Historie

querbalken

Vortragssaison 2010/2011

Mi. 22. Sept. 2010, 19 Uhr
Haus der Bürgerschaft, Festsaal
Prof. Dr. Herfried Münkler, Berlin
Mythos und nationale Identität -
Ein problematisches Junktim

Zusammen mit: Deutsches Schiffahrtsmuseum, Freundeskreis der Antike,
Historische Gesellschaft


Di. 05. Okt. 2010, 20Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Dr. Erika Eikermann, Köln
Frauen als Gitmörderinnen - toxikologische Expertinnen
Zusammen mit: Deutsche Pharmazeutische Gesellschaft

Di. 26. Okt. 2010, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Prof. Dr. Frank Kolb, Tübingen
Troja und kein Ende
Zusammen mit: Freundeskreis der Antike, Bremer Gesellschaft für Vorgeschichte

Di.16. Nov. 2010, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Rainer Iwersen, Bremen
Der Tod und das Mädchen
Lyrik und Musik zu einem europäischen Thema

Zusammen mit: Bremer Goethe-Gesellschaft

Di. 30. Nov. 2010, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Prof. Dr. Angelika Brandt, Hamburg
Biodiversität und Biogeographie in den Tiefen des Südozeans
Zusammen mit: Alfred-Wegener-Institut, Naturwissenschaftlicher Verein, Übersee-Museum, Verband Biologie

Di. 14. Dez. 2010, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Prof. Dr. Gerhard Wenzel, München
Pflanzenzüchtung
Einstieg in eine konstruktive Biologie
Zusammen mit: Naturwissenschaftlicher Verein, Universität Bremen, Verband Biologie

Di. 18. Jan. 2011, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Prof. Dr. Hubertus Fischer, Bern/Schweiz
Eine kurze Geschichte der Atmosphäre (aus Eisbohrkernen)
Zusammen mit: Alfred-Wegener-Institut, Naturwissenschaftlicher Verein, Übersee-Museum, Verband Biologie

Di. 25. Jan. 2011, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Dr. Reinhard Müller, Hamburg
Menschenfalle Moskau
Deutsche Emigranten in der Sowjetunion der 1930er Jahre
Zusammen mit: Freundeskreis "Haus im Schluh"

Di. 08. Febr. 2011, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Dr. Robi Banerjee, Heidelberg
OLBERS-SITZUNG
Von galaktischen Gaswolken zu stellaren Scheiben:
Sternenentstehung in Computersimulationen

Zusammen mit: Olbers-Gesellschaft, Universität Bremen, VDI Bremen

Di. 22. Febr. 2011, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Prof. Dr. Marita Krauss, Augsburg
Mäzenatentum und Bürgertum im 19. Jahrhundert
(zum 100. Todestag von Franz Schütte)
Zusammen mit:Franz-Schütte-Stiftung, Historische Gesellschaft, Die MAUS, Naturwissenschaftlicher Verein, Stiftung Bremer Dom, Vereinigung für Bremische Kirchengeschichte

Di. 08. März. 2011, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Prof. Dr. Thomas Vogtherr, Osnabrück
Das Europäische Mittelalter der drei Religionent
Fakt oder Fiktion?
Zusammen mit:Historische Gesellschaft, Stiftung Bremer Dom, Universität Bremen, Vereinigung für Bremische Kirchengeschichte

Di. 22. März. 2011, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Prof. Dr. Stefan Gosepath, Frankfurt/M.
Was schulden wir zukünftigen Generationn?
Zusammen mit: Philosophische Gesellschaft in Bremen, Universität Bremen

Di. 29. März. 2011, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Prof. Dr. Jürgen Leonhardt, Tübingen
Weltsprache Latein
Fakt oder Fiktion?
Zusammen mit:Bremer Goethe-Gesellschaft, Freundeskreis der Antike, Vereinigung für Bremer Kirchengeschichte, VDI Bremen

 

 

Vortragssaison 2009/2010

 

Di. 3. Nov. 2009, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Prof. Dr. Gerhard Wörner, Göttingen
Vulkane, Gefahrenherd und Lebensspender
Zusammen mit: Geographische Gesellschaft, Naturwissenschaftlicher Verein

KURZFASSUNG
Es gibt auf der Welt etwa 1300 bekannte Vulkane, die seit der letzten Eiszeit aktiv gewesen sind, davon allerdings nur 21 in Europa. Dazu kommen Tausende weiterer Vulkane, die heute inaktiv sind, aber nach langem Schlaf wieder erwachen können. Was jedoch für die Menschen und die Medien sensationelle und singuläre Ereignisse sind, ist für unsere Erde der ganz normale Gang der Dinge, und dies schon seit einigen Milliarden Jahren. Die globalen Umwälzungsprozesse im Innern und an der Oberfläche der Erde beschrieben erzeugen einen beständigen Kreislauf der Gesteine und Erdplatten, formen die Ozeane und Kontinente immer wieder neu und führen so zu einem langsamen, aber ständigen Wandel der Lebensräume des Planeten. Diese plattentektonischen Prozesse sind auch die Ursache des Vulkanismus.

Vulkane als Lebensspender
Auf Venus und Mars, unseren Nachbarplaneten, gibt es keine Plattentektonik, keine Kontinente, kein flüssiges Wasser, keine aktiven Vulkane und auch kein Leben. Daraus ergibt sich die These : Der Vulkanismus und die Plattentektonik bedingen die geochemische Differentiation der Erde und die Bildung der Kontinente; diese Prozesse sind ein Element im System Erde, das für die Entstehung und Evolution des Lebens und die Stabilisierung der Lebensräume essentiell ist. Diese These soll hier gestützt werden zum einen durch eine Darstellung von grundlegenden Prozessen im System Erde mit besonderem Merkmal auf die Rolle des Vulkanismus bei der chemischen Differentiation unseres Planeten.

Vulkane als Gefahrenherd
Vulkaneruptionen, Erdbeben und Tsunamis sind eine normale Folge der inneren Dynamik der Erde, die allerdings erstaunlichen Einfluß auf die geologische, biologische und klimatische Entwicklung unseres Planeten genommen hat. Diese wurde im Lauf der Erdgeschichte immer wieder von großen "katastrophalen" Ereignissen geprägt. Hierzu zählen neben den Impakten großer Himmelkörper zum Beispiel an der Kreide-Tertiär-Grenze vor allem die Eruption von "Supervulkanen" und Flutbasalt-Ereignissen. Es kann vermutet werden, daß große Vulkaneruptionen die Entwicklung und den Lauf der menschlichen Geschichte in den letzten tausenden von Jahren beeinflußt haben.
Flutbasalte bilden große Plateaus aus erstarrter Basalt-Lava, die bei einem Volumen von mehreren Millionen Kubik-Kilometern über Zeiträume von weniger als 1 Millionen Jahren gebildet werden. Diese Eruptionen setzen über lange Zeit hohe Mengen an Schwefelgas frei, das langfristig zu tiefen Eingriffen in die Atmosphäre, die Biosphäre und damit - so belegen die paläontologischen Befunde - zu Einschnitten in der Evolution führen können. Supervulkane dagegen sind gekennzeichnet durch die Eruption sehr großer Volumen von Magma (> 1000km3) in kurzer Zeit (Tage-Wochen) und der Freisetzung großer Mengen an vulkanischen Gasen. Vulkanische Aerosole aus Schwefelsäure können selbst bei kleineren historischen Eruptionen (z.B. Pinatubo, 1991) zu deutlichen klimatischen Effekten führen, die mehrere Jahre andauern können ("volcanic winter"). Supervulkan-Eruptionen werden aus Caldera-Vulkanen gefördert, die einen Kraterdurchmesser von über 50 km haben können. Beispiele aus der geologischen Geschichte (< 20 Ma) finden sich zum Beispiel in den Zentralen Anden Südamerikas, in Nordamerika (Yellowstone), Indonesien und Neuseeland. Supervulkane haben Wiederkehr-Rate von ca. 50.000 Jahren, damit sind sie 10 bis 15 mal häufiger als große Meteoriten-Einschläge. Der geologische und historische Befund legen nahe, daß zukünftige große Vulkaneruptionen für unsere Zivilisation grundlegende Konsequenten haben werden.


Di. 10. Nov. 2009, 19 Uhr
Handelskammer Bremen, Schütting, Großer Saal
Prof. Dr. Dr. h.c. Otfried Höffe, Tübingen
Ist die Demokratie zukunftsfähig?
Zusammen mit: Freundeskreis der Antike zu Bremen, Philosophische Gesellschaft in Bremen, Universität Bremen

KURZFASSUNG
Eine Politik, die drohende Übel erst erkennt, wenn sie sich deutlich zeigen, verletzt ihre Grundaufgabe. Ebenfalls verletzt sie ihre Aufgabe, wenn sie, statt Chancen rechtzeitig zu ergreifen, ihr Gemeinwesen für Innovation und Kreativität nicht offenhält. An den Pflock des Augenblicks nicht gebunden, lebt der Mensch nämlich aus der Vergangenheit und im Blick auf die Zukunft. Notgedrungen erwartet er von der Politik, daß sie sich darauf einstellt, also für die Zukunft eine facettenreiche Verantwortung übernimmt und dafür aus der Vergangenheit lernt.

1. Rahmenbedingungen
Findet eine Politisierung oder im Gegenteil eine Ökonomisierung statt?

2. Strategien der Zukunft
Der Vortrag greift exemplarisch zwei Strategien heraus:
- die Noch-Strategie: Vorsorge für den Notfall;
- die Propheten-Strategie: Rettung durch Umkehr.

3. Sind Demokratien zukunftsfähig
Die Bilanz fällt vorsichtig positiv aus: Über eine stupende Zukunftsfähigkeit verfügen Demokratien nicht. Sie besitzen aber Ressourcen, mit denen Nicht-Demokratien teils gar nicht, teils schwerlich mithalten können.

Ausführlicher: O.H., Ist die Demokratie zukunftsfähig? Über moderne Politik, Beck Verlag: München 2009

 

Di. 17. Nov. 2009, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Prof. Dr. Marcel Weber, Basel/Konstanz
Darwins Theorie heute
Überlegungen aus der Sicht der Wissenschaftsphilosophie
Zusammen mit: Bremer Gesellschaft für Vorgeschichte, Naturwissenschaftlicher Verein, Philosophische Gesellschaft in Bremen, Universität Bremen, Verband Biologie

KURZFASSUNG
Eine der bis heute kontroversesten Thesen Darwins lautet, dass die Evolutionstheorie nicht nur die biologische Vielfalt, sondern auch gewisse menschliche Dispositionen erklären kann, darunter auch etwas, was er als "moralisches Gefühl" (moral sense) bezeichnete. Seine bevorzugte Erklärung dafür bestand in dem Postulat natürlicher Selektion auf Gruppenebene (Gruppenselektion). Demnach haben Gruppen von Menschen, die über altruistisch, psychologische Dispositionen verfügen, bessere Chancen im Kampf ums Dasein als Gruppen, denen diese Dispositionen fehlen. In diesem Vortrag wird untersucht, wieviel von dieser Idee im Lichte der heutigen philosophischen Debatten gerettet werden kann.

Di. 1. Dez. 2009, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Prof. Dr. Jost Hermand, Wisconsin-Madison / USA
Glanz und Elend der deutschen Oper
Zusammen mit: Bremer Goethe-Gesellschaft, Hochschule für Künste, Philosophische Gesellschaft in Bremen

KURZFASSUNG
Da die Oper lange Zeit eine vielbeachtete Repräsentationsinstitution der Aristokratie und dann des gehobenen Bürgertums war, hat sie im Zeitalter der Massenmedien viel von ihrer früheren Bedeutsamkeit verloren. Wegen der hohen finanziellen Subventionen, die zu ihrer Aufrechterhaltung nötig sind, müssen sich ihre Intendanten ständig gegen populistische Argumente wehren, die in ihr eine längst obsolete Kunstgattung sehen. Dabei war auch sie in eher "aufgeklärten" Zeiten keineswegs nur ein Ohrenschmaus und eine Augenweide, sondern hat sich - trotz reaktionärer Bevormundung - durchaus um die Durchsetzung progressionsbetonter Tendenzen bemüht. Daran gilt es heute wieder anzuknüpfen, statt diese Kunstform zu einem Spektakel der heutigen Eventkultur verkommen zu lassen, in der entweder das Klamaukhafte, Glamourbetonte und Obszöne oder das Karge, Stilisierte oder Modernistisch-Geräuschhafte vorherrscht. Nur so könnte sie wieder zu einer Gattung jener, seit langem erträumten Vorscheinästhetik werden, der ein gesamtgesellschaftliches Wunschdenken zugrunde liegt.


Di. 12. Jan. 2010, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Dr. Ivo Joswig, Oldenburg
Archäologie und Recht
Raubgrabungen und Handel mit geraubten Fundstücken

Zusammen mit: Bremer Gesellschaft für Vorgeschichte, Freundeskreis der Antike zu Bremen, Historische Gesellschaft, Juristische Gesellschaft Bremen, Übersee-Museum Bremen

Insbesondere durch die spektakulären Ereignisse um die Himmelsscheibe von Nebra im Jahre 2002 ist das Thema "Raubgräberei" verstärkt in das Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt.

KURZFASSUNG
Der Schwerpunkt des Denkmalschutzrechts in Deutschland liegt in der Prävention, d.h. der Bewahrung von Denkmalen vor drohender Beeinträchtigung oder Zerstörung. Instrumente der präventiven Denkmalpflege sind insbesondere die in den Denkmalschutzgesetzen geregelten Verbote, Genehmigungs-, Erlaubnis-, Anzeigeund Duldungspflichten. All diese rechtlichen Instrumente sollen den Schutz eines Denkmals schon im Vorfeld drohender Beeinträchtigungen bewirken. Eine
hinreichende Handhabe gegen das Problem der Raubgräberei sowie die oft rücksichtslose vorsätzliche Vernichtung von Bodendenkmalen bei Baumaßnahmen bieten diese Instrumente jedoch nicht. Der repressive Denkmalschutz bedient sich daher des Strafrechts, um durch diese Ahndung zukünftige Straftaten desselben Täters zu verhindern (Spezialprävention) oder eine abschreckende Wirkung auf die Allgemeinheit zu bewirken (Generalprävention).

Im Vortrag soll der repressive Denkmalschutz anhand praktischer Probleme im Verlaufdes Ermittlungs- und Hauptverfahrens dargestellt werden. Ein besonderes Augenmerk gilt dabei der rechtlichen Einordnung des Problems der Raubgräberei und der verfahrensrechtlichen Stellung des zuständigen Denkmalfachamtes. Ausgangspunkt eines jeden Strafverfahrens ist die Tat. Denkmalschützende Straftatbestände sind dabei nicht nur im Nebenstrafrecht, d.h. hier den Denkmalschutzgesetzen der Länder, zu finden. Eine besondere Rolle in der Praxis kommt gerade den allgemeinen Straftatbeständen des Strafgesetzbuches (StGB) zu, wie § 304 StGB (Gemeinschädliche Sachbeschädigung), § 246 StGB (Unterschlagung) oder § 259 StGB (Hehlerei).


Di. 19. Jan. 2010, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Prof. em. Dr. Ludwig Uhlig, Athens / USA
Georg Forster - Der Entdecker in der gelehrten Tradition
Zusammen mit: Alfred-Wegener-Institut, Bremer Goethe-Gesellschaft, Deutsches Schiffahrtsmuseum, Geographische Gesellschaft, Übersee-Museum Bremen

KURZFASSUNG
Georg Forster nahm von 1772 bis 1775 teil an Captain Cooks zweiter Weltumseglung und verfaßte eine Beschreibung dieser Reise, die allgemein bekannt ist. Weniger bekannt ist, dass er trotz seiner Jugend keineswegs ein unbeschriebenes Blatt war, als er an Bord von Cooks Schiff ging. Vielmehr war er, von seinem Vater geschult und als Mitarbeiter zu dessen Projekten herangezogen, bereits ein voll ausgebildeter Gelehrter, was schon sein geläufiger Gebrauch des Lateinischen beweist. Er stand fest in der Tradition mehrerer Disziplinen, und dies schärfte seinen Blick auf die Neuentdeckungen der Reise und befähigte ihn, sie mit Hilfe der Wissenschaften seiner Zeit zu verarbeiten.

Die Skepsis der Londoner Royal Society prägte die umsichtige Methode seines Vorgehens: er trug seine Einsichten als vorläufige, ergänzungs- und korrekturbedürftige Beiträge vor und scheute davor zurück, sich auf unbewiesene Theorien festzulegen. Im Bewußtsein, an einem ständig weiterschreitenden Forschungsunternehmen teilzunehmen, nahm er die Idee revolutionärer Paradigmenwechsel in der Wissenschaftsgeschichte vorweg. Dennoch blieb ihm verborgen, daß sein eigenes Verständnis ausweglos gefangen gehalten wurde von der epistemischen Situation seiner Zeit. Deren geläufige Denk- und Vorstellungsweisen lenkten seinen Blick in vorbestimmte Richtungen und zwangen ihm von vornherein gewisse Erwartungen und Vorurteile auf. So konnte die gelehrte Tradition Forsters Erkenntnis einerseits fördern, andererseits aber auch hemmen oder in die Irre leiten.

Hinter seinen naturwissenschaftlichen Erörterungen steht noch die physikotheologische Denkweise, wie seine erbauliche Betrachtung der Korallen-Inseln zeigt. Damit kontrastiert deren Untersuchung durch Charles Darwin, der sechzig Jahre später mit einem radikal entgegengesetzten Erkenntnisinteresse dieselben Gewässer befuhr. Da Forster, in seinen eigenen christlichen Religionsvorstellungen befangen, nur nach ähnlichen Glaubenssätzen bei den Südseevölkern suchte, fand er keinen Zugang zu ihrem eigentümlichen sakralen Ordnungsgefüge, dem Tabu, und so blieben ihm viele ihrer Sitten unerklärlich. Erst auf seiner letzten Reise lernte Captain Cook als erster Europäer mit Bewußtsein das Wort und den Begriff Tabu kennen.

Forsters ethnologische Forschungen wurden angeleitet von der schottischen "Conjectural History" und suchten die Bevölkerungsgeschichte der Pazifikinseln zu rekonstruieren. Methodische Sprachvergleiche, die Forster mit seinem Vater anstellte, bewiesen eine Besiedlung der Südsee von zwei Seiten her, von Nordwesten durch die Polynesier und von Westen durch die Melanesier. Dies bestätigte Georg Forsters botanische Studie über den Brotbaum mit ihren Aufschlüssen über dessen Veredlung und Verbreitung in seinem pazifischen Lebensraum. Die Frage nach den Unterschieden unter den Menschenrassen und ihrer Herkunft beschäftigte Forster in den folgenden Jahren intensiv und führte ihn, nach der ablenkenden Kontroverse mit Kant, unter Rückgriff auf Linnés Natursystematik zu einem originellen Rassenbegriff, den er in seiner lateinischen Zoologie-Vorlesung von 1786/87 entwickelte.

Di. 2. Feb. 2010, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Prof. Dr. Rolf Emmermann, Potsdam
Planet Erde im Wandel - Geoforschung mit Satelliten
Zusammen mit: Naturwissenschaftlicher Verein, Universität Bremen, VDI Bremer Bezirksverein

KURZFASSUNG
Wir leben auf einem dynamischen Planeten, der sich, angetrieben durch thermische Konvektionsvorgänge in seinem Inneren und die Sonnenenergie von außen, in einem ständigen Wandel befindet und der durch großräumige Stoff- und Energieflüsse zwischen seinen Kompartimenten, der Geosphäre, der Hydrosphäre, der Atmosphäre und der Biosphäre gekennzeichnet ist. Dieses sogenannte System Erde besteht aus zahlreichen wechselwirkenden Teilsystemen mit einer Vielzahl von ineinander greifenden und z.T. mehrfach rückgekoppelten Kreisläufen. Prozesse vollziehen sich auf einem sehr breiten Spektrum an räumlichen und zeitlichen Skalen, zeichnen sich durch weit verzweigte Ursache-Wirkung-Ketten aus und sind häufig nicht-linear, so dass sie sich einer einfachen Vorhersagbarkeit entziehen.

In einer atemberaubenden Entwicklung sind in den Geowissenschaften in jüngster Zeit eine Vielzahl innovativer satellitengetragener Messverfahren und Fernerkundungsmethoden verfügbar geworden, die es erlauben, unseren Planeten und seine Dynamik in hoher Auflösung abzubilden, das Ausmaß des Globalen Wandels und seine regionalen Auswirkungen zu erfassen sowie den Einfluss der Tätigkeit des Menschen auf das System Erde zu bewerten.

Der Vortrag stellt anhand einer PowerPoint-Präsentation die für die Geoforschung wichtigsten, neuen Satellitenmissionen und -technologien vor, berichtet über Ergebnisse zum Schwerefeld, zum Magnetfeld und zur Dynamik der Erde und zeigt Anwendungsbeispiele aus den Bereichen Erdbebenforschung, Katastrophenvorsorge und Frühwarnung, Ozeanographie, Hydrologie, Atmosphärenphysik, Wettervorhersage und Klimaforschung sowie Geo- und Umweltmonitoring.

 


Di. 9. Feb. 2010, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Prof. Dr. Max Camenzind, Heidelberg
Der Large Hadron Collider und die Schwarzen Löcher
Zusammen mit: Olbers-Gesellschaft, VDI Bremer Bezirksverein

KURZFASSUNG
Derzeit ist beim Forschungszentrum CERN in Genf der leistungsfähigste Teilchenbeschleuniger der Welt in Betrieb gegangen: der knapp 27 Kilometer lange Large Hadron Collider LHC. Hier werden Proton-Proton-Kollisionen höchster Energien untersucht werden. Mit Hilfe dieser Anlage können die Physiker quasi die Zeit zurückdrehen und erkunden, was kurz nach dem Ursprung unseres Universums im Urknall geschah. Der LHC stellt sowohl von der eingesetzten Technologie als auch von den Ausmaßen des Projekts und der Experimente eine wahre Revolution dar: Er ist ein Projekt auf Weltebene, bei dem sich Tausende von Wissenschaftlern aus aller Welt für ein und dasselbe Ziel einsetzen. Am LHC sollen Energien erreicht werden, die in herkömmlichen Teilchenbeschleunigern bisher nicht möglich waren (bis zu 14 TeV).

Was erhofft man sich vom LHC? Allen voran die Entdeckung des "Gottesteilchen" namens Higgs. Higgs, darunter versteht man ein hypothetisches, den ganzen Raum durchziehendes Energiefeld, das Higgsfeld. Die meisten Physiker meinen, es müsse dieses Higgsfeld geben, denn nur so könne man sich gegenwärtig erklären, warum die Bausteine der Natur, wie etwa das Elektron, ihre bestimmte Masse erhalten. Damit aber berühren die Experimente am Cern auch Einsteins Frage: Wäre zum Beispiel die Elektronmasse zehnmal so groß, wären wir Menschen kleine Zwerge, das Tageslicht läge im Röntgenbereich, womöglich hätte die Evolution auch gar nicht stattfinden können. Die Supersymmetrie sagt die Existenz neuer Elementarteilchen voraus, die ebenfalls mithilfe der Experimente am LHC gesucht werden. Eines dieser Elementarteilchen könnte auch der Ursprung der so genannten Dunklen Materie sein, die einen überraschend großen Teil der Energiedichte unseres Universums ausmacht.

Es könnte sogar ein Schwarzes Loch entstehen, wenn Gluonen oder Quarks einander so nahe kommen, dass sich durch die Gravitationskraft eine Bindung herstellt. Zwischen den Teilchen könnte dann ein Schwarzes Loch entstehen, das aber aufgrund von Quanteneffekten so schnell wieder zerfällt, dass kaum Materie von außen aufgenommen werden kann. Gleichwohl sind manche Menschen schon seit Jahren besorgt, dass die winzigen Schwarzen Löcher, sollten sie überhaupt in Teilchenbeschleunigern erzeugt werden können, irgendetwas Unheilvolles anrichten könnten. In diesem Vortrag werden insbesondere die Bedingungen diskutiert, unter denen solche Prozesse am LHC ablaufen könnten. Die Wahrscheinlichkeit für die Richtigkeit dieser Spekulationen ist äußerst gering, da die Vorstellungen
der Physiker allzu "menschlich" ausgelegt sind.


Di. 23. Feb. 2010, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Prof. Dr. Sabine Doering-Manteuffel, Augsburg
Von Mondsüchtigen und Nachtwandlern
Okkultismus und moderne Wissensgesellschaft

Zusammen mit: Freundeskreis der Antike zu Bremen, Freundeskreis Haus im Schluh, Philosophische Gesellschaft in Bremen, Universität Bremen, Verein für Niedersächsisches Volkstum, Vereinigung für Bremische Kirchengeschichte

KURZFASSUNG
Der Streifzug durch das enzyklopädische Wissen der Neuzeit beginnt mit einem Eintrag über die
Mondsucht aus Johann Heinrich Zedlers Universallexikon, verfasst Mitte des 18. Jahrhunderts. Er dokumentiert, was die Zeitgenossen über das Nactwandeln in mondhellen Nächten zu wissen glaubten. Dieses Wissen erweckt den Anschein einer aufklärerischen Expertise, denn schließlich ging es um nicht mehr und nicht weniger als um den "Ausgang des Menschen aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit", wie das berühmte Diktum des Aufklärungsphilosophen Immanuel Kant lautet. Das Nachtwandeln war jedoch eine tückische Sache, denn es mangelte an empirischen Befunden. Wer waren diese sonderbaren Verwandlungsgestalten, waren sie real oder handelte es sich um eine der üblichen Gaukeleien des Teufels? Hatte man jemals Personen auf den Hausdächern und Kirchturmspitzen spazieren gehen sehen? Die Mondsucht gab jedenfalls Rätsel auf. Die Forschungen schritten voran. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts richteten sie sich zunächst auf Störungen des Nervensystems und dann auf den Somnambulismus, eine Art Trance-Zustand. In diesen verfielen unter anderem jene Medien, die den Spiritismus, den Kontakt der Lebenden mit den Toten, gerade in bürgerlichen Kreisen populär gemacht hatten. Das Nachtwandeln blieb eine geheimnisvolle Laune des Seelenlebens schlafender Personen zwischen Trance und Traum, zwischen Unbewusstsein und Neurose.

Heute sind es vor allem die Schlaflabore, die Einfluss auf unser Verständnis von ungewöhnlichen Vorkommnissen während des Nachtschlafs nehmen. In den Internet-Enzyklopädien wie der Plattform "Wikipedia" werden diese Forschungen mit persönlichen Ansichten und Berichten unterschiedlicher Provenienz aus Presse, Funk und Fernsehen vermischt. Und wer sind die Nachtwandler wirklich? Weiß man mehr über sie als vor zweihundert Jahren? Der Vortrag wird dies zu erhellen versuchen.


Di. 2. März 2010, 19 Uhr
Deutsches Schiffahrtsmuseum, Vortragssaal
Prof. Dr. Karen Wiltshire, Bremerhaven
Klimaveränderungen und die Nordsee
Zusammen mit: Alfred-Wegener-Institut, Deutsches Schiffahrtsmuseum, Nautischer Verein zu Bremerhaven, Übersee-Museum, Universität Bremen

KURZFASSUNG
Seit 1873 wird vor der Hochseeinsel Helgoland der Meereszustand gemessen. Somit hat Deutschland einzigartige Daten: die längste und artenreichste Meeres-Langzeitdatenserie der Welt. Kürzliche Auswertungen der Wissen-schaftler am Alfred Wegener Institut haben gezeigt dass die Wassertemperatur um 1.67 Grad in den letzten 45 Jahren gestiegen ist. Für alle Meeres-Tiere und Pflanzen bedeutet dieses eine sehr schnelle Anpassung an einem sich erwärmenden Lebensraum.

Es ist ja nett, im Sommer bei Temperaturen von über 20oC zu baden, aber unsere heimischen Tier und Pflanzen Arten sind für ein gemäßigtes Klima geschaffen. Sie können nur schwer mit schnellen Temperaturanstiegen umgehen. Wir verbuchen große Verschiebungen der Pflanzen und Tiere am Fundament der Nahrungskette. Es gibt Phasenverschiebungen der Zeitpunkte von für Räuber nahrungswichtige Arten. Auf allen Stufen der Nahrungskette gibt es immer mehr neue "Einwanderer" und "Auswanderer" im System. Tatsächlich ist der Dorsch in unseren heimischen Gewässern selten geworden. Schuld ist der Zusammenspiel der Erwärmung und die Überfischung. Der Dorsch braucht kaltes Wasser um abzulaichen. Die Südliche Nordsee war schon immer die Kältegrenze dieser Fische. Als Kaltwasserfische fühlen sie sich im Norden wohler. Fische die durch Überfischung immer seltener werden, sind in ihrem Bestand zusätzlich geschwächt, wenn ihr Lebensraum kleiner wird. Es gibt nicht nur "Abwanderer", wie der Dorsch, aus den Küstenmeeren, sondern auch Einwanderer. Manche sind sogar gute Speisefische, wie der Warmwasserfisch Streifenbarbe. Es wird vermutet, dass dieser Fisch sich nun in nördlicheren Gefilden ausbreitet. Auf Helgoland weiß man, dass die Erwärmung des Wassers auch zum Aussterben von Kultur beiträgt. Zum Beispiel der Helgoländer Hummer wird immer seltener und somit stirbt die historische Hummerfischerei aus. Aus 20 Fischern bleiben nur zwei Hummerfischer übrig.

Di. 9. März 2010, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Prof. Dr. Michael Succow, Wackerow
Moore - ein wichtiger Klimafaktor
Zusammen mit: Geologischer Dienst, Naturwissenschaftlicher Verein, Universität Bremen

KURZFASSUNG
W
achsende Moore sind auf dem Festland die wichtigste Kohlenstoffsenke. Der fortgesetzte Verlust dieser Rolle im globalen Naturhaushalt verstärkt die Klimaerwärmung dramatisch. Um dem entgegen zu steuern, muss endlich jede weitere Trockenlegung von Mooren unterbunden werden. Entwässerte Moore müssen soweit wie möglich wieder vernässt (renaturiert) werden. Moore bedecken drei Prozent der Landfläche unserer Erde, darin gespeichert sind aber 30 % des gesamten terrestrischen Kohlenstoffs. Boreale und temperate Moore legen durchschnittlich 1.120 Tonnen Kohlenstoff pro Hektar fest, in tropischen Mooren sind es sogar 3.100 Tonnen.

Mit dem gewonnenen Verständnis über Funktion und Funktionstüchtigkeit von Moorökosystemen im Landschaftshaushalt und vor allem als Klimafaktor muss es uns heute einerseits darum gehen, weltweit alle noch nicht anthropogen stärker beeinträchtigten Moore unbedingt in ihrem Naturzustand, d.h. wachsend, zu erhalten. Andererseits sind auf den bisher durch Entwässerung genutzten Mooren Wiedervernässungen einzuleiten bzw. bei Bedarf Nutzungsformen zu finden, die die Funktionstüchtigkeit von Mooren als akkumulierende Ökosysteme sichern. Das kann nur in semiaquatischen Ökosystemen erfolgen. Dabei kann zyklisch die oberirdisch aufwachsende Biomasse abgeschöpft, d.h. geerntet werden ohne die "unterirdische" Torfbildung zu beeinträchtigen. Die Nutzung der oberirdischen Biomasse als nachwachsender Rohstoff aus derartigen hochproduktiven "Paludikulturen" dürfte eine wichtige Zukunftsoption sein. Paludikulturen sind nicht nur für wiedervernässte degradierte Niedermoorstandorte sinnvoll, sie stellen auch für abgetorfte Regenmoorstandorte eine dauerhaft umweltgerechte Nutzungsform dar (Sphagnum farming). Bei all den genannten alternativen Nutzungsformen besteht ein hoher Forschungs- und Entwicklungsbedarf, handelt es sich doch um landnutzungstechnisch neue Standorte (nasse Bewirtschaftung).

Eine zukünftige Ökonomie hat dabei die In-Wert-Setzung ökologischer Leistungen mit einzubeziehen. In Anspielung auf Friederich-Schiller könnte das Fazit lauten: Das Moor hat noch längst nicht "seine Schuldigkeit getan". - Neue Moore braucht das Land!


Di. 23. März 2010, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Prof. Dr. Christoph Schmidt, Köln
Ikonen - Fenster der Ewigkeit
Zusammen mit: Freundeskreis der Antike zu Bremen, Stiftung Bremer Dom, Verein für Niedersächsisches Volkstum, Vereinigung für Bremische Kirchengeschichte

KURZFASSUNG
Ikonen sind das älteste Bildmedium der christlichen Natur. Viele ihrer Regeln sind heute noch gültig, ohne dass es dem modernen Betrachter jedoch bewusst ist. Woher stammt denn das Interesse von Paula Modersohn-Becker an den Mumienbildern, wenn nicht daher, sich dieser Bildtradition zu versichern? Der Vortrag führt in wesentliche Kennzeichen von Ikonen ein und greift dann zum Beispiel von Novgorod als einem besonders produktiven Zentrum der Ikonenmalerei, da hier durch Vermittlung der Hanse auch westliche Strömungen Einfluss hatten.


Di. 30. März 2010, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Prof. Dr. Michael North, Greifswald
Banken- und Finanzkrisen in Europa seit dem Mittelalter
Zusammen mit: Historische Gesellschaft

KURZFASSUNG
Die gegenwärtige internationale Finanzkrise mag den Anschein erwecken, dass die internationale Vernetzung der Finanzmärkte im Zeitalter der Globalisierung in einem solchen Maße vorangeschritten ist, dass sie weltweit Ansteckungsgefahren und Kettenreaktionen hervorruft. Diese Darstellung bieten auch einschlägige Zeitungen, wie z. B. Financial Times und Wall Street Journal.

Die Geschichte des Geldes aber widerlegt eine solche Ansicht. Geld- und Kapitalmärkte waren bereits im Mittelalter eng miteinander verbunden, zumal Geld und Kredit die längste Zeit auf den weltweit vorhandenen Edelmetallvorräten basierten. Dabei verliefen Edelmetallproduktion und -distribution unabhängig voneinander. Denn die Mehrheit der europäischen Münzherren musste Gold und Prägesilber auf dem Wege des Handels akquirieren, während gleichzeitig im Handel Geld und Kredit benötigt wurden. Bedingt durch die großen Entfernungen zwischen Edelmetallförderung und Nachfrageort kam es immer wieder zu Engpässen in der Versorgung, die sich auch auf dem Kreditsektor niederschlugen. Entsprechend kann man zwischen Geld- und Währungskrisen einerseits und Banken- und Finanzkrisen andererseits unterscheiden.

Der Vortrag wird dies am Beispiel verschiedener Geld- und Finanzkrisen des Mittelalters und Frühen Neuzeit illustrieren.

 


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Vortragssaison 2008/2009

 

Sa. 11. Okt. 2008, 19 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Dipl.-Phys. Dr. Axel D. Wittmann, Göttingen
Olbers-Sitzung / 250. Geburtstag Wilhelm Olbers
Die astronomischen Arbeiten von Carl-Friedrich Gauss im Spiegel seiner Korrespondenz mit Olbers, Bessel und Schumacher
Zusammen mit: DGfLR , Olbers-Gesellschaft, VDI Bremen

KURZFASSUNG
Carl Friedrich Gauß (1777-1855) war nicht nur einer der bedeutendsten Mathematiker aller Zeiten, sondern auch einer der bedeutendsten Astronomen, Geodäten und Physiker aller Zeiten. Als Professor für Astronomie und Direktor der Universitäts-Sternwarte Göttingen machte er diese in den Jahren 1807-1855 weltberühmt und zu der damals bedeutendsten Sternwarte Deutschlands. Mit mehreren seiner engeren Kollegen und Schüler, darunter Wilhelm Olbers (Bremen), Friedrich-Wilhelm Bessel (Königsberg) und Heinrich Christian Schumacher (Altona), pflegte Gauß eine lebenslange Freundschaft und Korrespondenz. Während der Briefwechsel mit Olbers und Schumacher auch viele persönlich- private Einzelheiten enthält, beschränkt sich der Briefwechsel mit Bessel eher auf das fachliche und auf den Austausch beruflicher Informationen. Aus allen drei Briefwechseln zusammen - selbstverständlich unter Hinzunahme der Werke, Schriften und sonstigen Korrespondenz von Gauß - ergibt sich ein relativ vollständiges Bild des Lebens und Werkes von Gauß. Der Vortrag berichtet schwerpunktmäßig über die astronomischen Arbeiten von Gauß, zu denen insbesondere die Bahnbestimmung und Bahnberechnung von Planeten, Kometen, des Mondes usw. gehört, aber auch Beobachtungen der Sonne, des Polarsterns, anderer Fixsterne, der neuentdeckten Kleinplaneten, Kometen usw., seine Ausrüstung der Sternwarte mit modernen astronomischen Instrumenten und Teleskopen, und auch die mit der Astronomie eng verbundenen geodätischen Arbeiten zur Landesvermessung. Letztere führte Gauß in den Jahren 1820-1827 in engem Gedankenaustausch mit Olbers, ein wenig in Konkurrenz zu Bessel im Baltikum, und in enger Zusammenarbeit mit Schumacher persönlich aus, wobei ihm hannoversche Offiziere (darunter sein Sohn Joseph) assistierten. Auf diese Messungen wird ebenfalls kurz eingegangen, da sie sich unter anderem auch nach Bremen erstreckten, und da diese nicht nur zur Herstellung von Landkarten, sondern auch zur Vermessung der Größe der Erde - einer wichtigen Maßeinheit in der Astronomie - dienten. Die Bedeutung von Wilhelm Olbers für den rund 20 Jahre jüngeren Carl Friedrich Gauß war enorm: Olbers, der durch sein Medizinstudium mit Göttingen verbunden war, war ab 1802 und bis zu seinem Tode Gauß' väterlicher Freund und Ratgeber in vielen Lebenslagen, und es war Olbers' guten Verbindungen und Aktivitäten - sozusagen als "Wissenschaftsmanager" im Hintergrund - zu verdanken, dass Gauß 1807 den Ruf als Professor nach Göttingen erhielt, statt einem Ruf nach Russland zu folgen. Anhand einiger ausgewählter Briefstellen wird insbesondere auch die Beziehung zwischen Gauß und Olbers näher beleuchtet; der Schwerpunkt des Vortrages liegt jedoch auf den Gaußschen Arbeiten zur Astronomie.

 

Fr. 31. Okt. 2008, 20 Uhr
Eröffnungsveranstaltung
Übersee-Museum Bremen
Dipl.-Ing. Thomas Reiter, Köln
Leben und Arbeiten auf einer Raumstation
Zusammen mit: DGfLR, VDI Bremen

KURZFASSUNG
Am 22. Dezember 2006 fand die Astrolab-Mission von Thomas Reiter mit der Landung des Space Shuttle in Florida nach fast sechs Montan im All ihr erfolgreiches Ende. Nicht nur während seines Weltraumausstieges hat sich der heutige Vorstand für Raumfahrtforschung und -entwicklung des DLR am Ausbau der ISS beteiligt, auch mit der Installation und Wartung von Anlagen und Einrichtungen an Bord der ISS. Im Verlaufe des Fluges standen mehr als 30 Experimente auf dem Missionsplan, aus den Bereichen Medizin, Biologie und Materialwissenschaften. Der Vortrag von Thomas Reiter gibt einen spannenden Einblick in die ALLtägliche Arbeit an Bord der Internationalen Raumstation ISS, deren Auf- und Ausbau, sowie die wissenschaftlichen Aspekte einer Raumflugmission. Ebenso wird die Frage beantwortet: Welchen Nutzen hat der Aufenthalt von Menschen im Weltall?

Di. 4. Nov. 2008, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Prof. Dr. Helmut Schanze, Aachen
Beethoven und Goethe

KURZFASSUNG
Das Verhältnis Beethovens zu Goethe ist von scheinbar unüberbrückbaren Gegensätzen gekennzeichnet. Hier die "ungebändigte Persönlichkeit" des Musikers, dort der Dichter, dem die "Hofluft" zu sehr behage. Die Differenz der Persönlichkeiten lässt sich jedoch, entgegen der geläufigen Meinung, nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch auflösen und neu interpretieren. Beethoven ist ein genauer Leser und Kenner der Schriften Goethes. Seine rhetorisch-musikalische Praxis löst ein, was auch Goethes Rhetorizität und Musikalität ausmacht. Kanon dieser gemeinsamen Praxis ist das "Lied". Der Mikrokosmos des Lieds führt zum Makrokosmos des Gesamtkunstwerks, der Oper. Goethe stellt in seiner Theorie des Liedes hohe Anforderungen an seine "Komponisten". Sie müssen die drei rhetorischen Stillagen als Kompositionsstile beherrschen, den einfachen, den mittleren und den hohen Stil. Mehr noch: Sie sollen das Einfache groß machen, das Unterhaltende "köstlich" und das wahrhaft Große zur Vollendung steigern. Beethoven ist hierfür, trotz aller Gegensätze im Persönlichen, der eminente Fall. In seinen Liedkompositionen nach Goethe-Texten, in seiner Bühnenmusik zu "Egmont" und in seiner einzigen Oper "Fidelio" hat er Einfachheit zur Größe, Köstliches, was nicht nur unterhaltend ist, und Großes bis zur Erhabenheit gestaltet. Zwischen Liedern und der Egmont-Musik einerseits und der Neufassung des "Fidelio" 1814 andererseits liegt die Begegnung Beethovens mit Goethe im böhmischen Weltbad Teplitz 1812, aber, in den gleichen Tagen, auch beider Geheimgeschichten, der Brief an die "Unsterbliche Geliebte" und Goethes "Geheimstes", die Begegnung mit der Kaiserin Maria Ludovica. Was in den Liedern zum "Faust" und in der "Egmont"-Musik angelegt ist, wird in "Fidelio", vor allem aber in der zentralen Szene im Gefängnis, mit der Arie des Florestan, der Geistererscheinung der "Leonore", dem Melodram der Grabszene, der Wiedererkennung der Liebenden und dem Rettungssignal - dem scheinbar banalen Signal der Post nach Karlsbad, wie die Forschung herausgefunden hat - zu einer Einheit von Wort, Bild und Ton fusioniert. Es sind nicht zuletzt die musikalischen Worte und Bilder Goethes, Lektüren des "Faust", des "Egmont", des "Tasso" und seinen "Leonoren", die Beethoven zu diesem Gesamtkunstwerk inspiriert haben.

Di. 25. Nov. 2008, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Prof. Dr. rer. nat. Norbert Jürgens, Hamburg
Biodiversität und Mensch
Zusammen mit: Naturwissenschaftlicher Verein, Übersee-Museum Bremen, Universität Bremen, Verband Biologie

KURZFASSUNG
Der Mensch ist Teil der biologischen Vielfalt und in Bezug auf das Funktionieren des "Raumschiffs Erde" von ihr abhängig, aber er geht erstaunlich ignorant mit ihr um und schädigt sie in großem Maßstab. Sowohl in den Industrieländern wie auch in den Schwellen- und Entwicklungsländern scheint die Expansion der menschlichen Gesellschaften nur auf Basis einer dramatischen Umgestaltung der Biosphäre erfolgen zu können, die zugleich in vielen Regionen die Wirtschafsbasis für zukünftige Generationen unumkehrbar zerstört. Beispiele aus Norddeutschland und aus afrikanischen Ländern zeigen eindrücklich, welche Verluste mit der Expansion menschlicher Landnutzung einhergehen. Aber es gibt auch die Hoffnung und die große Idee, dass die Staaten der Erde an Stelle der Dominanz ökonomischer Interessen gemeinsam auch eine bessere und langfristig stabile Nutzung der biologischen Vielfalt organisieren könnten, wenn sie nur die immensen Werte der belebten Natur und ihren notwendigen Fortbestand mit in die Kalkulationen von Wirtschaftsmaßnahmen einbeziehen würden. Angesichts der neu entflammten Konkurrenz der alten und der neuen Industriestaaten um die Rohstoffe der Erde und ganz besonders um neue Energiequellen stehen vernünftigen Ansätzen aber neue und sehr große Risiken gegenüber. Insbesondere in den Tropen werden drastische Veränderungen erwartet, in deren Zentrum die Frage steht, ob und in welchem Umfang wir die Oberfläche dieses Planeten (unsere begrenzteste Ressource) für Nahrungserzeugung, Energieerzeugung, Siedlungen, Transportwege, Abbau mineralischer Ressourcen, Wassergewinnung, ... oder eben für die Aufrechterhaltung der biologischen Vielfalt und ihrer Funktionen und Dienstleistungen einsetzen. Gerade am Beispiel Afrika ist die Überhitzung der Ressourcenjagd deutlich zu beobachten. Ähnlich wie bei den Bemühungen zum Klimaschutz wird auch bei den Bemühungen zum Schutz der Biodiversität solides Wissen über die Werte und Prozesse der belebten Natur erforderlich. Angesichts der enormen Komplexität der Wechselwirkungen von Genen und Arten in Ökosystemen ist aber leider festzustellen, dass allein die Datenbeschaffung vor viel größeren Problemen steht als zum Beispiel in der Meteorologie. Der Vortrag wird auch darstellen, mit welchen Vorhaben die globalen Forschungsprogramme den Beitrag der Wissenschaften zu einem größeren Gewicht auch bei wirtschaftlichen und politischen Entscheidungen verhelfen wollen.


Di. 02. Dez.. 2008, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Prof. Dr. Joachim Reichstein, Schleswig
Das Danewerk, eine antike und frühmittelalterliche Befestigung
Zusammen mit: Bremer Gesellschaft für Vorgeschichte, Freundeskreis der Antike, Historische Gesellschaft, Vereinigung für Bremische Kirchengeschichte

KURZFASSUNG
Im Süden der Jütischen Halbinsel zwischen Schleswig und Hollingstedt befindet sich eine Landenge, deren naturräumliche Beschaffenheit eine gute Voraussetzung für die Anlage einer Grenzbefestigung bot. Dies nutzten dänische Herrscher im frühen Mittelalter zum Bau von mächtigen Schutzwällen. Die umfangreiche Grenzanlage ist uns unter der Bezeichnung "Danewerk" bekannt. Die Wälle realisieren das strategische Konzept einer "linearen Verteidigung", das seit der Antike bis in die Gegenwart militärisch für nützlich und wirksam gehalten wird. Der Dänenkönig Waldemar I. ließ 1165 n.Chr. einen Abschnitt des Danewerks als starkes Ziegelsteinbauwerk errichten, das damals die mächtigste Befestigung des Mittelalters nördlich der Alpen darstellte. Adressat des Imponierbaus war kein anderer als Friedrich I. Barbarossa, Herrscher von der dänischen Grenzmauer bis nach Sizilien. Ihr tatsächlicher Ursprung liegt aber noch immer im Dunkel. Archäologische Untersuchungen der letzten Jahre haben erkennen lassen, daß erste Befestigungen des Danewerks offenbar viel früher angelegt wurden als bisher angenommen. Hatte man zunächst das Jahr 808 n.Chr. als Ausgangsdatum angesehen, ergaben dendrochronologische Untersuchungen an 1972 gefundenen Hölzern Fälldaten von 737 und 740 n.Chr.; Grabungsergebnisse von 1976 bestätigten diese Zeitstellung. Im Jahr 1983 am Hauptwall bei Rotenkrug durchgeführte Untersuchungen führten zu der Erkenntnis, daß die bis dahin in das 12.Jhdt. datierte Feldsteinmauer schon rund 400 Jahre früher entstanden sein muß und somit ebenfalls dem 8.Jhdt. zuzuordnen ist. Diese Mauer ist jedoch Teil der 4.Bauphase des Walls und hat ältere Vorgängerbauten. Die 3.Bauphase des Hauptwalls ist der Zeit um 680 n.Chr. zuzuschreiben. Für die Phasen 1 und 2 ist eine Datierung bislang nicht gelungen. Ihr Wallaufbau zeigt jedoch Parallelen zu den beiden in Südjütland gelegenen linearen Befestigungen "Olgerdiget" und "AE Vold", die aus dem 1.- 3.Jhdt. n.Chr. stammen. Es kann vermutet werden, dass die Bauphasen 1 und 2 des Danewerks ebenfalls in diese Epoche fallen.

Di. 9. Dez. 2008, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Prof. Dr. Hans Kippenberg, Bremen
Religion und Gewalt
Zusammen mit: Freundeskreis der Antike, Übersee-Museum, Universität Bremen, Vereinigung für Bremische Kirchengeschichte

KURZFASSUNG
Eine Welle religiöser Gewalt verunsichert die Welt - und seit dem 11. September zunehmend den Westen. Nicht eine Manipulation von Religion, sondern eine Radikalisierung religiöser Gemeinschaften im Verlauf eines Konfliktes mit Gegnern ist die Quelle dieser Erscheinung; staatliche Zwangsmaßnahmen gegen die angeblichen Drahtzieher haben oft eine weitere Eskalation zur Folge.

Der Vortrag stellt zuerst dar, warum Religionsgemeinschaften im Zeitalter der Globalisierung so mächtig werden und ihre heilsgeschichtlichen Handlungsmuster neue Geltung erlangen. Als religiöse Gemeinschaften in den USA wie Peoples Temple oder die Adventisten von Waco sich durch endzeitliche Mächte des Bösen bedroht sahen, setzten sie sich gegen sie zur Wehr. Am Nahostkonflikt lassen sich die Folgen des Erstarkens religiöser Gemeinschaften und ihrer Geschichtsdeutung besonders gut ablesen. Aus einem Konflikt zwischen dem Staat Israel und seinen arabischen Nachbarn wurde seit dem Sechstagekrieg 1967 sukzessive ein Konflikt zwischen religiösen Gemeinschaften. Die Besiedlung der besetzten Gebieten durch zionistischer Siedler, der Eifer palästinensischer Muslime für ganz Palästina als islamischem Stiftungsland sowie die Unterstützung amerikanischer Protestanten für die Wiederherstellung Israels im biblischen Land haben die Konfliktdynamik intensiviert. Die Behauptung, es handele sich bei den Gewalttätern um Terroristen, die grundlos morden und mit denen kein Vertrag geschlossen werden könne, wurde dabei eine weiterer Quelle von Eskalation. Konfliktverläufe und nicht die Religion an sich sind die Quellen von Gewalt.

Fr. 9. Jan. 2009, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Prof. Dr. phil. Joachim Latacz, CH-Basel
Dichtung und Wahrheit
Was wissen wir heute über den "Troianischen Krieg"?

Zusammen mit: Bremer Ortsvereinigung der Goethe-Gesellschaft, Focke-Museum, Freundeskreis der Antike, Universität Bremen

KURZFASSUNG
Ob hinter der Troia-Geschichte der Griechen und speziell hinter ihrem Bestandteil 'Troianischer Krieg' etwas Historisches steckt oder nicht, darüber wird seit dem 19. Jahrhundert in der Homer-Forschung gestritten. Eine Lösung der Frage war auch nach der Wiederentdeckung Troias durch Frank Calvert und Heinrich Schliemann (1870/71) bis in die sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts hinein nicht möglich. Seitdem sind jedoch aus mehreren altertumswissenschaftlichen Forschungsdisziplinen (neben der Vor- und Frühgeschichtlichen Archäologie vor allem Gräzistik, Hethitologie, Ägyptologie) zahlreiche neue Indizien zusammengekommen, die den vieldiskutierten 'historischen Kern' der Geschichte heute als sehr wahscheinlich erscheinen lassen. In welchem Verhältnis dieser 'historische Kern' einerseits und seine Um- und Überformung in Homers Dichtung 'Ilias' andererseits stehen, darüber wird z.Z. intensiv geforscht. - Der Vortrag versucht, einen klaren Überblick über diesen ganzen Problemkreis zu ermöglichen und den gegenwärtigen Forschungsstand sowie die daraus ableitbaren unmittelbar vor uns stehenden
Forschungsaufgaben zu umreißen.

Di. 13. Jan. 2009, 20 Uhr
im Deutschen Schiffahrtsmuseum Bremerhaven
Prof. Dr. Gerhard Bohrmann, Bremen
Frank Schätzing, Der Schwarm:
Wirklichkeit und Fiktion

Zusammen mit: Deutsches Schiffahrtsmuseum, Universität Bremen, Verband Biologie

KURZFASSUNG
An diesem Abend werden wissenschaftliche Hintergründe des Romans erläutert. Insbesondere sind dies die Themen Gashydrate, Stabilität der Kontinentalränder und Eiswürmer. Deren Zusammenspiel führt im Roman "Der Schwarm" zum sogenannten Storegga-Effekt -dem Abbrechen des Kontinentalthanges - der einen Tsunami unvorstellbaren Ausmaßes im Nordatlantik zur Folge hat.
Was ist dran an dieser Darstellung? Lässt sie sich wissenschaftlich halten und belegen? Und existieren die beschriebenen Lebewesen in der Tiefsee, insbesondere das Konsortium von Mikroorganismen, welches als Motiv für eine in der Tiefsee lebende Intelligenz in Frank Schätzings Roman fungierte? Es werden einige Passagen aus dem Buch vorgestellt die dem Wissenschaftsthriller auch emotional gerecht werden.


Di. 20. Jan. 2009, 20 Uhr

Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Prof. Dr. Peter Maaß, Bremen
Mathematische Zaubereien
Zusammen mit:Universität Bremen, VDI Bremen

KURZFASSUNG
Mathematik gilt als verstaubte Wissenschaft einer kleinen, ebenso verschworenen wie sonderlichen Gruppe von Menschen, die sich nur selten aus ihrem Elfenbeinturm wagt. Dass Mathematik wesentliche Beiträge zu den meisten technischen Revolutionen der letzten Jahrzehnten geleistet hat, ist nur selten sichtbar. In diesem Vortrag soll ausgehend von einigen kleinen und klassischen mathematischen Zaubertricks der Bogen zu zumindest einem 'großen' Zaubertrick der aktuellen mathematischen Forschung geschlagen werden. Mehr soll hier noch nicht verraten werden. Auf unterhaltsame Weise soll dabei ein Einblick in die Denk- und Arbeitsweise der angewandten Mathematik und ihren Bezügen zu unserem Alltagsleben gewährt werden.

Di. 3. Feb. 2009, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Prof. Dr. Christian Feest, A-Wien
Sitting Bull.
Der Mann mit den vielen Gesichtern

Zusammen mit: Geographische Gesellschaft, Übersee-Museum Bremen, Universität Bremen

KURZFASSUNG
Sitting Bull - Freiheitskämpfer, "Heiliger Mann", Volksverhetzer und Störenfried, Poet und Maler, Medienstar. Seit jenem 4. Juli 1876, an dem eine bestürzte amerikanische Öffentlichkeit erstmals vom "Sieger der Schlacht am Little Bighorn" Kenntnis nahm, der soeben der amerikanischen Armee eine bittere Niederlage beschert hatte, hat die veröffentlichte Meinung ein zutiefst widersprüchliches Bild von Tatanka Iyotanka, dem "Sitzenden Bisonstier", gezeichnet. Zu seinen Lebzeiten und danach zählte Sitting Bull zu den am häufigsten porträtierten "Indianern". Die Keule, die er auf einer der letzten Fotografien in der Hand hält, kennzeichnet ihn als unreformierten Krieger; das Kruzifix um den Hals als Kandidaten für eine baldige Bekehrung; eine dunkle Brille ist das Eingeständnis einer teilweisen Gesichtslähmung, die Vielfalt seiner Kopfbedeckungen spiegelt die Vielfalt seiner Rollen. Das öffentliche Gesicht zeigt erhabenen Ernst oder kaum verborgenen Groll, während sich auf Familienfotos das Lächeln des privaten Sitting Bull zeigt, der den Frauen zugetan war und seine Kinder und Enkel liebte. Die Widersprüchlichkeit der vielen Gesichter spiegelt aber nicht nur die unbestrittene Vielschichtigkeit der Persönlichkeit eines wirklichen Menschen. Wie kaum ein anderer verkörpert Sitting Bull bis heute als unsterbliches Sinnbild einer zum Untergang bestimmten Welt alle inneren Gegensätze der westlichen Anschauungen vom "Indianer". Der Vortrag skizziert das Leben des berühmt-berüchtigten Mannes und die Geschichte seiner öffentlichen Wahrnehmung.

Di. 10. Feb. 2009, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Dr. Ernst Künzl, Mainz
Die Krise des 3. Jahrhunderts - der Barbarenschatz von Neupotz
Zusammen mit: Bremer Gesellschaft für Vorgeschichte, Deutsches Schiffahrtsmuseum,
Freundeskreis der Antike, Historische Gesellschaft

KURZFASSUNG
Für die Mitte des 2. Jahrhunderts n. Chr., für die Regierungszeit des Kaisers Antoninus Pius (138-161), verzeichnen die Geschichtsbücher eine Art Goldenes Zeitalter: Wohlstand und Frieden kennzeichneten den Zustand des großen römischen Reiches um das Mittelmeer. Hundert Jahre später war der vermeintliche Monolith zerbrochen. In jenen Jahrzehnten häuften sich die Katastrophen, bis in den Jahren zwischen 250 und 275 das Reich manchmal nur noch auf dem Papier bestand.Intern schwächten das Römerreich eine massive Inflation und immer wieder aufflammende Krankheitsepidemien. Die geistigen Krisensymptome zeigten sich in einer verstärkten Zuwendung zu Mysterienreligionen, was im Falle des Christentums zu massiven Verfolgungen führte, sowie in einer noch stärker als früher dominierenden Astrologie.Das Kaisertum war kein fester Halt mehr. Nach dem Ende der severischen Dynastie 235 begann das Zeitalter der Usurpatoren. Der Tiefpunkt dürfte das Jahr 260 gewesen sein, als sich so viele Gegenkaiser gegen Gallienus erhoben, daß man es das Jahr der 30 Tyrannen nannte, in Erinnerung an die Oligarchen in Athen im Jahre 404 v. Chr.An Rhein und Donau mußten die Militärgrenzen in Obergermanien und in Dakien zurückgenommen werden. Die Provinzverluste in Siebenbürgen an die Goten und in Südwestdeutschland an die Alamannen blieben es auf Dauer.In den Jahren um 260 und 275/277 plünderten die Franken und die Alamannen weite Gebiete der römischen Nordwestprovinzen. Einige dieser Plünderungstransporte gingen im Rhein verloren und kamen durch Baggerarbeiten in Neupotz, Hagenbach und anderen Orten in der Pfalz wieder ans Licht. Diese Funde geben einen hervorragenden Einblick in den römischen Alltag wie in die wirtschaftliche Situation der Germanen.Germanen wie Römer hatten in den Jahrzehnten nach 186 außerdem mit einer merklichen Klimaverschlechterung zu kämpfen, welche auf den Ausbruch des Vulkans Taupo in Neuseeland zurückging.

Di. 10. März 2009, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Prof. Dr. Lothar Willmitzer, Potsdam-Golm
Kleine Moleküle, Diagnostik und Systembiologie
Zusammen mit: Hochschule Bremerhaven, Naturwissenschaftlicher Verein, Universität Bremen, Verband Biologie

leider ausgefallen!

Di. 17. März 2009, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Prof. Dr. Hartmut Weber, Berlin
Was zusammen gehört.
Das Bundesarchiv 20 Jahre nach Wiederherstellung der Deutschen Einheit

Zusammen mit: Deutsches Schiffahrtsmuseum, Die MAUS, Staatsarchiv Bremen, Universität Bremen

KURZFASSUNG
Die Präsentation mit Schrift- und Bilddokumenten macht deutlich, dass die Herstellung der Deutschen Einheit das Bundesarchiv tiefgreifend verändert und seine Quellenbasis und Quellenvielfalt geradezu revolutionär erweitert hat. Im ideellen Anschluss an das 1919 in Potsdam gegründete Reichsarchiv konnte das "alte" Bundesarchiv, das 1952 seine Arbeit in Koblenz aufnahm, nur einen kleinen Ausschnitt des Archivguts zur jüngeren deutschen Geschichte zugänglich machen: die langsam zum Archivgut reifenden Unterlagen der jungen Bundesrepublik, die relativ wenigen zentralstaatlichen Bestände vor 1945, die sich bei Kriegsende im Westen befanden, sowie das von den Westalliierten zurückgegebene vormals beschlagnahmte militärische und zivile Archivgut des Deutschen Reiches. Die weitaus größeren Mengen der historischen und zeitgeschichtlichen Überlieferung lagen in der DDR oder wurden dieser von der Sowjetunion zurückgegeben. Dies betrifft auch die Bestände des Reichsfilmarchivs und bedeutende Fotoarchive. Erst nach 1990 wurde das gesamte zentralstaatliche Archivgut beider deutscher Staaten unter dem Dach des Bundesarchivs zusammengeführt. Für die Unterlagen der Parteien und Massenorganisationen der DDR wurde im Bundesarchiv eine Stiftung begründet, wie die Militärarchive wurden die Filmarchive aus Ost und West und das große Fotoarchiv der DDR-Nachrichtenagentur ADN mit den Abgaben von Bundespresseamt und Bundesbildstelle vereinigt. Schließlich kamen 1994 die vormals im Berlin Document Center im amerikanischen Gewahrsam verwahrten personenbezogenen Unterlagen der NSDAP und ihrer Gliederungen ins Bundesarchiv und im Jahre 2000 wurde das Bundesarchiv für die Unterlagen der Zentralen Stelle für die Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg zuständig. Als moderne Dienstleistungseinrichtung für die Forschung sowie für interessierte Bürgerinnen und Bürger macht das Bundesarchiv sein Archivgut in zehn Dienststellen an acht Orten in Deutschland zugänglich und fördert die Forschung auch durch Editionen und Publikationen. Dabei nutzt es in starkem Maße das Internet, um weltweit über seine Bestände zu informieren. Schwerpunkte der Forschung aus dem In- und Ausland, aber auch der Nutzung durch Journalisten und Publizisten sind nach wie vor die beiden deutschen Diktaturen des 20. Jahrhunderts, deren Überreste im Archiv, wie gezeigt wird, mitunter auch kritisch bewertet werden müssen.

Di. 21. Apr. 2009, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Prof. Dr. Franz Alto Bauer, München
Geschenke als Zeichen kultureller Überlegenheit in der Spätantike
Zusammen mit: Freundeskreis der Antike

KURZFASSUNG
Thema des Vortrags ist der Geschenkaustausch in der Spätantike, v. a. die Frage, inwiefern zu dieser Zeit Vergabe und Besitz von Ehrengaben Ansehen erzeugen konnten. Dabei zeigt sich, daß die Kategorien ‚Person' und ‚Sache' nicht in der Rigorosität von einander zu scheiden sind, wie es unserer eigenen Lebenserfahrung entsprechen würde, daß es Bereiche gibt, in denen Gegenstände eine geradezu personale Aura besitzen können. Bezugspunkt dieses Kosmos von Dingen war der spätantike Kaiser in seiner Überhöhung. Er stand im Zentrum eines Vergabesystems, in dem Lohn zum Gunsterweis wurde, in dem sich Objektkategorien herausbildeten, die als Ehrengaben verteilt wurden und ihre Besitzer sichtbar als ‚kaisernah' einstuften. Als potentielle Verbreiter, ja ‚Vervielfältiger' einer Person artikulierten sie Abhängigkeiten, Loyalitäten, Querbeziehungen und Überlegenheiten. Empfänger solcher Gaben ordneten sich in ein übergreifendes System von Ämtern, Status und Würde ein, das auf kaiserlicher Gunst beruhte und durch mobile Objekte und Auszeichnungen mitgeteilt wurde. Die Kommunikation mittels Gaben und Objekten funktionierte aber auch ohne den Kaiser, als Ausdruck einer Verfügungsgewalt über Dinge, die in der Spätantike zu einem wesentlichen Standesmerkmal wurde und auch zu Konkurrenzen innerhalb der Oberschicht führte. Zugleich wurden die Gaben der aristokratischen Oberschicht und der Magistrate vorbildhaft für ‚Imitate' in einfacheren Materialien: so wurde einer breiten Schicht der preiswerte Zugang zu Objekten gewährt, die formal an teure Ehrengeschenke erinnern und entsprechend Anteil an Besitz und Zurschaustellung von Luxusgütern suggerieren sollten. Begünstigt wurde diese Entwicklung durch die Vorstellung, Objekte könnten sich mit personengebundener Wirkmächtigkeit im weitesten Sinne aufladen. Und so finden wir das Phänomen der Sakralisierung eines Gegenstands nicht nur in der kaiserlichen Sphäre, sondern auch innerhalb des spätantiken Heiligenkults: die Kontaktreliquie, der die Übertragung von Wirkmacht einer besonderen Person auf ein Objekt zugrunde liegt, ist kein christliches Phänomen. Sie ist Teil einer Kultur personaler Beziehungen, die über mobile Gegenstände etabliert wurden und weite Bereiche des spätantiken Lebens umfaßte.

 

 

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Vortragssaison 2007/2008

Eröffnungsveranstaltung

Di. 30. Okt. 2007, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Prof. Dr. phil. Dr. h.c. mult. Horst Fuhrmann, München
Die Konstantinische Schenkung
Geschichte eines falschen Dokuments
Zusammen mit: Freundeskreis der Antike, Historische Gesellschaft, Vereinigung für Bremische Kirchengeschichte, Stiftung Bremer Dom

KURZFASSUNG

Die Konstantinische Schenkung
Geschichte eines falschen Dokuments

Unter den zahlreichen mittelalterlichen Fälschungen nimmt die Konstantinische Schenkung wegen ihrer historischen Wichtigkeit eine Sonderstellung ein: hergestellt vor 850, doch wirksam geworden erst vom 11. Jahrhundert an. Sie gibt vor, dass der durch die Taufe von der Lepra geheilte Kaiser Konstantin (gestorben 337) aus Dankbarkeit dem Papst Silvester das Kaisertum und die Herrschaft über das Abendland geschenkt hat. Auf das Ende des Mittelalters zu mehren sich die Stimmen, die das Dokument für apokryph halten (Nikolaus von Kues, Lorenzo Valla), und die Reformatoren sehen sich bestätigt; der Primat des Papstes sei ein Ergebnis von Fälschungen. Der erkannte Fälschungscharakter änderte nichts an der Wirksamkeit. Im 19. Jahrhundert verliert der Papst den Kirchenstaat, Papst Paul VI. legt 1964 die Tiara, das Zeichen weltlicher Würde ab, aber erst Benedikt XVI. hat im Papstwagen die Tiara gegen die Mitra getauscht. Der Papst ist oberster Hirte, nicht Herrscher, wie die Konstantinische Schenkung es will.

Di. 6. Nov. 2007, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Prof. Dr. Burghard W. Flemming, Wilhelmshaven
Wohin wandern die Ostfriesischen Inseln?
Zusammen mit: Geographische Gesellschaft, Naturwissenschaftlicher Verein

KURZFASSUNG
In der populärwissenschaftlichen Literatur wird selbst heute noch vielfach behauptet, dass die Ostfriesischen Inseln entlang der Küste nach Osten wandern. Nach dieser Vorstellung wird an den Westköpfen der Inseln Sand abgetragen, an den Stränden ostwärts transportiert und schließlich an den Ostköpfen abgelagert. Dieser Mechanismus stützt sich auf morphologische Veränderungen, die auf historischen Karten seit 1650 AD angeblich sichtbar und deshalb als eindeutiger Beweis zu betrachtet seien. Erst im Verlauf der letzten Jahrzehnte wurde diese Hypothese von Geologen aufgrund der zunehmenden Anzahl von Bohraufschlüssen im Watt und auf den Inseln sowie einer andersartigen Interpretation der historischen Karten infrage gestellt. Den neuen Erkenntnissen zufolge, wandern die Inseln nicht ostwärts entlang der Küste, sondern in süd-südöstlicher Richtung über ihr eigenes Rückseitenwatt hinweg auf die Festlandsküste zu. Es stellen sich somit zwei Fragen: 1) Warum soll die scheinbar sattelfeste ursprüngliche Hypothese heute nicht mehr stimmen? Daraus folgt 2) Wie beweiskräftig ist die alternative Interpretation tatsächlich?

Neben ganz konkreten Hinweisen, sprechen auch theoretische Überlegungen gegen eine küstenparallele Ostwanderung der Inseln. So könnte es sich um eine Nehrung handeln, die bei Den Helder in den Niederlanden ihren Ursprung nahm und sich im Laufe der Zeit durch küstenparallelen Sandtransport nach Osten vorgebaut hat. Nach Erreichen einer bestimmten Länge wird ein Nehrungsabschnitt jeweils durch einen schweren Sturm durchbrochen, was zur Bildung eines Seegats und einer Insel führt. Dieser Prozess müsste sich fortlaufend wiederholt haben bis schließlich die heute bestehende Inselkette entstanden ist. Solche Nehrungsinseln sind durchaus von anderen Küsten her bekannt. Trifft dieser Mechanismus aber auf die Friesischen Inseln zu? Diese Frage kann aus zwei Gründen verneint werden. Zum einen wandern solche Inseln nicht, sondern es würde sich von Zeit zu Zeit immer nur eine neue Insel am äußersten Ende der Inselkette bilden. Zum anderen wäre jede neue Insel jünger als die vorherige, was durch Altersbestimmungen der einzelnen Inseln nicht bestätigt wird, da sie alle etwa gleich alt sind.

Auch ein anderer Nehrungsprozess, in welchem sich immer wieder neue Inseln am Anfang der Nehrung bilden, kann ausgeschlossen werden. Dies würde zwar eine Ostwanderung der jeweils übrigen Inseln voraussetzen, aber für einen solchen Mechanismus gibt es weder ein natürliches Beispiel noch ein physikalisch plausibles Modell. So müsste aufgrund der gleichzeitigen Ostverlagerung der Seegaten, die Basis jeder Insel auf die Tiefe der benachbarten Rinne eingeebnet worden sein. Die Bohrkerne zeigen hingegen eine bewegte pleistozäne Topographie unter den Inseln, die eindeutig gegen eine fortlaufende Ostverlagerung der Rinnen spricht.

Betrachtet man die morphologischen Veränderungen der letzten Jahrhunderte im Detail, dann stellt man fest, dass sich beispielsweise die Insel Juist in der Tat um mehr als einen Kilometer landwärts verlagert hat, bei gleichzeitigem Längenwachstum in beide Richtungen. Dies wurde von den Vertretern der Ostwanderungshypothese offensichtlich übersehen. Nicht so eindeutig ist dies bei den übrigen Inseln. Allerdings muss hier berücksichtigt werden, dass im Zuge der Landgewinnung die Volumina der Gezeitenbecken unterschiedlich stark verkleinert worden sind. Weniger Durchfluss aber bedingt kleinere Seegaten und längere Inseln. Die morphologischen Veränderungen in historischer Zeit spiegeln somit lediglich eine, den neuen hydraulischen Verhältnissen angepasste Umlagerung von Sediment wider und ist somit schlicht eine Reaktion auf die menschlichen Eingriffe in das System. Die Bohrkerne wiederum zeigen eine vertikale Abfolge von Sedimentfazies, wie sie - im Zuge eines steigenden Meeresspiegels - von einem sich landwärts verlagernden Insel-Watt-System zwingend zu erwarten ist. Diese Tendenz der Inselverlagerung wird sich im Zuge eines beschleunigten Meeresspiegelanstiegs ebenfalls beschleunigen.

Di. 13. Nov. 2007, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Prof. Dr. Gert Sautermeister, Bremen
Das Erotische in Sprache und Literatur
Zusammen mit: Bremer Ortsgesellschaft der Goethe-Gesellschaft in Weimar

KURZFASSUNG
Das Erotische kann sich im Reich der Sprache und Literatur in vielen Gestalten bekunden: in Reimen, Rhythmen, im Wechselgesang, als sinnliche, metaphysische und mystische Liebe. Eros tritt auch als Gegenspieler zur Gesellschaft auf, stellt soziale und moralische Normen in Frage oder entwirft neue Formen des Zusammenlebens. Und er ist eine poetische Produktionskraft ersten Ranges: er fördert und beschwingt das Erzählen, regt den Spieltrieb von Lesern und Hörern an, stiftet geselliges Vergnügen.

Der Vortrag bringt einige charakteristische Erscheinungsweisen des Erotischen zur Sprache. Sie werden veranschaulicht durch literarische Beispiele, die vom Mittelalter bis zur Gegenwart reichen. Neben deutscher Literatur werden auch klassische europäische Werke einbezogen.

Di. 4. Dez. 2007, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Dipl.-Ing. Boris Penné, Bremen
Erderkundung per Satellit -
Europa ganz weit vorne im globalen Umweltschutz, Krisenmanagement und der Landwirtschaft
Zusammen mit: VDE Zweigstelle Bremen, VDI Bremer Bezirksverein

KURZFASSUNG
Im letzten Jahrzehnt stiegen die Anstrengungen der EU und der Europea Space Agency (ESA) globale und nationale Fragen zu Umweltschutz, Krisenmanagement und der Landwirtschaft durch die Erdfernerkundung zu unterstützen - nicht zuletzt durch das Satellitenprojekt Envisat - dem bisher größten Europäischen Satellit überhaupt.
Jetzt bekommen diese Anstrengungen ein neues Moment durch die Planungen zu GMES - Global Monitoring for Environment and Security. Hierzu laufen eine Reihe von Satellitenausschreibungen, deren Gesamtmissionszeit auf über 20 Jahre ausgelegt wird. Im Vordergrund stehen dabei nutzerspezifische Erdbeobachtungsdaten, die ein breites Anwendungsspektrum abdecken.
In diesem Feld spielt Deutschland eine treibende Rolle. So finanziert Deutschland über die Deutsche Luft- und Raumfahrtgesellschaft (DLR) sowohl eigene nationale Erderkundungsmissionen als auch die Europäischen Missionen der ESA durch direkte Beteiligungen der ESA Programme als auch indirekte Beteiligungen an der EU Finanzierung zu GMES. Das DLR finanziert momentan die beiden Missionen TerraSAR und TandemX, die kommerziell orientiert Produkte zu Kartierungszwecken und digitalen Geländehöhenmodellen vermarkten wollen. Parallel dazu wird die Satellitenmission EnMAP finanziert, die im wissenschaftlichen Bereich angesiedelt ist und durch seine hohe Anzahl von einzelnen Spektralkanälen wesentlich detailliertere Erkenntnisse von Vegetationszuständen oder Wasserqualitäten erlauben wird. Dies ist z.B. wichtig um genaue Umweltzustände aufzunehmen um dann auf der Erde geeignete Verbesserungsmaßnahmen treffen zu können. Auch die Deutsche Bundeswehr ist stark an Erderkundungsmissionen zur hochauflösenden Aufklärung interessiert. So startete die Firma OHB-System AG Bremen im Auftrag der Bundeswehr grade die ersten drei von fünf SAR-Lupe Satelliten mit der Fähigkeit Tag und Nachts Aufnahmen der Erde in einer Auflösung von unter 1 Meter bereitzustellen.
Der Vortrag führt über einige Grundlagen der Erderkundung per Satellit zu den laufenden Programmen in Deutschland und Europa. Dabei werden einzelne Satellitenmissionen von der technische Seite und von dem Nutzen im Detail vorgestellt. Während der gesamten Präsentation bleiben dabei die Anwendungen der Erdfernerkundung im Focus: Umweltschutz, Krisenmanagement, Landwirtschaft und Meteorologie.

Di. 15. Jan. 2008, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Prof. Dr. Manfred Prenzel, Kiel
Neues von PISA: Befunde des internationalen Leistungsvergleichs
2006 und Folgerungen
Zusammen mit: Landeszentrale für politische Bildung, Universität Bremen

KURZFASSUNG
PISA, das "Programme for International Student Assessment" untersucht, wie gut die Schülerinnen und Schüler im Alter von fünfzehn Jahren auf Herausforderungen der Wissens-gesellschaft vorbereitet sind. Die Erhebungen werden mit einem abgestimmten Testprogramm in einem Abstand von drei Jahren durchgeführt. PISA untersucht Kompetenzen in den Bereichen Naturwissenschaften, Mathematik und Lesen. In jeder Erhebungsrunde wird jeweils eine Domäne als Schwerpunkt vertiefend analysiert. In PISA 2000 stand die Lese-kompetenz im Zentrum, in PISA 2003 die Mathematik. Bei PISA 2006 erhielten die Naturwissenschaften als Hauptgebiet den größten Teil der Testzeit. Außerdem befragt PISA die Schülerinnen und Schüler über ihre Wahrnehmung von Schule und Unterricht sowie über Merkmale der familiären Umgebung. Die Befragung der Schulleitungen hilft, die Ausstattung der Schulen und Rahmenbedingungen des naturwissenschaftlichen Unterrichts international vergleichen zu können. An PISA 2006 beteiligten sich 57 Staaten (30 OECD-Staaten und 27 Partnerstaaten). International wurden ca. 400 000 Schülerinnen und Schüler getestet. In Deutschland nahmen 225 Schulen und 4891 fünfzehnjährige Schülerinnen und Schüler an den Erhebungen zum internationalen Vergleich teil.


In dem Vortrag werden die wichtigsten Ergebnisse des aktuellen internationalen Vergleichs vorgestellt. Dabei interessiert nicht nur die Frage, wie Deutschland bei PISA 2006 in den drei gebieten Naturwissenschaften, Lesen und Mathematik abschneidet, sondern auch, ob sich die Ergebnisse seit PISA 2000 signifikant verbessert haben. Auskunft über Spitzen-leistungen sowie über Schülerinnen und Schüler mit bedenklichen Schwächen geben Verteilungen auf Kompetenzstufen. Für die Sicherung des Nachwuchses, zum Beispiel im natur-wissenschaftlich-technischen Bereich, hat neben Wissen vor allem das Interesse Bedeutung. PISA kann hier zeigen, inwieweit es gelingt, die besonders fähigen jungen Menschen für die Naturwissenschaften zu begeistern. Im Blickpunkt stehen aber auch die Bedingungen für die Kompetenzentwicklung im Unterricht und in den Schulen. Für den Bereich der Natur-wissenschaften kann gezeigt werden, dass Rahmenbedingungen wie die Unterrichtszeit eine Rolle spielen und dass die Gestaltung des Unterrichts mit beträchtlichen Kompetenz- und Motivationsunterschieden zusammenhängt. Ein weiterer wichtiger Fragenkomplex betrifft Zusammenhänge zwischen der sozialen Herkunft, der Bildungsbeteiligung und der Kompetenzentwicklung. Im Vortrag wird dargestellt, wie eng in Deutschland einerseits und in den OECD-Staaten andererseits soziale Herkunft sowie Migrationshintergrund mit Kompetenz verkoppelt sind. Für Deutschland kann immerhin festgestellt werden, dass sich der sehr enge Zusammenhang seit PISA 2000 etwas abgeschwächt hat.

Di. 22. Jan. 2008, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Prof. Dr. Stefan M. Maul, Heidelberg
"Die Lösung vom Bann". Überlegungen zu altorientalischen
Konzeptionen von Krankheit und Heilkunst
Zusammen mit: Ärztlicher Verein, Bremer Gesellschaft für Vorgeschichte, Freundeskreis der Antike

KURZFASSUNG
Anhand von noch unveröffentlichten keilschriftlichen Beschreibungen von Heilver-fahren, die mesopotamische Ärzte im 2. und 1. vorchristlichen Jahrtausend auf Ton-tafeln niederschrieben, sollen die weltbildbezogenen altorientalischen Konzeptionen von Krankheit und Heilkunst vorgestellt werden.

Im Mittelpunkt der Untersuchung stehen Verfahren zur Behandlung einer schweren Abdominalerkrankung, die "Bann" genannt wurde. Schon der Name der Krankheit zeigt, daß die mesopotamischen Heiler keineswegs das akute und durchaus charakteristische Krankheitsbild als kennzeichnende Eigenart dieses Leidens betrachteten. Das eigentliche Wesen der als "Bann" bezeichneten Krankheit sahen sie vielmehr in einer massiven Störung im Verhältnis zwischen dem erkrankten Menschen und den Göttern. Das Krankheitsbild entwickelte sich aus der Sicht der mesopotamischen Heiler von ökonomischen Schwierigkeiten über Beeinträch-tigungen psychischer Art bis hin zu lebensbedrohlichen somatischen Störungen.

Die langwierigen therapeutischen Verfahren, die die mesopotamischen Heiler empfehlen, sehen nur in ihrem abschließenden Teil die Verabreichung von genau beschriebenen Medikamenten vor. Zuvor wurden mit Mitteln, die modernen therapeutischen Formen wie Familienaufstellung oder Gestalttherapie nicht unähn-lich sind, die tieferen, auf Schuld und Vergehen zurückgeführten Ursachen der Krankheit beseitigt.

Di. 29. Jan. 2008, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Prof. Dr. Birgit Meyer, Amsterdam
Bilder des Bösen
Christentum und populäre Kultur in Ghana
Zusammen mit: Übersee-Museum Bremen, Vereinigung für Bremische Kirchengeschichte

KURZFASSUNG
Die Anküpfungspunkte dieses Vortrags sind Bilder des Bösen aus Ghana. Hauptanliegen ist es, die Unterschiede zwischen der Art und Weise, wie diese Bilder einerseits in Ghana selbst, andererseits im musealen Kontext (wie z.B. die Ausstellung im Überseemuseum All About Evil) betrachtet wurden. Während Bilder des Bösen im Kontext einer Ausstellung mehr oder weniger harmlose Abbildungen darstellen, gelten dieselben Bilder in Ghana potentiell als gefährlich: Bilder des Bösen drohen sich in böse Bilder zu verwandeln. In diesem Vortrag werden die Genese der christlichen Perspektive auf Bilder des Bösen sowie die kontinuierliche Relevanz des Teufels im populären Christentum in Ghana behandelt. Aufgezeigt wird, dass das Christentum eine eigene religiöse Ästhetik mit einer eigenen Art des Sehens hervorgebracht hat, wodurch Bilder des Bösen als real und beängstigend erscheinen.

Di. 5. Feb. 2008, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Prof. Dr. Marc-Thorsten Hütt, Bremen
Die Regeln der Zelle:
Modelle biologischer Komplexität
Zusammen mit: Jacobs University Bremen, Naturwissenschaftlicher Verein, VDI Bremer Bezirksverein, Verband Deutscher Biologen

KURZFASSUNG
Biologische Zellen müssen sich besonderen logistischen Herausforderungen stellen: Substanzen werden aus der Umwelt aufgenommen und durch Stoffwechselprozesse in andere Substanzen umgesetzt, die für das Überleben, das Wachstum und das Erfüllen verschiedenster Funktionen notwendig sind. Signale werden detektiert, weitergeleitet und auf genetischer Ebene in Regulationsprozesse übersetzt. Im Zentrum dieser Abläufe stehen große zelluläre Netzwerke: Gene beeinflussen andere Gene, Stoffwechselprozesse bilden ein viele hundert Reaktionen umfassendes eng verwobenes Geflecht.

In vielen Bereichen der Biologie ist es das Ziel, durch die genaue Analyse immer kleinerer molekularer Untereinheiten eines Systems die Funktion der jeweiligen Einheit zu verstehen. Die Systembiologie beginnt am anderen Ende des Spektrums - mit dem Blick auf das Gesamtsystem. So können Funktionen analysiert und verstanden werden, die nur durch das Zusammenwirken vieler Komponenten möglich sind: Wie bilden sich Muster durch die Wechselwirkung von Zellen? Wie widersetzen sich Gene dem Rauschen der Umwelt? Was sind die Organisationsprinzipien der Netzwerke in einer Zelle?

In diesem Vortrag werde ich Beispiele für die systembiologische Perspektive skizzieren und darstellen, wie einfache mathematische Modelle helfen können, die Prinzipien hinter diesen komplexen Strukturen aufzudecken. Zudem möchte ich zeigen, wie diese Modelle Parallelen zwischen zellulären Prozessen und gesellschaftlichen Abläufen nahelegen.

Olbers-Sitzung
Di. 12. Feb. 2008, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Prof. Dr. Dieter B. Herrmann, Berlin
Die Sterne der Traumzeit -
Unter dem Firmament des australischen Kontinents

Zusammen mit: Geographische Gesellschaft, Olbers-Gesellschaft, VDI Bremer Bezirksverein

KURZFASSUNG
Der Vortragende berichtet im Ergebnis von zwei Australien-Reisen über die frühzeitliche Astronomie der australischen Ureinwohner, der Aboriginals. In faszinierenden Rindenmalereien haben sie den Anblick des Sternhimmels festgehalten. Prof. Herrmann hat die Originale dieser Malereien aufgespürt und erzählt, wie sie interpretiert werden.
Der Vortrag führt uns in die Anfänge astronomischen Denkens zurück, lange bevor die späteren Hochkulturen die Entwicklung unserer abendländischen Astronomie einleiteten.
Langjähriger Direktor der Archenhold-Sternwarte Berlin und des Zeiss-Großplanetariums. Er ist heute Präsident der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin.

Di. 19. Feb. 2008, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Prof. Dr. Peter Lemke, Bremerhaven
Eiszeit oder Treibhausklima?
Ergebnisse des Vierten UN-Klimaberichtes (IPCC 2007)
Zusammen mit: Alfred-Wegener-Institut, Naturwissenschaftlicher Verein, Universität Bremen, VDI Bremer Bezirksverein, Verband Deutscher Biologen

KURZFASSUNG
Eine charakteristische Eigenschaft des Klimas ist seine ausgeprägte Variabilität, die sich auf Zeitskalen von Tagen bis zu Jahrmillionen erstreckt. Die Ursachen von Klimaschwankungen kommen durch die Wechselwirkung der Atmosphäre mit den trägen Komponenten des Klimasystems (Ozean, Eis, Biosphäre) zustande. Das Klima der Erde hat sich in der Vergangenheit stark geändert und wird sich auch in Zukunft ändern. Anders als in der Vergangenheit wird es aber für Klimaänderungen in der Zukunft neben den natürlichen Ursachen auch bedeutende Einflüsse durch menschliche Aktivitäten geben.

Seit Beginn der Industrialisierung hat sich die Zusammensetzung der Atmosphäre, insbesondere der Gehalt an Treibhausgasen, wie Kohlendioxid und Methan durch menschliche Aktivitäten signifikant erhöht. Zudem hat der Mensch durch die Landwirtschaft und den Bau von Städten und Kommunikationswegen den Charakter der Landoberfläche entscheidend verändert, mit signifikanten Einwirkungen auf die Strahlungs- und Energiebilanz an der Erdoberfläche und auf den Wasserkreislauf. Der größte Anteil an der globalen Erwärmung der letzten 50 Jahre wird diesen menschlichen Aktivitäten zugeschrieben, so lautet das Fazit des Vierten Sachstandsberichtes des Intergovernmental Panel of Climate Change (IPCC), dessen erster Teil über die wissenschaftlichen Grundlagen der Klimaänderungen am 2. Februar 2007 veröffentlicht wurde. Im Vortrag werden die Resultate dieses Berichts vorgestellt.

Abschlussveranstaltung

Di. 1. Apr. 2008, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Prof. Dr. Paul Raabe, Wolfenbüttel
Freiherr von Knigge und die Aufklärung in Deutschland
Zusammen mit: Bremer Ortsvereinigung der Goethe-Gesellschaft in Bremen, Historische Gesellschaft, Die MAUS, Staats- und Universitätsbibliothek, Stiftung Bremer Dom

KURZFASSUNG
Ausgehend von Bremen, der letzten Lebensstation von Adolph Freiherrn Knigge (1752-1796), werden der oft geschmähte, seit einem halben Jahrhundert aber anerkannte Aufklärungsschriftsteller gewürdigt, sein Lebenslauf skizziert und seine literarischen, moralphilosophischen, vor allem seine in Bremen herausgebrachten politischen Schriften im Zusammenhang mit der Aufklärung in Deutschland vorgestellt. Im Schlussteil wird auf die Rezeptionsgeschichte und die heutige Knigge-Forschung eingegangen.

Zur Erläuterung: 1790 legte Knigge sein Adelsprädikat ab und nannte sich Freiherr Knigge.

 

Eröffnungsveranstaltung

Di. 30. Okt. 2007, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Prof. Dr. phil. Dr. h.c. mult. Horst Fuhrmann, München
Die Konstantinische Schenkung
Geschichte eines falschen Dokuments
Zusammen mit: Freundeskreis der Antike, Historische Gesellschaft, Vereinigung für Bremische Kirchengeschichte, Stiftung Bremer Dom

KURZFASSUNG
Unter den zahlreichen mittelalterlichen Fälschungen nimmt die Konstantinische Schenkung wegen ihrer historischen Wichtigkeit eine Sonderstellung ein: hergestellt vor 850, doch wirksam geworden erst vom 11. Jahrhundert an. Sie gibt vor, dass der durch die Taufe von der Lepra geheilte Kaiser Konstantin (gestorben 337) aus Dankbarkeit dem Papst Silvester das Kaisertum und die Herrschaft über das Abendland geschenkt hat. Auf das Ende des Mittelalters zu mehren sich die Stimmen, die das Dokument für apokryph halten (Nikolaus von Kues, Lorenzo Valla), und die Reformatoren sehen sich bestätigt; der Primat des Papstes sei ein Ergebnis von Fälschungen. Der erkannte Fälschungscharakter änderte nichts an der Wirksamkeit. Im 19. Jahrhundert verliert der Papst den Kirchenstaat, Papst Paul VI. legt 1964 die Tiara, das Zeichen weltlicher Würde ab, aber erst Benedikt XVI. hat im Papstwagen die Tiara gegen die Mitra getauscht. Der Papst ist oberster Hirte, nicht Herrscher, wie die Konstantinische Schenkung es will.

Di. 6. Nov. 2007, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Prof. Dr. Burghard W. Flemming, Wilhelmshaven
Wohin wandern die Ostfriesischen Inseln?
Zusammen mit: Geographische Gesellschaft, Naturwissenschaftlicher Verein

KURZFASSUNG
In der populärwissenschaftlichen Literatur wird selbst heute noch vielfach behauptet, dass die Ostfriesischen Inseln entlang der Küste nach Osten wandern. Nach dieser Vorstellung wird an den Westköpfen der Inseln Sand abgetragen, an den Stränden ostwärts transportiert und schließlich an den Ostköpfen abgelagert. Dieser Mechanismus stützt sich auf morphologische Veränderungen, die auf historischen Karten seit 1650 AD angeblich sichtbar und deshalb als eindeutiger Beweis zu betrachtet seien. Erst im Verlauf der letzten Jahrzehnte wurde diese Hypothese von Geologen aufgrund der zunehmenden Anzahl von Bohraufschlüssen im Watt und auf den Inseln sowie einer andersartigen Interpretation der historischen Karten infrage gestellt. Den neuen Erkenntnissen zufolge, wandern die Inseln nicht ostwärts entlang der Küste, sondern in süd-südöstlicher Richtung über ihr eigenes Rückseitenwatt hinweg auf die Festlandsküste zu. Es stellen sich somit zwei Fragen: 1) Warum soll die scheinbar sattelfeste ursprüngliche Hypothese heute nicht mehr stimmen? Daraus folgt 2) Wie beweiskräftig ist die alternative Interpretation tatsächlich? Neben ganz konkreten Hinweisen, sprechen auch theoretische Überlegungen gegen eine küstenparallele Ostwanderung der Inseln. So könnte es sich um eine Nehrung handeln, die bei Den Helder in den Niederlanden ihren Ursprung nahm und sich im Laufe der Zeit durch küstenparallelen Sandtransport nach Osten vorgebaut hat. Nach Erreichen einer bestimmten Länge wird ein Nehrungsabschnitt jeweils durch einen schweren Sturm durchbrochen, was zur Bildung eines Seegats und einer Insel führt. Dieser Prozess müsste sich fortlaufend wiederholt haben bis schließlich die heute bestehende Inselkette entstanden ist. Solche Nehrungsinseln sind durchaus von anderen Küsten her bekannt. Trifft dieser Mechanismus aber auf die Friesischen Inseln zu? Diese Frage kann aus zwei Gründen verneint werden. Zum einen wandern solche Inseln nicht, sondern es würde sich von Zeit zu Zeit immer nur eine neue Insel am äußersten Ende der Inselkette bilden. Zum anderen wäre jede neue Insel jünger als die vorherige, was durch Altersbestimmungen der einzelnen Inseln nicht bestätigt wird, da sie alle etwa gleich alt sind. Auch ein anderer Nehrungsprozess, in welchem sich immer wieder neue Inseln am Anfang der Nehrung bilden, kann ausgeschlossen werden. Dies würde zwar eine Ostwanderung der jeweils übrigen Inseln voraussetzen, aber für einen solchen Mechanismus gibt es weder ein natürliches Beispiel noch ein physikalisch plausibles Modell. So müsste aufgrund der gleichzeitigen Ostverlagerung der Seegaten, die Basis jeder Insel auf die Tiefe der benachbarten Rinne eingeebnet worden sein. Die Bohrkerne zeigen hingegen eine bewegte pleistozäne Topographie unter den Inseln, die eindeutig gegen eine fortlaufende Ostverlagerung der Rinnen spricht. Betrachtet man die morphologischen Veränderungen der letzten Jahrhunderte im Detail, dann stellt man fest, dass sich beispielsweise die Insel Juist in der Tat um mehr als einen Kilometer landwärts verlagert hat, bei gleichzeitigem Längenwachstum in beide Richtungen. Dies wurde von den Vertretern der Ostwanderungshypothese offensichtlich übersehen. Nicht so eindeutig ist dies bei den übrigen Inseln. Allerdings muss hier berücksichtigt werden, dass im Zuge der Landgewinnung die Volumina der Gezeitenbecken unterschiedlich stark verkleinert worden sind. Weniger Durchfluss aber bedingt kleinere Seegaten und längere Inseln. Die morphologischen Veränderungen in historischer Zeit spiegeln somit lediglich eine, den neuen hydraulischen Verhältnissen angepasste Umlagerung von Sediment wider und ist somit schlicht eine Reaktion auf die menschlichen Eingriffe in das System. Die Bohrkerne wiederum zeigen eine vertikale Abfolge von Sedimentfazies, wie sie - im Zuge eines steigenden Meeresspiegels - von einem sich landwärts verlagernden Insel-Watt-System zwingend zu erwarten ist. Diese Tendenz der Inselverlagerung wird sich im Zuge eines beschleunigten Meeresspiegelanstiegs ebenfalls beschleunigen.

Di. 13. Nov. 2007, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Prof. Dr. Gert Sautermeister, Bremen
Das Erotische in Sprache und Literatur
Zusammen mit: Bremer Ortsgesellschaft der Goethe-Gesellschaft in Weimar

KURZFASSUNG
Das Erotische kann sich im Reich der Sprache und Literatur in vielen Gestalten bekunden: in Reimen, Rhythmen, im Wechselgesang, als sinnliche, metaphysische und mystische Liebe. Eros tritt auch als Gegenspieler zur Gesellschaft auf, stellt soziale und moralische Normen in Frage oder entwirft neue Formen des Zusammenlebens. Und er ist eine poetische Produktionskraft ersten Ranges: er fördert und beschwingt das Erzählen, regt den Spieltrieb von Lesern und Hörern an, stiftet geselliges Vergnügen. Der Vortrag bringt einige charakteristische Erscheinungsweisen des Erotischen zur Sprache. Sie werden veranschaulicht durch literarische Beispiele, die vom Mittelalter bis zur Gegenwart reichen. Neben deutscher Literatur werden auch klassische europäische Werke einbezogen.

Di. 4. Dez. 2007, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Dipl.-Ing. Boris Penné, Bremen
Erderkundung per Satellit -
Europa ganz weit vorne im globalen Umweltschutz, Krisenmanagement und der Landwirtschaft
Zusammen mit: VDE Zweigstelle Bremen, VDI Bremer Bezirksverein

KURZFASSUNG
Im letzten Jahrzehnt stiegen die Anstrengungen der EU und der Europea Space Agency (ESA) globale und nationale Fragen zu Umweltschutz, Krisenmanagement und der Landwirtschaft durch die Erdfernerkundung zu unterstützen - nicht zuletzt durch das Satellitenprojekt Envisat - dem bisher größten Europäischen Satellit überhaupt.
Jetzt bekommen diese Anstrengungen ein neues Moment durch die Planungen zu GMES - Global Monitoring for Environment and Security. Hierzu laufen eine Reihe von Satellitenausschreibungen, deren Gesamtmissionszeit auf über 20 Jahre ausgelegt wird. Im Vordergrund stehen dabei nutzerspezifische Erdbeobachtungsdaten, die ein breites Anwendungsspektrum abdecken.
In diesem Feld spielt Deutschland eine treibende Rolle. So finanziert Deutschland über die Deutsche Luft- und Raumfahrtgesellschaft (DLR) sowohl eigene nationale Erderkundungsmissionen als auch die Europäischen Missionen der ESA durch direkte Beteiligungen der ESA Programme als auch indirekte Beteiligungen an der EU Finanzierung zu GMES. Das DLR finanziert momentan die beiden Missionen TerraSAR und TandemX, die kommerziell orientiert Produkte zu Kartierungszwecken und digitalen Geländehöhenmodellen vermarkten wollen. Parallel dazu wird die Satellitenmission EnMAP finanziert, die im wissenschaftlichen Bereich angesiedelt ist und durch seine hohe Anzahl von einzelnen Spektralkanälen wesentlich detailliertere Erkenntnisse von Vegetationszuständen oder Wasserqualitäten erlauben wird. Dies ist z.B. wichtig um genaue Umweltzustände aufzunehmen um dann auf der Erde geeignete Verbesserungsmaßnahmen treffen zu können.
Auch die Deutsche Bundeswehr ist stark an Erderkundungsmissionen zur hochauflösenden Aufklärung interessiert. So startete die Firma OHB-System AG Bremen im Auftrag der Bundeswehr grade die ersten drei von fünf SAR-Lupe Satelliten mit der Fähigkeit Tag und Nachts Aufnahmen der Erde in einer Auflösung von unter 1 Meter bereitzustellen.
Der Vortrag führt über einige Grundlagen der Erderkundung per Satellit zu den laufenden Programmen in Deutschland und Europa. Dabei werden einzelne Satellitenmissionen von der technische Seite und von dem Nutzen im Detail vorgestellt. Während der gesamten Präsentation bleiben dabei die Anwendungen der Erdfernerkundung im Focus: Umweltschutz, Krisenmanagement, Landwirtschaft und Meteorologie.

Di. 15. Jan. 2008, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Prof. Dr. Manfred Prenzel, Kiel
Neues von PISA: Befunde des internationalen Leistungsvergleichs
2006 und Folgerungen
Zusammen mit: Landeszentrale für politische Bildung, Universität Bremen

KURZFASSUNG
PISA, das "Programme for International Student Assessment" untersucht, wie gut die Schülerinnen und Schüler im Alter von fünfzehn Jahren auf Herausforderungen der Wissens-gesellschaft vorbereitet sind. Die Erhebungen werden mit einem abgestimmten Testprogramm in einem Abstand von drei Jahren durchgeführt. PISA untersucht Kompetenzen in den Bereichen Naturwissenschaften, Mathematik und Lesen. In jeder Erhebungsrunde wird jeweils eine Domäne als Schwerpunkt vertiefend analysiert. In PISA 2000 stand die Lese-kompetenz im Zentrum, in PISA 2003 die Mathematik. Bei PISA 2006 erhielten die Naturwissenschaften als Hauptgebiet den größten Teil der Testzeit. Außerdem befragt PISA die Schülerinnen und Schüler über ihre Wahrnehmung von Schule und Unterricht sowie über Merkmale der familiären Umgebung. Die Befragung der Schulleitungen hilft, die Ausstattung der Schulen und Rahmenbedingungen des naturwissenschaftlichen Unterrichts international vergleichen zu können. An PISA 2006 beteiligten sich 57 Staaten (30 OECD-Staaten und 27 Partnerstaaten). International wurden ca. 400 000 Schülerinnen und Schüler getestet. In Deutschland nahmen 225 Schulen und 4891 fünfzehnjährige Schülerinnen und Schüler an den Erhebungen zum internationalen Vergleich teil.
In dem Vortrag werden die wichtigsten Ergebnisse des aktuellen internationalen Vergleichs vorgestellt. Dabei interessiert nicht nur die Frage, wie Deutschland bei PISA 2006 in den drei gebieten Naturwissenschaften, Lesen und Mathematik abschneidet, sondern auch, ob sich die Ergebnisse seit PISA 2000 signifikant verbessert haben. Auskunft über Spitzen-leistungen sowie über Schülerinnen und Schüler mit bedenklichen Schwächen geben Verteilungen auf Kompetenzstufen. Für die Sicherung des Nachwuchses, zum Beispiel im natur-wissenschaftlich-technischen Bereich, hat neben Wissen vor allem das Interesse Bedeutung. PISA kann hier zeigen, inwieweit es gelingt, die besonders fähigen jungen Menschen für die Naturwissenschaften zu begeistern. Im Blickpunkt stehen aber auch die Bedingungen für die Kompetenzentwicklung im Unterricht und in den Schulen. Für den Bereich der Natur-wissenschaften kann gezeigt werden, dass Rahmenbedingungen wie die Unterrichtszeit eine Rolle spielen und dass die Gestaltung des Unterrichts mit beträchtlichen Kompetenz- und Motivationsunterschieden zusammenhängt. Ein weiterer wichtiger Fragenkomplex betrifft Zusammenhänge zwischen der sozialen Herkunft, der Bildungsbeteiligung und der Kompetenzentwicklung. Im Vortrag wird dargestellt, wie eng in Deutschland einerseits und in den OECD-Staaten andererseits soziale Herkunft sowie Migrationshintergrund mit Kompetenz verkoppelt sind. Für Deutschland kann immerhin festgestellt werden, dass sich der sehr enge Zusammenhang seit PISA 2000 etwas abgeschwächt hat.

Di. 22. Jan. 2008, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Prof. Dr. Stefan M. Maul, Heidelberg
"Die Lösung vom Bann". Überlegungen zu altorientalischen
Konzeptionen von Krankheit und Heilkunst
Zusammen mit: Ärztlicher Verein, Bremer Gesellschaft für Vorgeschichte, Freundeskreis der Antike

KURZFASSUNG
Anhand von noch unveröffentlichten keilschriftlichen Beschreibungen von Heilver-fahren, die mesopotamische Ärzte im 2. und 1. vorchristlichen Jahrtausend auf Ton-tafeln niederschrieben, sollen die weltbildbezogenen altorientalischen Konzeptionen von Krankheit und Heilkunst vorgestellt werden.
Im Mittelpunkt der Untersuchung stehen Verfahren zur Behandlung einer schweren Abdominalerkrankung, die "Bann" genannt wurde. Schon der Name der Krankheit zeigt, daß die mesopotamischen Heiler keineswegs das akute und durchaus charakteristische Krankheitsbild als kennzeichnende Eigenart dieses Leidens betrachteten. Das eigentliche Wesen der als "Bann" bezeichneten Krankheit sahen sie vielmehr in einer massiven Störung im Verhältnis zwischen dem erkrankten Menschen und den Göttern. Das Krankheitsbild entwickelte sich aus der Sicht der mesopotamischen Heiler von ökonomischen Schwierigkeiten über Beeinträch-tigungen psychischer Art bis hin zu lebensbedrohlichen somatischen Störungen. Die langwierigen therapeutischen Verfahren, die die mesopotamischen Heiler empfehlen, sehen nur in ihrem abschließenden Teil die Verabreichung von genau beschriebenen Medikamenten vor. Zuvor wurden mit Mitteln, die modernen therapeutischen Formen wie Familienaufstellung oder Gestalttherapie nicht unähn-lich sind, die tieferen, auf Schuld und Vergehen zurückgeführten Ursachen der Krankheit beseitigt.

Di. 29. Jan. 2008, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Prof. Dr. Birgit Meyer, Amsterdam
Bilder des Bösen
Christentum und populäre Kultur in Ghana
Zusammen mit: Übersee-Museum Bremen, Vereinigung für Bremische Kirchengeschichte

KURZFASSUNG
Die Anküpfungspunkte dieses Vortrags sind Bilder des Bösen aus Ghana. Hauptanliegen ist es, die Unterschiede zwischen der Art und Weise, wie diese Bilder einerseits in Ghana selbst, andererseits im musealen Kontext (wie z.B. die Ausstellung im Überseemuseum All About Evil) betrachtet wurden. Während Bilder des Bösen im Kontext einer Ausstellung mehr oder weniger harmlose Abbildungen darstellen, gelten dieselben Bilder in Ghana potentiell als gefährlich: Bilder des Bösen drohen sich in böse Bilder zu verwandeln. In diesem Vortrag werden die Genese der christlichen Perspektive auf Bilder des Bösen sowie die kontinuierliche Relevanz des Teufels im populären Christentum in Ghana behandelt. Aufgezeigt wird, dass das Christentum eine eigene religiöse Ästhetik mit einer eigenen Art des Sehens hervorgebracht hat, wodurch Bilder des Bösen als real und beängstigend erscheinen.

Di. 5. Feb. 2008, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Prof. Dr. Marc-Thorsten Hütt, Bremen
Die Regeln der Zelle:
Modelle biologischer Komplexität
Zusammen mit: Jacobs University Bremen, Naturwissenschaftlicher Verein, VDI Bremer Bezirksverein, Verband Deutscher Biologen

KURZFASSUNG
Biologische Zellen müssen sich besonderen logistischen Herausforderungen stellen: Substanzen werden aus der Umwelt aufgenommen und durch Stoffwechselprozesse in andere Substanzen umgesetzt, die für das Überleben, das Wachstum und das Erfüllen verschiedenster Funktionen notwendig sind. Signale werden detektiert, weitergeleitet und auf genetischer Ebene in Regulationsprozesse übersetzt. Im Zentrum dieser Abläufe stehen große zelluläre Netzwerke: Gene beeinflussen andere Gene, Stoffwechselprozesse bilden ein viele hundert Reaktionen umfassendes eng verwobenes Geflecht. In vielen Bereichen der Biologie ist es das Ziel, durch die genaue Analyse immer kleinerer molekularer Untereinheiten eines Systems die Funktion der jeweiligen Einheit zu verstehen. Die Systembiologie beginnt am anderen Ende des Spektrums - mit dem Blick auf das Gesamtsystem. So können Funktionen analysiert und verstanden werden, die nur durch das Zusammenwirken vieler Komponenten möglich sind: Wie bilden sich Muster durch die Wechselwirkung von Zellen? Wie widersetzen sich Gene dem Rauschen der Umwelt? Was sind die Organisationsprinzipien der Netzwerke in einer Zelle? In diesem Vortrag werde ich Beispiele für die systembiologische Perspektive skizzieren und darstellen, wie einfache mathematische Modelle helfen können, die Prinzipien hinter diesen komplexen Strukturen aufzudecken. Zudem möchte ich zeigen, wie diese Modelle Parallelen zwischen zellulären Prozessen und gesellschaftlichen Abläufen nahelegen.

Olbers-Sitzung

Di. 12. Feb. 2008, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Prof. Dr. Dieter B. Herrmann, Berlin
Die Sterne der Traumzeit -
Unter dem Firmament des australischen Kontinents

Zusammen mit: Geographische Gesellschaft, Olbers-Gesellschaft, VDI Bremer Bezirksverein

KURZFASSUNG
Der Vortragende berichtet im Ergebnis von zwei Australien-Reisen über die frühzeitliche Astronomie der australischen Ureinwohner, der Aboriginals. In faszinierenden Rindenmalereien haben sie den Anblick des Sternhimmels festgehalten. Prof. Herrmann hat die Originale dieser Malereien aufgespürt und erzählt, wie sie interpretiert werden.
Der Vortrag führt uns in die Anfänge astronomischen Denkens zurück, lange bevor die späteren Hochkulturen die Entwicklung unserer abendländischen Astronomie einleiteten. Langjähriger Direktor der Archenhold-Sternwarte Berlin und des Zeiss-Großplanetariums. Er ist heute Präsident der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin. Im Anschluss an den Vortrag besteht die Möglichkeit, das Buch "Sterne der Traumzeit" zu erwerben und vom Autor signieren zu lassen.

Di. 19. Feb. 2008, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Prof. Dr. Peter Lemke, Bremerhaven
Eiszeit oder Treibhausklima?
Ergebnisse des Vierten UN-Klimaberichtes (IPCC 2007)
Zusammen mit: Alfred-Wegener-Institut, Naturwissenschaftlicher Verein, Universität Bremen, VDI Bremer Bezirksverein, Verband Deutscher Biologen

KURZFASSUNG
Eine charakteristische Eigenschaft des Klimas ist seine ausgeprägte Variabilität, die sich auf Zeitskalen von Tagen bis zu Jahrmillionen erstreckt. Die Ursachen von Klimaschwankungen kommen durch die Wechselwirkung der Atmosphäre mit den trägen Komponenten des Klimasystems (Ozean, Eis, Biosphäre) zustande. Das Klima der Erde hat sich in der Vergangenheit stark geändert und wird sich auch in Zukunft ändern. Anders als in der Vergangenheit wird es aber für Klimaänderungen in der Zukunft neben den natürlichen Ursachen auch bedeutende Einflüsse durch menschliche Aktivitäten geben.Seit Beginn der Industrialisierung hat sich die Zusammensetzung der Atmosphäre, insbesondere der Gehalt an Treibhausgasen, wie Kohlendioxid und Methan durch menschliche Aktivitäten signifikant erhöht. Zudem hat der Mensch durch die Landwirtschaft und den Bau von Städten und Kommunikationswegen den Charakter der Landoberfläche entscheidend verändert, mit signifikanten Einwirkungen auf die Strahlungs- und Energiebilanz an der Erdoberfläche und auf den Wasserkreislauf. Der größte Anteil an der globalen Erwärmung der letzten 50 Jahre wird diesen menschlichen Aktivitäten zugeschrieben, so lautet das Fazit des Vierten Sachstandsberichtes des Intergovernmental Panel of Climate Change (IPCC), dessen erster Teil über die wissenschaftlichen Grundlagen der Klimaänderungen am 2. Februar 2007 veröffentlicht wurde. Im Vortrag werden die Resultate dieses Berichts vorgestellt.

Abschlussveranstaltung

Di. 1. Apr. 2008, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Prof. Dr. Paul Raabe, Wolfenbüttel
Freiherr von Knigge und die Aufklärung in Deutschland
Zusammen mit: Bremer Ortsvereinigung der Goethe-Gesellschaft in Bremen, Historische Gesellschaft, Die MAUS, Staats- und Universitätsbibliothek, Stiftung Bremer Dom

KURZFASSUNG
Ausgehend von Bremen, der letzten Lebensstation von Adolph Freiherrn Knigge (1752-1796), werden der oft geschmähte, seit einem halben Jahrhundert aber anerkannte Aufklärungsschriftsteller gewürdigt, sein Lebenslauf skizziert und seine literarischen, moralphilosophischen, vor allem seine in Bremen herausgebrachten politischen Schriften im Zusammenhang mit der Aufklärung in Deutschland vorgestellt. Im Schlussteil wird auf die Rezeptionsgeschichte und die heutige Knigge-Forschung eingegangen.

Zur Erläuterung: 1790 legte Knigge sein Adelsprädikat ab und nannte sich Freiherr Knigge.

 

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Vortragssaison 2006/2007

Di. 24. Okt. 2006, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Prof. Dr. Josef H. Reichholf, München
Unsere Natur im globalen Wandel
Wie problematisch sind die ›neuen Arten‹?
Zusammen mit: Alfred-Wegener-Institut, Naturwissenschaftlicher Verein, Universität Bremen

Kurzfassung
Fremde Arten machen seit geraumer Zeit Schlagzeilen. Global gelten sie als eine der Hauptbedrohung der Biodiversität. Wie steht es bei uns mit den "Neuen"? Es gibt so viele davon, aber nur wenige sind "invasiv" geworden. Lassen sich Vorhersagen machen, welche Art(en) invasiv werden könnten? Sind die "Neuen" der Ausdruck des globalen Wandels in Klima und Verkehr? Was geht aus ihrem Vordringen hervor? Solche Fragen, die sich in unserer Gegenwart stellen, müssen mit den historischen Vorgängen verbunden werden. Die Natur war auch in früheren Jahrhunderten starken Veränderungen unterworfen. Globalisierung setzte mit Kolumbus ein, begann also schon vor einem halben Jahrtausend. Was "heimisch" und "fremd" ist, kann nicht einfach an einem Datum festgemacht werden. Wollten wir alles Neue seit Kolumbus aus unserer Natur entfernen, sähe diese sehr arm aus. Um mit dem Wandel in der Natur umgehen zu können, brauchen wir vernünftige Bewertungen, die sich nicht an Zeit und Vergangenheit, sondern an den Auswirkungen der Arten orientieren. Vor allem aber müssen wir die Gründe des für uns problematischen "Erfolgs" einiger weniger Arten kennen, um richtig darauf reagieren zu können.

Di. 7. Nov. 2006, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Prof. Dr. Dr. Hans-Martin Schönherr-Mann, München
Hannah Arendt heute
Weltverständnis und Plädoyer für demokratische Tugenden

Zusammen mit: Landeszentrale für politische Bildung, Philosophische Gesellschaft Bremerhaven, Philosophische Gesellschaft in Bremen, Universität Bremen

Di. 14. Nov. 2006, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Dr. Ernst Huenges, Potsdam
Kraftwerke unter der Erde
Geothermie
Zusammen mit: Naturwissenschaftlicher Verein, Universität Bremen, VDI Bremer Bezirksverein

Kurzfassung
Die gegenwärtig hochaktuelle Debatte um Energielieferungen, Gas- oder Ölpreise und Klimawandel zeigt, dass die Entwicklung nachhaltiger und umweltverträglicher Energieversorgungsstrukturen eine der dringendsten Zukunftsaufgaben ist, denen wir uns stellen müssen. Daher erarbeitet das GeoForschungsZentrum Potsdam wissenschaftliche und technologische Grundlagen, um mit einer wirtschaftlichen Nutzung der Erdwärme zu dieser Zukunftsaufgabe beitragen zu können. In der Regel eher niedrige Temperaturen in der Erde implizieren, aus Erdwärme Wärme und Strom, also eine Form der Kraftwärmekopplung KWK, bereitzustellen. So soll in der geothermischen Technologieentwicklung im Sinne einer schrittweisen Vorgehensweise mit dem bohrtechnischen Aufschluss des In-situ-Geothermielabors in Groß Schönebeck bei Berlin die Machbarkeit geothermischer Stromerzeugung aus tiefen sedimentären, heißwasserführenden Speichergesteinen demonstriert werden. In einem nächsten Schritt ist der Aufbau eines geothermischen Kraftwerkes mit Unterstützung des Energieversorgungsunternehmens Vattenfall Europe AG vorgesehen. Ziel ist die Entwicklung und der Test innovativer Anlagenkonzepte. Eine weitere Aufgabe liegt in der Übertragung der Erkenntnisse der Lagerstättenerkundung, -erschließung und -behandlung auf andere Standorte mit ähnlichen geologischen Randbedingungen. Die geothermischen Forschungsarbeiten sind in vielfältige internationale Kooperationen zur Erschließung und Nutzung der Erdwärme eingebunden. Die sich daraus ergebenden wechselseitigen Entwicklungsimpulse und Synergien werden die geothermische Technologieentwicklung auch international voranbringen.
Der Beitrag wird Ergebnisse, die im ersten deutschen Heizkraftwerk Neustadt Glewe erzielt wurden, zeigen, diese mit den Erfahrungen in der Entwicklung des In-situ-Geothermielabors Groß Schönebeck und mit Erfahrungen aus der Energieversorgung der deutschen Parlamentsbauten zusammenbringen. Abschließend sollen die Vor- und Nachteile von geothermisch getriebenen Anlagen der KWK und die Rolle von saisonalen Speichern diskutiert werden.

Di. 21. Nov. 2006, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Prof. Dr. Peter Weiß, Kiel
Die Vision Konstantins
Zusammen mit: Evangelischer Arbeitskreis für kulturelle Fragen, Freundeskreis der Antike zu Bremen, Historische Gesellschaft, Stiftung Bremer Dom, Vereinigung für Bremische Kirchengeschichte

Kurzfassung
Wer kennt die Geschichte nicht: Dem Kaiser Konstantin (306-337 n.Chr.) soll im Kampf gegen seinen Rivalen Maxentius ein Kreuz am Himmel erschienen sein mit der Verheißung: "In diesem Zeichen siege". Für die christliche Tradition war diese Szene über Jahrhunderte hin ein strahlendes Beispiel für das Wirken Gottes in der Geschichte, bis sie mit der Aufklärung in die Mottenkiste frommer Legenden verbannt wurde. Für die moderne Forschung ist sie nach wie vor ein Ärgernis. Denn bis heute sucht man nach einem plausiblen Grund für die epochale Entscheidung Konstantins, das Christentum nach blutigen Verfolgungen massiv zu fördern und die Sache der Christen zu seiner eigenen zu machen. Diesen Bruch mit der Tradition bezeichnet man als "Konstantinische Wende". Die Folgen waren epochal - das Römische Reich wurde christlich, und daraus entstand das christliche Abendland. Wenn man die historischen Berichte über Konstantins ‚Vision' genau analysiert, bietet sich überraschenderweise eine reale Lösung an. Denn es gibt tatsächlich spektakuläre Lichterscheinungen um die Sonne, die die Form von einem ‚Kreuz' in einem ‚Kranz' haben können, sogenannte Halos, die jedem Meteorologen wohlvertraut sind. Diese Lösung wurde vom Vortragenden bereits schriftlich publiziert; der Beitrag ist 2003 auch ins Englische übersetzt worden. Im Vortrag wird diese These vom Schlüsselerlebnis Konstantins vorgeführt. Ferner soll gezeigt werden, daß sich die Formen des großen Halos auf neue christliche Symbole und Bilder auswirkten, die jedem vertraut sein dürften.

Di. 28. Nov. 2006, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Dr. Harald Meller, Halle/Saale
Die Himmelsscheibe von Nebra
Neueste Erkenntnisse

Zusammen mit: Bremer Gesellschaft für Vorgeschichte, Freundeskreis der Antike zu Bremen, Historische Gesellschaft, Olbers-Gesellschaft

Kurzfassung
Über die seit dem Frühjahr 2002 weltweit bekannt gewordene Himmelsscheibe von Nebra wird Dr. Harald Meller in diesem Vortrag berichten. Als einer der Hauptakteure wird der Leiter des Landesmuseums für Vorgeschichte in Halle aus erster Hand von der spektakulären Sicherstellung des Schatzfundes erzählen. Die Himmelsscheibe war zunächst von Raubgräbern entdeckt und illegal auf dem Schwarzmarkt angeboten worden. Bei einem krimireifen Polizeieinsatz in der Schweiz gelang es, den Fund für die Allgemeinheit zu retten. Seit Monaten wird die Himmelsscheibe nun wissenschaftlich untersucht. Über die neuesten Forschungsergebnisse berichtet Harald Meller in seinem Vortrag. Die einzigartige Bronzescheibe aus der Zeit um 1600 v. Chr. gilt als Schlüsselfund für die europäische Vorgeschichte, die Astronomiegeschichte und frühe Religionsgeschichte. Sie ist der älteste Beleg für die erstaunlichen astronomischen Kenntnisse der Menschen in der frühen Bronzezeit. In hauchdünnem Gold sind insgesamt 32 Sterne, darunter die Plejaden dargestellt, die von großer Bedeutung für Ackerbau und Schifffahrt waren. Sonne, Sichelmond und Horizontbögen sowie eine Sonnenbarke als religiöses Symbol vervollständigen das Bild.
Die zusammen mit der Himmelsscheibe gefundenen Gegenstände - darunter zwei kostbare Bronzeschwerter - lassen weitreichende Beziehungen bis ins östliche Mittelmeergebiet erkennen.

Di. 5. Dez. 2006, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Prof. Dr. Volker Mosbrugger, Tübingen
Klima, Erde, Leben – Wie verletzlich ist unser Planet?
Zusammen mit: Alfred-Wegener-Institut, Förderkreis Humangenetik, Max-Planck-Institut für Marine Mikrobiologie, Naturwissenschaftlicher Verein, Universität Bremen

Di. 9. Jan. 2007, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Dr. Birgit Nachtwey, Bremen
Malerinnen um 1900
Am Beispiel Hermine Overbeck-Rohte und Paula Becker-Modersohn
Lichtbildervortrag

Zusammen mit: Gerhard-Marcks-Stiftung, Kunstverein in Bremen, Stiftung Fritz und Hermine Overbeck

Di. 23. Jan. 2007, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Dr. Thomas Eich, Bochum
Orient und Okzident
Sprach- und Verständigungsmöglichkeiten zwischen islamischem und westlichem Denken

Zusammen mit: Freundeskreis der Antike zu Bremen, Historische Gesellschaft, Stiftung Bremer Dom, Vereinigung für Bremische Kirchengeschichte

Kurzfassung
Die Geschichte von Christentum und Islam ist gleichermaßen von Phasen intensiver Konflikte, friedlichem Miteinander und auch Gleichgültigkeit gegeneinander geprägt. Ereignisse wie der 11. September und politische Prozesse wie die Verhandlungen über einen EU-Beitritt der Türkei rücken immer wieder die Frage in den Mittelpunkt, wo Gemeinsamkeiten unterschiedlicher Weltregionen wie auch –religionen liegen können, wie weit diese tragen, wo die Unterschiede beginnen und ab wann diese eine diskursive Auseinandersetzung behindern oder unmöglich machen. Der Vortrag wird historische Schlaglichter auf die Geschichte des Islams werfen, die großen Entwicklungslinien nachzeichnen und vor diesem Hintergrund die jüngere Entwicklung der christlich-islamischen Dialogbemühungen kritisch bewerten.

Di. 30. Jan. 2007, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Dr. Stefan Bringezu, Wuppertal
Inwieweit leben wir ökologisch gesehen auf Kosten anderer?
Zusammen mit: Übersee-Museum Bremen, Universität Bremen

Kurzfassung
Dass wir in Deutschland mehr Rohstoffe und Energie verbrauchen, pro Kopf gemessen, ist vielfach bekannt. Weniger bekannt ist das gesamte Ausmaß, mit dem unsere Wirtschaft Ressourcen im In- und Ausland beansprucht. Weithin verbreitet ist die Ansicht, dass wir in Deutschland und Europa Spitzenreiter im Umweltschutz sind. Doch kaum bekannt ist, dass die Entlastung der Umwelt hier zu Lande mit zunehmenden Belastungen in anderen Regionen einher geht. Der Vortrag wird einen Überblick vermitteln über den sogenannten Stoffwechsel der Wirtschaft, von der Rohstoffgewinnung bis zur Abfallentsorgung. Anhand aktueller Zahlen für die EU und Deutschland lässt sich zeigen, dass Produktion und Konsum in steigendem Maße von ausländischen Ressourcen abhängen. Der "ökologische Rucksack" des Außenhandels wächst. Wir wirtschaften zunehmend zu Lasten anderer Regionen. Nicht nur Kohle und Erdöl sind ein Problem. Bei der Gewinnung metallischer und anderer mineralischer Rohstoffe wachsen die Abfallmengen. Die steigende Nachfrage nach Biokraftstoffen droht sich zur größten Bedrohung der tropischen Ökosysteme auszuwachsen. Es gibt Ansätze zur Hoffnung. Unsere Wirtschaftsleistung koppelt sich zunehmend vom Ressourceneinsatz ab. Die Ressourcenproduktivität steigt. Doch sind zusätzliche Maßnahmen zur Effizienzsteigerung erforderlich, um den Verbrauch nicht erneuerbarer Ressourcen zu vermindern. Hierzu werden die wesentlichen Elemente einer zukunftsfähigen Ressourcenpolitik umrissen. Das Buch zum Vortrag: "Erdlandung - Navigation zu den Ressourcen der Zukunft", Hirzel Verlag, Stuttgart

Di. 6. Feb. 2007, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Prof. Dr. Rainer Slotta, Bochum
Das Schiff von Uluburun
Archäologischer Befund und Welthandel vor 3000 Jahren
Zusammen mit: Bremer Gesellschaft für Vorgeschichte, Deutsches Schiffahrtsmuseum, Freundeskreis der Antike zu Bremen, VDI Bremer Bezirksverein

Kurzfassung
Zu seinem 75-jährigen Jubiläum zeigte das Deutsche Berghau-Museum Bochum (DBM) eine spektakuläre Sonderausstellung zum Thema Versorgung und Handel mit Rohstoffen in der Späten Bronzezeit. Dabei standen der Ostmittelmeerraum und seine Kulturen im Mittelpunkt. Den Ausgangspunkt des Forschungs- und Ausstellungsprojektes bildete die Ladung eines vor rd. 3.300 Jahren vor der türkischen Küste bei Uluburun gesunkenen Handelsschiffes, das vollkommen neue, einzigartige Erkenntnisse zum spätbronzezeitlichen Handel liefert. Es war beladen mit 10 t Kupfer und 1 t Zinn; zudem waren alle wichtigen Rohstoffe der Bronzezeit wie Glas, Fayence, Pistazienharz (Terebinthenharz), Luxusgüter aus Gold, Silber, Elfenbein, Perlen aus Ostsee-Bernstein und verschiedenen Steinen, Straußeneier, afrikanisches Ebenholz sowie Keramik, Waffen und vieles mehr an Bord. Wahrscheinlich war das Schiff, aus dem Osten (vielleicht aus Ugarit?) kommend, unterwegs in ein westliches Zielgebiet, möglicherweise zu einem mykenischen Palast in der Ägäis. Es sollte allerdings sein Ziel nicht erreichen und kenterte samt seiner Ladung vor der felsigen Landzunge von Uluburun. Dieses Unglück wurde zum Glücksfall für die Archäologen, das Schiffswrack von Uluburun gehört zu den wichtigsten archäologischen Entdeckungen des 20. Jahrhunderts. Reste des Schiffes und seine gesamte Ladung wurden in den Jahren 1984 bis 1994 vom Institut für Unterwasserarchäologie (INA) der Texas A&M Universität und Museum für Unterwasserarchäologie Bodrum geborgen. Zur Zeit des Untergangs des Handelsschiffes von Uluburun im ausgehenden 14. vorchristlichen Jahrhundert wurde Handel sowohl auf dem Land-, als auch auf dem Seewege betrieben. Der östliche Mittelmeerraum stand dabei im Mittelpunkt des Weltgeschehens, denn alle großen Mächte der Region waren an der damaligen "Globalisierung" beteiligt: die Hethiter in Anatolien und die Ägypter im Süden als die beiden Großmächte, die mykenischen Königsreiche und auch die gerade durch den Handel reich gewordenen kanaanäischen Stadtstaaten an der Levanteküste sowie Assyrien, das Reich Mitanni und die Kupferinsel Zypern.
Dank des Schiffwracks von Uluburun ist die Wissenschaft heute in der Lage, den Handel dieser Zeitepoche am Ende der Bronzezeit bzw. am Beginn der Eisenzeit besser erfassen zu können und ein sehr viel vollständigeres Bild von damaligem Rohstoffhandel zu entwerfen. Die Bleiistopenanalysen zeigen z. B., dass ein wichtiger Teil der Schiffsladung, nämlich das Kupfer von der Insel Zypern stammt, während die Herkunft des strategisch wichtigen Zinns noch umstritten ist.
Weil das DBM die Herkunftsanalysen des Kupfers durchgeführt hat und damit wesentlichen Anteil an der Erforschung dieses Teils der Ladung besitzt, wurde dem DBM die Ausrichtung dieser Ausstellung gestattet: Erstmals konnten weite Teile der Ladung im außerhalb der Türkei gezeigt werden. Das Konzept der Ausstellung besteht darin, die spätbronzezeitliche Wirtschaft und den zeitgleichen Welthandel zu rekonstruieren und vorzustellen. Dieses Ziel wurde in der Ausstellung in drei Teilen umgesetzt. Im ersten Teil werden eine nahezu vollständige Rekonstruktion des Schiffes und seiner gesamten Ladung vorgestellt, im zweiten Teil das Wrack, d. h. die Fundsituation am Meeresgrund, dokumentiert und im dritten und letzten Teil die wichtigsten Kulturräume des zweiten vorchristlichen Jahrtausends wie die der Hethiter, Ägypter, Mykener und Assyrer vorgestellt sowie Themen wie die Rohstoffgewinnung und der -handel an Hand von Originalexponaten aus dem Wrack und an Hand von Vergleichsbeispielen erläutert. Bestimmte, ausgewählte Ergebnisse der Forschung werden in szenischen Modellen dargestellt, um einige, in sich abgeschlossene Kapitel der Ausstellung (z. B. den "Handel", das "Schmelzen und Gießen von Metallen" oder auch das "Biertrinken an Bord") den Besuchern besser vermitteln zu können.

Di. 20. Feb. 2007, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Prof. Dr. rer. nat. Winfried Henke, Mainz
Neanderthaler – Wie sie wurden, was sie sind
Zusammen mit: Bremer Gesellschaft für Vorgeschichte, Freundeskreis der Antike zu Bremen, Verband Deutscher Biologen

Kurzfassung
Neanderthaler sind eine durch zahlreiche Fossilfunde dokumentierte Menschenform, die vom Mittelpaläolithikum bis vor ca. 30000 Jahren das westliche Eurasien bewohnte und wenige Jahrtausende nach dem Erscheinen des jungpaläolithischen, anatomisch-modernen Menschen in Europa aus dem Fossilreport verschwand. Seit ihrer Entdeckung vor nunmehr 150 Jahren ist die Diskussion um ihre stammesgeschichtliche Rolle nicht abgerissen, obwohl die moderne Paläoanthropologie ein umfangreiches, hoch elaboriertes Methodeninventar zur Lösung funktions- und evolutionsmorphologischer sowie taxonomischer Fragen bereithält. Ziel des Vortrags ist es, die phylogenetische Entwicklung unserer Gattung Homo und speziell den Eigenweg der Neanderthaler zu kennzeichnen. Dabei geht es vorwiegend um die Fragen, wer die direkten Vorfahren und die Zeitgenossen der Neanderthaler waren, wie die speziellen körperlichen Anpassungen der klassischen Neanderthaler zu erklären sind, d.h. welchen adaptiven evolutionsökologischen Rahmenbedingungen diese Menschenform ausgesetzt war, und ob ihre körperlichen ‚Eigenarten' und aktuelle molekulargenetische Befunde (aDNA, Genomik) ihren heute überwiegend angenommenen Artstatus (Homo neanderthalensis) hinreichend begründen. Gleichzeitig wird versucht werden, vor dem Hintergrund des Neanderthaler-Problems die methodischen Möglichkeiten, aber auch die Grenzen der Paläoanthropologie exemplarisch aufzuzeigen.

Di. 6. März 2007, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Olbers-Sitzung
Prof. Dr. Andreas M. Burkert, München
Extrasolare Planeten – aus Sternenstaub gemacht
Zusammen mit: Deutsche Gesellschaft für Luft- und Raumfahrt, Naturwissenschaftlicher Verein, Olbers-Gesellschaft, Universität Bremen, VDI Bremer Bezirksverein

Kurzfassung
Im Jahre 1995 wurde der erste extrasolare Planet entdeckt, der einen Stern, ähnlich unserer Sonne umkreist. Seitdem hat sich die Zahl der bekannten extrasolaren Planeten auf ueber 200 erhöht. Diese Beobachtungen zeigen, dass unser Sonnensystem nur eines von Milliarden von Sonnensystemen im Universum ist und dass sich Leben mit großer Wahrscheinlichkeit auch auf anderen Planeten um andere Sonnen und in anderen Galaxien entwickelt hat. Und trotzdem sind Planeten und damit auch Leben auf Planeten etwas Besonderes. Viele Generationen von massereichen Sternen mussten entstehen und sich wieder in einer gewaltigen Supernovaexplosion zerstören, bevor Planeten aus dem Sternenstaub entstehen konnten. Wie Planeten und Planetensysteme im Detail entstehen, ist bisher noch nicht verstanden. Neue faszinierende Bilder des Hubble Weltraum Teleskops geben jedoch erste Hinweise. Sie zeigen gewaltige dunkle Gaswolken in unserer Milchstrasse, in denen gerade jetzt Sterne mit sie umkreisenden Gasscheiben entstehen, in denen sich Planeten bilden koennten. Diese Beobachtungen geben einen Einblick in die faszinierende und komplexe Physik der Planetenentstehung.

Di. 13. März 2007, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Prof. Dr. Armin Grunwald, Karlsruhe
Verbesserung des Menschen?
Zum Spannungsfeld von Ethik und Nanobiotechnologie

Zusammen mit: Ärztlicher Verein, Bildungswerk der Katholiken, Deutsche Pharmazeutische Gesellschaft, Förderkreis Humangenetik, Universität Bremen

Kurzfassung
Die Nanotechnologie gehört zu den Schlüsseltechnologien des noch jungen Jahrhunderts. In ihr geht es um die gezielte Beeinflussung von Materie auf der atomaren oder molekularen Ebene. Das revolutionäre Potential der Nanotechnologie für viele Bereiche des Lebens bringt es mit sich, dass sie auch breites mediales und öffentliches Interesse gefunden hat. Ethische, soziale und rechtliche Implikationen werden bereits bearbeitet. Ein besonders relevantes Feld in diesem Zusammenhang ist die Nanobiotechnologie. Grundlegende Lebensprozesse spielen sich im Nanomaßstab ab, da wesentliche Bausteine (wie z.B. Proteine) gerade diese Größenordnung haben. Durch Nanobiotechnologie sollen biologische Prozesse technisch kontrollierbar gemacht werden. Ein "Engineering" von Zellen auf der Basis ihrer elementaren Bausteine erscheint möglich. Dadurch rückt die Vernetzung natürlicher biologischer Prozesse mit technischen Prozessen in den Bereich des Machbaren. Die klassische Grenze zwischen dem Technischen und dem Lebendigen wird zunehmend verwischt bzw. überschritten. Mit dem Zusammenwachsen von Biotechnologie, Nanotechnologie, Hirnforschung und den Informationstechnologien eröffnen sich auch neue Dimensionen für den Menschen: der menschliche Körper und seine geistigen Fähigkeiten erscheinen mit nanotechnischen Möglichkeiten als technisch verbesserungsfähig. So könnten z.B. die Sinnesorgane des Menschen wie Auge oder Ohr "verbessert" werden, und es könnten durch direkte Verbindungen zwischen dem Gehirn oder dem Nervensystem und informationsverarbeitenden technischen Systemen gänzlich neue Mensch-Maschine-Schnittstellen geschaffen werden. Solche technischen "Verbesserungen" des Menschen gehen weit über die etablierten Ansätze der "heilenden" medizinischen Disziplinen hinaus und werfen neuartige ethische Fragen auf. Ist die Natürlichkeit des menschlichen Körpers ein ethisch belastbares Argument, das technischen Verbesserungen Grenzen weist? Oder sollte es, wie in der Schönheitschirurgie üblich, jedem selbst überlassen werden, über seine oder ihre "technische Verbesserung" zu entscheiden? Dürfen wir den menschlichen Körper mit technischen Mitteln umgestalten wie die uns umgebende natürliche Umwelt? Welche Risiken wären damit verbunden, und welche Folgen für unser Menschenbild wären zu erwarten? Würde die Gesellschaft zerfallen in "technisch verbesserte" und "normale" Menschen? Ich werde verschiedene Argumentationslinien zur Beantwortung dieser ethischen Fragen untersuchen, angesichts der erst beginnenden Debatte nicht zu einem abschließenden Urteil kommen.

Di. 20. März 2007, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Prof. Dr. Dietrich Schubert, Heidelberg
Zur Skulptur des Expressionismus: Der Bildhauer Christoph Voll – Expressionist oder Realist?
Zusammen mit: Gerhard-Marcks-Stiftung, Kunstverein in Bremen

Kurzfassung
In den 20er und 30er Jahren des letzten Jahrhunderts gehörte der Holzbildhauer Christoph Voll zu den führenden Künstlern und bekannten Namen; heute ist er nurmehr Spezialisten ein Begriff. Dieser unhistorische Bruch in der Geltung Volls kommt einerseits von der Dominanz der Abstrakten nach 1948, andererseits durch die Popularität Barlachs, in dessen Schatten Voll geriet. Wenn ein Künstler keine Lobby, keine Galerie und keine Familie hat, die für seine Bekanntheit arbeiten, so ist die Gefahr einfach doppelt groß, vergessen zu werden. Überdies wird der expressive Realismus der Bildnerei, die alles mit den eigenen Händen schafft, heutzutage durch Fotografie, Film- und Videoarbeiten verdrängt und teils diskreditiert. Christopf Voll, Jg. 1897, aus München stammend, überstand als Soldat den 1. Weltkrieg und gehörte folgend mit seinen kraftvollen Holzfiguren zur progressiven Gruppe 1919 in Dresden, einer expressionistischen Vereinigung, aus der die Avantgarde des neuen Realismus in der Weimarer Republik - Künstler wie Dix und eben Voll - hervorgingen. Auch Voll verwandelte sich schrittweise vom Expressionismus der 2. Stunde zur einem expressiven Realisten. In seinen Figuren, direkt aus dem Holz geschnitzt, realisierte er im Gegensatz zu Barlach einen Realismus voll Sinnlichkeit in übersteigerter Wirklichkeits-Anschauung, Figuren, die ein provozierend kraftvolles Leben ausströmen. In der Weise wurde Voll jedenfalls in den 20er Jahren von Kritikern wie W. Grohmann, Paul F. Schmidt und O. Schürer gewürdigt. Eine Wanderausstellung seiner "Holzbildwerke" 1927/28 war in Berlin, Mannheim und Dresden gezeigt. 1928 wurde er von der Kunstschule Saarbrücken an die Akademie in Karlsruhe als Professor und Lehrer berufen. Doch die Nazi-Funktionäre setzten ihn vor 1935 bereits als "Kulturbolschewist" unter Druck, 1937 waren Volls Arbeiten in der "Entarteten Kunst" in München. Diese Repressionen machten ihn krank, so dass er 1939 bereits starb. Seit ca. 4 Jahrzehnten gab es keine Ausstellung seiner Bildwerke mehr. Jetzt entschloss sich das Gerhard-Marcks-Haus Bremen, diesem wichtigen Künstler der Weimarer Republik mit einer Einzelausstellung neue Aufmerksamkeit zu verschaffen.

 

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Balken

Vortragssaison 2005/2006

Di. 11. Okt. 2005, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Siegmar von Schnurbein, Frankfurt/M.
Augustus in Germanien.
Neue archäologische Forschungen
Zusammen mit: Bremer Gesellschaft für Vorgeschichte, Freundeskreis der Antike zu Bremen, Historische Gesellschaft

Kurzfassung
Im Jahr 11 v. Chr. begann Kaiser Augustus die römischen Eroberungskriege zwischen Rhein und Elbe, deren endgültiger Erfolg damit besiegelt werden sollte, daß Varus den Auftrag bekam, eine neue Provinz in Germanien zu schaffen. Dessen Niederlage in der „Schlacht im Teutoburger Wald“ 9 n. Chr. leitete die Wende in der Germanien-Politik Roms ein, die schließlich dazu führte, daß diese römische Provinz nicht entstanden ist. Ob das Gebiet überhaupt schon so „befriedet" war, daß die Provinzgründung Aussicht auf Erfolg haben konnte, ist in der historischen Forschung seit langem eine viel diskutierte Frage, weil die wenigen schriftlichen Quellen dazu nicht genügend klare Angaben liefern. Neue Gesichtspunkte steuert dazu die Archäologie bei. Die in Westfalen, in Hessen und jüngst in Niedersachsen entdeckten römischen Militärplätze lassen die weiträumige Präsenz Roms immer klarer erkennen. Völlig verändert hat sich die Interpretation der römischen Herrschaft rechts des Rhein durch die Forschungen im Raum Wetzlar-Gießen: Grabungen in Lahnau-Waldgirmes haben ergeben, daß Rom in den Jahren ab Chr. Geb. begonnen hat, dort eine regelrechte Stadt zu bauen, in der Römer und Germanen offensichtlich völlig friedlich miteinander lebten. Ein stein-fundamentiertes großes Forumsgebäude zeigt, welche Infrastruktur bereits geschaffen wurde. Um in dem Hof des Forums eine lebensgroße bronze-vergoldete Reiterstatue – wohl des Augustus – aufstellen zu können, hat man bis aus der Gegend von Metz Kalksandstein herbeigeschafft. Roms Zuversicht auf dauerhafte Herrschaft in Germanien wird dadurch auf´s  Beste verdeut.

Di. 18. Okt. 2005, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5

Prof. Dr. med. Dr. phil. Alfons Labisch, Düsseldorf
Historizität.
Erfahrung und Handeln in der Medizin und ihrer Historiographie
Zusammen mit: Ärztlicher Verein, Historische Gesellschaft, Universität Bremen

Kurzfassung
Naturwissenschaftliches Wissen trifft stets allgemeine Aussagen. In der Medizin geht es aber immer darum, dem Hilfsbegehren eines kranken Menschen gerecht zu werden. In der naturwissen­schaftlichen Medizin stehen Ärztinnen und Ärzte vor einer einzigartigen Aufgabe: sie müssen ihr allgemein gerichtetes naturwissenschaftliches Wissen in ein Handeln umsetzen, das den je individuellen Gegebenheiten und Bedürfnissen des Patienten gerecht wird. In der Begeg­nung von Patient und Arzt wird der wissenschaftliche Objektbezug der Medizin in das sub­jektbezogene ärztliche Handeln gewendet. Die Medizin ist also keine Naturwissenschaft, sie ist vielmehr eine auf Menschen als eigenständige Subjekte gerichtete Handlungswissenschaft. William OSLER sagte ebenso kurz wie treffend: "Wären die Menschen alle gleich, könnte die Medizin eine Naturwissenschaft werden". Diejenigen Wissenschaften, die sich mit dem Subjekt- und Handlungsbezug der Medizin befassen, haben damit in und für die Medizin denselben Stellenwert wie die Naturwissenschaften. Das Handlungsgefüge der modernen Medizin wird daher wesentlich durch die Geistes- und Sozialwissenschaften - oder international: durch die Humanwissenschaften - erklärt. Der Aspekt des Handelns in der Medizin ist durch Zeitlichkeit geprägt: sowohl von Seiten des Patienten wie von Seiten des Arztes wie insbesondere auch durch die kulturelle Gebundenheit dieser Begegnung ist der Medizin die Di­mension der Zeitlichkeit in ihren Handlungszusammenhängen vorgege­ben. Damit stellt der Aspekt der Zeitlichkeit des Handlungsgefüges der Medizin in seinem kulturellen Zusammenhang einen eigenen Gegenstandsbereich dar. Dies schließt die diesen Zusammenhang gestaltenden Formen von Wissen und Handeln als zeitbedingte Produkte kultureller Praktiken mit ein. Das Handeln in der Zeit ist der spezifische Gegenstand der Historiographie.  In der europäischen Kultur- und Bildungstradition stellt die Geschichte der Medizin diejenige Disziplin dar, in der der Handlungsbezug der Medizin in beson­derer Weise reflektiert wird. Die Geschichtsschreibung der Medizin ist damit genuin auf das ärztliche
Handeln und seine Bedingungen in der Zeit ausgerichtet. Die Medizingeschichte ist daher ein genuiner Denkansatz in der Medizin.

Di. 8. Nov. 2005, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Dr. Franz Kockel, Burgwedel
Der tiefe Untergrund von Bremen – Aufbau und Nutzung Zusammen mit: Geographische Gesellschaft, Naturwissenschaftlicher Verein, Niedersächsisches Landesamt für Bodenforschung/Geologischer Dienst für Bremen, Universität Bremen

Kurzfassung
Verschiedenartige Karten und geologische Schnitte zeigen den Aufbau und die Formenvielfalt im Untergrund Bremens, Bremerhavens und des Niedersächsischen Umlandes, bis hinab in Tiefen von 5 km und mehr (Gräben und Horste, Salzkissen, Salzstöcke, Inversionsstrukturen). Anhand von Beispielen wird erläutert, wie man die Entstehungsgeschichte der Strukturen entschlüsseln kann und welche technischen Methoden von Geowissenschaftlern eingesetzt werden, um in die Tiefe zu blicken" und die Lagerung der Schichten und im besten Fall auch wirtschaftliche Lagerstätten zu erkennen.

Welche Wirtschaftsgüter lassen sich gewinnen? Wie entstehen Öl-, Gas-, Salz-, und Eisenerz-Anreicherungen, was sind hierfür die geologischen Voraussetzungen? Warum haben die Saudis so viel Öl und die Bremer nicht? Wie macht man den Untergrund als Rohstoffquelle, als Speicher- und Deponieraum nutzbar und wie versöhnt man ökonomisches und ökologisches Handeln? Macht die Gewinnung von Erdwärme wirtschaftlich einen Sinn? Welche natürlichen Risiken bestehen für die Menschen, die über dem so vielgestaltigen und in gewisser Weise auch mobilen Untergrund leben (Erdbeben, Vulkanausbrüche, Küstensenkungen, Tsunamis)? Sind Ängste vor solchen Katastrophen real oder eingebildet? Und was tun die Geowissenschaften, um Gefährdungen zu prognostizieren und Schäden zu minimieren?

Di. 29. Nov. 2005, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Dr. Harald Meller, Halle/Saale
Die Himmelsscheibe von Nebra
Mit Lichtbildern
Zusammen mit: Bremer Gesellschaft für Vorgeschichte, Freundeskreis der Antike zu Bremen, Historische Gesellschaft, Olbers-Gesellschaft

Kurzfassung
Über die seit dem Frühjahr 2002 weltweit bekannt gewordene Himmelsscheibe von Nebra wird Dr. Harald Meller in diesem Vortrag berichten. Als einer der Hauptakteure wird der Leiter des Landesmuseums für Vorgeschichte in Halle aus erster Hand von der spektakulären Sicherstellung des Schatzfundes erzählen. Die Himmelsscheibe war zunächst von Raubgräbern entdeckt und illegal auf dem Schwarzmarkt angeboten worden. Bei einem krimireifen Polizeieinsatz in der Schweiz gelang es, den Fund für die Allgemeinheit zu retten. Seit Monaten wird die Himmelsscheibe nun wissenschaftlich untersucht. Über die neuesten Forschungsergebnisse berichtet Harald Meller in seinem Vortrag. Die einzigartige Bronzescheibe aus der Zeit um 1600 v. Chr. gilt als Schlüsselfund für die europäische Vorgeschichte, die Astronomiegeschichte und frühe Religionsgeschichte. Sie ist der älteste Beleg für die erstaunlichen astronomischen Kenntnisse der Menschen in der frühen Bronzezeit. In hauchdünnem Gold sind insgesamt 32 Sterne, darunter die Plejaden dargestellt, die von großer Bedeutung für Ackerbau und Schifffahrt waren. Sonne, Sichelmond und Horizontbögen sowie eine Sonnenbarke als religiöses Symbol vervollständigen das Bild. Die zusammen mit der Himmelsscheibe gefundenen Gegenstände - darunter zwei kostbare Bronzeschwerter - lassen weitreichende Beziehungen bis ins östliche Mittelmeergebiet erkennen.

Di. 6. Dez. 2005, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Prof. Dr. Norbert Oellers, Bonn
Gegen den Ernst des Lebens gibt es kein Rettungsmittel als die Kunst.
Zu Schillers ästhetischen Ansichten
Zusammen mit: Bremer Ortsvereinigung der Goethe-Gesellschaft, Universität Bremen

Kurzfassung
Der Vortrag beschäftigt sich, nach einleitenden Bemerkungen über das Thema "Kunst und Wirklichkeit" in Schillers früheren Dramen, zunächst mit dessen Hinwendung zur Dichtungstheorie Anfang der 90er Jahre des 18. Jahrhunderts. Das Studium Kants sowie die Ereignisse der Französischen Revolution bewirken Schillers (endgültige) Trennung von der "gemeinen Wirklichkeit des Lebens" und die Hinwendung zu einer diese Wirklichkeit transzendierenden Kunstauffassung, nach der die Verbesserung der Weltverhältnisse einen "ästhetischen Zustand" voraussetze, der allein durch die Künstler, die Repräsentanten der ‚wahren Kultur', herbeigeführt werden könne. Wie dieser Zustand zu erreichen sei, ist das Thema der großen Abhandlung "Über die ästhetische Erziehung des Menschen", der im Vortrag besondere Aufmerksamkeit geschenkt wird. Von dort wird ein Blick auf das Kunstverständnis Hölderlins, Hegels und Schellings geworfen, wie es in deren Skizze "Das älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus" seinen Niederschlag gefunden hat - offenbar in direktem Anschluss an Schiller. Am Ende wird von einem Idyllenplan Schillers ("Herkules im Himmel") und ein wenig vom ‚Rettungsmittel der Kunst' in Schillers späteren, den sogenannten ‚klassischen' Dramen, gesprochen. Auch wird noch mitgeteilt, wie es zur Formulierung des Vortragstitels gekommen ist.

Di. 13. Dez.2005, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Dr. Hannes Grobe, Bremerhaven
Bohren im Gedächtnis der Erde – Klimaforschung in der Antarktis
Zusammen mit: Alfred-Wegener-Institut, Naturwissenschaftlicher Verein, Universität Bremen,  VDI Bremer Bezirksverein

Kurzfassung
Die Vergangenheit ist ein Schlüssel für die Zukunft - so lässt sich kurz die Bedeutung der geowissenschaftlichen Erforschung unseres Erdklimas für das Verständnis zukünftiger Klimaentwicklungen zusammenfassen. Die Erdwissenschaften leisten mit anspruchsvollen Projekten den 'geschichtlichen' Beitrag zur aktuellen Klimadiskussion. Gleichzeitig auch eine logistische Herausforderung ist das zur Zeit laufende Projekt EPICA (European Project for Ice Coring in Antarctica), in dem 10 europäische Länder zusammenarbeiten um zwei Bohrungen durch den antarktischen Eisschild abzuteufen. Mit modernster Analysetechnik werden dem Gedächtnis der Erde seine Erinnerungen entlockt. Die ersten Ergebnisse - kürzlich in der Zeitschrift 'Science' veröffentlicht - zeigen z.B., dass der Gehalt an Treibhausgasen in der Atmosphäre im Verlauf der letzten 650.000 Jahre nie so hoch war, wie heute. Der bebilderte Vortrag schildert die logistischen Herausforderungen und aussergewöhnlichen Bedingungen, unter denen das Projekt EPICA in der Antarktis durchgeführt wird. Er berichtet aktuell von der zur Zeit laufenden letzten Bohrkampagne und erläutert die ersten wissenschaftlichen Ergebnisse.

Di. 10. Jan. 2006, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Ulrich W. Sahm, Jerusalem
Die Türkei und Europa – Brücke zwischen Orient und Okzident?
Zusammen mit: Evangelischer Arbeitskreis für kulturelle Fragen, Historische Gesellschaft,  Landeszentrale für politische BIldung, Die MAUS/Gesellschaft für Familienforschung, Stiftung Bremer Dom, Übersee-Museum Bremen, Universität Bremen, Verein für Niedersächsisches Volkstum, Vereinigung für Bremische Kirchengeschichte


KURZFASSUNG
Die Türkei hat sich als Nachfolgestaat des Osmanischen Reiches als moderne weltliche Republik konstituiert. Sie ist ein nichtarabisches Land mit klarer muslimischer Prägung, gleichwohl duldet sich in ihren Grenzen andere Religionen, darunter Christen und Juden. Trotz offizieller Trennung von Staat und Kirche, kann von echter Religionsfreiheit im europäischen Sinne nicht die Rede sein. Vor Allem Christen leiden unter Diskriminierung und deshalb auch unter mangelnder Fähigkeit, sich frei zu entfalten. Wie viele andere Staaten in der Welt hat die Türkei so manche Leiche im Keller liegen, über die sie möglichst nicht reden will. Dazu gehört auch der bislang von der Türkei wenig überzeugend erklärte und aufgearbeitete Tod von 1,5 Millionen Armeniern in der Gründungszeit der modernen Türkei. Ob die Armenier angegriffen haben, ob es ein Bürgerkrieg oder aber ein Völkermord war, der Hitler gar als Vorbild diente, wollen wir dahin gestellt lassen. Es sei aber darauf hingewiesen, dass die Staaten der Welt, darunter auch Deutschland, sehr widerwillig und sehr spät diesen Genozid anerkennen wollten, um den NATO-Partner in geostrategisch extrem wichtiger Lage nicht vor den Kopf zu stoßen.

Bezeichnend ist in diesem Kontext die Beziehung zwischen der Türkei und Israel.

1) Die Türkei war bis 1982 das einzige muslimische Land mit versteckten aber dennoch funktionierenden diplomatischen Beziehungen.

2) Die Türkei, selber mit arabischen Staaten Ländern wie dem syrischen Nachbarn oder mit Irak zutiefst verfeindet, handelte pragmatisch, indem es in Israel einen Verbündeten entdeckte. Umgekehrt gilt das Gleiche.

3) Die Probleme der Türken mit kurdischem Terror und Israels mit palästinensischem Terror haben viele Gemeinsamkeiten.

4) Während die Türkei heute das wichtigste Reiseziel israelischer Touristen ist, bietet sie der israelischen Luftwaffe über Anatolien Raum für Luftmanöver, die es im winzigen Israel nicht gibt. Ausgerechnet der jüdische Staat mit seinen hohen moralischen Ansprüchen und der Erwartung an alle Völker der Welt, den Holocaust als universale Katastrophe zu betrachten, achtet strikter als viele andere Länder darauf, nur ja nicht offiziell einen "Völkermord an den Armeniern" zu erwähnen. Zweifellos ist die Türkei gerade auch wegen seiner engen Beziehungen mit Israel die wichtigste Brücke überhaupt zwischen Orient und Okzident. Doch wenn es um Brücken und staatliche Interessen geht, dann muss wohl Moral hinten anstehen, so wie es Frankreich, Deutschland und andere Länder tun, wenn ihnen etwa wirtschaftliche Interessen wichtiger sind, als Moral. Syrien, Irak, Iran, die palästinensischen Autonomiegebiete und sogar Russland könnten da stellvertretend für viele andere Fälle genannt werden. Es stellt sich die Frage, ob im Falle der Türkei moralische Fragen oder auch Menschenrechtsverletzungen vorgeschoben werden, weil die Europäer aus ganz anderen Gründen die Türkei nicht aufnehmen wollen, ihre wahren Gründe aber nicht nennen wollen.

Di. 17. Jan. 2006, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
PD Dr. Ingo Heidbrink, Bremerhaven
Deutschlands einzige Kolonie ist das Meer
Die deutsche Hochseefischerei und die Fischereikonflikte des 20. Jahrhunderts
Zusammen mit: Deutsches Schiffahrtsmuseum, Universität Bremen

KURZFASSUNG
Die Meere vor Island, Grönland und Neufundland waren im 20. Jahrhundert über viele Jahrzehnte die Haupteinsatzgebiete der deutschen Hochseefischereiflotte. Die Fischdampfer und Fang-Fabrikschiffe arbeiteten oft nur wenige Seemeilen von den Küsten dieser nordatlantischen Inseln entfernt - das sorgte zunehmend für Konflikte.
Einerseits schufen die guten Fänge im Nordatlantik die Basis für den wirtschaftlichen Aufschwung der Fischereistandorte an der deutschen Küste, andererseits lösten sich die Inseln von ihren bisherigen europäischen kolonialen Mutterstaaten und entwickelten eigene Interesse - nicht nur politische, sondern auch ökonomische, und insofern waren die Inseln zwingend auf die Souveränität über die Ressource Fisch angewiesen. Das Prinzip der "Freiheit der Meere" war an seine Grenzen gelangt, und es entstanden Fischereikonflikte zwischen den europäischen Nationen und den Uferstaaten der Fanggebiete. Sie kulminierten in den 1970er Jahren in den sogenannten "Kabeljaukriegen" mit Island.
Die vorliegende Untersuchung analysiert erstmals auf wissenschaftlicher Basis die deutsche Rolle in diesen Konflikten und zeigt die Konsequenzen der Auseinandersetzungen für die deutschen Küstenregionen auf. Sie erklärt damit zugleich, daß der drastische Abbau der deutschen Hochseefischereiflotte seit den 1980er Jahren keine unvorhersehbare Entwicklung war, sondern daß vielmehr ihr schnelles Anwachsen knapp ein Jahrhundert zuvor ausschließlich auf dem kolonialen Status der Ufergebiete basierte.

Di. 24. Jan. 2006, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Prof. Dr. phil. nat. Dietrich Mebs, Frankfurt/M.
Chemischer Krieg im Tierreich – Gifttiere und ihre Waffen
Zusammen mit: Ärztlicher Verein, Naturwissenschaftlicher Verein, Universität Bremen

KURZFASSUNG
Zum Beuteerwerb, zur Verteidigung gegenüber Fressfeinden, aber auch des eigenen Lebensraumes benutzen Tiere Gifte. Sie setzen entweder aktiv ein, indem das Gift mittels Stachel oder Zahl injiziert wird, oder passiv, indem sie Giftsekrete absondern, ohne sie selbst zu applizieren. Die Gifte von Tieren zählen zu den wirksamsten Naturstoffen, die wir kennen. Sie werden entweder selbst synthetisiert, als Protein oder Peptid mittels Proteinsynthese oder als sogenannte Sekundärmetaboliten über sehr komplizierte Stoffwechselwege. Darüber hinaus werden Gifte oftmals als giftige Inhaltsstoffe aus Planzen mit der Nahrung aufgenommen und für eigene Zwecke eingesetzt, etwa zur Verteidigung. Zur raschen Lähmung der Beute werden Gifte zum Nahrungserwerb benutzt. Nervensystem und Muskulatur werden zielsicher blockiert. Andererseits dienen Gifte, so bei den Giftschlangen, die ja die Beute unzerkleinert aufnehmen, der Vorverdauung, indem gleichzeitig ein äußerst aktives Gemisch an Verdauungsenzymen injiziert wird. Im Laufe der Evolution haben viele Tiere eine Resitenz gegenüber den aktivsten Giften entwickelt. Dies hat im Gegenzug zur Entwicklung immer stärkerer Gifte geführt. Es findet sozusagen ein ständiger "Rüstungswettlauf" statt. Der Mensch, der ja sehr spät erst die Bühne der Evolution betrat, steht diesen Wirkstoffen demgemäß schutz- und hilflos gegenüber. Wir müssen erst Strategien entwickeln, Vergiftungen vermeiden oder sie durch Entwicklung von Gegengiften behandeln.

Di. 14. Feb. 2006, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Dipl.-Ing. Karl-Heinz  Mühlnickel, Hamburg
Wie entstand Europas Super Jumbo A380?
Entwicklung und Erprobung des größten Passagierflugzeuges
Zusammen mit: Deutsche Gesellschaft für Luft- und Raumfahrt, VDI Bremer Bezirksverein


KURZFASSUNG
Einleitend wird die Struktur und Organisation des multinationalen Unternehmens Airbus, sowie ein kurzer Überblick über seine komplette Produktfamilie dargestellt. Überleitend auf das weltweit größte Passagierflugzeug A380 werden Schlüsseldaten und Pionierleistungen, sowohl zur Passagier- wie auch zur Frachterversion, vorgestellt und die A380 im Größenvergleich zu anderen Flugzeugtypen veranschaulicht. Die Fertigung des Großraumflugzeuges im europäischen Verbund bedarf spezieller Kommunikations- und Transportwege. Die Kompetenzen der verschiedenen Standorte in Deutschland, Frankreich, Spanien und England, sowie die Logistik- und Transportwege (Luft-, Wasser- und Landwege) der einzelnen Sektionen zwischen den Standorten werden hier näher beleuchtet. Als heutige wie zukünftige Herausforderung für Airbus werden neue Technologien im Hinblick auf verschiedenste Sicherheitskriterien und entsprechende Tests, Umweltaspekte und Geräuschpegel dargestellt. Als besonderes Augenmerk für die zukünftigen Fluggäste wird das Thema Kabinenkomfort und neuartige Ausstattungsvarianten anhand von Fotos und einem virtuellen Kabinenflug veranschaulicht. Abschließend werden die beiden Haupt-Standorte Hamburg und Toulouse mit besonderem Augenmerk auf die beiden Endmontagelinien nochmals vertiefend betrachtet. Aufgrund der starken Nachfrage wurde der Hamburger Standort bereits mehrfach erweiternd ausgebaut. Als besondere Highlights wird speziell auf den Erstflug der A380 von Toulouse aus und die erste Landung in Hamburg eingegangen. Mit 555 Sitzplätzen, zwei Etagen und 90m Spannweite bietet die A380 bisher nie da gewesene Dimensionen.

Di. 28. Feb. 2006, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Prof. Dr. Jochen Taupitz, Mannheim
Kontroverse: Gendiagnostik und –therapie in Deutschland
Zusammen mit: Ärztlicher Verein, Bildungswerk der Katholiken, Deutsche Pharmazeutische Gesellschaft, Förderkreis Humangenetik, Universität Bremen

 

KURZFASSUNG
1. Die Gentechnik ist, wie der Tübinger Rechtswissenschaftler Ronellenfitsch zu Recht bemerkt, ein "Hauptkriegsschauplatz der Technikkontroverse". Den Gegnern von "Machbarkeitswahn" und "Risikogesellschaft" bietet sie eine ideale Angriffsfläche, während ihre Befürworter Heilungserwartungen für bislang unheilbar kranke Patienten wecken und bestehende rechtliche Hemmnisse als Grund für eine Verödung der deutschen Wissenschaftslandschaft geißeln. Der naturwissenschaftliche Kenntnisstand der Bevölkerung ist weithin so gering, dass Ängste vor vermeintlich oder tatsächlich unkontrollierbaren Entwicklungen einen fruchtbaren Nährboden finden, aber auch Heilungsversprechen nicht selten vorschnell für bare Münze genommen werden.

2. Die Gefahren der Gentherapie sind konkret "körperlicher" Art, betreffen nämlich unmittelbar (das Recht auf) Leben und körperliche Unversehrtheit des Betroffenen. Demgegenüber resultieren die Gefahren der Gendiagnostik erst mittelbar aus der Erzeugung von Informationen, die ihrerseits dann aufgrund eines geistigen Verarbeitungsprozesses in nachteiliger Weise verwendet werden können.

2. Die Keimbahntherapie, also der Eingriff in den vererbbaren genetischen Code eines Menschen, ist in Deutschland aus guten Gründen verboten, weil die Gefahren für die Nachkommen als unbeherrschbar angesehen werden.

3. Demgegenüber wirft die somatische Gentherapie im Vergleich zu anderen innovativen Therapien keine grundlegend anderen oder neuen Probleme auf. Dies gilt ungeachtet der Tatsache, dass mit ihr - wie sich gezeigt hat - unter Umständen tödliche Risiken verbunden sind.

4. Die Embryonenforschung und die Stammzellforschung werden von manchen als unverzichtbare Grundlage von Fortschritten in der Gentherapie und Gendiagnostik betrachtet. Sie führen in Grundfragen der Menschenwürde und des Lebensschutzes hinein, die hoch kontrovers beurteilt werden.

5. Die Probleme der Gendiagnostik liegen vor allem dort, wo genetische Daten ohne Zustimmung des konkret Betroffenen erhoben und verwertet werden. Besonders deutlich wird dies bei der Präimplantationsdiagnostik und der Pränataldiagnostik, wo die genetischen Erkenntnisse unter Umständen die Grundlage einer Entscheidung gegen das Leben des Embryo in vitro bzw. des Fötus im Mutterleib bilden.

6. Selbst wenn die Gendiagnostik mit Einwilligung des Betroffenen durchgeführt wird, stellt sich die Frage, welche Schlussfolgerungen legitimer Weise aus den gewonnenen Erkenntnissen gezogen werden dürfen. Kontrovers diskutiert wird diese Frage vor allem im Versicherungsrecht und im Arbeitsrecht. Hier wird die Gefahr einer genetischen Diskriminierung von Versicherungsinteressenten und Arbeitsplatzsuchenden gesehen.

7. Der Vortrag wird auf die hier angerissenen Fragen in einer differenzierenden Weise eingehen. Dabei wendet sich der Autor sowohl gegen jeden "genetischen Exzeptionalismus" als auch gegen eine "Methodendiskriminierung". Er plädiert für Lösungen, die auf die jeweiligen spezifischen Probleme zugeschnitten sind. Dabei ist ihm auch die Konsistenz mit der übrigen Rechtsordnung ein Anliegen.

 

Di. 7. März 2006, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Olbers-Sitzung
Dr. Horst-Uwe Keller, Katlenburg-Lindau
Reisen zu Planten, Monden und Kometen unseres Sonnensystems
Zusammen mit: Deutsche Gesellschaft für Luft- und Raumfahrt, Olbers-Gesellschaft, Universität Bremen, VDI Bremer Bezirksverein

KURZFASSUNG
Der Vortrag führt durch 20 Jahre der Planetenforschung mit Hilfe von Raumfahrtmissionen aus deutscher bzw. europäischer Sicht. Die erste europäische Mission in das Planetensystem war die Giotto Mission zum Kometen Halley, deren Vorbeiflug sich nächste Woche zum zwanzigsten Male jährt. Der überragende Erfolg dieser Mission war die Eintrittskarte zu einer Beteiligung an der amerikanisch-europäischen Mission Cassini/Huygens, die zum Saturn führte und mit einer risikoreichen, aber erfolgreichen, Landung der europäischen Sonde Huygens auf der Titanoberfläche im letzten Jahr gekrönt wurde. Die herausragenden Ergebnisse der Landung (z. B. Bilder von Titans Oberfläche) und der andauernden Mission des Orbiters werden vorgestellt. Vor etwas mehr als 10 Jahren richtete sich das (wissenschaftliche) Interesse wieder auf den Mars. Die Mars Pathfinder Mission setzte einen kleinen Roher als Technikdemonstration aus. Inzwischen gibt es eine Reihe von Orbitern und die erfolgreichenden Rover Zwillinge ME. Auch Europa ist mit der Mars Express Mission beteiligt, die große Teile der Oberfläche mit dreidimensionalen Bildern abdeckt. In naher Zukunft sollen komplexe Laboratorien abgesetzt werden, die vor Ort nach Zeichen von Leben suchen sollen. Europa hat heute die Führung in der Venusforschung übernommen mit der Venus Express Mission, die im April bei unserem Schwesterplaneten ankommen wird. Merkur, der innerste Planet - weitgehend noch nicht kartiert - ist das Ziel der amerikanischen Mission Messenger (unterwegs) und der europäischen Cornerstone Mission Beppi Colombo, die z. Z. entwickelt und gebaut wird (Start 2013). Wir können jetzt die Modellvorstellung zur der Entstehung und Entwicklung der inneren Planeten vergleichen und Rückschlüsse auf die Entwicklung der Erde ziehen. Warum konnte sich Leben auf der Erde entwickeln? Gibt es Vorstufen dazu auf anderen Planeten oder deren Monden? Ein wesentlicher Beitrag zu den Anfängen oder Ursprüngen des Lebens könnte von der Untersuchung der Kometen kommen. Europa setzt die erfolgreiche Giotto Mission fort mit der Cornerstone Mission Rosetta, die zu einem Rendezvous mit einem Kometen unterwegs ist. Die monatelange Beobachtung des Kometenkerns und seiner Aktivität wird den Schlüssel zu unserem Verständnis der Physik und Chemie der Kometen liefern. Inzwischen hat Rosetta auch schon einen wesenlichen Beitrag zu Beobachtungen im Rahmen der Deep Impact Mission geliefert. Diese amerikanische Mission hat einen Krater in einen Kometenkern geschlagen, um dessen Inneres über das herausgeworfene Material zu untersuchen. Neben Kometen richtet sich das Interesse der Planetenforscher hin zu den anderen Bausteinen unserer Planeten, den Asteroiden. Nächstes Jahr soll eine amerikanische Mission zu den größten Asteroiden Vesta Neben der Erforschung unseres Planetensystems wird die Exploration immer wichtiger. Als erster Schritt ist eine Station auf dem Mond geplant. Auch ESA ist mit der Technikmission SMART 1 beteiligt.

Di. 21. März 2006, 20 Uhr
Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5
Dr. Werner Transier, Speyer
Europas Juden: Von den Anfängen bis ins ausgehende Mittelalter
Zusammen mit: Evangelischer Arbeitskreis für kulturelle Fragen, Freundeskreis der Antike zu Bremen, Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, Historische Gesellschaft, Vereinigung für Bremische Kirchengechichte

KURZFASSUNG
Der Vortrag skizziert die Ausbreitung des Judentums in Europa im Zeitalter des Hellenismus und der römischen Kaiserzeit. Die durch die römische Kultur geprägten europäischen Küstenregionen des Mittelmeers waren im frühen und hohen Mittelalter Ausgangspunkt für die Gründung jüdischer Niederlassungen in Nordspanien, Nordfrankreich, England und Mitteleuropa. Am Beispiel der beiden jüdischen Zentren des Mittelalters auf der Iberischen Halbinsel und am Rhein behandelt der Vortrag die Organisation der jüdischen Gemeinden, die unterschiedliche soziale, wirtschaftliche und rechtliche Stellung der Juden in den mittelalterlichen Reichen, aber auch den Betrag der Juden zur gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Entwicklung Europas. Wesentlichen Anteil am Niedergang des städtischen Judentums des Mittelalters bis hin zu blutigen Verfolgungen und Vertreibungen hatte der zunehmende, religiös begründete und aus wirtschaftlichen Gründen motivierte Antijudaismus in den christlich geprägten Mehrheitsgesellschaften.

 

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Vortragssaison 2004/2005

Do. 23. Sept. 2004, 19 Uhr
Bremer Bank, Kundenhalle, Domshof
Prof. Dr. Klaus Töpfer
Umwelt- und Entwicklungspolitik – global, regional, lokal
Eröffnungsveranstaltung

Di. 12. Okt. 2004, 20 Uhr
Stadtwaage Bremen, Vortragssaal, Langenstraße 13
Dr. Christian Kaufmann, Basel
Wie die Südsee zu ihrer Kunst kam: alte Bilder, neue Sichtweisen
Mit Lichtbildern
Zusammen mit: Geographische Gesellschaft, Naturwissenschaftlicher Verein, Übersee-Museum Bremen

KURZFASSUNG
Die Südsee – in Europa wird sie seit den Entdeckungsreisen entweder als Ort des Paradieses auf Erden oder als Heimat der Kopfjäger und Kannibalen missverstanden. Die Inseln Ozeaniens und der australische Kontinent bilden aber zusammen die Heimat vielfältiger Kunsttraditionen, von denen einige auch in der Gegenwart noch weiterleben. Ihr geschätztes Alter reicht von wenigen Dezennien oder Generationen zurück bis in Epochen, die rund 800,  3.000 bzw. 15.000 Jahre zurückreichen. Seit 100 Jahren werden Werke aus diesen fernen Kunsttraditionen auch in Europa und Nordamerika geschätzt; einige haben mittlerweile ihren festen Platz in der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts.  Erstaunlich ist, dass vieles, was wir über diese Werke zu wissen meinen, europäischen, oft im Ursprung positiv geprägten, Vorurteilen entstammt. Wir loben wie die Künstler des Expressionismus Kraft und Ausdrucksstärke der Formen, wir freuen uns über naive Perspektiven, wir träumen mit den Surrealisten anhand einzelner Werkgruppen von der Verzahnung von Realität und Jenseits, wir geniessen die Farbenvielfalt und bewundern wie Josef Beuys den scheinbar grenzenlosen Mix der Medien in grossen Tanz- und Repräsentationsauftritten. Demgegenüber setzt sich nur langsam die Erkenntnis durch, dass Bilder auch dort künstlerische Aussagen umsetzen und weitergeben können, wo der europäische Kunstbegriff unbekannt oder irrelevant geblieben ist. Als grosses Hindernis erweist sich dabei unsere westliche Annahme, diese Werke seien einzig Ausdruck eines unveränderlichen Bildkanons, d.h. durch fixe inhaltliche Vorgaben auf immer vorbestimmt. Selbst in rituell eingebettetem künstlerischem Ausdruck ist aber Platz für Veränderungen, sei es im sozialen Umfeld, sei es auf der Ebene des individuellen Erfindens von neuen Formen durch einzelne einheimische Künstler. Der Vortrag versucht, für ausgewählte Bilder als Einzelwerke die historischen, sozialen und inhaltlichen Dimensionen aufzuzeigen und so ihre künstlerische Bedeutung zu vermitteln.

Di. 9. Nov. 2004, 20 Uhr
Kunsthalle Bremen, Vortragssaal
Dr. Angelika Dierichs, Münster
Hippokrates – Ein griechischer Arzt und seine Nachfolger in römischer Zeit
Mit Lichtbildern
Zusammen mit: Ärztlicher Verein, Bremer Gesellschaft für Vorgeschichte, Förderkreis antiker Kunst und Numismatik, Vereinigung der Freunde der Antike

KURZFASSUNG
Hippokrates von Kos und Galenos von Pergamon, der erfolgreich in Rom wirkte, sind die Hauptpersönlichkeiten, denen sich der Vortrag widmet. Informationen zu den beiden berühmten Ärzten und dem Heilgott Asklepios/Aesculapius werden verbunden mit Facetten des Medizingeschehens der griechisch-römischen Antike. Ausgewählte Text- und Bildbelege vermitteln Tatsachen und Vermutungen, Ernsthaftes und Erheiterndes aus der Geschichte der Medizin.

(Themenkreise)
1 Zur Person des Hippokrates
2 Das Heiligtum des Asklepios auf Kos
3 Zur Person des Galenos
4 Die hippokratischen Schriften
5 Ein Bilderbogen aus dem Ärztealltag
 

Di. 30. Nov. 2004, 20 Uhr
Kunsthalle Bremen, Vortragssaal
Prof. Dr. Dr. h.c. Rolf Emmermann, Potsdam
Kosmos – Erde – Leben
Zusammen mit: Alfred-Wegener-Institut, Geographische Gesellschaft, Naturwissenschaftlicher Verein, Universität Bremen, VDI Bremer Bezirksverein

KURZFASSUNG
Wir leben auf einem dynamischen Planeten, der sich unter dem Einfluss interner und externer Prozesse und Kräfte in einem ständigen Wandel befindet. Es hat sich deshalb die Erkenntnis durchgesetzt, daß wir unseren Lebensraum Erde nur verstehen, wenn wir die Erde als System, d.h. im Zusammenwirken aller ihrer Kompartimente – der Geosphäre, der Hydrosphäre, der Atmosphäre und der Biosphäre – betrachten. Dieses „System Erde“ zeichnet sich durch eine hohe Komplexität aus. Prozesse, die in und auf der Erde ablaufen, sind miteinander gekoppelt und bilden verzweigte Ursache-Wirkung-Ketten, die durch den Eingriff des Menschen in natürliche Gleichgewichte und Kreisläufe zusätzlich beeinflußt werden können. Durch die rasante Entwicklung der Messtechnik und die inzwischen verfügbaren Computertechnologien ist es heute möglich, diese Prozesse in allen zeitlichen und räumlichen Skalenbereichen hochaufgelöst zu erfassen und zu quantifizieren. Dazu ist der Einsatz eines breiten Spektrums an Methoden und Techniken erforderlich. Dieses reicht von speziellen Satelliten und Raum-gestützten Meßsystemen über die verschiedenen Verfahren der geophysikalischen Tiefensondierung und Forschungsbohrungen bis hin zu Laborexperimenten unter simulierten Insitu-Bedingungen und mathematischen Ansätzen zur Systemtheorie und Modellierung von Geoprozessen.

Di. 18. Jan. 2005, 20 Uhr
Stadtwaage Bremen, Vortragssaal, Langenstraße 13
Prof. Dr. Theo Buck, Aachen
Goethe als Partner – heute
Zusammen mit: Bremer Ortsvereinigung der Goethe-Gesellschaft, Universität Bremen

 

KURZFASSUNG
Zwar ist Goethe vor zweieinhalb Jahrhunderten geboren und vor mehr als anderthalb Jahrhunderten gestorben, doch ist und bleibt er wegen der von ihm ausgehenden anregenden Energien  ein wichtiger Begleiter für unsere Zeit. Sein historisch bedingtes Werk verfügt über ein in die Zukunft fortwirkendes Bedeutungspotential. Goethe liegt nicht hinter, sondern weit vor uns. Die folgenden sieben Punkte seines Denkens fassen zusammen, was ihm vornehmlich zu einem Partner für uns macht, den wir dringend brauchen.

1. Betonung der Wechselbeziehung von Makrokosmos und Mikrokosmos

Die Erfahrung der Natur als kosmischer Zusammenhang, dessen organischer Bestandteil wir sind, bildet die Grundlage des Goetheschen Weltbildes.

2. Ablehnung dogmatischen Denkens

Goethe erkannte die Gefahr dogmatischer Lehr- und Glaubenssätze. Sie führen nämlich, wie wir allenthalben sehen, zu Vorurteil, Intoleranz und Rassismus. Seine Gegenthese zum Dogmatismus lautet kurz und bündig: “Die wahre Liberalität ist Anerkennung“.

3. Ablehnung der Eile und der Hektik

Goethe war ein Vorkämpfer der Geduld und der Langsamkeit. Überlegtes Handeln allein ist nach seinem Verständnis in der Lage, die vielfältigen Spannungen des Lebens auszugleichen.

4. Erkenntnis der produktiven Wirkung von Entsagung

Ein wesentlicher Teil von Goethes Lebensphilosophie resultiert aus seiner Überzeugung notwendiger Entsagung. Gemeint ist damit die Konzeption des produktiven Verzichts als einer entscheidenden Grundlage menschlicher Bildung. Aus diesem Grund war er davon überzeugt, dass menschliche Erfüllung nur im Wissen um die Grenze möglich ist.

5. Vorbildcharakter der Kunst

In der Kunst als authentischem Bereich des Schöpferischen sah Goethe die gleichnishafte Offenbarung der Lebensstrukturen. Sein kreativ-dynamisches Kunstverständnis steht in vollem Einklang mit seinem organisch-dynamischen Lebensprinzip. Insofern bildet die Kunst notwendig einen integralen Bestandteil gesellschaftlicher Produktivität.

6. Organisation produktiver gesellschaftlicher Interaktion

Im Denken Goethes stellt gesellschaftliche Harmonie einen Grundwert dar. Mit Recht bemerkte er, dass die Menschen aufeinander zugehen müssen, wenn ein vernünftiges Zusammenleben entstehen soll. Entscheidend war demzufolge in seiner Sicht ein vernünftiger und dadurch haltbarer Ausgleich der Interessen.

7. Goethe als Weltbürger

Seine globale Perspektive macht Goethe zum Weltbürger transnationaler und interkultureller Orientierung. Eine funktionierende Weltgemeinschaft ist ohne eine solche Orientierung nicht möglich. Das vor allem sollten wir von Goethe lernen.

Di. 1. Feb. 2005, 20 Uhr
Stadtwaage Bremen, Vortragssaal, Langenstraße 13
Prof. Dr. rer. nat. Dr. rer. nat. h. c. Hartmut Leser, Basel
Namibia – Land ohne Konflikte?
Zusammen mit: Geographische Gesellschaft, Naturwissenschaftlicher Verein, Übersee-Museum Bremen, Universität Bremen

KURZFASSUNG
Namibia - Traumland oder Konfliktraum? Das ist die Frage, die sich dem Reisenden immer wieder stellt. Pauschal ist sie nicht zu beantworten. Abschätzen kann man die Antwort, wenn man sich der Frage geographisch, politisch und historisch nähert. Das Land gehört zum Großraum Südafrika - geographisch, landschaftsökologisch, wirtschaftlich und politisch. Durch Entwicklungen, die mit den Jahreszahlen 1884 (deutsche Kolonie), 1920 (Mandatsland), 1966 (Odendaal-Plan) und 1990 (Unabhängigkeit) gekennzeichnet sind, wurde das Land mit einer Geschichte versehen, deren Spuren man heute noch finden kann. “Namibia heute” ist und bleibt, aus europäischer und weltpolitischer Sicht, ein peripheres Land. Im Land sind dringende ökologische, soziale und wirtschaftliche Probleme zu lösen - bei 40 % Arbeitslosen in einem Wüsten- und Savannenland von rund 850'000 km2 Größe und einer Einwohnerzahl von rund 1.8 Mio. Davon leben reichlich 10 % in der Metropole Windhoek. Sie beherrscht das Land nicht nur politisch, wo die SWAPO mit einer komfortablen Dreiviertel-Mehrheit (Wahl 2004) regiert. Von Touristen als “Traumland Südwest” verklärt, zehrt Namibia z.Z. vor allem von seinen landschaftlichen Schönheiten. Das belegt ein boomender Tourismus gehobener Art (Safaris, Jagd, Wildparks). Trotz der massiv zunehmenden wirtschaftlichen Bedeutung und der wachsenden Touristenzahlen ist Namibia kein Land des Massentourismus. Dafür ist es vom Klima, den Distanzen und der Infrastruktur her nicht geeignet. Massentourismus sowie weitere Belastungen der Landschaftsökosysteme würden das, was hier gerade gesucht wird, zerstören. Die traditionellen wirtschaftlichen Säulen Namibias waren Bergbau, Landwirtschaft und Fischerei. Bergbau spielt sich nur noch in wenigen großen Minen ab, die den Personalbestand jedoch drastisch verringerten. Die Fischerei leidet unter der jahrzehntelangen Überfischung des Beguelastroms. Die Landwirtschaft, vor allem Viehzucht, sieht sich immer wieder mit mehrjährigen Dürren konfrontiert.

Di. 8. Feb. 2005, 20 Uhr
Kunsthalle Bremen, Vortragssaal
Olbers-Sitzung
Prof. Dr. Sami Solanki, Lindau
Die Sonne – Ein Motor für das Erdklima?
Zusammen mit: Deutsche Gesellschaft für Luft- und Raumfahrt, Hochschule Bremen, Naturwissenschaftlicher Verein, Olbers-Gesellschaft, VDI Bremer Bezirksverein

KURZFASSUNG
Die Sonne liefert fast die gesamte Energie, ohne die es kaum Leben auf der Erde geben würde. Somit ist die Sonne wahrlich unser Leben spendender Stern. Trotz ihrer großen Beständigkeit (im Vergleich zu vielen anderen Sternen) ist die Helligkeit der Sonne nicht ganz konstant. Könnten Schwankungen der Helligkeit (oder der magnetischen Aktivität) der Sonne das globale Klima ändern? Dieser Frage wird im Vortrag nachgegangen. Auf der Suche nach der Antwort kommen wir sowohl an der Millionen Grad heißen Korona der Sonne wie auch an den kalten Eiswüsten von Grönland vorbei.

Di. 15. Feb. 2005, 20 Uhr
Stadtwaage Bremen, Vortragssaal, Langenstraße 13
Dr.-Ing. Ulrich Witzel, Bochum
Hilfe, unsere Köpfe schrumpfen – Beiß- und Kaukräfte prägen die Evolution von Schädel und Gesicht
Zusammen mit: Naturwissenschaftlicher Verein, Übersee-Museum Bremen, Universität Bremen, VDI Bremer Bezirksverein

KURZFASSUNG
Wo kommen wir her? Wie sieht das Evolutionsgeschehen bei Primatenschädeln und insbesondere beim menschlichen Schädel in den letzten 3 Millionen Jahren aus und vor allen Dingen, was sind die prägenden Einflüsse? Wohin wird die Entwicklung gehen? Diese Fragen beschäftigen nicht nur die Paläanthropologen und die Anthropologie allgemein, sondern auch viele naturwissenschaftlich interessierte Menschen und andere wissenschaftliche Disziplinen. Wie kommt das?

Anthropologen und Morphologen arbeiten in der Regel deskriptiv und systematisierend und interessieren sich nicht, wie Gutmann (Frankfurt 1995) schrieb, wie eine Form erzeugt wird, sondern sie finden geformte Lebewesen vor, die sie analysieren und beschreiben. Sie praktizieren diese induktive Vorgehensweise mit dem Ziel, eine Entwicklungstheorie zu finden. Viele anthropologische Fragestellungen und besondere biomechanische Detailfragen blieben jedoch unbeantwortet.

Seit kurzer Zeit wird in Kooperation mit den Ingenieurwissenschaften zur Unterstützung dieser induktiven Strategie die numerische Berechnungsmethode der finiten Elemente (FEM) weltweit herangezogen, die bei uns Ingenieuren seit 25 Jahren dank der fortschreitenden Computertechnik im Maschinenbau und im Bauingenieurwesen immer häufiger bei komplizierten Bauteilberechnungen eingesetzt wird. So führt z.B. Emily Rayfield (Cambridge 2005) ihre „form-function analysis“ an Dinosaurier-Schädeln mit Erfolg durch. Ausgangspunkt der Berechnungen ist jedoch immer eine bereits vorgegebene Form.

In meiner Forschungsgruppe für Biomechanik an der Ruhr-Universität Bochum wird die FE-Methode seit 1980 für Implantatentwicklungen und seit 1985 zur virtuellen Synthese biologischer Strukturen eingesetzt. Bei dieser deduktiven Methode gehen wir von einer Theorie aus, stellen Funktionen z. B. des menschlichen Schädels und daraus abgeleitete funktionelle Belastungen fest und erzeugen mit der Methode der finiten Elemente aus einem unstrukturierten homogenen Hüllvolumen virtuelle knöcherne Formen und Strukturen. Durch diese Syntheseergebnisse lernen wir jedes knöcherne Detail des Schädels zu verstehen. Änderungen der funktionellen Belastungen, z. B. Veränderungen der Beiß- und Kaukräfte und damit angepasste wirksame Muskelkräfte, führen natürlich zu veränderten Schädel- und Gesichtsknochen und damit zu Erklärungen des Evolutionsgeschehens. Die derzeitige Arbeitstheorie besagt, dass mechanische Spannungen knöcherne Formen und ihren inneren Strukturaufbau in ontogenetischer (die Individualentwicklung betreffend) aber auch in phylogenetischer (die Stammesentwicklung betr.) Sicht gemäß eines genetischen Bauplans erzeugen.

Die Berechnungsergebnisse sind ermutigend und wir befinden uns in guter Übereinstimmung mit der Forderung Gutmanns (1995), nach der „biomechanische Konsequenzen gezogen werden müssen und Form im kohärenten Gefüge mechanisch erzeugt angesehen werden muss“. Eine neue Forschungsfrage betrifft den mechanischen Einfluss des während der Evolution zunehmenden Gehirnvolumens und der Volumenabnahme relativ zum Neanderthaler auf die Schädel- und Gesichtsknochen. Häufig wird durch die Medien auch die Frage nach einer zukünftigen Schädelentwicklung gestellt. Sie ist sicherlich sehr reizvoll und wird im Vortrag mit gebotener Vorsicht ausgiebig behandelt.    

Für weiterreichende Einblicke in die Methode und die Ergebnisse stehen auf Anfrage eine Reihe von aktuellen Sonderdrucken beim Referenten zur Verfügung.

Di. 1. März 2005, 20 Uhr
Kunsthalle Bremen, Vortragssaal
Prof. Dr. theol. Dr. phil. Otto Böcher, Mainz
Religiöses Brauchtum der deutschen Juden im Mittelalter
Zusammen mit: Deutsch-Israelische Gesellschaft, Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, Historische Gesellschaft, Stiftung Bremer Dom, Universität Bremen, Verein für Niedersächsisches Volkstum, Vereinigung für Bremische Kirchengeschichte

KURZFASSUNG
Die Diaspora- und Ghetto-Existenz der europäischen Juden hatte jahrhundertelang dazu geführt, dass man die Bräuche der Vorfahren möglichst unverändert zu tradieren suchte, selbst wenn sie nicht mehr verstanden wurden. Oberste Instanz waren die Vorschriften der Bibel und der talmudischen Halacha. Was von den Patriarchen und von Mose berichtet wird, erhielt normative Bedeutung für das Leben jedes Juden: Beschneidung, Schwagerehe, Bestattungspflicht, Trauerriten und          -fristen, Beobachtung des Sabbats und des Festkalenders, Einhaltung der Speise- und Reinheitsgebote. Unausgesprochen steht hinter vielen Bräuchen die uralte Furcht vor dämonischen Mächten, so im Falle der Beschneidung, des Verzichts auf Feuermachen, Friedhofsbesuch und Verreisen am Sabbat, des Zerbrechen eines Glases bei der Hochzeit, aber auch der Trennung von Fleisch und Milch oder der Schlachtungsart des Schächtens. Insbesondere die komplizierten Regeln der Bestattung, des Setzens des Grabsteins und der gestuften Trauerzeiten verraten einen ursprünglich apotropischen Charakter, doch mischt sich mit ihnen schon früh die Vorstellung einer Ehrung der Toten.

Die Angst vor kultischer Verunreinigung und ein System von Reinigungsriten hat das Judentum mit der Religiosität der klassischen Antike gemeinsam. Während jedoch im Christentum der Gebrauch des apotropäischen Wassers zu Taufe und Weihwasser-besprengung verkümmert ist und die Wöchnerin nicht mehr „gewaschen“, sondern nur noch ausgesegnet wird, ist das Tauchbad der frommen Jüdin nach Menstruation und Geburt in der – unterirdischen – Mikwe bis heute üblich.

In einer sich verändernden Umwelt blieb das Judentum eine „antike“ Religion, bis die Assimilation, die am Ende des 18. Jahrhunderts einsetzte und um 1850 ihren Höhepunkt erreichte, wesentliche Elemente des jüdischen Brauchtums beseitigte. Die Modernisierungen bestrafen vor allem die Bestattungswesen sowie den Bereich der Kleider- und Speiseordnungen; ihr Preis war ein weitgehender Verlust an jüdischer Identität.

Di. 8. März 2005, 20 Uhr
Kunsthalle Bremen, Vortragssaal
Prof. Dr. Hermann Parzinger, Berlin
Auf den Spuren der Skythen in Sibirien – Das Gold von Tuva
Mit Lichtbildern
Festvortrag zum 50-jährigen Bestehen der Bremer Gesellschaft für Vorgeschichte

Zusammen mit: Bremer Gesellschaft für Vorgeschichte, Förderkreis antiker Kunst und Numismatik, Historische Gesellschaft, Übersee-Museum Bremen, Vereinigung der Freunde der Antike

KURZFASSUNG
In den Jahren 2000 bis 2002 erforschte die Eurasien-Abteilung des Deutschen Archäologischen Instituts gemeinsam mit der Staatlichen Ermitage St. Petersburg einen skythischen Großkurgan in der südsibirischen Teilrepublik Tuva nahe der mongolischen Grenze. Dabei gelang die Entdeckung eines ungestörten Fürstengrabes mit über 6.000 Goldobjekten aus dem späten 7. Jh. v. Chr. Bei den Goldfunden handelt es sich um herausragende künstlerische Zeugnisse, die ein völlig neues Licht auf den Tierstil in einem seiner Ursprungsgebiete werfen. Darüber hinaus wurden noch zahllose weitere Gräber des zu dem Fürsten gehörigen Gefolges freigelegt. Sie lassen den Kurgan nicht nur als Bestattungsplatz, sondern als Ort kultischer Handlungen erscheinen, wobei die Bestattung des Fürsten regelrecht inszeniert wurde.

Di. 15. März 2005, 20 Uhr
Kunsthalle Bremen, Vortragssaal
Prof. Dr. Elisabeth Steinhagen-Thiessen, Berlin
Die Alterung – ein mehrdimensionaler Prozess
Zusammen mit: Ärztlicher Verein, Deutsche Pharmazeutische Gesellschaft, Förderkreis Humangenetik

 

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Balken

Vortragssaison 2003/2004

Di. 4. Nov. 2003, 20 Uhr
Kunsthalle Bremen, Vortragssaal
Eröffnungsveranstaltung
Prof. Dr. Manfred Lahnstein, Hamburg
Die Grenzen der Duldsamkeit – Kulturelle Identitäten und Verfassungspatriotismus
Zusammen mit: Nordwest-Radio, Übersee-Museum Bremen, Universität Bremen

KURZFASSUNG
Identitäten sind ihrer Natur nach unbestimmt, komplex und ständigen Änderungen unterworfen. Sie können deshalb nicht unmittelbar zum Ankerpunkt ethischer oder politischer Überlegungen gemacht werden. Gefährlich werden derartige Versuche dann, wenn kulturelle Identitäten religiös begründet, intolerant und aggressiv vertreten werden. Dies zeigt besonders die Auseinandersetzung mit dem Islamismus. 

Auch unseren aufgeklärten Patriotismus können wir deshalb nicht unseren kulturellen Identitäten entnehmen. Wir müssen ihn vielmehr auf die Grundwerte unserer Verfassung begründen. Diese offene und tolerante Werteordnung aber lohnt den und bedarf des ständigen Einsatzes der Bürger. Sie muss verteidigt werden – gegen alle Ansätze der Intoleranz, aber auch gegen eine post-moderne Beliebigkeit, die im Ergebnis zur Auflösung der Grundwerte führt. 

Diesen Kampf dürfen wir nicht den „Verfassungsorganen“ überlassen. Wir müssen ihn im Alltagsleben führen – in der tiefen Überzeugung, dass auch unsere Kinder in dieser Werteordnung leben können müssen.

Di. 18. Nov. 2003, 20 Uhr
Kunsthalle Bremen, Vortragssaal
Prof. Dr. Gerd Gigerenzer, Berlin
Das Einmaleins der Skepsis – Über den richtigen Umgang mit Zahlen und Risiken
Zusammen mit: Ärztlicher Verein, Förderkreis Humangenetik, Universität Bremen

KURZFASSUNG
Die Illusion von Gewissheit: Wie kann man Risiken verstehen statt verdrängen? Der Vater der modernen Science Fiction, H. G. Wells, hat in seinen politischen Schriften prophezeit: Wenn wir mündige Bürger in einer modernen technologischen Gesellschaft möchten, dann müssen wir ihnen drei Dinge beibringen: lesen, schreiben und -- statistisches Denken. Etwa ein Jahrhundert später hat in unserem Land fast jeder lesen und schreiben gelernt – nicht aber statistisches Denken. Unsere Gesellschaft ist von einem rationalen Umgang mit Unsicherheiten und Risiken noch weit entfernt, ein Zustand, der jedes Jahr beträchtliche finanzielle Mittel, unnötige Ängste und das Leben von Bürgern kostet. In diesem Vortrag berichte ich über die „Zahlenblindheit“ von Ärzten, AIDS Beratern und Juristen.  Dann zeige ich anhand meiner Forschung, wie man mit einfachen Methoden die scheinbar unüberwindliche Zahlenblindheit von Laien und Experten aufheben und in Einsicht verwandeln kann.

Literatur: Gigerenzer, G. (2002). Das Einmaleins der Skepsis. Über den richtigen Umgang mit Zahlen und Risiken. Berlin Verlag, 2002.

Mo. 1. Dez. 2003, 20 Uhr
Obere Rathaushalle
Prof. Dr. Dr. h. c. Ruth Schmidt-Wiegand, Marburg/Lahn
Das geschriebene Recht in der mittelalterlichen Stadt
Festvortrag anlässlich des 700jährigen Jubiläums der Kodifizierung des Bremer Stadtrechts am 1.12.2003
Zusammen mit: Historische Gesellschaft, Institut für Geschichte, Juristische Gesellschaft Bremen, MAUS, Gesellschaft für Familienforschung, Staats- und Universitätsbibliothek, Staatsarchiv Bremen, Stiftung Bremer Dom, Universität Bremen, Vereinigung für Bremische Kirchengeschichte

KURZFASSUNG
Vor 700 Jahren beschlossen in Bremen Rat und Gemeinde, das in der Stadt angewandte Gewohnheitsrecht in einem Codex aufschreiben zu lassen. Man folgte damit einer zeitbedingten Strömung, die allgemein zur Verschriftlichung des Rechts in der Volkssprache führte und dabei das Buch als neues Medium innerstädtischer Kommunikation entdeckt hatte. 

Das älteste Stadtrecht von Bremen, das vor 1308 fertiggestellt worden ist, spiegelt diese Entwicklung wider. An seinem Test, an Aufbau und Form, an Wort und Begriff lässt sich erkennen, welche Bedeutung und Funktion das geschriebene Recht in einer mittelalterlichen Stadt generell besaß und welche Erwartungen sich an seine Aufzeichnung knüpfte.

Der Vergleich mit anderen Rechtsbücherhandschriften aus privatem und städtischen Besitz zeigt, dass das Bremer Stadtrecht eine Spitzenstellung einnimmt.

Di. 9. Dez. 2003, 18 Uhr
Kunsthalle Bremen, Vortragssaal
Prof. Dr. Wulf Herzogenrath, Bremen
Die 5 Phasen des Bauhauses
Zusammen mit: Kunstverein in Bremen, Neues Museum Weserburg Bremen, VDI Bremer Bezirksverein

KURZFASSUNG
Thema des Vortrags mit vielen Dias ist die Grundfrage, ob es überhaupt richtig ist, von einem Bauhaus-Stil zu reden, denn der Gründer des Bauhauses, der Architekt Walter Gropius, wurde nicht müde, dies mit dem Argument abzulehnen: „das Bauhaus ist eine Idee“. Dann ist allerdings die Frage erlaubt, in welcher Form materialisiert sich die Idee – und was bleibt von dieser Idee sichtbar in den verschiedenen Stilformen.

Das Bauhaus hat eine gleichlange Lebensphase wie die Weimarer Republik und erlebt daher auch viele Wandlungen von den expressiven, utopiegläubigen Anfängen nach dem Zusammenbruch des Kaiserreiches und den Schrecken des Ersten Weltkriegs bis zum Beginn der Nazi-Zeit.

Die fünf höchst unterschiedlichen Phasen werden an Hand der unterschiedlichen Gestaltungen der Gebrauchsobjekte und der Architektur sinnfällig – und am Ende, hofft der Vortragende, steht die Antwort, dass es nicht EINEN Bauhaus-Stil gibt, sondern sehr unterschiedliche Stilvorstellungen im Laufe der 14 Jahre – die sich grob vereinfacht in 5 Phasen gliedern lassen.

Wulf Herzogenrath promovierte über die Wandbilder des Bauhaus-Meisters Oskar Schlemmer (Prestel Verlag München 1973), bearbeitete den Katalog der internationalen Wanderausstellung des Auswärtigen Amtes „50 Jahre Bauhaus“ 1968-71. Er kuratierte die Ausstellung „bauhaus utopien, arbeiten auf papier“ 1988 im Kölnischen Kunstverein. Er ist seit 1994 Direktor der Kunsthalle Bremen.

Di. 13. Jan. 2004, 20 Uhr
Kunsthalle Bremen, Vortragssaal
Prof. Dr. Friedemann Schrenk, Frankfurt
Afrika – Die Wiege der Menschheit
Zusammen mit: Bremer Gesellschaft für Vorgeschichte, Förderkreis Humangenetik, Olbers-Gesellschaft, Übersee-Museum Bremen, Universität Bremen, Verband Deutscher Biologen

KURZFASSUNG
Das vergangene Jahrzehnt gehört zu den glanzvollsten Zeiten in der Geschichte der Paläoanthropologie. Allerdings wurden mit der Vergrößerung der Familie afrikanischer Hominiden, unserer frühesten Vorfahren, die Verwandtschaftsverhältnisse recht unübersichtlich. Der Stammbaum wurde zum Stammbusch. Zwar herrscht mancherorts immer noch die Auffassung vor, die Evolution des Menschen hätte zielgerichtet und gradlinig von den Menschenaffen zum Homo sapiens geführt. Jedoch belegen gerade die Fossilienfunde der letzten Jahre eine große geographische Vielfalt an Vormenschen-Typen in der Frühzeit des Menschen.

So wird auch die Suche nach unserem eigenen Ursprung immer verzweigter. Es ist die Fahndung nach den Vorfahren von Menschenaffen und Menschen, nach der Entstehung des aufrechten Ganges, nach der ersten Auswanderung aus Afrika und nach dem Beginn der Kultur. Von besonderer Bedeutung – neben der Anwendung neuer Untersuchungsmethoden – sind hierbei multidisziplinäre Forschungsansätze zur Evolutionsökologie des Menschen und seiner Ausbreitungsgeschichte in Abhängigkeit von Klima- und Lebensraumveränderungen.

Afrika war die Wiege der Menschheit. Hier entwickelten sich vor etwa 6 Millionen Jahren die aufrechtgehenden Vormenschen, deren Gehirn noch kaum größer war als das der Menschenaffen. Die Frühzeit des Menschen war geprägt durch gravierende Klimaänderungen. Vor knapp 3 Millionen Jahren änderten sich die Tier- und Pflanzenwelt und die Nahrungsgrundlage für die frühen Menschen.

Di. 20. Jan. 2004, 20 Uhr
Kunsthalle Bremen, Vortragssaal
Prof. Dr. Sabine Rieckhoff, Leipzig
Fromm oder barbarisch? – Die Religion der Kelten
Zusammen mit: Bremer Gesellschaft für Vorgeschichte, Förderkreis antiker Kunst und Numismatik, Historische Gesellschaft, Vereinigung der Freunde der Antike

KURZFASSUNG
An der Religion scheiden sich die Geister. In keinem anderen Bereich ist kulturelle Identität so verletzlich wie im religiösen Leben, und das seit Jahrtausenden. Das "Kopftuch" ist kein modernes Problem. Religion verbindet uns mit unserer Vergangenheit mehr als alle anderen kulturellen Errungenschaften.

Religion war und ist ein faszinierendes Kommunikationssystem, das lediglich in Symbolen existiert, die dennoch höchst konkrete rituelle Realitäten geschaffen haben, die von Kleiderordnungen und Speisetabus bis zu blutigen Opfern reichen. Die Rituale selbst haben sich von Epoche zu Epoche geändert, aber nicht die Tatsache, dass nur der als fromm gilt, der an den Ritualen Teil nimmt; wer diese dagegen in Frage stellt, wird zum Feind.

Der Vortrag thematisiert den Widerspruch zwischen Innen- und Außensicht anhand der Epoche der Kelten (6. - 1. Jh. v.Chr.). Griechen und Römer hielten die Kelten für Barbaren schlechthin, weil sie ihre Tempel plünderten, ihre Götter beleidigten und damit die religiöse, d.h. ethisch-moralische Ordnung der antiken Gesellschaft bedrohten. Deshalb fiel es hellenistischen Machthabern nicht schwer, die Zuwanderer aus dem Norden als Feinde der Zivilisation zu brandmarken, um damit von eigenen Grausamkeiten abzulenken. So entstand das Klischee vom kriegswütigen und brutalen, beutegierigen und unzuverlässigen, trunksüchtigen und prahlerischen Kelten, das in spaßiger Form bis in die Tage von Asterix & Co. überlebt hat.

Die Kelten selbst dürften sich dagegen als tief religiös betrachtet haben. Das überliefern nicht nur antike Schriftsteller, das erweist auch die archäologische Forschung. Gräber und Heiligtümer, Opfer und magische Rituale haben ihre Spuren im Boden hinterlassen. Sie verraten uns, welche Vorstellungen die Kelten sich von göttlichen Wesen gemacht haben und wer die geheimnisumwitterten Druiden gewesen sein könnten. Im Mittelpunkt der Forschung stehen die unterschiedlichen Opferriten. Die verschwenderische Vielfalt der Weihegaben wirkt auf uns heutige ebenso fremd wie deren absichtliche Zerstörung oder die Versenkung der verbogenen, verbrannten, verwesten Gaben in Schächten oder Gewässern. Am fremdartigsten, ja barbarisch wirken die Menschenopfer, die es zweifellos gegeben hat, aber neue Ausgrabungen sprechen dafür, dass der Tod von den Betroffenen keineswegs als Strafe empfunden worden sein muss. In diesem und vielen anderen Bereichen haben moderne archäologische Untersuchungen unser Wissen über die Religion der Kelten entscheidend verändert. So entsteht allmählich ein farbiges, nichtsdestotrotz sachlicheres Bild als es Griechen und Römer tradiert haben, aber auch populäre Medien vermitteln.

Di. 27. Jan. 2004, 20 Uhr
Kunsthalle Bremen, Vortragssaal
Prof. Dr. Henning Scheich, Magdeburg
Wie lernt der Mensch?
Zusammen mit: Hanse-Wissenschaftskolleg, Übersee-Museum Bremen, Universität Bremen, VDI Bremer Bezirksverein, Verband Deutscher Biologen

Di. 3. Feb. 2004, 20 Uhr
Kunsthalle Bremen, Vortragssaal
Olbers-Sitzung
Prof. Dr. Günther Gustav Hasinger, München
Das Schicksal des Universums
Zusammen mit: Deutsche Gesellschaft für Luft- und Raumfahrt, Naturwissenschaftlicher Verein, Olbers-Gesellschaft, VDI Bremer Bezirksverein

KURZFASSUNG
Die Erkenntnis über die Entstehung und Entwicklung unseres Universums hat in den letzten Jahren dramatisch zugenommen. Die Galaxienfluchtbewegung, die Struktur der Mikrowellen-Hintergrundstrahlung und die kosmische Häufigkeit der leichten Elemente lassen sich in einem selbstkonsistenten Modell erklären, in dem das Universum vor 13.7 Milliarden Jahren in einem extrem heißen Feuerball entstanden ist – dem „Urknall“. Die weitere Entwicklung des Universums – die Abkühlung, die Ausbildung großräumiger Strukturen, die Entstehung von Galaxienhaufen, Galaxien, Ster­nen und Planeten lässt sich einerseits durch detaillierte kosmologische Simulationen beschreiben, andererseits mit immer empfindlicheren Teleskopen und Detektoren, sowie immer ausgefeilteren Beobachtungstechniken vermessen. Durch Vergleich von Beobachtungen und Theorie können die das Universum bestimmenden Parameter wie Masse, Energie und die Geometrie des Raumes abgeleitet werden. Nach neuesten Erkenntnissen ist das Universum dominiert durch die sogenannte „Dunkle Materie“, eine bisher völlig unbekannte Art von Materie, die etwa 85% der Gesamtmasse des Universums ausmacht. Völlig überraschend war die Entdeckung einer, das Universum dominierenden „Dunklen Energie“, welche die Expansion weiterhin exponentiell beschleunigt, so dass in unvorstellbar weit entfernter Zukunft das Universum kalt, dunkel und leer sein wird.

Di. 10. Feb. 2004, 20 Uhr
Stadtwaage Bremen, Vortragssaal, Langenstraße 13
Prof. Dr. Dr. h. c. Hans G. Trüper, Bonn
Die Mikroben – Funktionen im Naturhaushalt und Bedeutung für den Menschen
Zusammen mit: Naturwissenschaftlicher Verein, Übersee-Museum Bremen, Universität Bremen, Verband Deutscher Biologen

KURZFASSUNG
Infolge ihrer Kleinheit und der dadurch bedingten scheinbaren Unsichtbarkeit für das menschliche Auge werden die Mikroben in ihrer essentiellen Bedeutung vom Laien (einschließlich Politikern, Geisteswissenschaftlern, vielen Naturwissenschaftlern und sogar zahlreichen Biologen.) völlig unterschätzt. Obwohl wir alle ständig mit Mikroben in Kontakt sind bzw. zu tun haben, werden sie von den meisten Menschen lediglich als eine Gefährdung oder Bedrohung gesehen.  Dabei sind ihre benefiziellen  Wirkungen  von weitaus größerer,  ja essentieller  Bedeutung sowohl für die Entstehung des Lebens auf der Erde, die Erhaltung der ökologischen Gleichgewichte dieses Planeten als auch für den einzelnen Menschen.

Folgende lapidare Sätze werden im Verlauf des Vortrags  erörtert: -  Alles Leben auf der Erde stammt von Mikroben ab (Mikroben in der Evolution, Prokaryonten und Entstehung von Eukaryonten, Symbiontenhypothese). – Mikroben haben die Erde erst für höheres Leben bewohnbar gemacht (Mikroben als Gestalter der Biosphäre, Entstehung des molekularen Sauerstoffs, geobiologische Zyklen der Elemente Sauerstoff, Kohlenstoff, Stickstoff und Schwefel, Biomasse). – Mikroben leben friedlich mit uns (Mikroben als Ektosymbionten des Menschen, Bedeutung der mikrobiellen Haut- und Darmflora). – Mikroben sind schädlich (Mikroben als Feinde des Menschen, Materialzerstörer, Lebensmittelzerstörer und –vergifter, Erreger von Infektionskrankheiten, Herkunft der menschlichen Infektionskrankheiten, historische Auswirkungen). – Mikroben sind außerordentlich nützlich und technisch einsetzbar (Mikroben als Helfer des Menschen, Rezyklisierung von Abfällen, Bio- und Gentechnologie, Antibiotika u.a.)

Di. 2. März 2004, 20 Uhr
Kunsthalle Bremen, Vortragssaal
Prof. Dr. Gottfried Boehm, Basel
Jenseits der Sprache? – Die Kraft der Bilder
Zusammen mit: Ärztlicher Verein, Gerhard-Marcks-Stiftung, Gesellschaft für Deutsche Presseforschung, Kunstverein in Bremen, Neues Museum Weserburg Bremen, Philosophische Gesellschaft in Bremen, Universität Bremen

Di. 16. März 2004, 20 Uhr
Kunsthalle Bremen, Vortragssaal
Prof. Dr. Klaus Jung, Mainz
Wein und Gesundheit
Zusammen mit: Ärztlicher Verein, Deutsche Pharmazeutische Gesellschaft, Weinkonvent zur Rose, Förderkreis antiker Kunst und Numismatik

KURZFASSUNG
´Use, not abuse, neither abstinence or excess ever rendered man happy´ soll Voltaire auf Befragung zu seinem täglichen Weinkonsum geantwortet haben. Pasteur sprach ´von einer Mahlzeit ohne Wein wie von einem Tag ohne Sonne´. Der Volksmund fasst es drastisch in eigene Worte: ´Wird einer früh vom Tod getroffen, so heißt´s: Er hat zu viel gesoffen. Stirbt einer von den Alten, so heißt´s: Der Wein hat ihn erhalten´.

Tatsächlich ist anzunehmen, dass bereits vor 40 Millionen Jahren regenwaldbewohnende Primaten bestimmte Fruchtbäume wegen ihres Zuckergehalts trotz großer Entfernungen und saisonaler Reifezeiten regelmäßig aufsuchten, offenbar auch deshalb, weil ihnen die vergorenen Früchte besonders mundeten.

Die frühe Entwicklung von Ortsgedächtnis und Riechorgan waren zwangsläufige Folgen. Als Beweis wird das  bereits in diesem Stadium der Evolution entwickelte Enzymsystem  ADH/ALDH angeführt, welches speziell für die Alkoholverstoffwechselung ausgelegt ist.

Paracelsus stellte im Zusammenhang mit dem Weinkonsum sieben Genussregeln auf, welche bis zum heutigen Tag gültig sind (Genuss braucht Zeit; Genuss muss erlaubt sein; Genuss geht nicht nebenbei; Genuss ist individuell; Genuss ist Maßhalten; Genuss erfordert Erfahrung; Genuss ist alltäglich).

Im Elisabeth-Hospital in Darmstadt wurden in der ersten Jahreshälfte 1871 für 755 Patienten insgesamt 11352 Flaschen Wein ausgegeben (4633 x Weißwein, 6233 x Rotwein u. a.), d. h. 15 Flaschen je Patient.

Bei Abwägung des Umgangs mit Wein in früheren Zeiten entsteht der Eindruck, dass Weinkonsum durchaus als Genuss, gesundheitsförderlich, lebensverlängernd  angesehen wurde, aber – bei höherer Zufuhr – auch schnell gegenteilige Folgen zeitigen kann.

Was davon kann mit heutigen naturwissenschaftlichen Methoden nachvollzogen werden, was ist nicht haltbar?  

Auswirkung von Wein auf einzelne Organsysteme:
Positive Wirkungen eines mäßigen, regelmäßigen Weinkonsums werden auf alle Organsysteme bezogen. 

Im Bereich der Verdauungsorgane wurde entgegen dem Konsum von Kaffee und Nikotin bei Verzehr von über 75g Alkohol pro Woche  (täglich ca. 1 Glas Wein à 0,2 l) eine statistisch hochsignifikant geringere Infektionsrate mit Helicobacter pylori (Magengeschwüre auslösend) gefunden. Die Gallensteininzidenz verringert sich. 

Weintrinker zeichnen sich durch  statistisch hochsignifikant höhere Lungenfunktionskapazitäten aus. Insbesondere Weißwein verringert die Häufigkeit von Erkältungskrankheiten. 

Mäßiger, regelmäßiger Weinkonsum verringert die Häufigkeit von Hüftfrakturen, wie sich aus der Kopenhagen-Studie eindeutig ergibt, wohl als Folge einer höheren Knochendichte. Der Calcium-Stoffwechsel wird angeregt, die Knochendurchblutung gefördert. Auch die Inzidenz an rheumatoider Arthritis scheint abzunehmen. 

Im Vergleich zu Abstinenzlern nimmt bei mäßigen Weintrinkern die Insulinsensitivität   zu, der Plasmainsulinspiegel fällt ab, Triglyceride verringern sich und die HDL-Konzentration nimmt zu. Auch eine Glukosebelastung führt bei mäßigen Konsumenten zu geringeren Anstiegen von Glukose und Insulin. Die Health Professionals Follow-up Study in USA ergab über 6 Jahre bei 41800 Teilnehmern zwischen 40 und 75 Jahren einen deutlichen Abfall der Diabetesinzidenz um 39 Prozent gegenüber einer Kontrollgruppe. Bei prämenopausalen Frauen lässt sich über mäßigen, regelmäßigen Weinkonsum eindeutig der Oestradiol-Spiegel anheben (von 332 pmol/l bei abstinenten Frauen auf 365 pmol/l bei 6-72 g Alkohol/Wo bis 396 pmol/l  bei über 72 g Alkohol//Wo), eine wichtige Teilursache für die geringe Inzidenz an koronarer Herzkrankheit und die höhere Knochendichte. 

Im Bereich der ableitenden Harnwege führt mäßiger Weinkonsum bekanntlich zu einer Steigerung des Harnflusses, zu einer Durchblutungsförderung und zu einer Zunahme der Ausscheidung hochkonzentrierter Plasmabestandteile. Nierensteine kommen  signifikant seltener vor.

Auch das Immunsystem reagiert in typischer Weise auf Wein. Im Tierversuch kam es zu einer eindeutig besseren Abwehr auf die Inokulation von toxischen Mykobakterien. Nichtrauchende Mäßigtrinker verzeichneten die höchsten Spiegel der Immunglobuline IgA, IgG und IgM. Dadurch lassen sich eine Erhöhung der Entgiftungsfunktionen gegenüber Toxinen, Bakterien und Viren, eine Herabsetzung der Lebensfähigkeit vieler Mikroorganismen (z.B. Escherichia coli, Staphylokokken) sowie eine Erhöhung und Aktivitätssteigerung der oxidativen Kapazität bewirken. 

Auch zum Zentralnervensystem gibt es Positives zu berichten. Höheres Denkvermögen und bessere Urteilskraft wurden bei Weintrinkern nachgewiesen, ebenso eine Performance, die sich aus allgemeinem Erinnerungs- und Denkvermögen, optischer und akustischer Wahrnehmung, visuellem Gedächtnis und Wiedererkennen, Auffassungsgabe, verbalem Erinnerungsvermögen, verbalem Lernen, logischem Denken und Urteilen, sprachlicher Eloquenz sowie psychomotorischer Koordination und Geschwindigkeit zusammensetzt. Die Inzidenz von M. Alzheimer und Demenz ist bei mäßigen Weintrinkern eindeutig verringert. 

Mainzer Weinstudie

Sie sollte einerseits Auswirkungen eines mäßigen, regelmäßigen Weinkonsums auf das Herz-Kreislauf-System aufdecken, andererseits die Frage beantworten, ob sich Rot- oder Weißwein als der bessere Schutzfaktor gegen die Entwicklung von Herz-Kreislauf-Krankheiten bewährt. Beide Fragen ließen sich beantworten, frühere Erkenntnisse aus Kalifornien und Frankreich bestätigen und neue Erkenntnisse zu Weinen deutscher Provenienz gewinnen. Die Ergebnisse sind ausführlich in Herz-Kreislauf 31,1 (1999) 25-31 beschrieben (´Veränderungen des KHK-Risikoprofils durch moderaten Rotwein – im Vergleich Weißweinkonsum´) 90 gesunde Männer im Alter zwischen 45 und 60 Jahren, vergleichbar bezüglich anthropometrischen Daten, Ernährung, Laborwerten und Lebensstil, frei von Krankheiten, wurden nach dem Zufallsprinzip auf drei Gruppen verteilt (1 Rotwein-,   1 Weißwein- und eine Wassergruppe). Acht Wochen lang sollte jeder Teilnehmer zum Abendessen, je nach Gruppenzugehörigkeit, 0,375 l Rotwein (2 Glas), 0,375 l Weißwein (2 Glas) bzw. 0,4 l Wasser (2 Glas) trinken, ohne in der übrigen Zeit andere Alkoholika zuzuführen.

Untersuchungstermine waren vor Beginn bzw. nach Ende der Testphase (ausführliche körperliche Untersuchung, Gewicht, Blutdruck, EKG) und nach 1, 4 und 8 Wochen, wobei an allen Terminen (6 x) eine Blutentnahme und –untersuchung auf 14 herzrelevante Parameter erfolgte.

Als herausragendes Ergebnis wurde eine Absenkung des herzaggressiven Parameters Fibrinogen gefunden (am stärksten durch Weißwein, geringer durch Rotwein, am wenigsten durch Wasser). Die durch die Fibrinogenabsenkung herabgesetzte Blutgerinnung vermindert die Bildung von Blutpfropfen in den Gefäßen und schützt somit vor der koronaren Herzkrankheit und Herzinfarkt.

Weißwein erhöht das herzprotektive HDL-Cholesterin am stärksten (+ 3,7 mg/dl), es folgen Rotwein (+ 2,5 mg/dl) und Wasser (-0,6 mg/dl).

HDL transportiert Cholesterin aus den Körperzellen, insbesondere aus den Gefäßwänden, zurück zur Leber, wo es verstoffwechselt wird. Ein hoher HDL-Cholesterinwert ist daher ein Schutzfaktor gegen Gefäßverkalkung (Atherosklerose) und damit gegen die koronare Herzkrankheit und Herzinfarkt.

Die antioxidative Kapazität lässt sich durch mäßigen, regelmäßigen Weißweinkonsum am stärksten erhöhen, weniger stark durch Rotwein, während Wasser keinen Einfluss ausübt. Die antioxidativen Phenole im Wein schützen vor den schädigenden Sauerstoffradikalen, sie wirken antioxidativ. Gefäßschäden wie Gefäßwandverdickung, Lumeneinengung bis zum Verschluss werden dadurch verhindert.

Werden protektive mit den aggressiven Faktoren hinsichtlich ihrer Veränderungen durch Weinkonsum aufsummiert, ergeben sich verblüffende Ergebnisse. Wenngleich keine signifikanten Unterschiede auftraten (zu wenige Probanden, zu kurze Testphase), der Trend ist überdeutlich: Zum Aufbau von Schutzfaktoren gegen die Entwicklung von Herz-Kreislauf-Krankheiten scheint Rotwein besser als Weißwein und vor allem als Wasser geeignet zu sein. Liegen Risikofaktoren vor, ergibt sich ein besserer Effekt durch mäßigen Konsum von Weißwein im Vergleich zu Wasser und zu Rotwein. Die Effekte von Weißwein treten langsamer als diejenigen von Rotwein auf, im Endergebnis unterscheiden sich die Auswirkungen aber eher wenig. 

Festzuhalten bleibt, dass Weingenuss insgesamt, sofern mäßig und regelmäßig konsumiert, zu vielen positiven Adaptationen der einzelnen Organsysteme führen kann, welche nicht nur subjektiv angenehm empfunden werden, sondern auch objektiv gesundheitsförderlich wirken.

Di. 30. März 2004, 20 Uhr
Stadtwaage Bremen, Vortragssaal, Langenstraße 13
Prof. Dr. Jürgen Mittelstraß, Konstanz
Europa erfinden. Über die europäische Idee, die europäische Kultur und die Geisteswissenschaften
Zusammen mit: Philosophische Gesellschaft in Bremen

KURZFASSUNG
Von Europa ist heute vor allem unter politischen und ökonomischen Gesichtspunkten die Rede. Auch seine zukünftige Rolle und seine gewünschte Stärke werden meist im Politischen und Ökonomischen gesucht. Dabei wird übersehen, dass Europas wahre Stärke in seiner Kultur und in Ideen und Werten liegt, die diese Kultur schufen. Sofern diese heute vergessen wurden, müssen sie wieder entdeckt werden – vielleicht sogar in der Weise, dass wir das, was wir suchen, erst wieder erfinden müssen, um es zu entdecken. Dazu gehört auch das Projekt Europa, unter kulturellen Aspekten betrachtet. 

Der Vortrag wird sich zunächst mit einigen allgemeineren Aspekten eher historischer Art befassen, die sich auf die Herkunft eines Projekts Europa bzw. einer Idee Europa und auf klassische literarische und philosophische Stellungnahmen und Einschätzungen beziehen, dann mit spezifischen europäischen Ideen und Werten, die ich einem gemeinsamen kulturellen Willen Verdanken. Zu diesen Ideen und Werten gehörten zum Beispiel Gleichheit und Freiheit, Selbstbestimmung, Toleranz und eine argumentative Vernunft, die auch die Wissenschaft hervorbrachte. Ferner soll von dem besonderen Verhältnis zwischen europäischer Kultur und den Geisteswissenschaften, die diese Kultur zu ihrem wesentlichen Gegenstand haben, die Rede sein. Man darf – und auch das soll deutlich werden – Europa, das Projekt und die Idee Europa, nicht allein den Politikern überlassen. Die Politik neigt dazu, alles zwischen einem gut gemeinten Ökonomismus und einem falsch verstandenen Utopismus zu zerreiben; und was dabei herauskommt, euphemistisch als Kunst des Möglichen deklariert, ist oft nur ein halbherziger Realismus, dem die konzeptionelle und ideelle Lust ausgegangen ist. In diesem Punkt tut ein Schuss Idealismus gut, in dem sich das eigentliche Europa, seine Idee und seine Stärke zu erkennen geben.

Di. 20. April  2004, 20 Uhr
Kunsthalle Bremen, Vortragssaal
Prof. Dr. Hans Kloft, Bremen
Goethe, Rom und die Antike
Zusammen mit: Bremer Ortsvereinigung der Goethe-Gesellschaft, Förderkreis antiker Kunst und Numismatik, Gerhard-Marcks-


KURZFASSUNG
Rom war von der Antike an ein Anziehungspunkt für Reisende, Schriftsteller und Künstler. Nach dem Zusammenbruch des Imperium Romanum wandelte sich die Kaiserresidenz zur Stadt der Päpste. Das Interesse der Reisenden galt nun den Heiligen, den Märtyrern, den Reliquien und den an sie gerichteten Erwartungen.

Mit der Renaissance traten an die Stelle der christlichen die säkularen "Heiltümer", die herausragenden Zeugnisse der antiken Kunst, zu denen die Kunstpilger nun wallfahrten und die durch Winckelmann im 18. Jh. kanonisiert wurden. Goethe, sein Rom- und Italienerlebnis steht in diesem Kontinuum.

Der Vortrag versucht, in Wort und Bild nachzuzeichnen, was Goethe in Rom gesehen und erlebt hat, wie er die Antike verstanden und sich zu eigen gemacht hat: Ein klassisches "Erlebnis" in seiner bewundernswerten Größe und auch in seiner Begrenztheit, das prägend geworden ist weit über das 19. Jahrhundert  hinaus.

 

 

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Vortragssaison 2002/2003

Mi. 4. Sept. 2002, 19 Uhr
Festsaal der Bremischen Bürgerschaft
Prof. Dr. Jürgen Meyer, Berlin/Freiburg 
Wie sollte die künftige Europäische Verfassung aussehen? -
Ein Werkstattbericht aus der Arbeit des Europäischen Verfassungskonvents 
Zusammen mit: Bremische Bürgerschaft, Juristische Gesellschaft Bremen

Di. 22. Okt. 2002, 19 Uhr
Obere Rathaushalle
Feierlicher Eröffnungsvortrag
Prof. Dr. Detlev Ganten, Berlin
Medizinische und gesellschaftliche Lehren aus der Genomforschung

Kurzfassung des Vortrages

KURZFASSUNG
"Medizinische und gesellschaftliche Lehren aus der Genomforschung"
, Genomforschung, die Forschung an Stammzellen, Präimplantationsdiagnostik, Reproduktionsmedizin, reproduktives und therapeutisches Klonen und andere gentechnische Methoden der Medizin, sind Reizworte der aktuellen Diskussion und durch Beiträge unterschiedlichster Art in den letzten Wochen und Monaten in Bezug auf ihre medizinische Anwendung, aber auch hinsichtlich der gesellschaftlichen Folgen bereichert worden. Es haben u.a. Stellung genommen: die Enquete Kommission des Deutschen Bundestages, der Nationale Ethikrat, die Kirchen Deutschlands, europäische Gremien und Kommissionen, zahlreiche Wissenschaftsorganisationen, Ärztevereinigungen, Fachgesellschaften auf nationaler und internationaler Ebene, Parlamente und Regierungen. Neue Gesetze wurden verabschiedet oder werden vorbereitet.

Die Ergebnisse dieser vielfältigen Beschäftigungen sind bemerkenswert unterschiedlich, zum Teil völlig entgegengesetzt. Immer geht es um die Fragen: Was können Kranke von den neuen wissenschaftlichen Methoden erwarten? Werden schicksalhafte Erkrankungen heilbar? Aber auch: Mit welchen wissenschaftlichen Methoden wollen und dürfen wir forschen? Welche Zellen, Materialien, Forschungsobjekte stehen zur Verfügung? Welche Anwendungen der Forschung wollen wir erlauben? Wie können wir Missbrauch verhindern? Was bleibt unantastbar?

Politisch sind diese Fragen durch den Gesetzgeber zu entscheiden, zu hinterfragen ist allerdings, wie weit es möglich ist, durch spezifische gesetzgeberische Maßnahmen Ergebnisse zukünftiger Forschung überhaupt zu regeln.

Andere Länder finden andere Lösungen: England, Belgien, Holland, Schweden, Australien, Japan, Israel sind durch einen eher liberalen wissenschaftsfreundlichen Kurs gekennzeichnet. In USA gibt es eine klare Trennung zwischen den öffentlich finanzierten und dem privaten Bereich. In Deutschland wird die Diskussion bezüglich des für und wider der Grenzen der Wissenschaft auf hohem akademischen Niveau geführt – aber bevor die Diskussion zu einem Ende gekommen ist, sind die Wissenschaftler, um deren Forschung es geht, zum Teil nicht mehr im Lande: ausgewandert, nicht zurückgekehrt oder auf anderen Forschungsgebieten tätig, weil die Förderung fehlt.

Die Zukunftsfähigkeit eines Landes wie Deutschland hängt zunehmend von seiner Forschung auf vielen verschiedenen Gebieten ab, von denen einzelne Forschungsthemen immer auch kontrovers sein werden. Die Wissenschaft kann nur gedeihen in einem Klima gegenseitiger Achtung und Vertrauens sowie gesellschaftlicher Akzeptanz. Die derzeitige Stammzelldiskussion hat in diesem Sinne einen über den aktuellen Anlass hinausgehenden wichtigen exemplarischen Stellenwert. Entscheidend ist auch das Vertrauen der Politik und der Gesellschaft in die Wissenschaft und in die Selbstkontrolle wissenschaftlicher Organisationen und des wissenschaftlichen Prozesses.

Ethik ist eine wissenschaftliche Methode, die sich kritisch mit den geltenden Normen von Moral und Akzeptanz auseinandersetzt. Die wissenschaftliche Methode wird sich nur begrenzt ändern, wohl aber ändern sich die gesellschaftlich akzeptierten Normen, wie uns die Betrachtung der Wissenschaftsgeschichte zeigt. Gleichwohl haben bioethische Grundsätze Bestand. Dazu gehören die Achtung vor dem Leben, die Unantastbarkeit der Menschenwürde und das Recht auf Selbstbestimmung.

Di. 29. Okt. 2002, 20 Uhr
Stadtwaage Bremen, Vortragssaal, Langenstraße 13
Prof. Dr. Jörg Stadelbauer, Freiburg/Brsg. 
Russland zwischen Traditionsorientierung und Globalisierung  
Mit Lichtbildern
Zusammen mit: Geographische Gesellschaft, VDI Bremer Bezirksverein

KURZFASSUNG
Der Zusammenbruch des Sowjetsystems und der Zerfall der Sowjetunion haben einerseits Kräfte freigesetzt, die über Jahrzehnte keine Wirkung entfalten können; andererseits war die mit diesem Zusammenbruch beginnende Transformation im politischen, wirtschaftlichen und sozialen Bereich eine wesentliche Voraussetzung für die Teilhabe aller Nachfolgestaaten am Globalisierungsprozess. In dieser Übergangsphase begann Russland, sowohl ältere Traditionen wieder zu beleben als auch Modernisierung zu betreiben. Mehr als ein Jahrzehnt nach diesem Vorgang ist es gerechtfertigt, eine Zwischenbilanz zu ziehen.

Es zeigt sich, dass mit dem Nebeneinander beider Wege eine weitere Zunahme ohnehin vorhandener interner Disparitäten und Gegensätzlichkeiten verbunden war. So tritt in der Gegenwart die Hauptstadt Moskau mit einer hohen Konzentration nationaler Aufgaben immer stärker als Vorreiter der Globalisierung hervor, während andere Gebiete, insbesondere entlegene, verkehrsferne ländliche Räume, aber auch altindustrialisierte Gebiete mit geringerem Innovationspotential, eher als Verlierer in diesem Prozess anzusehen sind.

Entwicklungen zum Traditionalismus, wie etwa die Förderung des kulturellen Erbes oder die Wiederbelebung der orthodoxen Kirche, beschränken sich dagegen nicht auf die Hauptstadt – es sei denn, es verbinden sich damit politische Zielsetzungen. Aber zusätzlich muss wesentlich stärker regional differenziert werden: Russland beherbergt Angehörige nicht-slawischer Völker, Anhänger nicht-orthodoxer Glaubensrichtungen und erscheint offen für eine Vielzahl von Lebensentwürfen. Dazu kommen ganz unterschiedliche wirtschaftliche Potentiale und Ausrichtungen, die einerseits der (regionalen) Eigenversorgung dienen, andererseits aber auch zunehmende Außenkontakte in das alltägliche Handeln einbeziehen. Die grenznahe Lage einiger Regionen erfährt eine Umbewertung, wenn mit Grenzöffnung zugleich der Zugang zu neuen Kontakten und Handelspartnern verbunden ist. Insgesamt entsteht dadurch ein außerordentlich vielfältiges Bild an Raumstrukturen und Orientierungen. Dies wenigstens beispielhaft aufzuzeigen und dabei insbesondere den Chancen Russland im Rahmen der Globalisierung nachzugehen, ist das Ziel dieses Vortrages.

Mi. 6. Nov. 2002, 20 Uhr
Neues Museum Weserburg, Bremen
Dr. Hans-Jürgen Heinrichs, Heidelberg
Wahrnehmen und Falschnehmen - vom Betrachten alltäglicher und künstlerischer Phänomene
Zusammen mit: Kunstverein in Bremen, Neues Museum Weserburg Bremen, Übersee-Museum Bremen

KURZFASSUNG
Die Fragilität dessen, was wir als eine normale, alltägliche Wahrnehmung begreifen, wird uns erst deutlich, wenn wir durch eine Einschränkung des Sehens und Hörens oder anderer Sinneseindrücke aus der Wahrnehmungsvielfalt herausgerissen werden. Bereits kleine Veränderungen (etwa bei einem Unfall), im Besonderen aber tiefer greifende Irritationen können auf tragische Weise unser ganzes Weltbild zerstören, indem sie verhindern, dass wir unsere Eindrücke von Sehen, Hören und Fühlen integrieren, in Raum und Zeit verorten und zu einem Ganzen fügen.

Allein die Tatsache, dass Welt im Auge sich abbildet oder im Ohr wie in einem Echoraum widerhallt, verdankt sich Tausenden und Abertausenden von Botschaftern und wundersamen Zuträgern, derer man zuvor niemals gedacht hatte. Erst ein Ausbleiben oder der völlige Verlust von Nachrichten oder gar das Auftreten von Falschmeldungen zeigen Konturen eines schöpferischen Vorgangs, den wir Wahrnehmung nennen.

Hans-Jürgen Heinrichs erörtert in seinem Vortrag die komplexen Bedingungen der Wahrnehmung, auch auf den Grundlagen der modernen Hirnforschung, erläutert die philosophische Wahrnehmungslehre oder Aisthetik und die psychoanalytischen Vorstellungen der phantasmatischen Anteile in unserer Wahrnehmung. An konkreten Beispielen einer komplexen Wahrnehmungsverzerrung (wie dem Tinnitus) oder der willentlich erzeugten Sinnesveränderung durch Drogen wird deutlich, wie schnell die Stabilität und Selbstverständlichkeit des Koordinatensystems im eigenen Erleben und Wahrnehmen ins Wanken geraten, ja ausgehebelt werden. Subjektivität, Objektivität und Natur, Stimmungen, Befindlichkeiten und äußere Bedingungen sind aufs engste miteinander verknüpft. Schließlich werden noch in einem kulturgeschichtlichen Überblick der Wandel in der alltäglichen und künstlerischen Wahrnehmung (etwa in der Malerei und Musik) im 20. Jahrhundert dargestellt und die Unterschiede zwischen dem Sehsinn und dem Hörsinn erläutert.

Do. 28. Nov. 2002, 20 Uhr
Bremer Bank, Kundenhalle, Domshof
Prof. Dr. Johannes Deckers, München 
Erotische Motive in der spätantiken Kunst  
Mit Lichtbildern
Zusammen mit: Dante-Gesellschaft, Förderkreis antiker Kunst und Numismatik, Historische Gesellschaft, Vereinigung der Freunde der Antike

KURZFASSUNG
Anders als gemeinhin angenommen, sind Darstellungen erotischen Inhalts in der spätantiken und frühbyzantinischen Kunst (4.-7. Jahrhundert n. Chr.) nicht tabu. Wie schon in der römischen so geben auch in dieser Epoche die Illustrationen zu den weiterhin lebendigen, klassischen Mythen einen willkommenen Anlass, sich diesem immer aktuellen Thema zuzuwenden. Aber auch Bilder zu biblischen Episoden erotischen Inhalts, wie etwa die der versuchten Verführung Josephs durch die Gattin Potiphars, sind in der Kunst dieser Zeit zu finden. Auffallend ist jedoch, dass derartige biblische Themen gleichzeitig in künstlerisch höchst unterschiedlichen Fassungen auftauchen. Ursache hierfür dürfte ein jeweils andersartiger gesellschaftlicher und funktionaler Kontext sein.

Do. 12. Dez. 2002, 20 Uhr
Bremer Bank, Kundenhalle, Domshof
Prof. Dr. Bassam Tibi, Göttingen 
Orient und Okzident - Christentum und Islam. Historische Impressionen  
Zusammen mit: Historische Gesellschaft, Institut für Geschichte, Stiftung Bremer Dom, Verein für Niedersächsisches Volkstum, Vereinigung für Bremische Kirchengeschichte, 

Kreuzzug gegen Djihad? – Toleranz für Islam, wehrhafte Demokratie gegen Islamisten
von Herbert Risz

Für Europa war der Islam immer ein Stachel im Fleisch. Kann man sich mit ihm vertragen, ohne die eigenen Werte aufzugeben? Bassam Tibi sucht in seinem neuen Werk „Kreuzzug und Djihad“ die Wurzeln dieser Beziehung bloßzulegen. Anders als frühere Bücher des Autors ist dieses außerordentlich informationsreiche Werk in einem klaren Flüssigen Stil geschrieben, der die Lektüre zum Vergnügen macht. Reste arabischer Rhetorik wirken eher belebend.

Islam und Christenheit bekämpften und befruchteten einander immer wieder. Das Heute ist in dieser Sicht Station einer globalen Geschichte. Sie sind die einzigen, die sich als universal verstehen. Zum Unterschied vom Christentum, das als Friedensbotschaft auftrat, trat der Islam als Eroberer in die Geschichte. Genauer, er begann mit einer Welle von als göttlicher Auftrag begründeten Kriege, um die Welt den islamischen Frieden zu bringen. Nach einer ersten Periode der Ausbreitung im Westen bis Frankreich und im Osten in den Iran erreichte dieser Islam die Grenzen seiner Möglichkeiten.

Tibi vertritt die These von Henri Pirennes, des französischen Historikers, der in der Geburt des Abendlandes eine europäische Antwort auf die islamische Herausforderung sah. Die islamischen Zentren Bagdad und Cordoba konnten zur Heimstätte von Philosophen und Mathematikern werden, die griechisches und iranisches geistiges Erbe aufarbeiten. Die Machtpolitiker Karl der Große und Harun al Raschid waren wieder um gute Nachbarschaft besorgt. Politik und Kulturaustausch passten zusammen. Doch dann „erschien auf der Synode von Piacenza im März 1095 ein Gesandter des byzantinischen Basileus, der wegen Gefährdung seines Reiches um christliche Hilfe bat“. Zwar nicht gegen den arabischen Djihad, sondern gegen die seldukischen-turkmenischen Stämme, doch instrumentalisierte Papst Urban II. auf dem Konzil von Clermont im November 1095 den Hilferuf für den ersten Kreuzzug gegen den Islam, obwohl es mit dem zur Zeit gar keine Probleme gab. Damit brach eine fast vier Jahrhunderte dauernde Periode gegenseitigen Abschlachtens aus, bei der abwechselnd Kreuzritter, Djihadkämpfer, Türken und Mongolen die Bewohner eroberter Städte abschlachteten und weite Landstriche verwüsteten. Religion wurde ein immer schwächerer Vorwand für barbarische Beutezüge. Aus all dem Grauen ging als Erbe das Reich der osmanischen Türken hervor, bis sie sich an Wien einerseits und am mohammedanischen Iran andererseits die Zähne ausbissen. Auf der Strecke blieben das verfeinerte Ostchristenreich Konstantinopels und die humanistische Tendenz im Islam, die ihre Blüte in Bagdad und Cordoba gehabt hatte.

In Bassam Tibis Sicht brachten die Türken eine neue Dimension in den Islam. Wo die arabischen Glaubenskämpfer auszogen, den Glauben zu verbreiten, betrachteten sie sich stets als Eroberer, zuerst der bereits islamischen Gebiete. Erst später erhoben sie ihre Kriegszüge auf den Balkan zum Djihad. Die erste Welle der gewaltsamen Ausbreitung des Islam war verebbt, als infolge verlorener Schlachten die Kriegsbeute als Motivation der Beduinenkrieger wegfiel. Man beschränkte sich nun auf die Bewahrung des Erkämpften. Ähnlich erging es der türkischen Version des Djihad. Angesichts der wachsenden militärischen Überlegenheit de Westens begnügten sich die Sultane nun damit das Eroberte zu halten. Im vorigen Jahrhundert brach dann das Osmanenreich zusammen, worauf nach dem Ersten Weltkrieg Kemal Atatürk begann das türkische Kerngebiet zu modernisieren. Doch dies krankt nach Tibi am gleichen Übel wie alle derartigen Versuche der arabo-muslimischen Welt: Man glaube, es sei mit der Übernahme der Technik getan und wolle nicht verstehen, dass die technischen und wissenschaftlichen Erfolge einer ganzheitlichen gesellschaftlichen Logik entspringen.

In der mittelalterlichen Hochblüte des Islam bauten arabische Mediziner und Philosophen wie Averroes und Avicenna auf dem Wissen der griechischen und iranischen Antike weiter und „entfalteten die Lehre von der ‚doppelten Wahrheit’ ... Nach Averroes gab es neben der religiösen Wahrheit der Offenbarung eine an der Vernunft orientierte philosophische Wahrheit“. Seine These stellte die Verbindung zwischen den arabischen Rationalisten und der christlichen Welt her. Doch nicht nur im christlichen Abendland wurden Ketzer verbrannt, die mit diesen neuen Gedanken „das theozentrisch-kirchliche Weltbild“ bedrohten. bereits zu Lebzeiten Averros’ wurden dessen Schriften immer wieder von den Vertretern der islamischen Figh genannten Version der Inquisition verbrannt.

Im Westen blieb die Renaissance in dieser Auseinandersetzung siegreich, im islamischen Raum die Figh-Orthodoxie. Islamisten versichern immer wieder, es gebe keinen Widerspruch zwischen moslemischem Glauben und Wissenschaft. Dagegen zitiert Tibi unter anderen den saudischen Professor Jaafer Sheik Idris:  Für ihn als Muslim sei es „obligatorisch ... meine Annahmen anhand koranischer oder prophetischer Texte zu beweisen und zu zeigen, dass sie von solchen Texten hergeleitete werden können“, denn „solange die Welt ein Werk Gottes ist, und Religion das Wort Gottes ist, (müssen) genuine empirische Aussagen, die die Welt beschreiben, und authentisch religiöse Aussagen notwendigerweise wahr sein und können sich daher nicht gegenseitig widersprechen.“

Die islamische Welt, zeigt Tibi ausführlich, sieht in ihrem Zurückfallen und im Erfolg des Europäismus, wie er die Ausbreitung der westlichen Zivilisation nenn, einen Ausdruck des fortdauernden Kreuzzuges der Christen gegen den Islam. Ist also der „Zusammenstoß der Zivilisationen“ unvermeidlich? als Vertreter des islamischen Rationalismus ist Tibi nicht ohne Hoffnung, doch müssten „westliche Werte wie Demokratie und individuelle Menschenrechte auch im Dialog gegen jeden Neo-Absolutismus verteidigt werden“, wie er sich im islamischen Raum immer stärker durchsetzt. „An der Grenze Europas zur Welt des Islam gilt die Suche nach einer internationalen Moralität ... Die Schlussfolgerung lautet: Toleranz dem Islam, wehrhafte Demokratie dem Islamismus gegenüber.“

Kreuzzug und Djihad
Der Islam und die christliche Welt
von Bassam Tibi
Bertelsmann Verlag, München 1999

ISBN 3-442-15195-3

Di. 21. Jan. 2003, 20 Uhr
Stadtwaage Bremen, Vortragssaal, Langenstraße 13
Dr. Antonia Kesel, Saarbrücken 
Bionik - Lernen in der Innovationswerkstatt Natur für die Technik der Zukunft
Mit Lichtbildern
Zusammen mit: Hochschule Bremen, Naturwissenschaftlicher Verein, Übersee-Museum Bremen, VDI Bremer Bezirksverein

KURZFASSUNG
Lernen von der Natur für eine potentielle anthropogene Anwendung" ist Gegenstand der anwendungsorientierten Wissenschaftsdisziplin Bionik Ursprünglich zwischen Bio- und Ingenieurwissenschaften angesiedelt, umfasst diese vom interdisziplinären Charakter geprägte Disziplin heute Physik, Mathematik, Informatik, Chemie, Pharmazie, Medizin, Materialwissenschaften, Elektrotechnik, Maschinenbau, Architektur bis hin zu Design und Psychologie.

Dabei die Idee ist nicht neu. Bereits seit Jahrhunderten versuchen Menschen, um des technologischen Fortschritts Willen, von der Natur zu lernen. Sei es, um den alten Menschheitstraum vom Fliegen zu verwirklichen (da Vinci, ca. 1500; Lilienthal 1889), alternative Antriebsmechanismen nach dem Vorbild der Fische zu entwickeln (Li 1905), oder etwa Kräne und Brücken nach der Skelettkonstruktion der Säugetiere zu bauen (Paxton 1850, Thompson 1917). Haben wir gestern noch von Haien gelernt, die Reibungsverluste an Oberflächen zu minimieren und von Lotuspflanzen, wie Oberflächen sich selbst reinigen, so stehen heute, Dank zunehmend verfeinerter Messverfahren, nano-technologische "Produkte der Natur" im Vordergrund. Längst scheinen die potentiellen Knowhow-Transfers aus der Natur in die Technik dem Bereich der Science Fiction zu entstammen. 

So zählen DNA-Computer, Biogel-Akkumulatoren, arifizielle Tunnelproteine, um nur einige wenige zu nennen, zu selbstverständlichen Tools zukünftiger Technologien. Wir haben den Nanobereich erobert und beginnen das immense Innovationspotential der "molekularen Natur" zu erahnen. Zudem offerieren die modernen Analyseverfahren zunehmend detailliertere Einsichten in die basalen Konstruktionsprinzipien biologischer Systeme und Strukturen. Hier imponieren energieeffiziente Prozesse, dezentrale Steuermechanismen, funktionsadaptierende Strukturdesigns und smarte Materialien auf allen Hierarchieebenen. 

Dabei heißt "Lernen von der Natur" vor allem die Interaktion von Material, Struktur und Funktion natürlicher Konstruktionen und Systeme zu verstehen. Immer gilt es hier die hochkomplexen Strukturen innerhalb eines mehrdimensionalen Umfeldes zu analysieren. Keine einfache Aufgabe, aber zumindest zeigt uns das Vorbild Natur die Machbarkeit auf: selbst unter Einbeziehung multipler Optimierungskriterien in einem mehrdimensionalen Spannungsfeld können funktionstüchtige Lösungskonzepte realisiert werden. 

Demnach ist die Beschäftigung mit den Vorlagen der Natur gleichermaßen Schulung wie Herausforderung unserer Kreativität. Und - und nicht zuletzt: die hochkomplexen Systeme und Strukturen erzwingen den interdisziplinären Dialog. Neue Kommunikationsmodelle sind ebenso gefordert wie die Anwendung des Methodenkanons aller uns heute und in Zukunft zur Verfügung stehenden Wissenschaftsdisziplinen. Hier sind insbesondere heutige wie künftige Bildungssysteme und -institutionen gefordert, neben der spezifischen Ausbildung innerhalb der Fachrichtungen interdisziplinäre Inhalte in die Bildungskonzepte zu implementieren.

Di. 11. Febr. 2003, 20 Uhr
Bremer Bank, Kundenhalle, Domshof
Olbers-Sitzung
Prof. Dr. Reimar Lüst, Hamburg 
Astrophysik und Weltraumfahrt
Zusammen mit: Deutsche Gesellschaft für Luft- und Raumfahrt, Naturwissenschaftlicher Verein, Olbers-Gesellschaft, VDI Bremer Bezirksverein

KURZFASSUNG
Die Weltraumtechnik hat zu völlig neuen Erkenntnissen über den Kosmos, die Sternsysteme, die Sterne und unser Planetensystem geführt. Während die kosmischen Objekte vom Erdboden aus nur in einem sehr beschränkten Wellenlängenbereich – dem optischen und dem Radio Bereich – beobachtet werden können, ist es mit Hilfe von Raketen und Satelliten möglich, die Begrenzung durch die Erdatmosphäre auszuschalten und so die von den kosmischen Objekten imitierte Strahlung in allen Wellenlängenbereichen zu empfangen. Die Himmelskörper unseres eigenen Planetensystems, die Planeten und Kometen, konnten mit Sonden unmittelbar aufgesucht und aus großer Nähe beobachtet werden. Aber auch der Einsatz von Astronauten war für die astrophysikalischen Beobachtungen von besonderer Bedeutung. Denn diese ermöglichten die Wartung und sogar die Reparatur eines großen Weltraumtelesk
ops.

Di. 18. Febr. 2003, 20 Uhr
Stadtwaage Bremen, Vortragssaal, Langenstraße 13
Prof. Dr. Dieter Borchmeyer, Heidelberg 
Goethe und Johann Sebastian Bach  
Zusammen mit: Bremer Ortsvereinigung der Goethe-Gesellschaft

KURZFASSUNG
Goethe gehörte - was zu seiner Zeit alles andere als selbstverständlich war - zu den großen Bewunderern, ja man darf behaupten: Kennern der Musik Bachs. Sie ist für ihn, weitab von der Subjektivität der modernen Kunst, ein objektives Ereignis - wie ein Naturgeschehen. "Es ist mir, als wenn ich von ferne das Meer brausen hörte", schreibt er am 28. März 1829 an Zelter nach dessen ausführlichem Bericht über Felix Mendelssohn Bartholdys erste Gesamtaufführung der Matthäus-Passion.Die bedeutendste Äußerung Goethes über Bach steht in einer Fortsetzung seines Briefs an Zelter vom 21. Juni 1827: "Ich sprach mir's aus: als wenn die ewige Harmonie sich mit sich selbst unterhielte, wie sich's etwa in Gottes Busen, kurz vor der Weltschöpfung möchte zugetragen haben; so bewegte sich's auch in meinem Innern und es war mir als wenn ich weder Ohren, am wenigsten Augen und weiter keine übrigen Sinne besäße noch brauchte."  Eine für den Augen- und Sinnenmenschen Goethe höchst ungewöhnliche Äußerung. Hans Georg Gadamer hat sie in seiner Studie Bach und Weimar (Weimar 1946) mit Hegels Idee der Logik auf einen Nenner gebracht, nennt dieser doch in seiner Philosophie der Weltgeschichte die Logik "das ewige Leben Gottes in sich selbst, gleichsam vor Erschaffung der Welt". Gadamer bezeichnet Goethes Wort über Bach als "Lichtblitz", mit dem "das Weimar der deutschen Klassik auf das Weimar Johann Sebastian Bachs antwortet" - das zu Goethes Zeit so gut wie vergessen war.

Di. 25. Febr. 2003, 20 Uhr 
Stadtwaage Bremen, Vortragssaal, Langenstraße 13
PD Dr. Dieter Hertel, Bochum 
Troia - Geschichte und Mythos 
Mit Lichtbildern
Zusammen mit: Bremer Gesellschaft für Vorgeschichte, Förderkreis antiker Kunst und Numismatik, Vereinigung der Freunde der Antike

KURZFASSUNG
Meist wird davon ausgegangen, dass eine der beiden spätbronzezeitlichen Schichten von Troia, d. h. entweder Troia VI oder Troia VII a, Schauplatz eines historischen Kerns der Sage vom Troianischen Krieg war, d. h. dass mykenische Griechen Troia um 1300 oder 12000 v. Chr. eingenommen haben. Eine Analyse der in Frage kommenden Zerstörungsschichten zeigt jedoch, dass keine bzw. keine ausreichenden Indizien auszumachen sind, die es erlauben, das Ende dieser beiden Siedlungen auf Eroberungen, und erst recht nicht durch mykenische Griechen, zurück zu führen (letzteres ist auch aus anderen archäologischen sowie aus historischen Gründen mehr als unwahrscheinlich): Troia VI ging offenbar durch ein Erdbeben zugrunde, Troia VII a eher durch eine Brandkatastrophe als durch menschliche Gewalt. Selbst wenn diese Niederlassung erobert worden wäre, dann käme als Urheber dieses Geschehens ein aus dem Balkan stammendes Volk in Frage, denn die auf Troia VII folgende Siedlung Troia VII b 1 war stark von einer balkanischen Kultur geprägt.  Darüber hinaus ergeben archäologischer Befund und historische Überlegungen, dass sich die Sage vom Troianischen Krieg erst mit der Besiedlung Troias durch Aioler, d. h. durch letztlich aus Mittelgriechenland kommende Griechen, um 1000 v. Chr. zu entwickeln begann und sich n der immer noch intakten Ringmauer von Troia VI/VII, die der griechischen Niederlassung, d. h. Troia VIII, als Stadtmauer diente, entzündete. Auf diesen Sachverhalt weist auch eine quellenkritische Analyse der Sagenüberlieferung hin, die allerdings im Rahmen des Vortrages nur kurz angesprochen werden kann: Eine solche Untersuchung zeigt, dass ein historischer Kern des Mythos so gut wie nicht vorhanden ist.

Di. 4. März 2003, 20 Uhr
Stadtwaage Bremen, Vortragssaal, Langenstraße 13
Prof. Dr. Arnulf Kutsch, Leipzig 
Propaganda statt Information - Medien und Journalismus im "Dritten Reich"  
Zusammen mit: Gesellschaft für Deutsche Presseforschung, Staats- und Universitätsbibliothek


KURZFASSUNG
Durch rechtlichen Maßnahmen, personelle Säuberungen und gezielten Terror sowie durch die Errichtung von staatlichen und Partei-Institutionen zur Lenkung und Kontrolle der Medien und des Journalismus gelang es der nationalsozialistischen Diktatur sehr rasch nach Hitlers Machtergreifung, die Publizistik in Deutschland >gleichzuschalten<, d. h. unter ihre Kontrolle zu bringen. Das gelang nicht zuletzt auch deshalb, weil namentlich die bürgerliche Presse und ihre Berufsangehörigen (Verleger, Journalisten), aber auch andere publizistische Medien wie der Rundfunk, keinen entscheidenden Widerstand gegen die Machtergreifung und die >Gleichschaltung< leisteten. 

Der Vortrag stellt diese Institutionen, an ihrer Spitze das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda, dar und zeigt, wie u. a. durch die inhaltliche Lenkung der Medien und ihre ökonomische Steuerung der Journalismus in ein immer engeres Korsett der nationalsozialistischen Propaganda gepresst wurde. Diese Propaganda schränkte die Funktion der Medien auf die Rolle als >politische Führungsinstrumente< ein, und der Journalist sollte >Gefolgsmann des Politikers<, mithin des nationalsozialistischen Regimes, sein. 

Trotz der ungeheuren Propagandamaschienerie zur Regie des öffentlichen Lebens in Deutschland ist es dem Regime weder gelungen, eine einheitliche Propaganda zu verbreiten, noch erzielte die Propaganda während des >Dritten Reiches< stets die beabsichtigten Wirkungen.

Di. 25. März 2003, 20 Uhr
Stadtwaage Bremen, Vortragssaal, Langenstraße 13
Prof. Dr. Victor Smetacek, Bremerhaven 
Ist die künstliche Düngung des Ozeans eine Möglichkeit für den Klimaschutz?  
Mit Lichtbildern
Zusammen mit: Universität Bremen, Naturwissenschaftlicher Verein


KURZFASSUNG
Daten aus Eisbohrkernen haben gezeigt, dass globale Temperaturänderungen während Kalt- und Warmzeiten mit starken Schwankungen in der Konzentration von Kohlendioxid (CO2) in der Atmosphäre einhergegangen sind. Da der Ozean fünfzigmal mehr CO2 als die Atmosphäre enthält, ist wahrscheinlich, dass Veränderungen in den Austauschprozessen zwischen Ozean und Atmosphäre für die Schwankungen verantwortlich sind. Eine entscheidende Rolle im globalen Kohlenstoffhaushalt spielen die freischwebenden, einzelligen Algen des Planktons (Phytoplankton). Durch ihr Wachstum in der lichtdurchfluteten Oberflächenschicht wird CO2, das dort im Gleichgewicht mit der Atmosphäre steht, in Biomasse umgewandelt. Das dabei erzeugte Defizit wird durch die Lösung von atmosphärischem CO2 wieder ausgeglichen. Ein Teil der von Algen erzeugten organischen Materie wird in der Oberflächenschicht von Bakterien und Tieren wieder zu CO2 veratmet, aber ein Teil sinkt in tiefere Schichten oder bis zum Boden und wird erst dort abgebaut. Ein Rest verbleibt im Sediment. Der Teil, der aus der Oberflächenschicht herausfällt, ist dem Austausch mit der Atmosphäre für längere Zeit entzogen. Es verdichten sich die Hinweise, dass Schwankungen in der Produktivität des Phytoplanktons und somit im Export von Kohlenstoff in tiefere Schichten des Ozeans für die erdgeschichtlichen Schwankungen in der Konzentration von CO2 in der Atmosphäre verantwortlich sind.

 

 

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Vortragssaison 2001/2002

Di. 13. Nov. 2001, 20 Uhr
Bremer Bank, Kundenhalle, Domshof
PD Dr. Hartmut Polenz, Münster
Die Varusschlacht – das Ereignis im Spiegel der Forschung und seine Rezeption in der Kunst seit mehr als 500 Jahren
Mit Lichtbildern
Zusammen mit: Bremer Gesellschaft für Vorgeschichte, Förderkreis antiker Kunst und Numismatik, Historische Gesellschaft, Vereinigung der Freunde der Antike

KURZFASSUNG
Kein anderes historisches Einzelereignis aus deutschen Landen ist allseits so bekannt wie die Varusschlacht im sogenannten Teutoburger Wald, wo im Jahre 9 nach Chr. Geburt drei römische Legionen unter dem Befehl des Statthalters P. Q. Varus von germanischen Verbänden vernichtend geschlagen wurden. Wichtigster Anführer der Germanen war Arminius der Cherusker, in Deutschland im Volksmund üblicherweise als Hermann bezeichnet. Tausende von Schriften aber auch das 1875 bei Detmold eingeweihte "Hermannsdenkmal" haben den Mythos dieses Schlachtgeschehens in breiten Bevölkerungskreisen verankert. Seit über 500 Jahren, nachdem in der Renaissancezeit die antiken Berichte über dieses Kampfgeschehen wieder entdeckt worden waren, beschäftigt das Thema neben vielen Berufshistorikern insbesondere unzählige Laienforscher, die immer wieder erneut den Ort der Schlacht zu bestimmen suchen. Nach ersten Lokalisierungsbemühungen, die zum Ende des Mittelalters begonnen haben, sind bis heute mehr als 750 Theorien geäußert worden, wo denn nun das Schlachtfeld gelegen haben solle. Dabei steht seit dem Ende der 80er Jahre des 20. Jahrhunderts vor allem der Ort Kalkriese - wenig nördlich von Osnabrück - aufgrund zahlreicher Ausgrabungsfunde und -befunde im besonderen Rampenlicht der öffentlichen Diskussion. Neben den vielfachen historischen Betrachtungen und Versuchen zur Lokalisierung während der vergangenen fünf Jahrhunderte spielten aber die Varusschlacht und die Figur des Germanenfürsten Arminius, der von dem römischen Schriftsteller Tacitus als "Befreier Germaniens" tituliert wurde, auch in Literatur und bildender Kunst zeitweise eine herausragende Rolle, so gab der Stoff u.a. Anlass zu zahlreichen Opern und noch mehr Schauspielen, insbesondere in der Zeit der Aufklärung und während der Romantik. Diese literarischen Werke inspirierten ihrerseits wiederum viele Künstler zu entsprechenden Illustrationen der vielfältigen Schilderungen. Dem Thema Varusschlacht bzw. der Akzentuierung auf den Aspekt der "Befreiung Germaniens vom römischen Joch" kam außerdem im politischen Raum über die Jahrhunderte hinweg immer wieder Bedeutung zu, so schon im Zeitalter der Reformation oder dann später, etwa zur Zeit Ludwig XIV. und Napoleons, als man den "Erzfeind" Frankreich mit Rom gleichsetzte. Gerade die Befreiungskriege 1813/14 und der Frankreichfeldzug 1870/71 mit der anschließenden Gründung des neuen deutschen Kaiserreiches boten hervorragende Anlässe zu intensiver Beschäftigung mit dem historischen Ereignis im sogenannten Teutoburger Wald, das später in völkischen und nationalsozialistischen Kreisen auch nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg weiterhin aktuell blieb.

 

Di. 20. Nov. 2001, 20 Uhr
Kunsthalle Bremen, Vortragssaal
Dr. Volker Probst, Güstrow
Repräsentanten der Menschheit – Ernst Barlachs Figurenzyklus ›Gemeinschaft der Heiligen‹ (1930–1932) in Lübeck
Mit Lichtbildern
Zusammen mit: Gerhard Marcks-Stiftung, Der Kunstverein in Bremen

KURZFASSUNG
Als im Oktober 1929 der Lübecker Museumsdirektor, Dr. Carl Georg Heise, den Bildhauer Ernst Barlach in Güstrow besuchte, konnten weder er, noch der Künstler ahnen, dass sich aus dieser Begegnung eine enge Zusammenarbeit entwickeln würde. In den folgenden Jahren befasste sich Barlach mit einem - nicht nur für sein Werk - monumentalen Figurenzyklus für die Westfassade der Katharinenkirche in Lübeck. Auch in der Kunstgeschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nimmt dieses Werk in Verbindung mit den Figuren von Gerhard Marcks einen solitären Rang ein.

Der Vortrag befasst sich unter anderem mit folgenden Fragen:
Aus welchen Motivkreisen entwickelt Barlach die Einzelfiguren?
Auf welche ikonographischen Vorbilder greift Barlach zurück und in welcher Weise finden sie sich bei ihm wieder?
Welche Stellung hat Barlachs Werk in der Bauplastik des frühen 20. Jahrhunderts?
Welchen Beitrag hat Barlach zur Denkmalsfrage seiner Zeit geleistet?

Die Geschichte des Figurenfrieses "Gemeinschaft der Heiligen" von Ernst Barlach und Gerhard Marcks verdeutlicht auch ein Stück deutscher Geistes- und Kulturgeschichte zwischen Weimarer Republik, "Drittem Reich" und Bundesrepublik Deutschland.

Di. 27. Nov. 2001, 20 Uhr
Kunsthalle Bremen, Vortragssaal
Josef Kind
Bremens Beitrag zur Internationalen Raumstation ISS
Zusammen mit: Deutsche Gesellschaft für Luft- und Raumfahrt, Olbers-Gesellschaft, VDI Bremer Bezirksverein

KURZFASSUNG
Seit 40 Jahren kann sich Bremen als "Stadt der Luft- und Raumfahrt" präsentieren. Heute beherbergt die Hansestadt das industrielle Zentrum der bemannten Raumfahrt in Europa. Mit der Gründung des "Entwicklungsring Nord" im Jahre 1961 wurde der Startschuss für diese Entwicklung gegeben. Keimzelle für die kommenden Raumfahrtaktivitäten war die Triebwerkserprobung, die in Zusammenarbeit mit der deutschen Forschungsanstalt für Luftfahrt e.V. aufgenommen wurde. Später kamen dann Beteiligungen an Satellitenprogrammen und Versuche für die dritte Stufe der Europarakete hinzu. Schließlich führten die Beteiligung an europäischen Kommunikationssatelliten, die Beauftragung für die Zweitstufenintegration der Ariane 4 und später die Übertragung der Stufenverantwortung dazu, dass heute der Raumfahrtstandort Bremen eine internationale Spitzenstellung einnimmt. Schließlich wurde mit dem Hauptauftrag für das druckbeaufschlagte, in der Ladebucht des Space Shuttle einzusetzende  Weltraumlabor "Spacelab" der Eintritt in die bemannte Raumfahrt markiert. In 22 Missionen  führten 149 Astronauten an Bord dieses Labors Experimente durch. Der Erfolg von Spacelab zeigte, dass Deutschland bemannte Raumfahrtmissionen von der Konstruktion, bis hin zur Planung und Durchführung komplett beherrschen kann. Somit liegt der Schluss nahe, dass sich Bremen auch an dem technologisch ehrgeizigsten Projekt beteiligt, dass sich die Menschheit bisher vorgenommen hat: der Internationalen Raumstation ISS. 

Mit der ISS werden einmalige Möglichkeiten zur Forschung für die Erde aus dem All geschaffen. Sie ist weltweit der Wissenschaft geöffnet und stellt als Zeichen der friedlichen Nutzung des Weltraumes ein Symbol der Völkerverständigung dar. 14 Länder aus Amerika, Asien und Europa haben sich mit diesen Zielen zusammengefunden. Deutschland verbindet mit der Beteiligung an der Raumstation forschungs-, wirtschafts- und außenpolitische Ziele. Insbesondere durch die Förderung von vielseitigen Forschungsarbeiten und der Schaffung von Anreizen für den Bildungsnachwuchs wird die Festigung des Wissenschaftsstandortes Deutschland vorangetrieben.  Mit Abmessungen von 110m Länge, 80 m Breite und 45m Höhe, und einer Gesamtmasse von 500 metrischen Tonnen, ist die ISS das größte von Menschen erstellte Gebilde im Weltraum. 1200 Kubikmeter Innenraum stehen der internationalen Forschung zur Verfügung. In einer Höhe von ca. 400km sollen bis zu sieben Astronauten beherbergt werden. Die größte sichtbaren europäischen Beiträge zur Internationalen Raumstation stellen das Logistikfahrzeug ATV und das Labormodul COLUMBUS dar. Letzteres ist ein 8 Meter langes Druckmodul, das permanent an die ISS gedockt ist und bis zu drei Astronauten ein Arbeiten unter normaler Atmosphäre erlaubt. ATV ist ein unbemanntes Fahrzeug zur Ver- und Entsorgung der ISS. Darüber hinaus dient es zur Bahnanhebung der ISS und soll später Nutzlastenträgeraufgaben übernehmen. Gestartet wird ATV mit der Ariane 5. Beide Programme werden maßgeblich in Bremen von Astrium durchgeführt. Im Rahmen von Columbus ist der Hauptauftrag für die Entwicklung und Produktion, für ATV ist die Führung von Subsystemen, Integration, Test und die Fertigung gewonnen worden. Darüber hinaus ist die industrielle Verantwortlichkeit für die Nutzung von COLUMBUS in Bremen  vorgesehen. Somit führt Astrium die durch ERNO begonnene Entwicklung des Raumfahrtstandortes Bremen erfolgreich fort.  Der von Astrium erwirtschaftete Umsatz wird auch durch Zulieferungen von Firmen aus dem Bremer Umland abgearbeitet. Damit profitiert die ortsansässige Wirtschaft in großem Maße von der bemannten Raumfahrt. Unterschiedlichste Branchen wie Maschinenbau, Informationsverarbeitung, Werkstofftechnik bis hin zu Forschungsinstituten und Medientechnik erhalten Aufträge aus der Raumfahrt.   Raumfahrt in Bremen bedeutet eine starke gegenseitige Stärkung von Industrie, Politik und Wissenschaft durch Beteiligung und Beauftragung von wissenschaftlichen Einrichtungen und Instituten im Rahmen der Technologieentwicklung. Sie bedeutet auch Ausbildung von Nachwuchs in erfolgversprechenden, zukunftsorientierten Berufen. In 40 Jahren  hat sich eine enge Verbindung zwischen der Raumfahrt und dem Bremer Standort herausgebildet. Beide, sowohl die Raumfahrt als auch die Hansestadt und ihre Umgebung profitieren voneinander. Die Raumfahrt nutzt das hochqualifizierte Arbeitskräftepotential, wissenschaftliche Einrichtungen, politische Rahmenbedingungen und die vorhandene Infrastruktur. Bremen erhält  neben Arbeitsplätzen in der Hochtechnologie und handfestem wirtschaftlichen Nutzen eine deutliche Unterstützung bei der Profilierung eines zukunftsorientierten Images.  Diese enge Zusammenarbeit unterschiedlichster Institutionen schlägt sich auch in zukünftigen Vorhaben, wie der Entwicklung von wiederverwendbaren Raumtransportern nieder, wie sie im Programm Phoenix vorangetrieben wird. Gemeinsam rüsten sich also Industrie, Wissenschaft und Politik, um auch in Zukunft die Erfolgsstory der "Raumfahrt made in Bremen" fortzuschreiben.

Di. 4. Dez. 2001, 20 Uhr
Stadtwaage Bremen, Vortragssaal, Langenstraße 13
Dr. Frank Schirrmacher, Frankfurt
Der entzifferte Mensch – die biotechnische Revolution und die Gesellschaft
Zusammen mit: Ärztlicher Verein, Förderkreis Humangenetik, Naturwissenschaftlicher Verein, VDI Bremer Bezirksverein, Verband Deutscher Biologen

 

Di. 5. Feb. 2002, 20.15 Uhr
Vortragssaal Kunsthalle Bremen, Am Wall 207
Olbers-Sitzung
Prof. Dr. Harald Lesch, München
Sind wir allein im Universum?
Mit Lichtbildern
Zusammen mit: Deutsche Gesellschaft für Luft- und Raumfahrt, Naturwissenschaftlicher Verein, Olbers-Gesellschaft, VDI Bremer Bezirksverein

KURZFASSUNG
Die Weltbevölkerung verdoppelt sich zur Zeit etwa alle 40 Jahre. Das Erdklima und andere Lebensbedingungen auf unserem Planeten verändern und verschlechtern sich global gesehen zunehmend. Wird es für die Bewohner der Erde in Zukunft einmal erforderlich sein, unseren Heimatplaneten zu verlassen? Wird dies in der Realität wirklich einmal möglich sein? Gibt es geeignete Lebensbedingungen für uns Menschen auch auf anderen Planeten, die entfernte Sterne umkreisen? Können wir diese Planeten mit den zukünftigen technischen Möglichkeiten auch wirklich erreichen? Werden wir dort auf andere, freundlich oder feindlich gesinnte Lebewesen treffen? Können wir mit diesen Lebewesen auf Grund der großen Entfernungen der Himmelsobjekte voneinander überhaupt kommunizieren? Oder aber: "Sind wir allein im Universum?". Dies alles sind Fragen, die sich heute viele Menschen, nicht nur Star-Trek Fans, stellen. Wir haben mit Harald Lesch einen kompetenten und an solchen populären Fragestellungen interessierten, aus Presse, Rundfunk und Fernsehen bekannten Wissenschaftler eingeladen, der uns an diesem Abend seine Meinungen zu diesem Thema insbesondere auch aus astrophysikalischer Sicht darstellen wird. Den Zuhörern seiner Vorträge wird schnell bewusst werden, wie wichtig Kenntnisse über die Dimensionen des Kosmos und die in ihm ablaufenden physikalischen Prozesse sind, um eine realistische Einschätzung der zugrundeliegenden Probleme bei der Beantwortung der gestellten Fragen geben zu können. Man muss einiges über die Entstehung, die Entwicklung und den Tod von Sternen und Galaxien wissen, um abschätzen zu können, wie groß eigentlich die Chancen sind, auf einem Planeten ähnlich unserer Erde überhaupt geeignete Lebensbedingungen antreffen zu können. Was genau ist eigentlich Leben? Welches sind die erforderlichen Lebensbedingungen? Wie bedroht ist der Entwicklungsprozess unseres Lebens durch die im Universum ablaufenden Prozesse, durch sogenannte kosmischen Katastrophen, etwa durch Planetoiden-Einschläge, durch Supernova-Explosionen? Harald Lesch wird auf viele dieser Fragen für manche Zuhörer auch überraschende Antworten aus astrophysikalischer Sicht geben.

Di. 12. Feb. 2002, 20 Uhr
Bremer Bank, Kundenhalle, Domshof
Prof. Dr. Michael Stürmer, Erlangen
Die Kunst des Gleichgewichts – das alte Reich in der europäischen Mitte
Zusammen mit: Historische Gesellschaft

Di. 19. Feb. 2002, 20 Uhr
Bremer Bank, Kundenhalle, Domshof
Prof. Dr. Alexander Demandt, Berlin
Hände in Unschuld – Pontius Pilatus in Geschichte und Mythos
Mit Lichtbildern
Zusammen mit: Förderkreis antiker Kunst und Numismatik, Stiftung Bremer Dom, Vereinigung der Freunde der Antike, Vereinigung für Bremische Kirchengeschichte

Di. 5. März 2002, 20 Uhr
Stadtwaage Bremen, Vortragssaal, Langenstraße 13
Dr. Ingrid Heermann, Stuttgart
Zur Kunst und Kultur der Aborigines Australiens
Mit Lichtbildern
Zusammen mit: Bremer Gesellschaft für Vorgeschichte, Geographische Gesellschaft, Naturwissenschaftlicher Verein, Übersee-Museum Bremen

KURZFASSUNG
Das Image der australischen Ureinwohner hat sich im 20 Jahrhundert grundlegend gewandelt. Sah man sie noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Beispiel der primitivsten Stufe menschlicher Entwicklung, schätze man sie am Ende als Symbol für eine ganzheitliche Sicht der Welt und für einen verantwortungsvollen Umgang des Menschen mit der Natur und seinem Land. Einen wesentlichen Anteil an diesem Wandel hatte die bildende Kunst, in der seit den 60er Jahren vor allem in Zentralaustralien neue Wege beschritten wurden: die heute weltberühmten Dot-Paintings in Acryl auf Leinwand oder Karton nehmen traditionelle Ausdrucksformen - ursprünglich dem geheimen, rituellen Kontext vorbehalten - auf, die Rindenmalereien in Arnhemland sind zwar äußerlich fast unverändert, werden heute aber auch für Außenstehende hergestellt mit dem Ziel, damit Fremden einen Einblick in die eigene Kultur zu geben. Die neue Zielgruppe hat veränderte Strategien in der symbolischen Anordnung, vor allem aber in den Fragen der Interpretation notwendig gemacht: Dem Wissen-Wollen der fremden Betrachter stehen die traditionellen Vorschriften über die Weitergabe geheimer Inhalte gegenüber, Vermittlung im Rahmen der eigenen Kultur verlangt nach anderen Interpretationen als sie Fremden gegeben werden können, die Symbolhaftigkeit vieler Arbeiten auf nationaler oder internationaler Ebene kann vollkommen unterschiedlich sein von der ursprünglichen Bedeutung. Auf diesem Hintergrund beleuchtet der Vortrag grundlegende Vorstellungen - Traumzeit, Land, das Recht am Bild (bzw. seinem Inhalt) und zeigt die Strategien der Anpassung an neue Designformate wie auch ein verändertes Publikum und der gleichzeitigen Bewahrung grundlegender Inhalte und Werte. Am Beispiel des Didjeridoos, das heute den Bumerang als Symbol der Aborigines abgelöst hat, wird schließlich die Frage nach der neuen, pan-australischen Identität der Aborigines angesprochen.

Di. 19. März 2002, 20 Uhr
Stadtwaage Bremen, Vortragssaal, Langenstraße 13
PD Dr. Michael Nagel
›... wie schön es ist, Jude zu sein‹ – eine deutsch-jüdische Kinderzeitschrift im Nationalsozialismus
Mit Lichtbildern
Zusammen mit: Förderverein Schulgeschichtliches Museum Bremen, Gesellschaft für Deutsche Presseforschung, Staats- und Universitätsbibliothek

KURZFASSUNG
Seit dem 18. Jahrhundert entwickelte sich im deutschen Sprachraum eine deutsch-jüdische Presse, die bis in die Zeit des Nationalsozialismus hinein Bestand hatte. Von jüdischen Journalisten - anfänglich oft Lehrern und Rabbinern - herausgegeben und verfasst, behandelten diese Zeitungen und Zeitschriften Themen, die besonders für ihre Leserschaft, das deutschsprachige Judentum, von Belang waren. Zwischen 1933 und 1938 versuchten sie, ihrem Publikum einen inneren Halt, eine Orientierung zu bieten, die es in den gleichgeschalteten, von nationalsozialistischem Ungeist beherrschten Blättern nicht finden konnte. In dieser Zeit stellt die deutsch-jüdische Presse eine publizistische Insel dar, ein Forum für Humanität und Toleranz inmitten der zunehmenden Barbarei. Die Kinder, die sich als angeblich minderwertige "Juden" unversehens aus Schule und Freundeskreis ausgegrenzt sahen, brauchten einen solchen Halt besonders. Deutsch-jüdische Publizisten und Lehrer versuchten ab 1933, ihnen praktische und ideelle Hilfen aus der bedrückenden Situation des aufgezwungenen Ghettos heraus zu bieten. Neben dem Aufbau eines eigenen Schul- und Ausbildungssystems und den Vorbereitungen zur Auswanderung sollte die Lektüre Kindern und Jugendlichen den Blick in eine bessere Welt eröffnen, wo sie Anerkennung und Sympathie finden konnten. Im Vortrag wird eine 1933 begründete deutsch-jüdische Kinderzeitschrift in ihrer Erscheinungsgeschichte und ihren inhaltlichen Hauptlinien bis zum Ende der deutsch-jüdischen Presse im November 1938 betrachtet. Ein besonderes Augenmerk gilt dabei dem Verhältnis zwischen realistischen und fiktiven Anteilen und der Sicht auf das Auswanderungsziel Palästina.

Di. 23. April 2002, 19 Uhr
Haus der Bürgerschaft, Plenarsaal
Prof. Dr. Paul Kirchhof, Heidelberg
Die kulturellen Voraussetzungen einer freiheitlichen Demokratie
Zusammen mit: Universität Bremen, Juristische Gesellschaft Bremen

KURZFASSUNG

1. Das Freiheitsangebot

Die freiheitliche Demokratie ist die beste, aber auch die anspruchsvollste Staatsverfassung. Der Staat bietet jedermann Freiheit an, ohne aber von Rechts wegen zu erzwingen, dass diese Freiheit von dem Berechtigten auch tatsächlich in Anspruch genommen wird. Der Staat weiß, dass ein freiheitlicher Rechtsstaat nur gelingen kann, wenn die überwältigende Mehrzahl der Bürger tatsächlich seine Freiheiten wahrnimmt. Die Zukunft des Staates hängt davon ab, dass er eine freiheitsfähige Jugend hat. Er ist auf Gedeih und Verderb darauf angewiesen, dass junge Menschen existieren und bereit sind, in ihrer Freiheit für diese Gemeinschaft beizutragen. Dennoch gewährt die Verfassung eine Freiheit der Ehe und der Familie; Freiheit heißt aber auch, sich gegen Ehe und Familie entscheiden zu dürfen. Sollte nun die Mehrheit der jungen Menschen sich gegen die Ehe und gegen das Kind, also die Familie entscheiden, hätten sich alle rechtmäßig verhalten, der Staat aber seine eigene Zukunft auf Grund seines Freiheitsprinzips verloren.

Unser Wirtschaftssystem baut auf das Prinzip von Berufs- und Eigentümerfreiheit, bietet jedermann an, sich zum individuellen Erwerb anzustrengen. Sollte die Mehrheit der Menschen sich entscheiden, als Diogenes in der Tonne zu leben, sich also am Wirtschaftsleben nicht zu beteiligen, hätte wiederum keiner das Recht verletzt. Der Finanzstaat aber, die soziale Marktwirtschaft hätten aufgrund ihrer Freiheit ihre eigene Grundlage eingebüßt.

Der Kulturstaat gewinnt sein Gesicht dadurch, dass die Menschen sich wissenschaftlich anstrengen für das Auffinden der Wahrheit, sich künstlerisch bemühen, das Schöne zu empfinden und auszudrücken, religiös immer wieder die Frage nach dem Unerforschlichen stellen. Würde kein Mensch dieses tun, könnte wiederum keine Rechtsverletzung gerügt werden, weil alle sich rechtmäßig verhalten, der Kulturstaat aber wäre sprach- und gesichtslos. Und stellen Sie sich vor, am nächsten Sonntag seien Wahlen, und keiner ginge hin. Die Demokratie ginge an ihrem Wahlrecht, das keine Wahlpflicht ist, zu Grunde.

Die freiheitliche Verfassung hat somit Voraussetzungen, die in der Bereitschaft und Fähigkeit des Menschen liegen, diese Freiheit anzunehmen, ohne dass der Staat aber den einzelnen zur Freiheit zwingen dürfte. Deswegen ist eine der zentralen Gerechtigkeitsprämissen in einem freiheitlichen Staat, dass wir ein Organisationsstatut zwischen Staat und Gesellschaft finden, das die Bereitschaft zur Freiheit, das meint aber auch zur Verantwortlichkeit, zur Bindungsfähigkeit in dieser Rechtsgemeinschaft gewährleistet. Wir brauchen einen Staat, der Familienpolitik, Vermögenspolitik, Bildungspolitik betreibt, der mit seinem Gemeinnützigkeitsrecht auch fördernd in die sensiblen Freiheitsbereiche von Kunst und Religion unterstützend einwirkt, indem er die individuelle Entscheidung zu einer bestimmten Kunst, zu einer bestimmten Religion aufgreift und verstärkt.

2. Die Garantie der Menschenwürde

Dieser Staat nun stellt an den Anfang seiner Verfassung, Art. 1 GG, ein Bekenntnis zur Menschenwürde. Die Verfassung, die ganz auf Rationalität, auf Erkennen angelegt ist, beginnt mit einem Bekennen. Wir haben Bekennens- und Erkennensmaßstäbe in der Verfassung, die immer zum Kennen führen, zur Nähe, zur Vertrautheit mit einem Rechtsprinzip. Das Bekenntnis zur Menschenwürde besagt: Jeder Mensch hat in seinem Dasein und seinem Sosein Personalität, deswegen die Fähigkeit zur Freiheit, ist als Mensch willkommen und beansprucht eine Statusgleichheit im Elementaren, im Recht auf Existenz, auf Teilhabe an der Rechtsgemeinschaft, auf Rechtsfähigkeit, auf soziale Zuwendung. In dieser Garantie der Menschenwürde ist eine Kulturerfahrung verdichtet, die bei der "dignitas" des römischen Rechts beginnt, in dem christlichen Gedanken der Ebenbildlichkeit Gottes ihren Anker hat - der radikalste Gleichheitssatz, den die Verfassungsgeschichte kennt, - in den humanistisch-aufklärerischen Vorstellungen des mit Verstand Begabten und deswegen zur Sittlichkeit fähigen Menschen seine konkrete Ausprägung findet und in der Gegenwart durch nützlichkeitstheoretische Erwägungen unterfangen wird, die Respekt dem anderen gegenüber erbringen, um von ihm gleichen Respekt vor der eigenen Würde erwarten zu dürfen.

Wir haben uns in diesem Grundsatzbekenntnis über die Europäische Menschenrechtskonvention hinaus entwickelt. Dort hat man sich im Bemühen um weltanschauliche Neutralität auf einen Katalog von Menschenrechten verständigt unter der Voraussetzung, "dass keiner fragt, warum". Man hat die philosophischen und religiösen Begründungen der Menschenrechte ausgeblendet. Allerdings werden Rechtsgarantien sich in einer bloßen Einigkeit im Unbegründeten, vielleicht sogar im Unbegründbaren letztlich nicht behaupten können. Wenn der erste starke Windstoß auf diese Menschenrechtskonvention niedergehen sollte, wird sie sich nur durchsetzen, wenn sie eine Idee hat, die sie letztlich als Wurzel immer wieder erneuert und speist. Für das Gelingen der Menschenrechte ist deshalb entscheidend, dass sie von einem - zur Neutralität über Philosophien, Religionen, Weltanschauungen verpflichteten - Staat garantiert werden, dass aber diese Garantie in ihrem historischen Ursprung und damit ihrem aktuellen Verstehens- und Interpretationshorizont eine religiös-philosophische Geschichte hat und in dieser Kontinuität verstanden wird.

3. Die Kulturgebundenheit der Verfassung

Die Wertgebundenheit des Verfassungsstaates in der Würdegarantie besagt, dass dieser Staat in seiner Freiheit für andere Kulturen offen ist, das Andere und Fremde sich nicht nur in unserem Staat ereignen mag, sondern als Möglichkeit der Anregung, auch der heilsamen Beunruhigung erwünscht ist, dass diese Offenheit aber nicht so weit geht, dass unsere eigenen Verfassungsprinzipien zur Disposition stünden. Der Staat ist kulturoffen, aber nicht multikulturell im Sinne einer Offenheit für einen Wettbewerb der Systeme, der andere Verfassungen in Deutschland erproben würde und den Staat nur beobachten ließe, welches dieser konkurrierenden Systeme sich im Ergebnis durchsetzt.

Diese wehrhafte Demokratie wird deutlich, wenn wir den vor ihr erwarteten Schutz in strukturellen Alternativen konkret bedenken: Menschenwürde heißt Respekt auch vor dem politischen, auch vor dem kriegerischen Gegner als Mensch - hier liegt die Wurzel der Rotkreuz-Konvention; andere Systeme definieren den politischen Gegner als Schädling, den es zu vernichten gilt. Menschenwürde sichert Gleichberechtigung von Mann und Frau; andere Systeme kennen die Verpflichtung des Dienens der Frau. Demokratie gewährt Macht auf Zeit, andere Systeme folgen dem Prinzip, dass der Bürger dem Führer ein Leben lang zu huldigen hat. Menschenwürde bietet auch im Privateigentum vergegenständlichte Freiheit; andere Systeme halten dem Menschen das private Eigentum unter dem Stichwort "Volkseigentum" vor. Menschenwürde fordert selbstbestimmte Religion, also Religionsfreiheit; andere Systeme kennen die Staatsreligion. In diesen Grundsatzfragen ist die Verfassung engagiert, beredt und wehrbereit. Hier gibt es keine Offenheit, sondern nur ein entschiedenes Bewahren dessen, was wir als unverzichtbare Grundlage unseres Gerechtigkeitsverständnisses erkannt haben.

Die Demokratie weiß, dass der Mensch Fehler macht; die Fehlerlosigkeit ist ein Anspruch, nicht immer Realität. Deswegen regelt die Verfassung eine Gewaltenteilung, regelmäßige Wahlen als Entscheidung über die Richtigkeit bisheriger Politik, eine Amtshaftung und eine Gerichtsbarkeit. Ihr Kernauftrag besteht darin, Unrecht, das sich ereignet hat, zunächst zu beenden, dann auch zu mäßigen, aufzuheben oder zu kompensieren. Rechtsstaatlichkeit im Dienst an der Gerechtigkeit meint nicht die Negation von Unrecht, verficht auch nicht die These, der Staat könne den Menschen so erziehen, dass er nur noch rechtens handelt - so beginnen alle Diktaturen, die den Menschen umerziehen wollen im Hinblick auf ein Ideal, das der Mensch nicht erfüllen kann, und ihn deshalb übermäßigen Sanktionen unterwirft; Rechtsstaatlichkeit ist Weg und Rückkehr zum Recht in einer menschlichen, also unzulänglichen Gesellschaft.

Der Weg der freiheitlichen Demokratie zur Gerechtigkeit enthält damit zunächst das Eingeständnis, dass diese Gerechtigkeit nur in Schritten erreicht werden kann, dass wir bei gehabtem Unrecht immer wieder einen Schritt zurückgeworfen werden, dass wir dann aber den nächsten Schritt nach vorne tun, vielleicht einen etwas größeren, damit wir der Gerechtigkeit immer etwas näher kommen. Insoweit haben wir eine gute Chance, in diesem Prinzip einer würdeorientierten freiheitlichen Demokratie ein beachtliches Stück Gerechtigkeit zu erreichen. Wir sollten nur niemals behaupten, wir hätten die Gerechtigkeit verwirklicht, das wäre das Eingeständnis, zum Stillstand zu kommen, nicht mehr eine Weiterentwicklung fördern zu wollen. Dann wären wir auf dem Weg ins Unrecht.

4. Diese Grundsatzüberlegungen werden sodann exemplarisch verdeutlicht für
- die Autorität des Rechts und ihre Gefährdung
- dem Schutz von Ehe und Familie
- das Steuerrecht
- dem Generationenvertrag.

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