäten religiös begründet, intolerant und aggressiv vertreten werden. Dies
zeigt besonders die Auseinandersetzung mit dem Islamismus.
Auch unseren aufgeklärten Patriotismus können wir deshalb nicht unseren kulturellen
Identitäten entnehmen. Wir müssen ihn vielmehr auf die Grundwerte unserer Verfassung
begründen. Diese offene und tolerante Werteordnung aber lohnt den und bedarf des
ständigen Einsatzes der Bürger. Sie muss verteidigt werden – gegen alle Ansätze
der Intoleranz, aber auch gegen eine post-moderne Beliebigkeit, die im Ergebnis
zur Auflösung der Grundwerte führt.
Diesen Kampf
dürfen wir nicht den „Verfassungsorganen“ überlassen. Wir müssen ihn im Alltagsleben
führen – in der tiefen Überzeugung, dass auch unsere Kinder in dieser Werteordnung
leben können müssen.
Di.
18. Nov. 2003, 20 Uhr
Kunsthalle Bremen,
Vortragssaal
Prof. Dr. Gerd Gigerenzer,
Berlin
Das Einmaleins der Skepsis – Über
den richtigen Umgang mit Zahlen und Risiken
Zusammen
mit: Ärztlicher Verein, Förderkreis Humangenetik, Universität Bremen
KURZFASSUNG
Die Illusion von Gewissheit: Wie kann man Risiken verstehen statt verdrängen?
Der Vater der modernen Science Fiction, H. G. Wells, hat in seinen politischen
Schriften prophezeit: Wenn wir mündige Bürger in einer modernen technologischen
Gesellschaft möchten, dann müssen wir ihnen drei Dinge beibringen: lesen,
schreiben und -- statistisches Denken. Etwa ein Jahrhundert später hat in
unserem Land fast jeder lesen und schreiben gelernt – nicht aber statistisches
Denken. Unsere Gesellschaft ist von einem rationalen Umgang mit Unsicherheiten
und Risiken noch weit entfernt, ein Zustand, der jedes Jahr beträchtliche finanzielle
Mittel, unnötige Ängste und das Leben von Bürgern kostet. In diesem Vortrag berichte
ich über die „Zahlenblindheit“ von Ärzten, AIDS Beratern und Juristen.
Dann zeige ich anhand meiner Forschung, wie man mit einfachen Methoden
die scheinbar unüberwindliche Zahlenblindheit von Laien und Experten aufheben
und in Einsicht verwandeln kann.
Literatur: Gigerenzer,
G. (2002). Das Einmaleins der Skepsis. Über den richtigen Umgang mit Zahlen und
Risiken. Berlin Verlag, 2002.
Mo.
1. Dez. 2003, 20 Uhr
Obere Rathaushalle
Prof. Dr. Dr. h. c. Ruth Schmidt-Wiegand, Marburg/Lahn
Das geschriebene Recht in der mittelalterlichen
Stadt
Festvortrag anlässlich des 700jährigen
Jubiläums der Kodifizierung des Bremer Stadtrechts am 1.12.2003
Zusammen
mit: Historische Gesellschaft, Institut für Geschichte, Juristische Gesellschaft
Bremen, MAUS, Gesellschaft für Familienforschung, Staats- und Universitätsbibliothek,
Staatsarchiv Bremen, Stiftung Bremer Dom, Universität Bremen, Vereinigung für
Bremische Kirchengeschichte
KURZFASSUNG
Vor 700 Jahren
beschlossen in Bremen Rat und Gemeinde, das in der Stadt angewandte Gewohnheitsrecht
in einem Codex aufschreiben zu lassen. Man folgte damit einer zeitbedingten Strömung,
die allgemein zur Verschriftlichung des Rechts in der Volkssprache führte und
dabei das Buch als neues Medium innerstädtischer Kommunikation entdeckt hatte.
Das älteste Stadtrecht von Bremen, das vor 1308 fertiggestellt worden ist, spiegelt diese Entwicklung wider. An seinem Test, an Aufbau und Form, an Wort und Begriff lässt sich erkennen, welche Bedeutung und Funktion das geschriebene Recht in einer mittelalterlichen Stadt generell besaß und welche Erwartungen sich an seine Aufzeichnung knüpfte.
Der Vergleich mit anderen Rechtsbücherhandschriften aus privatem und städtischen Besitz zeigt, dass das Bremer Stadtrecht eine Spitzenstellung einnimmt.
Di.
9. Dez. 2003, 18 Uhr
Kunsthalle Bremen,
Vortragssaal
Prof. Dr. Wulf Herzogenrath,
Bremen
Die 5 Phasen des Bauhauses
Zusammen
mit: Kunstverein in Bremen, Neues Museum Weserburg Bremen, VDI Bremer Bezirksverein
KURZFASSUNG
Thema des Vortrags mit vielen Dias ist die Grundfrage,
ob es überhaupt richtig ist, von einem Bauhaus-Stil zu reden, denn der Gründer
des Bauhauses, der Architekt Walter Gropius, wurde nicht müde, dies mit dem Argument
abzulehnen: „das Bauhaus ist eine Idee“. Dann ist allerdings die Frage erlaubt,
in welcher Form materialisiert sich die Idee – und was bleibt von dieser Idee
sichtbar in den verschiedenen Stilformen.
Das Bauhaus hat eine gleichlange Lebensphase wie die Weimarer Republik und erlebt daher auch viele Wandlungen von den expressiven, utopiegläubigen Anfängen nach dem Zusammenbruch des Kaiserreiches und den Schrecken des Ersten Weltkriegs bis zum Beginn der Nazi-Zeit.
Die fünf höchst unterschiedlichen Phasen werden an Hand der unterschiedlichen Gestaltungen der Gebrauchsobjekte und der Architektur sinnfällig – und am Ende, hofft der Vortragende, steht die Antwort, dass es nicht EINEN Bauhaus-Stil gibt, sondern sehr unterschiedliche Stilvorstellungen im Laufe der 14 Jahre – die sich grob vereinfacht in 5 Phasen gliedern lassen.
Wulf Herzogenrath promovierte über die Wandbilder des Bauhaus-Meisters Oskar Schlemmer (Prestel Verlag München 1973), bearbeitete den Katalog der internationalen Wanderausstellung des Auswärtigen Amtes „50 Jahre Bauhaus“ 1968-71. Er kuratierte die Ausstellung „bauhaus utopien, arbeiten auf papier“ 1988 im Kölnischen Kunstverein. Er ist seit 1994 Direktor der Kunsthalle Bremen.
Di. 13. Jan. 2004,
20 Uhr
Kunsthalle Bremen, Vortragssaal
Prof. Dr. Friedemann Schrenk, Frankfurt
Afrika – Die Wiege der Menschheit
Zusammen
mit: Bremer Gesellschaft für Vorgeschichte, Förderkreis Humangenetik, Olbers-Gesellschaft,
Übersee-Museum Bremen, Universität Bremen, Verband Deutscher Biologen
KURZFASSUNG
Das vergangene Jahrzehnt gehört zu den glanzvollsten Zeiten in der Geschichte
der Paläoanthropologie. Allerdings wurden mit der Vergrößerung der Familie afrikanischer
Hominiden, unserer frühesten Vorfahren, die Verwandtschaftsverhältnisse recht
unübersichtlich. Der Stammbaum wurde zum Stammbusch. Zwar herrscht mancherorts
immer noch die Auffassung vor, die Evolution des Menschen hätte zielgerichtet
und gradlinig von den Menschenaffen zum Homo sapiens geführt. Jedoch belegen gerade
die Fossilienfunde der letzten Jahre eine große geographische Vielfalt an Vormenschen-Typen
in der Frühzeit des Menschen.
So wird auch die Suche nach unserem eigenen Ursprung immer verzweigter. Es ist die Fahndung nach den Vorfahren von Menschenaffen und Menschen, nach der Entstehung des aufrechten Ganges, nach der ersten Auswanderung aus Afrika und nach dem Beginn der Kultur. Von besonderer Bedeutung – neben der Anwendung neuer Untersuchungsmethoden – sind hierbei multidisziplinäre Forschungsansätze zur Evolutionsökologie des Menschen und seiner Ausbreitungsgeschichte in Abhängigkeit von Klima- und Lebensraumveränderungen.
Afrika war die Wiege der Menschheit. Hier entwickelten sich vor etwa 6 Millionen Jahren die aufrechtgehenden Vormenschen, deren Gehirn noch kaum größer war als das der Menschenaffen. Die Frühzeit des Menschen war geprägt durch gravierende Klimaänderungen. Vor knapp 3 Millionen Jahren änderten sich die Tier- und Pflanzenwelt und die Nahrungsgrundlage für die frühen Menschen.
Di.
20. Jan. 2004, 20 Uhr
Kunsthalle Bremen,
Vortragssaal
Prof. Dr. Sabine Rieckhoff,
Leipzig
Fromm oder barbarisch? – Die Religion
der Kelten
Zusammen mit: Bremer Gesellschaft
für Vorgeschichte, Förderkreis antiker Kunst und Numismatik, Historische Gesellschaft,
Vereinigung der Freunde der Antike
KURZFASSUNG
An
der Religion scheiden sich die Geister. In keinem anderen Bereich ist kulturelle
Identität so verletzlich wie im religiösen Leben, und das seit Jahrtausenden.
Das "Kopftuch" ist kein modernes Problem. Religion verbindet uns mit
unserer Vergangenheit mehr als alle anderen kulturellen Errungenschaften.
Religion war und ist ein faszinierendes Kommunikationssystem, das lediglich in Symbolen existiert, die dennoch höchst konkrete rituelle Realitäten geschaffen haben, die von Kleiderordnungen und Speisetabus bis zu blutigen Opfern reichen. Die Rituale selbst haben sich von Epoche zu Epoche geändert, aber nicht die Tatsache, dass nur der als fromm gilt, der an den Ritualen Teil nimmt; wer diese dagegen in Frage stellt, wird zum Feind.
Der Vortrag thematisiert den Widerspruch zwischen Innen- und Außensicht anhand der Epoche der Kelten (6. - 1. Jh. v.Chr.). Griechen und Römer hielten die Kelten für Barbaren schlechthin, weil sie ihre Tempel plünderten, ihre Götter beleidigten und damit die religiöse, d.h. ethisch-moralische Ordnung der antiken Gesellschaft bedrohten. Deshalb fiel es hellenistischen Machthabern nicht schwer, die Zuwanderer aus dem Norden als Feinde der Zivilisation zu brandmarken, um damit von eigenen Grausamkeiten abzulenken. So entstand das Klischee vom kriegswütigen und brutalen, beutegierigen und unzuverlässigen, trunksüchtigen und prahlerischen Kelten, das in spaßiger Form bis in die Tage von Asterix & Co. überlebt hat.
Die Kelten selbst dürften sich dagegen als tief religiös betrachtet haben. Das überliefern nicht nur antike Schriftsteller, das erweist auch die archäologische Forschung. Gräber und Heiligtümer, Opfer und magische Rituale haben ihre Spuren im Boden hinterlassen. Sie verraten uns, welche Vorstellungen die Kelten sich von göttlichen Wesen gemacht haben und wer die geheimnisumwitterten Druiden gewesen sein könnten. Im Mittelpunkt der Forschung stehen die unterschiedlichen Opferriten. Die verschwenderische Vielfalt der Weihegaben wirkt auf uns heutige ebenso fremd wie deren absichtliche Zerstörung oder die Versenkung der verbogenen, verbrannten, verwesten Gaben in Schächten oder Gewässern. Am fremdartigsten, ja barbarisch wirken die Menschenopfer, die es zweifellos gegeben hat, aber neue Ausgrabungen sprechen dafür, dass der Tod von den Betroffenen keineswegs als Strafe empfunden worden sein muss. In diesem und vielen anderen Bereichen haben moderne archäologische Untersuchungen unser Wissen über die Religion der Kelten entscheidend verändert. So entsteht allmählich ein farbiges, nichtsdestotrotz sachlicheres Bild als es Griechen und Römer tradiert haben, aber auch populäre Medien vermitteln.
Di.
27. Jan. 2004, 20 Uhr
Kunsthalle Bremen,
Vortragssaal
Prof. Dr. Henning Scheich,
Magdeburg
Wie lernt der Mensch?
Zusammen
mit: Hanse-Wissenschaftskolleg, Übersee-Museum Bremen, Universität Bremen, VDI
Bremer Bezirksverein, Verband Deutscher Biologen
Di.
3. Feb. 2004, 20 Uhr
Kunsthalle Bremen,
Vortragssaal
Olbers-Sitzung
Prof. Dr. Günther Gustav Hasinger, München
Das Schicksal des Universums
Zusammen
mit: Deutsche Gesellschaft für Luft- und Raumfahrt, Naturwissenschaftlicher Verein,
Olbers-Gesellschaft, VDI Bremer Bezirksverein
KURZFASSUNG
Die Erkenntnis über die Entstehung und Entwicklung unseres Universums hat in
den letzten Jahren dramatisch zugenommen. Die Galaxienfluchtbewegung, die Struktur
der Mikrowellen-Hintergrundstrahlung und die kosmische Häufigkeit der leichten
Elemente lassen sich in einem selbstkonsistenten Modell erklären, in dem das Universum
vor 13.7 Milliarden Jahren in einem extrem heißen Feuerball entstanden ist – dem
„Urknall“. Die weitere Entwicklung des Universums – die Abkühlung, die Ausbildung
großräumiger Strukturen, die Entstehung von Galaxienhaufen, Galaxien, Sternen
und Planeten lässt sich einerseits durch detaillierte kosmologische Simulationen
beschreiben, andererseits mit immer empfindlicheren Teleskopen und Detektoren,
sowie immer ausgefeilteren Beobachtungstechniken vermessen. Durch Vergleich von
Beobachtungen und Theorie können die das Universum bestimmenden Parameter wie
Masse, Energie und die Geometrie des Raumes abgeleitet werden. Nach neuesten Erkenntnissen
ist das Universum dominiert durch die sogenannte „Dunkle Materie“, eine bisher
völlig unbekannte Art von Materie, die etwa 85% der Gesamtmasse des Universums
ausmacht. Völlig überraschend war die Entdeckung einer, das Universum dominierenden
„Dunklen Energie“, welche die Expansion weiterhin exponentiell beschleunigt, so
dass in unvorstellbar weit entfernter Zukunft das Universum kalt, dunkel und leer
sein wird.
Di. 10. Feb. 2004, 20 Uhr
Stadtwaage Bremen, Vortragssaal, Langenstraße 13
Prof. Dr. Dr. h. c. Hans G. Trüper,
Bonn
Die Mikroben – Funktionen im Naturhaushalt
und Bedeutung für den Menschen
Zusammen
mit: Naturwissenschaftlicher Verein, Übersee-Museum Bremen, Universität Bremen,
Verband Deutscher Biologen
KURZFASSUNG
Infolge ihrer
Kleinheit und der dadurch bedingten scheinbaren Unsichtbarkeit für das menschliche
Auge werden die Mikroben in ihrer essentiellen Bedeutung vom Laien (einschließlich
Politikern, Geisteswissenschaftlern, vielen Naturwissenschaftlern und sogar zahlreichen
Biologen.) völlig unterschätzt. Obwohl wir alle ständig mit Mikroben in Kontakt
sind bzw. zu tun haben, werden sie von den meisten Menschen lediglich als eine
Gefährdung oder Bedrohung gesehen. Dabei sind ihre benefiziellen Wirkungen
von weitaus größerer, ja essentieller Bedeutung sowohl für die Entstehung
des Lebens auf der Erde, die Erhaltung der ökologischen Gleichgewichte dieses
Planeten als auch für den einzelnen Menschen.
Folgende lapidare Sätze werden im Verlauf des Vortrags erörtert: - Alles Leben auf der Erde stammt von Mikroben ab (Mikroben in der Evolution, Prokaryonten und Entstehung von Eukaryonten, Symbiontenhypothese). – Mikroben haben die Erde erst für höheres Leben bewohnbar gemacht (Mikroben als Gestalter der Biosphäre, Entstehung des molekularen Sauerstoffs, geobiologische Zyklen der Elemente Sauerstoff, Kohlenstoff, Stickstoff und Schwefel, Biomasse). – Mikroben leben friedlich mit uns (Mikroben als Ektosymbionten des Menschen, Bedeutung der mikrobiellen Haut- und Darmflora). – Mikroben sind schädlich (Mikroben als Feinde des Menschen, Materialzerstörer, Lebensmittelzerstörer und –vergifter, Erreger von Infektionskrankheiten, Herkunft der menschlichen Infektionskrankheiten, historische Auswirkungen). – Mikroben sind außerordentlich nützlich und technisch einsetzbar (Mikroben als Helfer des Menschen, Rezyklisierung von Abfällen, Bio- und Gentechnologie, Antibiotika u.a.)
Di. 2. März 2004, 20 Uhr
Kunsthalle Bremen, Vortragssaal
Prof. Dr. Gottfried
Boehm, Basel
Jenseits der Sprache? – Die
Kraft der Bilder
Zusammen mit: Ärztlicher
Verein, Gerhard-Marcks-Stiftung, Gesellschaft für Deutsche Presseforschung, Kunstverein
in Bremen, Neues Museum Weserburg Bremen, Philosophische Gesellschaft in Bremen,
Universität Bremen
Di.
16. März 2004, 20 Uhr
Kunsthalle Bremen,
Vortragssaal
Prof. Dr. Klaus Jung, Mainz
Wein und Gesundheit
Zusammen
mit: Ärztlicher Verein, Deutsche Pharmazeutische Gesellschaft, Weinkonvent zur
Rose, Förderkreis antiker Kunst und Numismatik
KURZFASSUNG
´Use, not abuse, neither abstinence or excess ever rendered
man happy´ soll Voltaire auf Befragung zu seinem täglichen Weinkonsum geantwortet
haben. Pasteur sprach ´von einer Mahlzeit ohne Wein wie von einem Tag ohne Sonne´.
Der Volksmund fasst es drastisch in eigene Worte: ´Wird einer früh vom Tod getroffen,
so heißt´s: Er hat zu viel gesoffen. Stirbt einer von den Alten, so heißt´s: Der
Wein hat ihn erhalten´.
Tatsächlich ist anzunehmen, dass bereits vor 40 Millionen Jahren regenwaldbewohnende Primaten bestimmte Fruchtbäume wegen ihres Zuckergehalts trotz großer Entfernungen und saisonaler Reifezeiten regelmäßig aufsuchten, offenbar auch deshalb, weil ihnen die vergorenen Früchte besonders mundeten.
Die frühe Entwicklung von Ortsgedächtnis und Riechorgan waren zwangsläufige Folgen. Als Beweis wird das bereits in diesem Stadium der Evolution entwickelte Enzymsystem ADH/ALDH angeführt, welches speziell für die Alkoholverstoffwechselung ausgelegt ist.
Paracelsus stellte im Zusammenhang mit dem Weinkonsum sieben Genussregeln auf, welche bis zum heutigen Tag gültig sind (Genuss braucht Zeit; Genuss muss erlaubt sein; Genuss geht nicht nebenbei; Genuss ist individuell; Genuss ist Maßhalten; Genuss erfordert Erfahrung; Genuss ist alltäglich).
Im Elisabeth-Hospital in Darmstadt wurden in der ersten Jahreshälfte 1871 für 755 Patienten insgesamt 11352 Flaschen Wein ausgegeben (4633 x Weißwein, 6233 x Rotwein u. a.), d. h. 15 Flaschen je Patient.
Bei Abwägung des Umgangs mit Wein in früheren Zeiten entsteht der Eindruck, dass Weinkonsum durchaus als Genuss, gesundheitsförderlich, lebensverlängernd angesehen wurde, aber – bei höherer Zufuhr – auch schnell gegenteilige Folgen zeitigen kann.
Was davon kann mit heutigen naturwissenschaftlichen Methoden nachvollzogen werden, was ist nicht haltbar?
Auswirkung von Wein auf einzelne Organsysteme:
Positive
Wirkungen eines mäßigen, regelmäßigen Weinkonsums werden auf alle Organsysteme
bezogen.
Im Bereich der Verdauungsorgane wurde entgegen dem Konsum von Kaffee und Nikotin bei Verzehr von über 75g Alkohol pro Woche (täglich ca. 1 Glas Wein à 0,2 l) eine statistisch hochsignifikant geringere Infektionsrate mit Helicobacter pylori (Magengeschwüre auslösend) gefunden. Die Gallensteininzidenz verringert sich.
Weintrinker zeichnen sich durch statistisch hochsignifikant höhere Lungenfunktionskapazitäten aus. Insbesondere Weißwein verringert die Häufigkeit von Erkältungskrankheiten.
Mäßiger, regelmäßiger Weinkonsum verringert die Häufigkeit von Hüftfrakturen, wie sich aus der Kopenhagen-Studie eindeutig ergibt, wohl als Folge einer höheren Knochendichte. Der Calcium-Stoffwechsel wird angeregt, die Knochendurchblutung gefördert. Auch die Inzidenz an rheumatoider Arthritis scheint abzunehmen.
Im Vergleich zu Abstinenzlern nimmt bei mäßigen Weintrinkern die Insulinsensitivität zu, der Plasmainsulinspiegel fällt ab, Triglyceride verringern sich und die HDL-Konzentration nimmt zu. Auch eine Glukosebelastung führt bei mäßigen Konsumenten zu geringeren Anstiegen von Glukose und Insulin. Die Health Professionals Follow-up Study in USA ergab über 6 Jahre bei 41800 Teilnehmern zwischen 40 und 75 Jahren einen deutlichen Abfall der Diabetesinzidenz um 39 Prozent gegenüber einer Kontrollgruppe. Bei prämenopausalen Frauen lässt sich über mäßigen, regelmäßigen Weinkonsum eindeutig der Oestradiol-Spiegel anheben (von 332 pmol/l bei abstinenten Frauen auf 365 pmol/l bei 6-72 g Alkohol/Wo bis 396 pmol/l bei über 72 g Alkohol//Wo), eine wichtige Teilursache für die geringe Inzidenz an koronarer Herzkrankheit und die höhere Knochendichte.
Im Bereich der ableitenden Harnwege führt mäßiger Weinkonsum bekanntlich zu einer Steigerung des Harnflusses, zu einer Durchblutungsförderung und zu einer Zunahme der Ausscheidung hochkonzentrierter Plasmabestandteile. Nierensteine kommen signifikant seltener vor.
Auch das Immunsystem reagiert in typischer Weise auf Wein. Im Tierversuch kam es zu einer eindeutig besseren Abwehr auf die Inokulation von toxischen Mykobakterien. Nichtrauchende Mäßigtrinker verzeichneten die höchsten Spiegel der Immunglobuline IgA, IgG und IgM. Dadurch lassen sich eine Erhöhung der Entgiftungsfunktionen gegenüber Toxinen, Bakterien und Viren, eine Herabsetzung der Lebensfähigkeit vieler Mikroorganismen (z.B. Escherichia coli, Staphylokokken) sowie eine Erhöhung und Aktivitätssteigerung der oxidativen Kapazität bewirken.
Auch zum Zentralnervensystem
gibt es Positives zu berichten. Höheres Denkvermögen und bessere Urteilskraft
wurden bei Weintrinkern nachgewiesen, ebenso eine Performance, die sich aus allgemeinem
Erinnerungs- und Denkvermögen, optischer und akustischer Wahrnehmung, visuellem
Gedächtnis und Wiedererkennen, Auffassungsgabe, verbalem Erinnerungsvermögen,
verbalem Lernen, logischem Denken und Urteilen, sprachlicher Eloquenz sowie psychomotorischer
Koordination und Geschwindigkeit zusammensetzt. Die Inzidenz von M. Alzheimer
und Demenz ist bei mäßigen Weintrinkern eindeutig verringert.
Mainzer Weinstudie
Sie sollte einerseits Auswirkungen eines mäßigen, regelmäßigen Weinkonsums auf das Herz-Kreislauf-System aufdecken, andererseits die Frage beantworten, ob sich Rot- oder Weißwein als der bessere Schutzfaktor gegen die Entwicklung von Herz-Kreislauf-Krankheiten bewährt. Beide Fragen ließen sich beantworten, frühere Erkenntnisse aus Kalifornien und Frankreich bestätigen und neue Erkenntnisse zu Weinen deutscher Provenienz gewinnen. Die Ergebnisse sind ausführlich in Herz-Kreislauf 31,1 (1999) 25-31 beschrieben (´Veränderungen des KHK-Risikoprofils durch moderaten Rotwein – im Vergleich Weißweinkonsum´) 90 gesunde Männer im Alter zwischen 45 und 60 Jahren, vergleichbar bezüglich anthropometrischen Daten, Ernährung, Laborwerten und Lebensstil, frei von Krankheiten, wurden nach dem Zufallsprinzip auf drei Gruppen verteilt (1 Rotwein-, 1 Weißwein- und eine Wassergruppe). Acht Wochen lang sollte jeder Teilnehmer zum Abendessen, je nach Gruppenzugehörigkeit, 0,375 l Rotwein (2 Glas), 0,375 l Weißwein (2 Glas) bzw. 0,4 l Wasser (2 Glas) trinken, ohne in der übrigen Zeit andere Alkoholika zuzuführen.
Untersuchungstermine waren vor Beginn bzw. nach Ende der Testphase (ausführliche körperliche Untersuchung, Gewicht, Blutdruck, EKG) und nach 1, 4 und 8 Wochen, wobei an allen Terminen (6 x) eine Blutentnahme und –untersuchung auf 14 herzrelevante Parameter erfolgte.
Als herausragendes Ergebnis wurde eine Absenkung des herzaggressiven Parameters Fibrinogen gefunden (am stärksten durch Weißwein, geringer durch Rotwein, am wenigsten durch Wasser). Die durch die Fibrinogenabsenkung herabgesetzte Blutgerinnung vermindert die Bildung von Blutpfropfen in den Gefäßen und schützt somit vor der koronaren Herzkrankheit und Herzinfarkt.
Weißwein erhöht das herzprotektive HDL-Cholesterin am stärksten (+ 3,7 mg/dl), es folgen Rotwein (+ 2,5 mg/dl) und Wasser (-0,6 mg/dl).
HDL transportiert Cholesterin aus den Körperzellen, insbesondere aus den Gefäßwänden, zurück zur Leber, wo es verstoffwechselt wird. Ein hoher HDL-Cholesterinwert ist daher ein Schutzfaktor gegen Gefäßverkalkung (Atherosklerose) und damit gegen die koronare Herzkrankheit und Herzinfarkt.
Die antioxidative Kapazität lässt sich durch mäßigen, regelmäßigen Weißweinkonsum am stärksten erhöhen, weniger stark durch Rotwein, während Wasser keinen Einfluss ausübt. Die antioxidativen Phenole im Wein schützen vor den schädigenden Sauerstoffradikalen, sie wirken antioxidativ. Gefäßschäden wie Gefäßwandverdickung, Lumeneinengung bis zum Verschluss werden dadurch verhindert.
Werden protektive mit den aggressiven Faktoren hinsichtlich ihrer Veränderungen durch Weinkonsum aufsummiert, ergeben sich verblüffende Ergebnisse. Wenngleich keine signifikanten Unterschiede auftraten (zu wenige Probanden, zu kurze Testphase), der Trend ist überdeutlich: Zum Aufbau von Schutzfaktoren gegen die Entwicklung von Herz-Kreislauf-Krankheiten scheint Rotwein besser als Weißwein und vor allem als Wasser geeignet zu sein. Liegen Risikofaktoren vor, ergibt sich ein besserer Effekt durch mäßigen Konsum von Weißwein im Vergleich zu Wasser und zu Rotwein. Die Effekte von Weißwein treten langsamer als diejenigen von Rotwein auf, im Endergebnis unterscheiden sich die Auswirkungen aber eher wenig.
Festzuhalten bleibt,
dass Weingenuss insgesamt, sofern mäßig und regelmäßig konsumiert, zu vielen positiven
Adaptationen der einzelnen Organsysteme führen kann, welche nicht nur subjektiv
angenehm empfunden werden, sondern auch objektiv gesundheitsförderlich wirken.
Di. 30. März 2004, 20 Uhr
Stadtwaage Bremen, Vortragssaal, Langenstraße 13
Prof. Dr. Jürgen Mittelstraß, Konstanz
Europa erfinden. Über die europäische Idee, die europäische
Kultur und die Geisteswissenschaften
Zusammen
mit: Philosophische Gesellschaft in Bremen
KURZFASSUNG
Von
Europa ist heute vor allem unter politischen und ökonomischen Gesichtspunkten
die Rede. Auch seine zukünftige Rolle und seine gewünschte Stärke werden meist
im Politischen und Ökonomischen gesucht. Dabei wird übersehen, dass Europas wahre
Stärke in seiner Kultur und in Ideen und Werten liegt, die diese Kultur schufen.
Sofern diese heute vergessen wurden, müssen sie wieder entdeckt werden – vielleicht
sogar in der Weise, dass wir das, was wir suchen, erst wieder erfinden müssen,
um es zu entdecken. Dazu gehört auch das Projekt Europa, unter kulturellen Aspekten
betrachtet.
Der Vortrag wird sich zunächst mit einigen allgemeineren Aspekten eher historischer Art befassen, die sich auf die Herkunft eines Projekts Europa bzw. einer Idee Europa und auf klassische literarische und philosophische Stellungnahmen und Einschätzungen beziehen, dann mit spezifischen europäischen Ideen und Werten, die ich einem gemeinsamen kulturellen Willen Verdanken. Zu diesen Ideen und Werten gehörten zum Beispiel Gleichheit und Freiheit, Selbstbestimmung, Toleranz und eine argumentative Vernunft, die auch die Wissenschaft hervorbrachte. Ferner soll von dem besonderen Verhältnis zwischen europäischer Kultur und den Geisteswissenschaften, die diese Kultur zu ihrem wesentlichen Gegenstand haben, die Rede sein. Man darf – und auch das soll deutlich werden – Europa, das Projekt und die Idee Europa, nicht allein den Politikern überlassen. Die Politik neigt dazu, alles zwischen einem gut gemeinten Ökonomismus und einem falsch verstandenen Utopismus zu zerreiben; und was dabei herauskommt, euphemistisch als Kunst des Möglichen deklariert, ist oft nur ein halbherziger Realismus, dem die konzeptionelle und ideelle Lust ausgegangen ist. In diesem Punkt tut ein Schuss Idealismus gut, in dem sich das eigentliche Europa, seine Idee und seine Stärke zu erkennen geben.
Di.
20. April 2004, 20 Uhr
Kunsthalle
Bremen, Vortragssaal
Prof. Dr. Hans Kloft,
Bremen
Goethe, Rom und die Antike
Zusammen
mit: Bremer Ortsvereinigung der Goethe-Gesellschaft, Förderkreis antiker Kunst
und Numismatik, Gerhard-Marcks-
KURZFASSUNG
Rom war von der Antike
an ein Anziehungspunkt für Reisende, Schriftsteller und Künstler. Nach dem Zusammenbruch
des Imperium Romanum wandelte sich die Kaiserresidenz zur Stadt der Päpste. Das
Interesse der Reisenden galt nun den Heiligen, den Märtyrern, den Reliquien und
den an sie gerichteten Erwartungen.
Mit der Renaissance traten an die Stelle der christlichen die säkularen "Heiltümer", die herausragenden Zeugnisse der antiken Kunst, zu denen die Kunstpilger nun wallfahrten und die durch Winckelmann im 18. Jh. kanonisiert wurden. Goethe, sein Rom- und Italienerlebnis steht in diesem Kontinuum.
Der Vortrag versucht, in Wort und Bild nachzuzeichnen, was Goethe in Rom gesehen und erlebt hat, wie er die Antike verstanden und sich zu eigen gemacht hat: Ein klassisches "Erlebnis" in seiner bewundernswerten Größe und auch in seiner Begrenztheit, das prägend geworden ist weit über das 19. Jahrhundert hinaus.
Mi.
4. Sept. 2002, 19 Uhr
Festsaal der Bremischen Bürgerschaft
Prof. Dr. Jürgen Meyer, Berlin/Freiburg
Wie sollte die künftige
Europäische Verfassung aussehen? -
Ein Werkstattbericht aus der Arbeit des
Europäischen Verfassungskonvents
Zusammen mit: Bremische Bürgerschaft,
Juristische Gesellschaft Bremen
Di. 22. Okt. 2002, 19
Uhr
Obere Rathaushalle
Feierlicher Eröffnungsvortrag
Prof.
Dr. Detlev Ganten, Berlin
Medizinische und gesellschaftliche Lehren aus
der Genomforschung
Kurzfassung des Vortrages
KURZFASSUNG
"Medizinische und gesellschaftliche Lehren aus der
Genomforschung", Genomforschung, die Forschung an Stammzellen, Präimplantationsdiagnostik,
Reproduktionsmedizin, reproduktives und therapeutisches Klonen und andere gentechnische
Methoden der Medizin, sind Reizworte der aktuellen Diskussion und durch Beiträge
unterschiedlichster Art in den letzten Wochen und Monaten in Bezug auf ihre medizinische
Anwendung, aber auch hinsichtlich der gesellschaftlichen Folgen bereichert worden.
Es haben u.a. Stellung genommen: die Enquete Kommission des Deutschen Bundestages,
der Nationale Ethikrat, die Kirchen Deutschlands, europäische Gremien und Kommissionen,
zahlreiche Wissenschaftsorganisationen, Ärztevereinigungen, Fachgesellschaften
auf nationaler und internationaler Ebene, Parlamente und Regierungen. Neue Gesetze
wurden verabschiedet oder werden vorbereitet.
Die Ergebnisse dieser vielfältigen
Beschäftigungen sind bemerkenswert unterschiedlich, zum Teil völlig entgegengesetzt.
Immer geht es um die Fragen: Was können Kranke von den neuen wissenschaftlichen
Methoden erwarten? Werden schicksalhafte Erkrankungen heilbar? Aber auch: Mit
welchen wissenschaftlichen Methoden wollen und dürfen wir forschen? Welche Zellen,
Materialien, Forschungsobjekte stehen zur Verfügung? Welche Anwendungen der Forschung
wollen wir erlauben? Wie können wir Missbrauch verhindern? Was bleibt unantastbar?
Politisch sind diese Fragen durch den Gesetzgeber zu entscheiden, zu
hinterfragen ist allerdings, wie weit es möglich ist, durch spezifische gesetzgeberische
Maßnahmen Ergebnisse zukünftiger Forschung überhaupt zu regeln.
Andere
Länder finden andere Lösungen: England, Belgien, Holland, Schweden, Australien,
Japan, Israel sind durch einen eher liberalen wissenschaftsfreundlichen Kurs gekennzeichnet.
In USA gibt es eine klare Trennung zwischen den öffentlich finanzierten und dem
privaten Bereich. In Deutschland wird die Diskussion bezüglich des für und wider
der Grenzen der Wissenschaft auf hohem akademischen Niveau geführt – aber bevor
die Diskussion zu einem Ende gekommen ist, sind die Wissenschaftler, um deren
Forschung es geht, zum Teil nicht mehr im Lande: ausgewandert, nicht zurückgekehrt
oder auf anderen Forschungsgebieten tätig, weil die Förderung fehlt.
Die Zukunftsfähigkeit eines Landes wie Deutschland hängt zunehmend von seiner
Forschung auf vielen verschiedenen Gebieten ab, von denen einzelne Forschungsthemen
immer auch kontrovers sein werden. Die Wissenschaft kann nur gedeihen in einem
Klima gegenseitiger Achtung und Vertrauens sowie gesellschaftlicher Akzeptanz.
Die derzeitige Stammzelldiskussion hat in diesem Sinne einen über den aktuellen
Anlass hinausgehenden wichtigen exemplarischen Stellenwert. Entscheidend ist auch
das Vertrauen der Politik und der Gesellschaft in die Wissenschaft und in die
Selbstkontrolle wissenschaftlicher Organisationen und des wissenschaftlichen Prozesses.
Ethik ist eine wissenschaftliche Methode, die sich kritisch mit den geltenden
Normen von Moral und Akzeptanz auseinandersetzt. Die wissenschaftliche Methode
wird sich nur begrenzt ändern, wohl aber ändern sich die gesellschaftlich akzeptierten
Normen, wie uns die Betrachtung der Wissenschaftsgeschichte zeigt. Gleichwohl
haben bioethische Grundsätze Bestand. Dazu gehören die Achtung vor dem Leben,
die Unantastbarkeit der Menschenwürde und das Recht auf Selbstbestimmung.
Di.
29. Okt. 2002, 20 Uhr
Stadtwaage Bremen, Vortragssaal, Langenstraße
13
Prof. Dr. Jörg Stadelbauer, Freiburg/Brsg.
Russland zwischen
Traditionsorientierung und Globalisierung
Mit Lichtbildern
Zusammen mit: Geographische Gesellschaft, VDI Bremer Bezirksverein
KURZFASSUNG
Der Zusammenbruch des Sowjetsystems und der Zerfall der Sowjetunion haben einerseits
Kräfte freigesetzt, die über Jahrzehnte keine Wirkung entfalten können; andererseits
war die mit diesem Zusammenbruch beginnende Transformation im politischen, wirtschaftlichen
und sozialen Bereich eine wesentliche Voraussetzung für die Teilhabe aller Nachfolgestaaten
am Globalisierungsprozess. In dieser Übergangsphase begann Russland, sowohl ältere
Traditionen wieder zu beleben als auch Modernisierung zu betreiben. Mehr als ein
Jahrzehnt nach diesem Vorgang ist es gerechtfertigt, eine Zwischenbilanz zu ziehen.
Es zeigt sich, dass mit dem Nebeneinander beider Wege eine weitere Zunahme
ohnehin vorhandener interner Disparitäten und Gegensätzlichkeiten verbunden war.
So tritt in der Gegenwart die Hauptstadt Moskau mit einer hohen Konzentration
nationaler Aufgaben immer stärker als Vorreiter der Globalisierung hervor, während
andere Gebiete, insbesondere entlegene, verkehrsferne ländliche Räume, aber auch
altindustrialisierte Gebiete mit geringerem Innovationspotential, eher als Verlierer
in diesem Prozess anzusehen sind.
Entwicklungen zum Traditionalismus,
wie etwa die Förderung des kulturellen Erbes oder die Wiederbelebung der orthodoxen
Kirche, beschränken sich dagegen nicht auf die Hauptstadt – es sei denn, es verbinden
sich damit politische Zielsetzungen. Aber zusätzlich muss wesentlich stärker regional
differenziert werden: Russland beherbergt Angehörige nicht-slawischer Völker,
Anhänger nicht-orthodoxer Glaubensrichtungen und erscheint offen für eine Vielzahl
von Lebensentwürfen. Dazu kommen ganz unterschiedliche wirtschaftliche Potentiale
und Ausrichtungen, die einerseits der (regionalen) Eigenversorgung dienen, andererseits
aber auch zunehmende Außenkontakte in das alltägliche Handeln einbeziehen. Die
grenznahe Lage einiger Regionen erfährt eine Umbewertung, wenn mit Grenzöffnung
zugleich der Zugang zu neuen Kontakten und Handelspartnern verbunden ist. Insgesamt
entsteht dadurch ein außerordentlich vielfältiges Bild an Raumstrukturen und Orientierungen.
Dies wenigstens beispielhaft aufzuzeigen und dabei insbesondere den Chancen Russland
im Rahmen der Globalisierung nachzugehen, ist das Ziel dieses Vortrages.
Mi.
6. Nov. 2002, 20 Uhr
Neues Museum Weserburg, Bremen
Dr. Hans-Jürgen Heinrichs, Heidelberg
Wahrnehmen und Falschnehmen -
vom Betrachten alltäglicher und künstlerischer Phänomene
Zusammen mit: Kunstverein
in Bremen, Neues Museum Weserburg Bremen, Übersee-Museum Bremen
KURZFASSUNG
Die Fragilität dessen, was wir als eine normale, alltägliche Wahrnehmung begreifen,
wird uns erst deutlich, wenn wir durch eine Einschränkung des Sehens und Hörens
oder anderer Sinneseindrücke aus der Wahrnehmungsvielfalt herausgerissen werden.
Bereits kleine Veränderungen (etwa bei einem Unfall), im Besonderen aber tiefer
greifende Irritationen können auf tragische Weise unser ganzes Weltbild zerstören,
indem sie verhindern, dass wir unsere Eindrücke von Sehen, Hören und Fühlen integrieren,
in Raum und Zeit verorten und zu einem Ganzen fügen.
Allein die Tatsache, dass Welt im Auge sich abbildet oder im Ohr wie in einem Echoraum widerhallt, verdankt sich Tausenden und Abertausenden von Botschaftern und wundersamen Zuträgern, derer man zuvor niemals gedacht hatte. Erst ein Ausbleiben oder der völlige Verlust von Nachrichten oder gar das Auftreten von Falschmeldungen zeigen Konturen eines schöpferischen Vorgangs, den wir Wahrnehmung nennen.
Hans-Jürgen Heinrichs erörtert in seinem Vortrag die komplexen Bedingungen der Wahrnehmung, auch auf den Grundlagen der modernen Hirnforschung, erläutert die philosophische Wahrnehmungslehre oder Aisthetik und die psychoanalytischen Vorstellungen der phantasmatischen Anteile in unserer Wahrnehmung. An konkreten Beispielen einer komplexen Wahrnehmungsverzerrung (wie dem Tinnitus) oder der willentlich erzeugten Sinnesveränderung durch Drogen wird deutlich, wie schnell die Stabilität und Selbstverständlichkeit des Koordinatensystems im eigenen Erleben und Wahrnehmen ins Wanken geraten, ja ausgehebelt werden. Subjektivität, Objektivität und Natur, Stimmungen, Befindlichkeiten und äußere Bedingungen sind aufs engste miteinander verknüpft. Schließlich werden noch in einem kulturgeschichtlichen Überblick der Wandel in der alltäglichen und künstlerischen Wahrnehmung (etwa in der Malerei und Musik) im 20. Jahrhundert dargestellt und die Unterschiede zwischen dem Sehsinn und dem Hörsinn erläutert.
Do.
28. Nov. 2002, 20 Uhr
Bremer Bank, Kundenhalle, Domshof
Prof. Dr. Johannes Deckers, München
Erotische Motive in der spätantiken
Kunst
Mit Lichtbildern
Zusammen mit: Dante-Gesellschaft, Förderkreis
antiker Kunst und Numismatik, Historische Gesellschaft, Vereinigung der Freunde
der Antike
KURZFASSUNG
Anders als gemeinhin angenommen, sind
Darstellungen erotischen Inhalts in der spätantiken und frühbyzantinischen Kunst
(4.-7. Jahrhundert n. Chr.) nicht tabu. Wie schon in der römischen so geben auch
in dieser Epoche die Illustrationen zu den weiterhin lebendigen, klassischen Mythen
einen willkommenen Anlass, sich diesem immer aktuellen Thema zuzuwenden. Aber
auch Bilder zu biblischen Episoden erotischen Inhalts, wie etwa die der versuchten
Verführung Josephs durch die Gattin Potiphars, sind in der Kunst dieser Zeit zu
finden. Auffallend ist jedoch, dass derartige biblische Themen gleichzeitig in
künstlerisch höchst unterschiedlichen Fassungen auftauchen. Ursache hierfür dürfte
ein jeweils andersartiger gesellschaftlicher und funktionaler Kontext sein.
Do.
12. Dez. 2002, 20 Uhr
Bremer Bank, Kundenhalle, Domshof
Prof. Dr. Bassam Tibi, Göttingen
Orient und Okzident - Christentum
und Islam. Historische Impressionen
Zusammen mit: Historische
Gesellschaft, Institut für Geschichte, Stiftung Bremer Dom, Verein für Niedersächsisches
Volkstum, Vereinigung für Bremische Kirchengeschichte,
Kreuzzug
gegen Djihad? – Toleranz für Islam, wehrhafte Demokratie gegen Islamisten
von Herbert Risz
Für Europa war der Islam immer ein Stachel im Fleisch. Kann man sich mit ihm vertragen, ohne die eigenen Werte aufzugeben? Bassam Tibi sucht in seinem neuen Werk „Kreuzzug und Djihad“ die Wurzeln dieser Beziehung bloßzulegen. Anders als frühere Bücher des Autors ist dieses außerordentlich informationsreiche Werk in einem klaren Flüssigen Stil geschrieben, der die Lektüre zum Vergnügen macht. Reste arabischer Rhetorik wirken eher belebend.
Islam und Christenheit bekämpften und befruchteten einander immer wieder. Das Heute ist in dieser Sicht Station einer globalen Geschichte. Sie sind die einzigen, die sich als universal verstehen. Zum Unterschied vom Christentum, das als Friedensbotschaft auftrat, trat der Islam als Eroberer in die Geschichte. Genauer, er begann mit einer Welle von als göttlicher Auftrag begründeten Kriege, um die Welt den islamischen Frieden zu bringen. Nach einer ersten Periode der Ausbreitung im Westen bis Frankreich und im Osten in den Iran erreichte dieser Islam die Grenzen seiner Möglichkeiten.
Tibi vertritt die These von Henri Pirennes, des französischen Historikers, der in der Geburt des Abendlandes eine europäische Antwort auf die islamische Herausforderung sah. Die islamischen Zentren Bagdad und Cordoba konnten zur Heimstätte von Philosophen und Mathematikern werden, die griechisches und iranisches geistiges Erbe aufarbeiten. Die Machtpolitiker Karl der Große und Harun al Raschid waren wieder um gute Nachbarschaft besorgt. Politik und Kulturaustausch passten zusammen. Doch dann „erschien auf der Synode von Piacenza im März 1095 ein Gesandter des byzantinischen Basileus, der wegen Gefährdung seines Reiches um christliche Hilfe bat“. Zwar nicht gegen den arabischen Djihad, sondern gegen die seldukischen-turkmenischen Stämme, doch instrumentalisierte Papst Urban II. auf dem Konzil von Clermont im November 1095 den Hilferuf für den ersten Kreuzzug gegen den Islam, obwohl es mit dem zur Zeit gar keine Probleme gab. Damit brach eine fast vier Jahrhunderte dauernde Periode gegenseitigen Abschlachtens aus, bei der abwechselnd Kreuzritter, Djihadkämpfer, Türken und Mongolen die Bewohner eroberter Städte abschlachteten und weite Landstriche verwüsteten. Religion wurde ein immer schwächerer Vorwand für barbarische Beutezüge. Aus all dem Grauen ging als Erbe das Reich der osmanischen Türken hervor, bis sie sich an Wien einerseits und am mohammedanischen Iran andererseits die Zähne ausbissen. Auf der Strecke blieben das verfeinerte Ostchristenreich Konstantinopels und die humanistische Tendenz im Islam, die ihre Blüte in Bagdad und Cordoba gehabt hatte.
In Bassam Tibis Sicht brachten die Türken eine neue Dimension in den Islam. Wo die arabischen Glaubenskämpfer auszogen, den Glauben zu verbreiten, betrachteten sie sich stets als Eroberer, zuerst der bereits islamischen Gebiete. Erst später erhoben sie ihre Kriegszüge auf den Balkan zum Djihad. Die erste Welle der gewaltsamen Ausbreitung des Islam war verebbt, als infolge verlorener Schlachten die Kriegsbeute als Motivation der Beduinenkrieger wegfiel. Man beschränkte sich nun auf die Bewahrung des Erkämpften. Ähnlich erging es der türkischen Version des Djihad. Angesichts der wachsenden militärischen Überlegenheit de Westens begnügten sich die Sultane nun damit das Eroberte zu halten. Im vorigen Jahrhundert brach dann das Osmanenreich zusammen, worauf nach dem Ersten Weltkrieg Kemal Atatürk begann das türkische Kerngebiet zu modernisieren. Doch dies krankt nach Tibi am gleichen Übel wie alle derartigen Versuche der arabo-muslimischen Welt: Man glaube, es sei mit der Übernahme der Technik getan und wolle nicht verstehen, dass die technischen und wissenschaftlichen Erfolge einer ganzheitlichen gesellschaftlichen Logik entspringen.
In der mittelalterlichen Hochblüte des Islam bauten arabische Mediziner und Philosophen wie Averroes und Avicenna auf dem Wissen der griechischen und iranischen Antike weiter und „entfalteten die Lehre von der ‚doppelten Wahrheit’ ... Nach Averroes gab es neben der religiösen Wahrheit der Offenbarung eine an der Vernunft orientierte philosophische Wahrheit“. Seine These stellte die Verbindung zwischen den arabischen Rationalisten und der christlichen Welt her. Doch nicht nur im christlichen Abendland wurden Ketzer verbrannt, die mit diesen neuen Gedanken „das theozentrisch-kirchliche Weltbild“ bedrohten. bereits zu Lebzeiten Averros’ wurden dessen Schriften immer wieder von den Vertretern der islamischen Figh genannten Version der Inquisition verbrannt.
Im Westen blieb die Renaissance in dieser Auseinandersetzung siegreich, im islamischen Raum die Figh-Orthodoxie. Islamisten versichern immer wieder, es gebe keinen Widerspruch zwischen moslemischem Glauben und Wissenschaft. Dagegen zitiert Tibi unter anderen den saudischen Professor Jaafer Sheik Idris: Für ihn als Muslim sei es „obligatorisch ... meine Annahmen anhand koranischer oder prophetischer Texte zu beweisen und zu zeigen, dass sie von solchen Texten hergeleitete werden können“, denn „solange die Welt ein Werk Gottes ist, und Religion das Wort Gottes ist, (müssen) genuine empirische Aussagen, die die Welt beschreiben, und authentisch religiöse Aussagen notwendigerweise wahr sein und können sich daher nicht gegenseitig widersprechen.“
Die islamische
Welt, zeigt Tibi ausführlich, sieht in ihrem Zurückfallen und im Erfolg des Europäismus,
wie er die Ausbreitung der westlichen Zivilisation nenn, einen Ausdruck des fortdauernden
Kreuzzuges der Christen gegen den Islam. Ist also der „Zusammenstoß der Zivilisationen“
unvermeidlich? als Vertreter des islamischen Rationalismus ist Tibi nicht ohne
Hoffnung, doch müssten „westliche Werte wie Demokratie und individuelle Menschenrechte
auch im Dialog gegen jeden Neo-Absolutismus verteidigt werden“, wie er sich im
islamischen Raum immer stärker durchsetzt. „An der Grenze Europas zur Welt des
Islam gilt die Suche nach einer internationalen Moralität ... Die Schlussfolgerung
lautet: Toleranz dem Islam, wehrhafte Demokratie dem Islamismus gegenüber.“
Kreuzzug und Djihad
Der Islam und die christliche Welt
von
Bassam Tibi
Bertelsmann Verlag, München 1999
ISBN 3-442-15195-3
Di.
21. Jan. 2003, 20 Uhr
Stadtwaage Bremen, Vortragssaal, Langenstraße
13
Dr. Antonia Kesel, Saarbrücken
Bionik - Lernen in der
Innovationswerkstatt Natur für die Technik der Zukunft
Mit Lichtbildern
Zusammen mit: Hochschule Bremen, Naturwissenschaftlicher Verein, Übersee-Museum
Bremen, VDI Bremer Bezirksverein
KURZFASSUNG
Lernen
von der Natur für eine potentielle anthropogene Anwendung" ist Gegenstand
der anwendungsorientierten Wissenschaftsdisziplin Bionik Ursprünglich zwischen
Bio- und Ingenieurwissenschaften angesiedelt, umfasst diese vom interdisziplinären
Charakter geprägte Disziplin heute Physik, Mathematik, Informatik, Chemie, Pharmazie,
Medizin, Materialwissenschaften, Elektrotechnik, Maschinenbau, Architektur bis
hin zu Design und Psychologie.
So zählen DNA-Computer, Biogel-Akkumulatoren, arifizielle Tunnelproteine, um nur einige wenige zu nennen, zu selbstverständlichen Tools zukünftiger Technologien. Wir haben den Nanobereich erobert und beginnen das immense Innovationspotential der "molekularen Natur" zu erahnen. Zudem offerieren die modernen Analyseverfahren zunehmend detailliertere Einsichten in die basalen Konstruktionsprinzipien biologischer Systeme und Strukturen. Hier imponieren energieeffiziente Prozesse, dezentrale Steuermechanismen, funktionsadaptierende Strukturdesigns und smarte Materialien auf allen Hierarchieebenen.
Dabei heißt "Lernen von der Natur" vor allem die Interaktion von Material, Struktur und Funktion natürlicher Konstruktionen und Systeme zu verstehen. Immer gilt es hier die hochkomplexen Strukturen innerhalb eines mehrdimensionalen Umfeldes zu analysieren. Keine einfache Aufgabe, aber zumindest zeigt uns das Vorbild Natur die Machbarkeit auf: selbst unter Einbeziehung multipler Optimierungskriterien in einem mehrdimensionalen Spannungsfeld können funktionstüchtige Lösungskonzepte realisiert werden.
Demnach ist die Beschäftigung mit den Vorlagen der Natur gleichermaßen Schulung wie Herausforderung unserer Kreativität. Und - und nicht zuletzt: die hochkomplexen Systeme und Strukturen erzwingen den interdisziplinären Dialog. Neue Kommunikationsmodelle sind ebenso gefordert wie die Anwendung des Methodenkanons aller uns heute und in Zukunft zur Verfügung stehenden Wissenschaftsdisziplinen. Hier sind insbesondere heutige wie künftige Bildungssysteme und -institutionen gefordert, neben der spezifischen Ausbildung innerhalb der Fachrichtungen interdisziplinäre Inhalte in die Bildungskonzepte zu implementieren.
Di. 11.
Febr. 2003, 20 Uhr
Bremer Bank, Kundenhalle, Domshof
Olbers-Sitzung
Prof. Dr. Reimar Lüst, Hamburg
Astrophysik und Weltraumfahrt
Zusammen mit: Deutsche Gesellschaft für Luft- und Raumfahrt, Naturwissenschaftlicher
Verein, Olbers-Gesellschaft, VDI Bremer Bezirksverein
KURZFASSUNG
Die
Weltraumtechnik hat zu völlig neuen Erkenntnissen über den Kosmos, die Sternsysteme,
die Sterne und unser Planetensystem geführt. Während die kosmischen Objekte vom
Erdboden aus nur in einem sehr beschränkten Wellenlängenbereich – dem optischen
und dem Radio Bereich – beobachtet werden können, ist es mit Hilfe von Raketen
und Satelliten möglich, die Begrenzung durch die Erdatmosphäre auszuschalten und
so die von den kosmischen Objekten imitierte Strahlung in allen Wellenlängenbereichen
zu empfangen. Die Himmelskörper unseres eigenen Planetensystems, die Planeten
und Kometen, konnten mit Sonden unmittelbar aufgesucht und aus großer Nähe beobachtet
werden. Aber auch der Einsatz von Astronauten war für die astrophysikalischen
Beobachtungen von besonderer Bedeutung. Denn diese ermöglichten die Wartung und
sogar die Reparatur eines großen Weltraumteleskops.
Di.
18. Febr. 2003, 20 Uhr
Stadtwaage Bremen, Vortragssaal, Langenstraße
13
Prof. Dr. Dieter Borchmeyer, Heidelberg
Goethe und Johann
Sebastian Bach
Zusammen mit: Bremer Ortsvereinigung der Goethe-Gesellschaft
Di.
25. Febr. 2003, 20 Uhr
Stadtwaage Bremen, Vortragssaal,
Langenstraße 13
PD Dr. Dieter Hertel, Bochum
Troia
- Geschichte und Mythos
Mit Lichtbildern
Zusammen mit: Bremer Gesellschaft
für Vorgeschichte, Förderkreis antiker Kunst und Numismatik, Vereinigung der Freunde
der Antike
KURZFASSUNG
Meist
wird davon ausgegangen, dass eine der beiden spätbronzezeitlichen Schichten von
Troia, d. h. entweder Troia VI oder Troia VII a, Schauplatz eines historischen
Kerns der Sage vom Troianischen Krieg war, d. h. dass mykenische Griechen Troia
um 1300 oder 12000 v. Chr. eingenommen haben. Eine Analyse der in Frage kommenden
Zerstörungsschichten zeigt jedoch, dass keine bzw. keine ausreichenden Indizien
auszumachen sind, die es erlauben, das Ende dieser beiden Siedlungen auf Eroberungen,
und erst recht nicht durch mykenische Griechen, zurück zu führen (letzteres ist
auch aus anderen archäologischen sowie aus historischen Gründen mehr als unwahrscheinlich):
Troia VI ging offenbar durch ein Erdbeben zugrunde, Troia VII a eher durch eine
Brandkatastrophe als durch menschliche Gewalt. Selbst wenn diese Niederlassung
erobert worden wäre, dann käme als Urheber dieses Geschehens ein aus dem Balkan
stammendes Volk in Frage, denn die auf Troia VII folgende Siedlung Troia VII b
1 war stark von einer balkanischen Kultur geprägt.
Di. 4.
März 2003, 20 Uhr
Stadtwaage Bremen, Vortragssaal, Langenstraße
13
Prof. Dr. Arnulf Kutsch, Leipzig
Propaganda statt Information
- Medien und Journalismus im "Dritten Reich"
Zusammen
mit: Gesellschaft für Deutsche Presseforschung, Staats- und Universitätsbibliothek
KURZFASSUNG
Durch
rechtlichen Maßnahmen, personelle Säuberungen und gezielten Terror sowie durch
die Errichtung von staatlichen und Partei-Institutionen zur Lenkung und Kontrolle
der Medien und des Journalismus gelang es der nationalsozialistischen Diktatur
sehr rasch nach Hitlers Machtergreifung, die Publizistik in Deutschland >gleichzuschalten<,
d. h. unter ihre Kontrolle zu bringen. Das gelang nicht zuletzt auch deshalb,
weil namentlich die bürgerliche Presse und ihre Berufsangehörigen (Verleger, Journalisten),
aber auch andere publizistische Medien wie der Rundfunk, keinen entscheidenden
Widerstand gegen die Machtergreifung und die >Gleichschaltung< leisteten.
Der Vortrag stellt diese Institutionen,
an ihrer Spitze das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda, dar
und zeigt, wie u. a. durch die inhaltliche Lenkung der Medien und ihre ökonomische
Steuerung der Journalismus in ein immer engeres Korsett der nationalsozialistischen
Propaganda gepresst wurde. Diese Propaganda schränkte die Funktion der Medien
auf die Rolle als >politische Führungsinstrumente< ein, und der Journalist
sollte >Gefolgsmann des Politikers<, mithin des nationalsozialistischen
Regimes, sein.
Trotz der ungeheuren Propagandamaschienerie zur Regie des öffentlichen Lebens in Deutschland ist es dem Regime weder gelungen, eine einheitliche Propaganda zu verbreiten, noch erzielte die Propaganda während des >Dritten Reiches< stets die beabsichtigten Wirkungen.
Di.
25. März 2003, 20 Uhr
Stadtwaage Bremen, Vortragssaal, Langenstraße
13
Prof. Dr. Victor Smetacek, Bremerhaven
Ist die künstliche
Düngung des Ozeans eine Möglichkeit für den Klimaschutz?
Mit Lichtbildern
Zusammen mit: Universität Bremen, Naturwissenschaftlicher Verein
KURZFASSUNG
Daten
aus Eisbohrkernen haben gezeigt, dass globale Temperaturänderungen während Kalt-
und Warmzeiten mit starken Schwankungen in der Konzentration von Kohlendioxid
(CO2) in der Atmosphäre einhergegangen sind. Da der Ozean fünfzigmal mehr CO2
als die Atmosphäre enthält, ist wahrscheinlich, dass Veränderungen in den Austauschprozessen
zwischen Ozean und Atmosphäre für die Schwankungen verantwortlich sind. Eine entscheidende
Rolle im globalen Kohlenstoffhaushalt spielen die freischwebenden, einzelligen
Algen des Planktons (Phytoplankton). Durch ihr Wachstum in der lichtdurchfluteten
Oberflächenschicht wird CO2, das dort im Gleichgewicht mit der Atmosphäre steht,
in Biomasse umgewandelt. Das dabei erzeugte Defizit wird durch die Lösung von
atmosphärischem CO2 wieder ausgeglichen. Ein Teil der von Algen erzeugten organischen
Materie wird in der Oberflächenschicht von Bakterien und Tieren wieder zu CO2
veratmet, aber ein Teil sinkt in tiefere Schichten oder bis zum Boden und wird
erst dort abgebaut. Ein Rest verbleibt im Sediment. Der Teil, der aus der Oberflächenschicht
herausfällt, ist dem Austausch mit der Atmosphäre für längere Zeit entzogen. Es
verdichten sich die Hinweise, dass Schwankungen in der Produktivität des Phytoplanktons
und somit im Export von Kohlenstoff in tiefere Schichten des Ozeans für die erdgeschichtlichen
Schwankungen in der Konzentration von CO2 in der Atmosphäre verantwortlich sind.
Di. 13. Nov. 2001, 20 Uhr
Bremer Bank, Kundenhalle, Domshof
PD
Dr. Hartmut Polenz, Münster
Die Varusschlacht
– das Ereignis im Spiegel der Forschung und seine Rezeption in der Kunst
seit mehr als 500 Jahren
Mit Lichtbildern
Zusammen mit: Bremer Gesellschaft für Vorgeschichte,
Förderkreis antiker Kunst und Numismatik, Historische Gesellschaft, Vereinigung
der Freunde der Antike
KURZFASSUNG
Kein anderes historisches
Einzelereignis aus deutschen Landen ist allseits so bekannt wie die Varusschlacht
im sogenannten Teutoburger Wald, wo im Jahre 9 nach Chr. Geburt drei römische
Legionen unter dem Befehl des Statthalters P. Q. Varus von germanischen Verbänden
vernichtend geschlagen wurden. Wichtigster Anführer der Germanen war Arminius
der Cherusker, in Deutschland im Volksmund üblicherweise als Hermann bezeichnet.
Tausende von Schriften aber auch das 1875 bei Detmold eingeweihte "Hermannsdenkmal"
haben den Mythos dieses Schlachtgeschehens in breiten Bevölkerungskreisen
verankert. Seit über 500 Jahren, nachdem in der Renaissancezeit die antiken
Berichte über dieses Kampfgeschehen wieder entdeckt worden waren, beschäftigt
das Thema neben vielen Berufshistorikern insbesondere unzählige Laienforscher,
die immer wieder erneut den Ort der Schlacht zu bestimmen suchen. Nach ersten
Lokalisierungsbemühungen, die zum Ende des Mittelalters begonnen haben, sind
bis heute mehr als 750 Theorien geäußert worden, wo denn nun das Schlachtfeld
gelegen haben solle. Dabei steht seit dem Ende der 80er Jahre des 20. Jahrhunderts
vor allem der Ort Kalkriese - wenig nördlich von Osnabrück - aufgrund
zahlreicher Ausgrabungsfunde und -befunde im besonderen Rampenlicht der öffentlichen
Diskussion. Neben den vielfachen historischen Betrachtungen und Versuchen zur
Lokalisierung während der vergangenen fünf Jahrhunderte spielten aber
die Varusschlacht und die Figur des Germanenfürsten Arminius, der von dem
römischen Schriftsteller Tacitus als "Befreier Germaniens" tituliert
wurde, auch in Literatur und bildender Kunst zeitweise eine herausragende Rolle,
so gab der Stoff u.a. Anlass zu zahlreichen Opern und noch mehr Schauspielen,
insbesondere in der Zeit der Aufklärung und während der Romantik. Diese
literarischen Werke inspirierten ihrerseits wiederum viele Künstler zu entsprechenden
Illustrationen der vielfältigen Schilderungen. Dem Thema Varusschlacht bzw.
der Akzentuierung auf den Aspekt der "Befreiung Germaniens vom römischen
Joch" kam außerdem im politischen Raum über die Jahrhunderte hinweg
immer wieder Bedeutung zu, so schon im Zeitalter der Reformation oder dann später,
etwa zur Zeit Ludwig XIV. und Napoleons, als man den "Erzfeind" Frankreich
mit Rom gleichsetzte. Gerade die Befreiungskriege 1813/14 und der Frankreichfeldzug
1870/71 mit der anschließenden Gründung des neuen deutschen Kaiserreiches
boten hervorragende Anlässe zu intensiver Beschäftigung mit dem historischen
Ereignis im sogenannten Teutoburger Wald, das später in völkischen und
nationalsozialistischen Kreisen auch nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg weiterhin
aktuell blieb.
Di.
20. Nov. 2001, 20 Uhr
Kunsthalle Bremen,
Vortragssaal
Dr. Volker Probst, Güstrow
Repräsentanten der Menschheit – Ernst Barlachs Figurenzyklus
›Gemeinschaft der Heiligen‹ (1930–1932) in Lübeck
Mit Lichtbildern
Zusammen
mit: Gerhard Marcks-Stiftung, Der Kunstverein in Bremen
KURZFASSUNG
Als
im Oktober 1929 der Lübecker Museumsdirektor, Dr. Carl Georg Heise, den Bildhauer
Ernst Barlach in Güstrow besuchte, konnten weder er, noch der Künstler
ahnen, dass sich aus dieser Begegnung eine enge Zusammenarbeit entwickeln würde.
In den folgenden Jahren befasste sich Barlach mit einem - nicht nur für sein
Werk - monumentalen Figurenzyklus für die Westfassade der Katharinenkirche
in Lübeck. Auch in der Kunstgeschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts
nimmt dieses Werk in Verbindung mit den Figuren von Gerhard Marcks einen solitären
Rang ein.
Der Vortrag befasst
sich unter anderem mit folgenden Fragen:
Aus welchen Motivkreisen entwickelt
Barlach die Einzelfiguren?
Auf welche ikonographischen Vorbilder greift Barlach
zurück und in welcher Weise finden sie sich bei ihm wieder?
Welche Stellung
hat Barlachs Werk in der Bauplastik des frühen 20. Jahrhunderts?
Welchen
Beitrag hat Barlach zur Denkmalsfrage seiner Zeit geleistet?
Die Geschichte des Figurenfrieses "Gemeinschaft der Heiligen" von Ernst Barlach und Gerhard Marcks verdeutlicht auch ein Stück deutscher Geistes- und Kulturgeschichte zwischen Weimarer Republik, "Drittem Reich" und Bundesrepublik Deutschland.
Di.
27. Nov. 2001, 20 Uhr
Kunsthalle Bremen,
Vortragssaal
Josef Kind
Bremens
Beitrag zur Internationalen Raumstation ISS
Zusammen
mit: Deutsche Gesellschaft für Luft- und Raumfahrt, Olbers-Gesellschaft, VDI Bremer
Bezirksverein
KURZFASSUNG
Seit 40 Jahren kann sich Bremen
als "Stadt der Luft- und Raumfahrt" präsentieren. Heute beherbergt die
Hansestadt das industrielle Zentrum der bemannten Raumfahrt in Europa. Mit der
Gründung des "Entwicklungsring Nord" im Jahre 1961 wurde der Startschuss
für diese Entwicklung gegeben. Keimzelle für die kommenden Raumfahrtaktivitäten
war die Triebwerkserprobung, die in Zusammenarbeit mit der deutschen Forschungsanstalt
für Luftfahrt e.V. aufgenommen wurde. Später kamen dann Beteiligungen an Satellitenprogrammen
und Versuche für die dritte Stufe der Europarakete hinzu. Schließlich führten
die Beteiligung an europäischen Kommunikationssatelliten, die Beauftragung für
die Zweitstufenintegration der Ariane 4 und später die Übertragung der Stufenverantwortung
dazu, dass heute der Raumfahrtstandort Bremen eine internationale Spitzenstellung
einnimmt. Schließlich wurde mit dem Hauptauftrag für das druckbeaufschlagte, in
der Ladebucht des Space Shuttle einzusetzende
Weltraumlabor "Spacelab" der Eintritt in die bemannte Raumfahrt
markiert. In 22 Missionen führten
149 Astronauten an Bord dieses Labors Experimente durch. Der Erfolg von Spacelab
zeigte, dass Deutschland bemannte Raumfahrtmissionen von der Konstruktion, bis
hin zur Planung und Durchführung komplett beherrschen kann. Somit liegt der Schluss
nahe, dass sich Bremen auch an dem technologisch ehrgeizigsten Projekt beteiligt,
dass sich die Menschheit bisher vorgenommen hat: der Internationalen Raumstation
ISS.
Di.
4. Dez. 2001, 20 Uhr
Stadtwaage Bremen,
Vortragssaal, Langenstraße 13
Dr. Frank
Schirrmacher, Frankfurt
Der entzifferte Mensch
– die biotechnische Revolution und die Gesellschaft
Zusammen
mit: Ärztlicher Verein, Förderkreis Humangenetik, Naturwissenschaftlicher Verein,
VDI Bremer Bezirksverein, Verband Deutscher Biologen
Di.
5. Feb. 2002, 20.15 Uhr
Vortragssaal
Kunsthalle Bremen, Am Wall 207
Olbers-Sitzung
Prof. Dr. Harald Lesch, München
Sind
wir allein im Universum?
Mit Lichtbildern
Zusammen mit: Deutsche Gesellschaft für Luft- und Raumfahrt,
Naturwissenschaftlicher Verein, Olbers-Gesellschaft, VDI Bremer Bezirksverein
KURZFASSUNG
Die
Weltbevölkerung verdoppelt sich zur Zeit etwa alle 40 Jahre. Das Erdklima
und andere Lebensbedingungen auf unserem Planeten verändern und verschlechtern
sich global gesehen zunehmend. Wird es für die Bewohner der Erde in Zukunft
einmal erforderlich sein, unseren Heimatplaneten zu verlassen? Wird dies in der
Realität wirklich einmal möglich sein? Gibt es geeignete Lebensbedingungen
für uns Menschen auch auf anderen Planeten, die entfernte Sterne umkreisen?
Können wir diese Planeten mit den zukünftigen technischen Möglichkeiten
auch wirklich erreichen? Werden wir dort auf andere, freundlich oder feindlich
gesinnte Lebewesen treffen? Können wir mit diesen Lebewesen auf Grund der
großen Entfernungen der Himmelsobjekte voneinander überhaupt kommunizieren?
Oder aber: "Sind wir allein im Universum?". Dies alles sind Fragen,
die sich heute viele Menschen, nicht nur Star-Trek Fans, stellen. Wir haben mit
Harald Lesch einen kompetenten und an solchen populären Fragestellungen interessierten,
aus Presse, Rundfunk und Fernsehen bekannten Wissenschaftler eingeladen, der uns
an diesem Abend seine Meinungen zu diesem Thema insbesondere auch aus astrophysikalischer
Sicht darstellen wird. Den Zuhörern seiner Vorträge wird schnell bewusst
werden, wie wichtig Kenntnisse über die Dimensionen des Kosmos und die in
ihm ablaufenden physikalischen Prozesse sind, um eine realistische Einschätzung
der zugrundeliegenden Probleme bei der Beantwortung der gestellten Fragen geben
zu können. Man muss einiges über die Entstehung, die Entwicklung und
den Tod von Sternen und Galaxien wissen, um abschätzen zu können, wie
groß eigentlich die Chancen sind, auf einem Planeten ähnlich unserer
Erde überhaupt geeignete Lebensbedingungen antreffen zu können. Was
genau ist eigentlich Leben? Welches sind die erforderlichen Lebensbedingungen?
Wie bedroht ist der Entwicklungsprozess unseres Lebens durch die im Universum
ablaufenden Prozesse, durch sogenannte kosmischen Katastrophen, etwa durch Planetoiden-Einschläge,
durch Supernova-Explosionen? Harald Lesch wird auf viele dieser Fragen für
manche Zuhörer auch überraschende Antworten aus astrophysikalischer
Sicht geben.
Di. 12. Feb. 2002,
20 Uhr
Bremer Bank, Kundenhalle, Domshof
Prof. Dr. Michael Stürmer, Erlangen
Die
Kunst des Gleichgewichts – das alte Reich in der europäischen Mitte
Zusammen mit: Historische Gesellschaft
Di.
19. Feb. 2002, 20 Uhr
Bremer Bank, Kundenhalle,
Domshof
Prof. Dr. Alexander Demandt, Berlin
Hände in Unschuld – Pontius Pilatus in Geschichte und
Mythos
Mit Lichtbildern
Zusammen
mit: Förderkreis antiker Kunst und Numismatik, Stiftung Bremer Dom, Vereinigung
der Freunde der Antike, Vereinigung für Bremische Kirchengeschichte
Di.
5. März 2002, 20 Uhr
Stadtwaage Bremen,
Vortragssaal, Langenstraße 13
Dr. Ingrid
Heermann, Stuttgart
Zur Kunst und Kultur der Aborigines
Australiens
Mit Lichtbildern
Zusammen
mit: Bremer Gesellschaft für Vorgeschichte, Geographische Gesellschaft, Naturwissenschaftlicher
Verein, Übersee-Museum Bremen
Di.
19. März 2002, 20 Uhr
Stadtwaage Bremen,
Vortragssaal, Langenstraße 13
PD Dr. Michael
Nagel
›... wie schön es ist, Jude zu sein‹
– eine deutsch-jüdische Kinderzeitschrift im Nationalsozialismus
Mit Lichtbildern
Zusammen
mit: Förderverein Schulgeschichtliches Museum Bremen, Gesellschaft für Deutsche
Presseforschung, Staats- und Universitätsbibliothek
KURZFASSUNG
Seit
dem 18. Jahrhundert entwickelte sich im deutschen Sprachraum eine deutsch-jüdische
Presse, die bis in die Zeit des Nationalsozialismus hinein Bestand hatte. Von
jüdischen Journalisten - anfänglich oft Lehrern und Rabbinern - herausgegeben
und verfasst, behandelten diese Zeitungen und Zeitschriften Themen, die besonders
für ihre Leserschaft, das deutschsprachige Judentum, von Belang waren. Zwischen
1933 und 1938 versuchten sie, ihrem Publikum einen inneren Halt, eine Orientierung
zu bieten, die es in den gleichgeschalteten, von nationalsozialistischem Ungeist
beherrschten Blättern nicht finden konnte. In dieser Zeit stellt die deutsch-jüdische
Presse eine publizistische Insel dar, ein Forum für Humanität und Toleranz
inmitten der zunehmenden Barbarei. Die Kinder, die sich als angeblich minderwertige
"Juden" unversehens aus Schule und Freundeskreis ausgegrenzt sahen,
brauchten einen solchen Halt besonders. Deutsch-jüdische Publizisten und
Lehrer versuchten ab 1933, ihnen praktische und ideelle Hilfen aus der bedrückenden
Situation des aufgezwungenen Ghettos heraus zu bieten. Neben dem Aufbau eines
eigenen Schul- und Ausbildungssystems und den Vorbereitungen zur Auswanderung
sollte die Lektüre Kindern und Jugendlichen den Blick in eine bessere Welt
eröffnen, wo sie Anerkennung und Sympathie finden konnten. Im Vortrag wird
eine 1933 begründete deutsch-jüdische Kinderzeitschrift in ihrer Erscheinungsgeschichte
und ihren inhaltlichen Hauptlinien bis zum Ende der deutsch-jüdischen Presse
im November 1938 betrachtet. Ein besonderes Augenmerk gilt dabei dem Verhältnis
zwischen realistischen und fiktiven Anteilen und der Sicht auf das Auswanderungsziel
Palästina.
Di.
23. April 2002, 19 Uhr
Haus der Bürgerschaft, Plenarsaal
Prof. Dr. Paul Kirchhof, Heidelberg
Die kulturellen Voraussetzungen einer
freiheitlichen Demokratie
Zusammen mit: Universität Bremen, Juristische
Gesellschaft Bremen
KURZFASSUNG
1. Das Freiheitsangebot
Die freiheitliche Demokratie ist die beste, aber auch die anspruchsvollste Staatsverfassung. Der Staat bietet jedermann Freiheit an, ohne aber von Rechts wegen zu erzwingen, dass diese Freiheit von dem Berechtigten auch tatsächlich in Anspruch genommen wird. Der Staat weiß, dass ein freiheitlicher Rechtsstaat nur gelingen kann, wenn die überwältigende Mehrzahl der Bürger tatsächlich seine Freiheiten wahrnimmt. Die Zukunft des Staates hängt davon ab, dass er eine freiheitsfähige Jugend hat. Er ist auf Gedeih und Verderb darauf angewiesen, dass junge Menschen existieren und bereit sind, in ihrer Freiheit für diese Gemeinschaft beizutragen. Dennoch gewährt die Verfassung eine Freiheit der Ehe und der Familie; Freiheit heißt aber auch, sich gegen Ehe und Familie entscheiden zu dürfen. Sollte nun die Mehrheit der jungen Menschen sich gegen die Ehe und gegen das Kind, also die Familie entscheiden, hätten sich alle rechtmäßig verhalten, der Staat aber seine eigene Zukunft auf Grund seines Freiheitsprinzips verloren.
Unser Wirtschaftssystem baut auf das Prinzip von Berufs- und Eigentümerfreiheit, bietet jedermann an, sich zum individuellen Erwerb anzustrengen. Sollte die Mehrheit der Menschen sich entscheiden, als Diogenes in der Tonne zu leben, sich also am Wirtschaftsleben nicht zu beteiligen, hätte wiederum keiner das Recht verletzt. Der Finanzstaat aber, die soziale Marktwirtschaft hätten aufgrund ihrer Freiheit ihre eigene Grundlage eingebüßt.
Der Kulturstaat gewinnt sein Gesicht dadurch, dass die Menschen sich wissenschaftlich anstrengen für das Auffinden der Wahrheit, sich künstlerisch bemühen, das Schöne zu empfinden und auszudrücken, religiös immer wieder die Frage nach dem Unerforschlichen stellen. Würde kein Mensch dieses tun, könnte wiederum keine Rechtsverletzung gerügt werden, weil alle sich rechtmäßig verhalten, der Kulturstaat aber wäre sprach- und gesichtslos. Und stellen Sie sich vor, am nächsten Sonntag seien Wahlen, und keiner ginge hin. Die Demokratie ginge an ihrem Wahlrecht, das keine Wahlpflicht ist, zu Grunde.
Die freiheitliche Verfassung hat somit Voraussetzungen, die in der Bereitschaft und Fähigkeit des Menschen liegen, diese Freiheit anzunehmen, ohne dass der Staat aber den einzelnen zur Freiheit zwingen dürfte. Deswegen ist eine der zentralen Gerechtigkeitsprämissen in einem freiheitlichen Staat, dass wir ein Organisationsstatut zwischen Staat und Gesellschaft finden, das die Bereitschaft zur Freiheit, das meint aber auch zur Verantwortlichkeit, zur Bindungsfähigkeit in dieser Rechtsgemeinschaft gewährleistet. Wir brauchen einen Staat, der Familienpolitik, Vermögenspolitik, Bildungspolitik betreibt, der mit seinem Gemeinnützigkeitsrecht auch fördernd in die sensiblen Freiheitsbereiche von Kunst und Religion unterstützend einwirkt, indem er die individuelle Entscheidung zu einer bestimmten Kunst, zu einer bestimmten Religion aufgreift und verstärkt.
2. Die Garantie der Menschenwürde
Dieser Staat nun stellt an den Anfang seiner Verfassung, Art. 1 GG, ein Bekenntnis zur Menschenwürde. Die Verfassung, die ganz auf Rationalität, auf Erkennen angelegt ist, beginnt mit einem Bekennen. Wir haben Bekennens- und Erkennensmaßstäbe in der Verfassung, die immer zum Kennen führen, zur Nähe, zur Vertrautheit mit einem Rechtsprinzip. Das Bekenntnis zur Menschenwürde besagt: Jeder Mensch hat in seinem Dasein und seinem Sosein Personalität, deswegen die Fähigkeit zur Freiheit, ist als Mensch willkommen und beansprucht eine Statusgleichheit im Elementaren, im Recht auf Existenz, auf Teilhabe an der Rechtsgemeinschaft, auf Rechtsfähigkeit, auf soziale Zuwendung. In dieser Garantie der Menschenwürde ist eine Kulturerfahrung verdichtet, die bei der "dignitas" des römischen Rechts beginnt, in dem christlichen Gedanken der Ebenbildlichkeit Gottes ihren Anker hat - der radikalste Gleichheitssatz, den die Verfassungsgeschichte kennt, - in den humanistisch-aufklärerischen Vorstellungen des mit Verstand Begabten und deswegen zur Sittlichkeit fähigen Menschen seine konkrete Ausprägung findet und in der Gegenwart durch nützlichkeitstheoretische Erwägungen unterfangen wird, die Respekt dem anderen gegenüber erbringen, um von ihm gleichen Respekt vor der eigenen Würde erwarten zu dürfen.
Wir haben uns in diesem Grundsatzbekenntnis über die Europäische Menschenrechtskonvention hinaus entwickelt. Dort hat man sich im Bemühen um weltanschauliche Neutralität auf einen Katalog von Menschenrechten verständigt unter der Voraussetzung, "dass keiner fragt, warum". Man hat die philosophischen und religiösen Begründungen der Menschenrechte ausgeblendet. Allerdings werden Rechtsgarantien sich in einer bloßen Einigkeit im Unbegründeten, vielleicht sogar im Unbegründbaren letztlich nicht behaupten können. Wenn der erste starke Windstoß auf diese Menschenrechtskonvention niedergehen sollte, wird sie sich nur durchsetzen, wenn sie eine Idee hat, die sie letztlich als Wurzel immer wieder erneuert und speist. Für das Gelingen der Menschenrechte ist deshalb entscheidend, dass sie von einem - zur Neutralität über Philosophien, Religionen, Weltanschauungen verpflichteten - Staat garantiert werden, dass aber diese Garantie in ihrem historischen Ursprung und damit ihrem aktuellen Verstehens- und Interpretationshorizont eine religiös-philosophische Geschichte hat und in dieser Kontinuität verstanden wird.
3. Die Kulturgebundenheit der Verfassung
Die Wertgebundenheit des Verfassungsstaates in der Würdegarantie besagt, dass dieser Staat in seiner Freiheit für andere Kulturen offen ist, das Andere und Fremde sich nicht nur in unserem Staat ereignen mag, sondern als Möglichkeit der Anregung, auch der heilsamen Beunruhigung erwünscht ist, dass diese Offenheit aber nicht so weit geht, dass unsere eigenen Verfassungsprinzipien zur Disposition stünden. Der Staat ist kulturoffen, aber nicht multikulturell im Sinne einer Offenheit für einen Wettbewerb der Systeme, der andere Verfassungen in Deutschland erproben würde und den Staat nur beobachten ließe, welches dieser konkurrierenden Systeme sich im Ergebnis durchsetzt.
Diese wehrhafte Demokratie wird deutlich, wenn wir den vor ihr erwarteten Schutz in strukturellen Alternativen konkret bedenken: Menschenwürde heißt Respekt auch vor dem politischen, auch vor dem kriegerischen Gegner als Mensch - hier liegt die Wurzel der Rotkreuz-Konvention; andere Systeme definieren den politischen Gegner als Schädling, den es zu vernichten gilt. Menschenwürde sichert Gleichberechtigung von Mann und Frau; andere Systeme kennen die Verpflichtung des Dienens der Frau. Demokratie gewährt Macht auf Zeit, andere Systeme folgen dem Prinzip, dass der Bürger dem Führer ein Leben lang zu huldigen hat. Menschenwürde bietet auch im Privateigentum vergegenständlichte Freiheit; andere Systeme halten dem Menschen das private Eigentum unter dem Stichwort "Volkseigentum" vor. Menschenwürde fordert selbstbestimmte Religion, also Religionsfreiheit; andere Systeme kennen die Staatsreligion. In diesen Grundsatzfragen ist die Verfassung engagiert, beredt und wehrbereit. Hier gibt es keine Offenheit, sondern nur ein entschiedenes Bewahren dessen, was wir als unverzichtbare Grundlage unseres Gerechtigkeitsverständnisses erkannt haben.
Die Demokratie weiß, dass der Mensch Fehler macht; die Fehlerlosigkeit ist ein Anspruch, nicht immer Realität. Deswegen regelt die Verfassung eine Gewaltenteilung, regelmäßige Wahlen als Entscheidung über die Richtigkeit bisheriger Politik, eine Amtshaftung und eine Gerichtsbarkeit. Ihr Kernauftrag besteht darin, Unrecht, das sich ereignet hat, zunächst zu beenden, dann auch zu mäßigen, aufzuheben oder zu kompensieren. Rechtsstaatlichkeit im Dienst an der Gerechtigkeit meint nicht die Negation von Unrecht, verficht auch nicht die These, der Staat könne den Menschen so erziehen, dass er nur noch rechtens handelt - so beginnen alle Diktaturen, die den Menschen umerziehen wollen im Hinblick auf ein Ideal, das der Mensch nicht erfüllen kann, und ihn deshalb übermäßigen Sanktionen unterwirft; Rechtsstaatlichkeit ist Weg und Rückkehr zum Recht in einer menschlichen, also unzulänglichen Gesellschaft.
Der Weg der freiheitlichen Demokratie zur Gerechtigkeit enthält damit zunächst das Eingeständnis, dass diese Gerechtigkeit nur in Schritten erreicht werden kann, dass wir bei gehabtem Unrecht immer wieder einen Schritt zurückgeworfen werden, dass wir dann aber den nächsten Schritt nach vorne tun, vielleicht einen etwas größeren, damit wir der Gerechtigkeit immer etwas näher kommen. Insoweit haben wir eine gute Chance, in diesem Prinzip einer würdeorientierten freiheitlichen Demokratie ein beachtliches Stück Gerechtigkeit zu erreichen. Wir sollten nur niemals behaupten, wir hätten die Gerechtigkeit verwirklicht, das wäre das Eingeständnis, zum Stillstand zu kommen, nicht mehr eine Weiterentwicklung fördern zu wollen. Dann wären wir auf dem Weg ins Unrecht.
4. Diese Grundsatzüberlegungen
werden sodann exemplarisch verdeutlicht für
- die Autorität
des Rechts und ihre Gefährdung
- dem Schutz von Ehe und Familie
-
das Steuerrecht
- dem Generationenvertrag.
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