Prof. Dr. Stefan Weinfurter

Referent

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VITA

Prof. Dr. Stefan Weinfurter, geboren 1945, Studium in München und Köln, Promotion und Habilitation in Köln, Professuren und Lehrstühle an den Universitäten Eichstätt, Mainz, München, seit 1999 an der Universität Heidelberg Lehrstuhl für "Mittelalterliche Geschichte" und Leitung des "Instituts für Fränkisch-Pfälzische Geschichte und Landeskunde"; Mitglied der "Heidelberger Akademie der Wissenschaften".

Buchveröffentlichung u.a.:
Heinrich II. Herrscher am Ende der Zeiten, Regensburg 1999 (2. Aufl. 2000).
Das Jahrhundert der Salier (1024-1125), Ostfildern 2004 (2. Aufl. 2008).
Canossa. Die Entzauberung der Welt, München 2006 (3. Aufl. 2007).
Das Reich im Mittelalter. Kleine deutsche Geschichte von 500 bis 1500, München 2008.

 

KURZFASSUNG

Canossa und seine Bedeutung werden heute in der Forschung intensiv diskutiert. Dabei steht in der Regel der "eigentliche" Canossagang im Mittelpunkt, den König Heinrich IV. im Winter 1076/1077 unternommen genommen hat, um sich vom Kirchenbann zu lösen. Diese Diskussion bleibt freilich meist an der Oberfläche. Die eigentliche Dimension der Vorgänge eröffnet sich erst, wenn man den Canossagang in den Kontext der umwälzenden Vorgänge in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts stellt. Damals suchten die Reformpäpste, die Ordnung im römisch-christlichen Europa neu zu formen und sie unter die Oberhoheit des päpstlichen Stuhles zu stellen. Die stärksten Impulse gingen von Papst Gregor VII. (1073-1085) aus, der den Anspruch erhob, nicht nur im Hinblick auf den geistlichen Bereich, sondern auch auf das Weltliche die höchste Autorität zu repräsentieren. Infolgedessen forderte er von allen Menschen absoluten Gehorsam, auch vom König oder Kaiser. Damit verbunden war die Überzeugung, dass die Entscheidungen des apostolischen Stuhles als Wahrheit zu gelten hätten und dass sie im Himmel stets gutgeheißen würden. Dabei konnte er sich als Nachfolger Petri auf dem Bischoffstuhl von Rom auf die Worte Christi berufen, der zu Petrus gesagt hat: Was du auf Erden binden wirst, wird auch im Himmel gebunden sein, was du auf Erden lösen wirst, wird auch im Himmel gelöst ein.

Die Verbreitung und Durchsetzung dieser neuen reformpäpstlichen Autorität wurde mit neuartigen Einrichtungen vorangetrieben. Dazu gehörten das neue Legatenwesen und die regelmäßigen Lateransynoden. Auch die Netzwerke der Reformmönche wurden genutzt. Das entscheidende Instrument aber war der Kirchenbann. Er wurde verhängt oder zumindest angedroht, wenn Gehorsam verweigert wurde. Nicht weniger wirksam war eine zweite Waffe, die vom Reformpapsttum eingesetzt wurde: die Unterscheidung der Menschen in gute und böse. Dieses geradezu manichäische Weltbild spielte in diesen Jahren eine fundamental wichtige Rolle und bestimmte in zunehmender Weise das Verhalten der Menschen. Auch der Adel und die Bischöfe wollten bald zu den "Guten" gehören und suchten sich den Geboten des universalen Papsttum zu unterwerfen. In dieser Situation musste Heinrich IV. sein Königtum verteidigen, das noch auf die alte Ordnung zurückging, in welcher der König als Stellvertreter des himmlischen Königs galt. Mit diesem Selbstverständnis wurde er jetzt zu einem bösen König. Nur wenn man den Gesamtrahmen solcher Veränderungen mit einbezieht, wird deutlich, welchen Stellenwert dann auch der Gang nach Canossa hatte, der für sich allein genommen solche Auswirkungen gar nicht erkennen lässt.